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Annika Pietruck

Verfangen

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Auf einmal schwankt alles um ihn herum. Das sonst so ruhige, schwere Gewässer der Tiefsee beginnt zu zittern, als ob etwas das Wasser beunruhigt. Er blickt um sich, doch kann nichts entdecken. Nur Schwärze, wie immer, und ein paar wackelnde Lichter von anderen Fischen neben ihm. Als Gespensterfisch lebt er ganz unten in der Tiefsee, wie der Ozean unterhalb von 1000 Metern bezeichnet wird. Das erklärt auch, warum ihn noch kein einziger Lichtstrahl gestreift hat.

Plötzlich spürt er, wie ihn etwas Gewaltiges nach oben drückt, als ob ein riesiger Fischschwarm alle Tiefseebewohner in dieser Gegend an die Oberfläche stoßen will. Der Druck von unten wird stärker und schiebt ihn immer höher. Verzweifelt versucht er, gegen die Kraft anzuschwimmen, aber er kann nichts dagegen tun! Auf einmal wird es heller. Seine sonst so praktischen Augen, mit denen er durch seinen durchsichtigen Kopf nach über ihm schwimmender Beute schauen kann, helfen ihm jetzt überhaupt nicht! Nur noch schemenhaft kann er erkennen, was um ihn herum passiert, seine Flossen fühlen sich wie pappige Lappen an. Dann durchstößt er den Meeresspiegel. In dem Moment, als er der Luft begegnet und zum ersten Mal einen Sonnenstrahl spürt, denkt er: „So muss Fliegen sich anfühlen! Bin ich jetzt vielleicht ein fliegender Fisch?“ Wenige Sekunden später umspült ihn das Wasser und er kann wieder atmen. Schnell gleitet er weiter in die Tiefe. Aber zum Ausruhen bleibt ihm keine Zeit. Denn plötzlich kommt ein monströser Schwarm auf ihn zu, wie eine riesige, bunt-verwaschene Lawine aus allen möglichen Formen und Farben. „So was habe ich ja noch nie gesehen, was das wohl ist?“, fragt er sich und schwimmt darauf zu.


San Francisco Chronicle

19. April 2019

Überraschender Besuch aus der Tiefsee

Das Projekt Ocean Cleanup zur Säuberung des weltweit größten Müllstrudels, dem Great Pacific Garbage Patch zwischen Kalifornien und Hawaii, ist jetzt auf den Tag genau seit einem halben Jahr auf dem Pazifik unterwegs. Anlässlich dieses Jubiläums durfte unsere Redakteurin Evelyn Connor für ein paar Stunden mit an Bord eines der Müllfängerschiffe gehen, um mit dem 24-jährigen Gründer des Projekts, Boyan Slat, zu sprechen. Doch das Treffen verlief anders als geplant.

"Boyan Slat und ich trafen uns zur Mittagspause. Den Vormittag hatten er und sein Team damit verbracht, ihr Schiff mit Müll zu beladen, der von der 600 Meter langen, U-förmig im Meer schwimmenden Barriere aufgefangen worden war, damit man ihn später an Land recyceln kann. Doch dann schlug ein Mitarbeiter Alarm. Völlig aufgebracht berichtete er, dass ein seltsames Meerestier, das aussähe wie ein Gespensterfisch aus der Tiefsee, mit eingesammelt worden sei. Das Wesen habe sich allerdings in einer Dose verfangen und es sei schwer, ihn hinauszubekommen. Wahrscheinlich habe sich das Meerestier in dem riesigen, auf dem Ozean treibenden Müllstrudel verirrt.

Schnell liefen wir gemeinsam zur Auffangstation des Schiffes. Um den Mitarbeiter mit dem Fisch in der Dose hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon eine große Menschenmenge versammelt. Uns allen stellte sich nur eine Frage: Wenn es wirklich ein in der Tiefsee lebender Gespensterfisch war, wie war er dann so weit nach oben an die Oberfläche gekommen? Einer der Meeresbiologen meinte, dass es vor einigen Tagen eine gewaltige Tsunamiwelle an der Küste von Hawaii gegeben hatte, die vielleicht auch Fische aus 1000 Metern hochgespült haben könnte.

Schnell war klar, dass der Fisch sofort wieder zurück in die Tiefe musste, also versuchten alle hektisch, den Meeresbewohner zu befreien. Gemeinsam schafften sie es die Dose zu öffnen. Zum Vorschein kam ein Fisch mit einem durchsichtigen Kopf, durch den die Augen zu sehen waren: ein Gespensterfisch!

Die Gruppe bildete eine Schleuse, der Mitarbeiter rannte zum Schiffsheck und lies den Fisch wieder zurück ins Wasser fallen. Alle atmeten erleichtert auf und wussten gleichzeitig, was ihre nächste Aufgabe sein würde: Das System zu verbessern, damit sich so etwas nicht wiederholt!"


Als der Gespensterfisch dem gigantischen Schwarm näher kommt, bemerkt er, dass dieser sich merkwürdigerweise nicht in eine bestimmte Richtung bewegt. Er schwebt eigentlich nur im Wasser und wird von den Wellen geleitet. Das macht den Gespensterfisch noch neugieriger und er schwimmt weiter hinein, bis er von seltsamen Wesen umgeben ist. Ein paar sehen aus wie Quallen, andere wie Kalmare, nur viel kleiner und ohne Tentakel. Weiter vorne meint er, schwimmendes Seeplankton zu entdecken und bemerkt plötzlich, wie hungrig er ist. Schnell steuert er darauf zu und schnappt danach. Doch kaum hat er etwas davon im Mund, spuckt er es auch wieder aus. „Das war auf jeden Fall kein Seeplankton, so viel ist sicher!“, denkt sich der Gespensterfisch. „Es hat ganz anders geschmeckt und war hart und kratzig.“ Zum Glück hat er es nicht heruntergeschluckt, wer weiß was das war.

Aus dem Dämmerlicht taucht plötzlