Der Zauberlehrling

Geschrieben von Marcus Tullius Cicero

Vorwort

Sehr verehrte Cornelia Funke, sehr geehrte Damen und Herren, schon wieder ist eine Episode fertig. Als alter Mann kann ich es halt nicht erwarten, bis Jacob und die Füchsin wieder aktiv werden können. Meine Lebenszeit ist halt leider auch begrenzt. Ich hoffe, es ist nicht zu nervig, was ich da tu. Danke für die Fortsetzung der Tintenwelt! Endlich wieder Lesestoff. Es ist furchtbar, wenn man nicht erwachsen werden kann...

Der Junge stand vor der Tür und schaute mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Die geschnitzten Figuren schienen sich zu bewegen; die vielfältigen Linie woben sich ineinander, um immer neue Bilder entstehen zu lassen. Besonders eine Gestalt erfüllte ihn mit Furcht: Ein unglaublich hässlicher Faun, krumm und verwachsen, mit einem Gesicht, welches an einen Ziegenbock mit menschlichen Zügen erinnerte. Dieser Faun hatte zwar keine Hörner, dafür aber an jeder Hand einen Finger zuviel. Warum ihm gerade diese Hände mit diesem einen Finger zuviel solches Unbehagen bereiteten, konnte er lange Zeit nicht verstehen. Eines war ihm allerdings auch sehr deutlich aufgefallen: Er hörte die Krähen nicht mehr, welche die Kinderfresserin ihm nachgeschickt hatte, als er sie überwältigte und fliehen konnte. Seit er den schmalen Weg im Wald gefunden hatte, war ihr Geschrei immer schwächer geworden und schließlich verstummt. Er wusste nicht, wie lange er vor dieser Tür gestanden hatte. Die Sonne war hinter den nahen Bergen fast untergegangen und das Licht in diesem Tal wurde schon fahl.

Mit einem Mal merkte der Junge, wie sich die Tür öffnete. Er sprang erschrocken ein paar Schritte zurück, als ein alter Mann im Türrahmen erschien. Er hatte eine Bart, der ihm bis fast an den Gürtel reichte und der sauber in drei sorgfältig geflochtenen Zöpfen endete. Sein Kopf hingegen war so kahl, als wäre dort noch nie ein Haar gewachsen.

„ Komm herein, mein Junge; die Nächte hier im Wald sind kühl. Und ich weiß, dass der Weg durch diesen Wald lang und schwierig war und du gewiss Hunger und Durst hast.“

Der Junge stand starr und schaute den alten Mann voller Angst an. Als der Alte seine Hand ausstreckte und auf in zu trat, wollte der Junge einfach nur fliehen. Es ging nicht! Panik ergriff ihn; doch was er auch versuchte – er konnte seine Beine, seine Arme, seinen ganzen Körper einfach nicht bewegen. Er wusste, dass er diesem Mann vollständig ausgeliefert war.

„Du musst keine Angst haben, mein Junge, Ich habe die Krähen gehört und weiß deshalb, vor wem du geflohen bist. Ich bin kein Kinderfresser; ich bin ein Zauberer, aber einer, der den Menschen Hilfe und nicht Gefahr und Tod bringt.“

Er sah den Jungen freundlich an und lächelte.

„Du bist verstört, du kannst dich nicht mehr bewegen, du möchtest einfach nur davonlaufen. Doch zum Davonlaufen ist jetzt keine gute Zeit. Die Kinderfresserin, der du – auf welche Weise auch immer – entkommen bist, wird dich suchen. Und ob du sie noch einmal überwältigen kannst, ist nicht gewiss.“

Der Junge wunderte sich immer mehr, als er die Worte des Alten hörte. Wodurch wusste er von seinem Kampf mit der Kinderfresserin? Wie kam er dazu, ihn vor ihr zu warnen, obwohl er sie ganz leicht überwunden hatte? Und warum – um aller Mächte Willen – bannte er ihn hier fest, sodass er nicht einmal eine Chance hatte, zu fliehen und sich zu verstecken? Der Alte setzte sich auf die Bank, welche neben der Haustür stand, mit einem Tisch, dessen Platte aus fein gehobelten und geschliffenen Erlenbrettern gefertigt war. Die Kanten hatte der Schreiner mit mystischen Zeichen versehen, deren Bedeutungen dem Jungen völlig unbekannt waren und ihm Unbehagen bereiteten.

„Komm, setz dich zu mir, wenn du schon nicht ins Haus kommen willst. Es ist Zeit fürs Abendessen und einen guten Krug Wein.“

Wie sollte der Junge dieser Aufforderung nachkommen, konnte er doch nicht einmal einen Finger rühren, geschweige denn seine Beine.

„Komm ruhig, es geht schon! Du solltest nur den Gedanken an Flucht in dir zum Schweigen bringen. Ich lasse dich nicht weg, denn ich habe keine Lust, mit meinen alten Beine in der Nacht in den Wald zu laufen um dir zu helfen. Und meine Freunde hier, die du noch kennenlernen wirst, haben andere Aufgaben. Außerdem helfen sie nicht gern denen, die sie seit undenklichen Zeiten jagen und versklaven. Hör in dich hinein!“

Die Gedanken des Jungen überschlugen sich; es wurde Nacht, und er hatte Hunger und einen unglaublichen Durst. Und ob er mit Wölfen und Bären, von denen er wusste, dass sie in diesen Wäldern lebten, so leicht fertig werden würde wie mit der Hexe, war wirklich nicht sicher. Er sammelte all seine Kraft und sagte in seinem Kopf: „Ja, ich bleibe!“. Sofort spürte er, wie die Steifheit aus seinen Gliedern verschwand und die Kraft wieder kam. Vorsichtig machte er einen Schritt zum Tisch, und er als fühlte, dass es kein Trug war, ging er und setzte sich neben den Alten.

„Bleib sitzen, mein Junge, und lauf nicht davon. Es ist Ernst mit der Gefahr, auch wenn um dieses Haus ein gewisser Schutz besteht. Und wundere dich nicht über manche Dinge, die gleich geschehen werden.“

Der Alte stand auf und ging zurück ins Haus, derweil der Junge sich umschaute und immer wieder davon überzeugte, dass seine Hände und Arme, seine Beine und Füße nicht wieder steif wurden. Doch das Überraschendste für ihn war, dass seit seinem Versprechen, zu bleiben, Gedanken ans Aufstehen und Weglaufen in seinem Kopf keinerlei Gestalt annehmen wollten, sosehr er es auch versuchte. Nach kurzem, heftigem Kampf in seinen Gedanken wurde er ruhig und wartete geduldig, welche Dinge denn da nun geschehen sollten. Und da geschahen sie auch schon.

Der Alte trug einen kleine unscheinbaren Tisch mit zerkratzter Platte – die allerdings recht sauber aussah – und schäbigen, zerstoßenen Beinen und stellte ihn neben die Bank. Als er ein paar unverständliche Worte gemurmelt hatte, erhoben sich aus der Platte ein Korb mit schwarzem und weißem Brot, Brettchen mit Käse und Schinken, ein Teller mit aufgeschnittenen Äpfeln und ein einfacher brauner Tonkrug mit zwei Bechern.

„Der Wein ist nicht stark; es ist etwas Wasser darin, damit du ihn auch trinken kannst.“

Er füllte die Becher und schob einen dem Jungen zu. Der starrte mit großen Augen das Tischchen an.

„Greif zu und iss! Das Tischchen kann noch mehr bringen.“

Es gab auch im Haus des Jungen zuweilen Wurst, Fleisch und ganz selten weißes Brot, doch nur für den Vater und die erwachsenen Brüder; die Mutter musste mit ihm bei den Gesellen, den Mägden und Knechten essen. Der Junge starrte auf das weiße Brot im Korb, doch wagte er nicht, davon zu nehmen. Es war eine Leckerei, die er schon sehr lange nicht mehr gegessen hatte. Der Alte lächelte ihn an.

„Hab keine Angst, mein Junge und nimm dir, was du magst. Niemand neidet dir das weiße Brot. Besser ist das Schwarze; doch das wirst du später noch verstehen.“

Und wie der Alte sagte: Es war immer genügend Käse und Schinken auf den Brettchen, Äpfel auf dem Teller und Brot im Korb. Auf die unausgesprochene Frage des Jungen sagte der Alte: „Nein, es ist kein Tischlein-deck-dich. Das gibt es wirklich nur einmal, und es wurde gefunden. Das hier hilft mir nur, das Essen aus der Küche hier an diesen Tisch zu bringen. Eine kleine Hilfe für einen alten Mann, der gerne in der Sonne sitzt.“

Also aßen sie gemächlich und der Junge nahm den alten Mann beim Wort und bediente sich ausgiebig. Es war für ihn ein ungewöhnlicher Festtag. Und als der Junge dachte: „Ein Glas Milch hätte ich doch lieber als den Wein“, stand der Alte auf, ging ins Haus und kam mit einem Glas köstlicher frischer Milch zurück.

„Woher wisst Ihr von der Milch?“

„Nun – du hast sie dir doch gewünscht!“

Der Junge schaute den Alten verständnislos an. „Aber ich habe es doch nicht gesagt, nur gedacht!“ stammelte er verstört.

„Weißt du, mein Junge, es ist leicht, die Gedanken der Menschen zu erfahren, wenn sie nicht die Kraft haben, diese in ihrem Geist zu verschließen. Doch auch das sollst du noch lernen.“

„Aber – Herr – warum musstet Ihr jetzt die Milch selbst holen? Kann das Tischlein das nicht auch tun?“

Der Alte meinte: „Das musste ich schon selbst tun; denn nur das, was ich in der Küche vorbereitet hatte, konnte das Tischlein hier heraus bringen. Aber denke dir nichts dabei! Es hat mir keine Mühe gemacht.“

Als sie fertig waren mit dem Essen, hob der Alte eine Hand und die Bretter, der Brotkorb, der Krug und die Becher verschwanden in der Platte des Tischchens. Der Alte nahm das Tischchen und sagte zu dem Jungen: „Bitte bring dein Milchglas mit; denn nur, das, was ich in der Küche für das Tischchen vorbereitet hatte, kann es auch wieder hinein bringen. Und habe keine Angst!“

Der Junge nahm das Glas und folgte dem Alten zögernd ins Haus. Sie kamen in einen kleinen Flur, in dem an den Haken, die an einer Wand befestigt waren, einige Jacken und zwei Mäntel hingen. Der eine Mantel war offensichtlich der Mantel des Alten. Doch daneben hing eine Mantel, der gearbeitet war, als wäre er für ein Kind oder einen sehr kleinen Erwachsenen gemacht. Als ihn der Junge neugierig ansah, sagte der Alte: „Das ist dein Mantel, den du tragen wirst, wenn du das Haus verlässt; er wird dir einen gewissen Schutz verleihen, solltest du in Gefahr geraten. Doch jetzt komm mit in die Küche; wir müssen die Reste abräumen und die Becher und dein Glas säubern.“

Der Alte stellte das Tischchen neben den Spülstein und murmelte wieder einige Worte, worauf der Brotkorb und all die Sachen, welche draußen auf dem Tischchen gestanden hatten, wieder erschienen. Als alles erledigt war, bedeutete der Alte dem Jungen, ihm zu folgen. Er ging durch eine zweite Tür in der Küche und sie kamen in einen großen Raum, der den Rest des unteren Geschosses dieses Hauses einnahm. An der einen, fensterlosen Wand war ein mächtiger Kamin eingebaut, vor dem ein ebenso mächtiger, doch anscheinend bequemer, Schaukelstuhl stand. Ein niedriger Tisch und ein weiterer Sessel vervollständigten dieses Ensemble. Der Alte setzte sich in den Schaukelstuhl und deutete mit der Hand auf den Sessel.

„Das ist dein Platz, solange du bei mir bist. Und das wird eine lange Zeit sein. Denn nach Hause kannst du nicht. Dieser Weg ist dir in den nächsten Jahren versperrt. Du würdest wieder in große Gefahren geraten, denn du bist anders als die Menschen, mit denen du in den letzten zehn Jahren gelebt hast. Und die meisten Menschen mögen die, welche anders sind als sie, nicht.“

Eine weitere Handbewegung ließ wieder einen Krug und zwei Becher auf dem Tisch erscheinen, in die der Alte einschenkte.

„Diesmal ist es kein Wein, sondern Wasser. Trink genug, denn bis zum Morgen wird es nichts mehr geben. Und morgen sollst du auch auf all die Fragen, die du hast, die Antworten bekommen, die du dir so dringend wünschst. Und jetzt lass uns schweigen!“

Der Alte schloss die Augen und schien nach einiger Zeit eingeschlafen zu sein. Der Junge erhob sich leise und schaute sich neugierig im Raum um. Es gab Dinge, die er kannte: Ein langes hohes Regal mit unzähligen Büchern; eine große Uhr in einer Ecke mit kunstvoll geschnitztem Gehäuse; einen Lehnstuhl und einen kleinen Tisch, auf dem mehrere Bücher lagen. Und ein Schreibpult, wie es sein Vater in seinem Kontor hatte, auf dem er alles schrieb, was mit dem Geschäft zu tun hatte. Sein Vater hatte eine angesehene Mechanikerwerkstatt mit mehreren Gehilfen und einem großen Haushalt. Aber er war auch gewalttätig, jähzornig und verachtete seinen
jüngsten Sohn, weil dieser einfach nichts vom Handwerk zu verstehen schien. Aus diesem Grund war der Junge auch von zu Hause weggelaufen. Er konnte die ständigen Schläge, die Verachtung auch seiner Brüder und das Leid seiner Mutter und der Schwestern nicht mehr ertragen. Doch es gab noch Anderes in dem Raum: Einen großen Spiegel mit kunstvoll verziertem Silberrahmen. Die Rosen darauf waren so fein und natürlich gearbeitet, dass man meinen konnte, deren Duft zu riechen. Nur das Glas war wellig und verzerrte sei Spiegelbild ins Groteske. Auf einem weiteren Tisch mit vielen Schnitzereien und einer Platte, in die wunderliche Muster eingelegt waren, standen ein paar Geräte, die der Junge noch nie gesehen hatte. Als er langsam darauf zuging, hörte er den Alten sagen: „Morgen! Denn jetzt kommt die Nacht; und wir sollten schlafen gehen.“ Als der Junge sich erschrocken umdrehte, stand der Alte neben dem Kamin. Er hatte nicht gehört wie dieser aufgestanden war. Nur der Schaukelstuhl wippte noch ein wenig. Der Alte forderte ihn – wieder mit einer fast unmerklichen Bewegung seiner Hand – auf, ihm zu folgen. Er ging durch eine Tür im Vorraum, die dem Jungen bisher nicht aufgefallen war, zu einer schmalen, steilen Stiege und hinauf unters Dach des Hauses, wieder in einen Vorraum, in dem drei Türen waren.

„Die rechte Tür führt in meine Kammer. Du solltest diese Tür nur im äußersten Notfall benutzen. Die linke Tür führt in deine Kammer. Sie wird dir in den nächsten Jahren als deine Schlafkammer und Studierstube dienen.“

Fragend schaute der Junge den Alten an. Immer wieder diese Worte, die ihm bedeuteten, bei dem Alten so etwas wie ein Zuhause gefunden zu haben. Doch warum sollte er bei diesem alten Mann wohnen, den er nicht kannte und der ihm schon ein wenig unheimlich war durch all diese Dinge, die bisher hier geschehen waren. Wohl fühlte er, dass dieser Mann ihn letzten Endes vor der Hexe gerettet hatte, als der Weg in den Wald ihn aufnahm.

„Morgen, mein Junge! Doch Eines präge dir ein und beachte! Durch die Tür am Ende des Ganges darfst du nie gehen, solange du bei mir bist! Niemals, hörst du? Am Anfang werde ich dafür sorgen, dass du das auch nicht kannst, selbst wenn du es willst. Aber eines Tages – “

Hier brach der Alte ab.

„Geh jetzt schlafen, mein Junge. Du findest alles, was du brauchst, in deiner Kammer. Gute Nacht!“

Damit verschwand der Alte durch seine Tür und dem Jungen blieb nichts anderes übrig, als auch in den Raum zu gehen, den der Alte ihm gewiesen hatte. Die Kammer war groß, viel größer als der Raum, in dem er mit seinen Brüdern schlafen musste. Mit einem Bett anstelle des Strohsackes, auf dem er zu hause gelegen hatte; mit einem Waschbecken und einem großen Krug warmen Wassers; mit einem weichen Handtuch und richtiger Seife! Zuhause musste er sich zu jeder Jahreszeit in der Waschküche waschen, mit kaltem Wasser und einer stinkenden Schmierseife aus Schweinefett und Holzasche. Auf einem niedrigen Schrank neben dem Bett stand ein Leuchter mit einer Kerze, die der Alte offensichtlich vorher schon angezündet hatte. Das Fenster war kunstvoll geschreinert und mit richtigen Glasscheiben versehen, nicht wie in der Kammer zuhause. Die Schweineblasen hielten wohl etwas die winterliche Kälte ab, doch zerplatzten sie oft schon nach kurzer Zeit durch einen großen Regentropfen oder einen starken Wind. Und der Vater schlug immer nur ihn, obwohl er nie auch nur in die Nähe des Fensters kam. Denn sein Platz war eh in der dunkelsten und kältesten Ecke des Zimmers. Lange betrachtete er das Fenster, bis er heraus fand, dass er an einem Griff drehen musste, um es zu öffnen. Vorsichtig lehnte er sich aus dem Fenster und sprang erschrocken zurück. In dem Licht, das die zwei Monde verbreiteten, lag ein riesiger Hund und starrte mit glühenden Augen zu ihm herauf. Der Junge brauchte einige Zeit, um diesen Schrecken zu überwinden. Als er wieder wagte, hinunter zu schauen, war der Hund verschwunden und zwei Hirsche ästen auf der Wiese zwischen dem Haus und dem angrenzenden Wald. Ein großer Hund? Zwei Hirsche, die friedlich das Gras fraßen? Wieder Fragen, die ihm nicht aus dem Kopf wollten.

„Morgen!“ hatte der Alte gesagt. Also wusch sich der Junge den Staub und den Schweiß von der Haut und wollte die Kerze löschen, um sich schlafen zu legen. Doch sosehr er auch blies – die Kerze ließ sich nicht löschen! „Nun denn – schlafe ich eben mit dem Licht!“, dachte der Junge und kuschelte sich in das weiche Bett. Doch wie wunderte er sich, als die Kerze plötzlich ausging! Sofort setzte er sich auf – und die Kerze brannte wieder. Er wiederholte das Spiel noch einige Male, bis er seine Erschöpfung und Müdigkeit wieder fühlte und auch schnell einschlief. Irgend etwas störte den Schlaf des Jungen; ein klopfendes Geräusch, das nicht in seinen Traum
hineinpasste. So sehr er sich auch wehrte, das Klopfen ließ ihn nicht in Ruhe! Er setzte sich schlaftrunken im Bett auf – und riss ungläubig seine Augen auf! Er saß nicht auf seinem Strohsack in der Ecke der Kammer zu Hause; er wurde auch nicht geweckt durch den Tritt eines seiner Brüder oder seines Vaters. Er saß in einem richtigen Bett, allein in einem Zimmer, in das durch ein richtiges Fernster die Morgensonne schien und Helligkeit verbreitete. Das Klopfen war auch kein böswilliger Einfall dieses Traumes, der ihn, wie es schien, schon die ganze Nacht verfolgte, sonder kam von der Tür dieses Zimmers.

„Ja – was ist?“ stammelte er mit verschlafener Stimme.

„Komm! Aufstehen! Es ist heller Tag, und wir wollen ihn nicht ungenutzt verstreichen lassen!“

Es war eindeutig die Stimme des alten Mannes, mit dem er am Abend so eigenartige Dinge und Wunder erlebt hatte. Nun wusste der Junge wieder, wie alles zusammenhing: Die Flucht vor der Hexe; das Haus, welches er in diesem Tal fand; das wunderbare Abendessen mit dem Alten vor dem Haus. Er stand auf, richtete sein Bett, wie er es mit seinem Schlafsack und den verschlissenen Decken zu Hause niemals hätte machen können. Er ging zum Waschbecken und wusch sich den Schlaf vom Gesicht. Diesmal war das Wasser kalt und frisch und machte ihn im Nu munter. Er trat in den schmalen Flur, fand die Treppe und stieg vorsichtig hinunter. In der Tür am Ende der Treppe lugte der alte Mann um die Ecke und strahlte ihn mit leuchtenden Augen an.

„Willkommen, mein Sohn! Wir wollen essen und dann müssen wir zusammen etwas arbeiten.“

Damit trat er in die Küche und winkte dem Jungen mit der Hand, ihm zu folgen.

„Hat mein Hund dich gestern Abend erschreckt? Er ist ein sehr guter Wächter, wie auch die beiden Hirsche, die du am Wald gesehen hast. Ich jedenfalls möchte keinen Ärger mit den Dreien haben!“

Schüchtern folgte der Junge dem Alten in die Küche. Ein wohlgedeckter Tisch mit zwei Stühlen in einer Ecke des Raumes luden zum Essen ein. Anscheinend war das Haus daraufhin eingerichtet, zwei Menschen zu beherbergen, obwohl der Junge niemanden sonst spürte. Hund und Hirsche waren wohl kaum Gäste am Tisch. Langsam verlor der Junge seine Scheu und ließ sich das Essen schmecken. Als alles aufgeräumt und sauber gemacht war, winkte der Alte ihn wieder in das große Zimmer. Diesmal brannte ein kleines Feuer im Kamin, das die morgendliche Kühle ein wenig milderte. Der Alte wies mit der Hand auf den Sessel und der Junge setzte sich vorsichtig hinein. Auf dem Tisch erschien wieder ein Krug mit Wasser und einen Becher für jeden, die der Alte füllte.

„Trink einen Schluck!“ sagte der Alte. „Das Wasser wird dir Ruhe und Aufmerksamkeit schenken für all das, was ich dir heute zu sagen habe.“ Sie tranken beide etwas von dem Wasser und der Junge war erstaunt, wie frisch es schmeckte und wie Ruhe in ihn einkehrte.

„Mein Sohn – so werde ich dich in Zukunft nennen, denn das bist du, eigentlich schon seit so viel Jahre. Ich wusste lange Zeit nicht, ob du wirklich zu mir finden würdest.“

„Aber Herr! Wie sollte das geschehen? Ich wusste doch gar nichts von Euch! Und Ihr kennt mich doch erst seit gestern!“ stotterte der Junge erschrocken.

„Bitte nenne mich ‚Vater‘, nicht ‚Herr‘ und nicht ‚Ihr‘ sondern ‚Du‘. Ich weiß seit langer Zeit, dass ein Junge geboren wurde, welcher mit Kräften begabt ist, von denen er nichts ahnte. Bis er auf der Flucht vor seinem Vater und seinen Brüdern der Kinderfresserin in die Hände fiel. Du wirst wahrscheinlich nicht darüber nachgedacht haben, warum es dir so leicht fiel, die Hexe niederschlagen zu können und wie du selbst den Krähen entkommen konntest. Jedes andere Kind wäre im Haus der Hexe gestorben. Doch du hattest Macht über sie, eine Macht, die selbst diese dunkle Kreatur fühlte und die sie im entscheidenden Augenblick lähmte. Als ich die Krähen wegen dieser Tat schreien hörte, hoffte ich, dass du den Weg zu mir findest. Ich konnte keinen starken Zauber anwenden, denn sonst wäre die Hexe zu sehr auf meine Existenz aufmerksam geworden. Aber er hat gereicht; du hast den Weg zu mir gefunden.“

Der Alte beugte sich vor, nahm den Becher und trank nachdenklich ein paar Schlucke. Er sah den Jungen an, und sein verschmitztes Lächeln bedeutete ihm, dass der Alte leicht belustigt war über den ungläubigen Blick und die Haltung des Jungen, die wie ein einziges Fragezeichen aussah.

„Mein Sohn, ich habe auf dich gewartet, all die Jahre, die du auf der Welt bist. Eigentlich habe ich schon Monate vor deiner Geburt gefühlt, dass da ein Mensch heranwächst, der Kräfte in sich hat, die auf Vollendung durch eines Meisters Lehre warten.“

Er lachte leise und nippte an seinem Wasser.

„Du wirst jetzt vielleicht fragen: ‚Meister?‘ ‚Vollendung?‘, dieser alte Mann?‘. Ich will nicht prahlen mit dem, was ich bin und kann. Doch ich bin einer der ganz wenigen Meister in der Kunst der Zauberei, die den Dunklen Mächten widerstanden haben und nicht untergegangen sind. Viele wollten immer mehr Macht; und als wir heraus fanden, wie wir unsere Macht verstärken konnten, nutzten viele meiner Art diese Möglichkeit, ohne zu bedenken, dass sie dadurch Sklaven von viel mächtigeren Geschöpfen wurden, als die jemals sein konnten. Auch ich habe von dieser Macht genascht und wäre fast umgekommen. Doch wunderbarer Weise hat mich diese Macht auch gelehrt, die Gefahren zu erkennen. Und der Weg zur Rückkehr war für mich auch noch offen.“
Dabei warf er einen dankbaren Blick auf diesen wundersamen Spiegel in der Ecke des Zimmers.

„Aber was soll ich dabei tun?“ fragte der Junge schüchtern.

„Du wirst gemeinsam mit mir deine Kräfte ergründen; du wirst lernen, mit diesen Kräften umzugehen, damit sie zum Segen und nicht zum Fluch für dich und andere werden. Und du wirst mir helfen müssen, manche Aufgaben, die mir seit einiger Zeit immer schwerer fallen, zu erfüllen. Vor allem wirst du lernen, Gefahren zu erkennen und ihnen mit deinen Möglichkeiten zu begegnen. Es werden größere Gefahren sein, mächtigere Gegner, als du dir das als Kind vorstellen kannst.“

Wieder schwieg der Alte eine lange Zeit, und sein Gesicht nahm einen wehmütigen Ausdruck an. Denn er bemerkte wohl die Angst, die den Jungen um dieser Worte Willen befiehl. Doch plötzlich sprang er auf, nahm seinen Becher und forderte den Jungen auf: „Komm, mein Sohn! Wir wollen uns draußen auf die Bank setzten. Ich meine, dass die Sonne schon dahin scheint.“

Der Junge nahm seinen Becher und folgte dem Alten. Es war ein schöner, warmer Tag, auch wenn er den Herbst schon spüren ließ. Als sie dann auf der Bank saßen, wendete sich der Alte wieder an dem Jungen zu.

„Komm, erzähl mir von dir! Habe keine Scheu und erzähl mir alles, woran du dich erinnern kannst. Vieles weiß ich, manches erahne ich, doch es gibt noch vieles, das in den Schatten liegt. Vielleicht kannst du diese auflösen.“

Und so wurde aus dem Jungen der Assistent des Großmeisters der Zauberei Seymour de Aulner. und aus ihm selbst später der Zauberer Ignatus Semmlinger. Viele Jahre gingen ins Land. Immer wieder wurde der Sommer zum Herbst, der Winter zum Frühling. Aus dem Jungen war ein Mann geworden, ein großer Meister in den Hellen Künsten der Zauberei. Und nie vergaß er die Worte, dass die Dunkle Macht ins Verderben führt. Am Anfang reiste Meister Seymour allein zu geheimen Treffen der wenigen Zauberer, die den dunklen Mächten noch widerstanden hatten. Doch mit der Zeit, und vor Allem, als Ignatus selbst zum Meister wurde, blieb er zu Hause und schrieb immer emsiger viele hundert Seiten voll, als wollte er all sein Wissen, all das, was er in seinem langen Leben erfahren und gelernt hatte, noch einmal für seinen gewesenen Schüler zusammenfassen und ihm als sein Vermächtnis zur Verfügung stellen. Auch fiel ihm der Alltag immer schwerer und eine ungewöhnliche Müdigkeit machte sich in dem alten Mann breit. Wohl gab es noch immer viele, sehr lehrreiche Gespräche; noch immer kramte Meister Seymour Wissen und Erfahrungen aus seinem Gedächtnis hervor, die durch sein Schreiben wieder lebendig geworden waren; noch immer lernte Ignatus Feinheiten der Kunst der Zauberei kennen und beherrschen. Und mit dieser Müdigkeit einher ging auch eine Veränderung seiner Gestalt, seines Wesens und seiner Ausstrahlung. Seine Stimme wurde leiser und in sein Gesicht trat ein Leuchten wie von einem warmen inneren Schein, dem Licht einer Kerze hinter feinem seidigen Papier ähnlich.

Eines Abends, als Ignatus von einer langen, gefährlichen Reise im Auftrag seines Meisters zurückkehrte – sie hatten zu Abend gegessen und saßen zusammen vor dem Kamin, jeder ein Glas Wein vor sich auf dem Tisch – begann Meister Seymour zu sprechen. Und seine Stimme hatte einen Klang und eine Festigkeit, welche Ignatus schon lange Zeit bei seinem Meister vermisst hatte.

„Mein Sohn, du bist jetzt Meister in den Künsten der Zauberei. Ich habe dich alles gelehrt, was ich zu lehren hatte.“

Ignatus schaute verstört auf ob dieser Sprache und wollte eine Frage stellen.

„Bitte unterbrich mich nicht! Du hast tausendfach bewiesen, dass du mir ebenbürtig bist; du hast Kämpfe und Gefahren bestanden, die dich an deine Grenzen brachten und du hast sie meisterhaft bestanden; du kennst alle Geheimnisse der Hellen Kunst und du hast bewiesen, dass du den Dunklen Mächten widerstehen kannst. Und du kennst das Geheimnis des silbernen Spiegels. Verwende ihn nur bei Gefahr und sehr verantwortlich!“

Der Alte schwieg eine Zeit lang; dann trank er einen kleinen Schluck von seinem Wein und sprach weiter.

„Deine Zeit bei mir ist zu Ende; ich entlasse dich aus deinem Dienst bei mir, der dich die vielen Jahre an mich gebunden hat. Deine zukünftigen Aufgaben kannst du nun getrost alleine angehen und du wirst sie lösen, so wie ich es von dir erwarte. Doch ein Geheimnis habe ich dir noch nicht verraten. Es ist ein sehr gefährliches Geheimnis, das du unter allen Umständen hüten musst!“

Noch einmal trank er einen Schluck und lehnte sich auf seinem Stuhl leicht nach vorne. Als er weiter sprach, sah er Ignatus aufmerksam an.

„Als du zu mir kamst, damals auf der Flucht vor der Kinderfresserin, hast du die Tür dieses Hauses bewundert – und du hattest Furcht vor dieser Figur in deren Mitte. Diese Furcht war wahrlich berechtigt, denn das Geheimnis hinter dieser Figur ist sehr gefährlich für jeden, der es kennt.. Du weißt um die Rückkehr der Erlelfen seit dem unsäglichen Tod der Dunklen Fee. Und du weißt, wer dafür verantwortlich ist: Der hinterhältigste, gemeinste und gefährlichste Erlelf, der den Fluch der Feen überlebte. Viele sind mit ihren Bäumen gestorben, einige hat dieser Elf in der anderen Welt getötet. Er nennt sich selbst ‚Spieler‘. Nun ist er zurück. Und es gibt nur eine Möglichkeit ihn zu besiegen. Und diese Möglichkeit verbirgt sich in dieser Tür – wenn es nicht gelingt, die Dunkle zurück zu bringen. Denn sie hat einen kleinen Teil ihrer Macht, einen kleinen Teil ihres Lebens retten können.“

Der Alte erhob sich mühsam aus seinem Stuhl und trat zum Kamin. Es war wieder Herbst geworden und ein Feuer im Kamin verbreitete Wärme in dem Zimmer. Nachdenklich sah er in die Flammen und streckte seine Hände aus, als wollte er die Wärme des Feuers in sich hinein leiten. Ignatus war aufgestanden um seinen Meister zu stützen, doch der wehrte seine Hände ab und ging langsam ein paar Schritte zu Fenster. Versonnen sah er auf die Welt da draußen, als überlege er, wie er weitersprechen sollte. Als er sich wieder Ignatus zuwandte, zum Stuhl ging und sich vorsichtig setzte, war sein Gesicht ernst und seine Stirn hatte eine steile Falte in der Mitte. Ignatus schaute ihn aufmerksam an und ahnte, dass der Alte angestrengt nachdachte, wie er etwas Wichtiges, vielleicht Gefährliches sagen sollte. Schließlich sprach er weiter.

„Es gab ein Bild von Spieler in seiner wahren Gestalt; er hat es in der anderen Welt malen lassen. Doch als er sich der Gefahr bewusst wurde, die in diesem Bild steckte, hat er es zerstört. Aber es gab eine Kopie, welche mit dem Original identisch war. Und diese Kopie, von der Spieler erfuhr, ließ sich nicht finden. Er ließ den Maler grausam foltern, und als dieser ihm nicht sagen konnte, wo diese Kopie war, tötete er ihn. Doch da war das Bild schon in Sicherheit. Denn als ich damals, vor fast zweihundert Jahren, genau wie du auf der Flucht vor einer Hexe dieses Haus und meinen Meister fand, war das Bild bereits in diese Tür gebannt. Und nur Eine kann das Bild aus seiner Verbannung lösen: „Die die Wachs zum Atmen bringt“! Ich sehe noch nicht ganz klar, ob das nötig werden wird; doch diese Möglichkeit bleibt.“

Wieder schwieg der Alte. Ignatus vermutete nach einer Weile, dass der Alte eingeschlafen sei. Er stand leise auf, trat ans Fenster und sah den Hirschen zu, wie sie am Waldrand ästen. Doch nicht nur ihn beunruhigten diese Worte; auch die beiden Tiere sahen immer wieder aufmerksam zum Haus, als witterten sie eine nicht zu greifende Gefahr. Da begann der Alte wieder zu sprechen.

„Setz dich, mein Sohn; wir wollen zum Ende kommen.“

Als sich Ignatus niedergelassen hatte, fuhr er fort.

„Du wirst in nächster Zeit mit zwei Menschen zusammentreffen, die eine sehr gefährliche Aufgabe zu lösen haben. Und du wirst ihnen dabei helfen! Das klingt wie ein Befehl, doch es ist mein sehnlichster Wunsch , dass du ihnen beistehst. Und sie dürfen nicht versagen, denn sonst wird es Krieg geben, einen Krieg, wie ihn diese Welt noch nicht erlebt hat. Der Mann ist aus der anderen Welt durch einen ebensolchen Spiegel gekommen, wie du ihn dort in der Ecke stehen siehst. Seine Gefährtin hat ein ähnliches Schicksal wie deines. Auch sie ist vor der Gewalt in ihrer Familie geflohen – und sie ist eine Gestaltwandlerin. “

Wieder unterbrach er sich, nahm eine Schluck Wein und bewegte sich ein Wenig, sodass der Stuhl leicht in Schaukeln geriet. Die Zeit verging, der Tag war vorüber und die Kerzen auf den Leuchtern begannen zu brennen. Ignatus meinte schon, sein Meister wäre wieder eingeschlafen. Doch dann sprach der Alte weiter, und seine Stimme wurde nun ein wenig leiser und wie Ignatus meinte, mit einem wehmütigen Klang.

„Dieses Haus war deine Heimat, seit du vor deinem Vater und deinen Brüdern geflohen bist. Und es wird deine Heimat bleiben, denn du bist immer willkommen. Außerdem kennst du die Zauber, die dieses Haus beschützen.“

Hier musste der Alte lächeln, als er an die Angst des Jungen vor dem Hund in den ersten Tagen hier im Haus dachte.

„Ja, es hat etwas gedauert, bis ihr gut Freund geworden seid, mein Hund und die beiden Hirsche. Auch sie werden dir erhalten bleiben; denn sie sind ebenso im Zauber dieses Hauses wie wir beide. Wenn du Lust hast, so lies meine Aufzeichnungen. Sie liegen in deinem Zimmer; und du solltest sie wohl verwahren, wenn du eine Reise tust. Es ist, so sollte ich wohl sage, mein Vermächtnis und Testament. – Du sollst mich nicht unterbrechen!“

Ignatus war aus seinem Sessel aufgesprungen und schaute den Alten ungehalten an.

„Setz dich,mein Sohn, und unterbrich mich nicht wieder! Wir haben böse Zeiten vor uns und es sind mächtige Gegner erschienen, die besser aus unserer Welt weggeblieben wäre. Doch es besteht Hoffnung! Hilf diesen beiden Menschen mit all der Macht, die du hast. Du hast eine gute Freundin in der Nähe von Schwanstein,  dem Ort, in dessen Wäldern du einst einer Kinderfresserin das Handwerk gelegt hast. Du wirst sie aufsuchen müssen, denn ich sehe, dass sie dich brauchen wird. Und sie wird dich wohl auch zu diesen Beiden führen. Und nun lass mich bitte allein und geh schlafen. Wenn es noch Wichtiges zu bereden gibt, so werden wir morgen weitermachen. Denn auch ich bin müde.“

Ignatus nahm seinen Becher, beugte sich zu dem Alten und küsste ihn auf die Stirn wie an jedem Abend. Doch heute war etwas anders; und das fühlte er, und es erfüllte ihn mit tiefer Wehmut.

„Ich wünsche dir eine gute Nacht – Vater!“

Es war das erste Mal, dass er zu seinem Meister „Vater“ sagte, obwohl der Alte ihn immer „Mein Sohn“ genannt hatte. Etwas war anders an diesem Abend. Und als er am anderen Morgen das große Zimmer betrat, wusste er auch, was das am Abend vorher bedeutet hatte. Schon am Morgen vermisste er das Klopfen an seiner Kammertür, ein Ritual, welches der Alte all die Jahre eingehalten hatte, denn er wachte stets als Erster auf. Er bemerkte, dass sein Meister im Sessel saß und meinte, er hätte darin geschlafen. Denn es kam hin und wider vor, dass er noch etwas lesen wollte oder schreiben. Als er jedoch um den Sessel herum ging und seinen Meister vorsichtig an der Schulter berührte, wusste er den tiefen Sinn ihres Gespräches am vergangenen Abend. Sein Meister war tot.

Er begrub ihn neben dem Grab des Meisters seines Meisters, holte eine großen Stein und legte ihn auf den Hügel des Grabes. Der Hund und die Hirsche standen am Rande des Waldes und schienen ebenso zu trauern wie er. Doch der Großmeister der Zauberei Ignatus Semmlinger kannte seine Aufgabe. Und auch die Tür am Ende des Ganges unterm Dach öffnete sich jetzt für ihn.

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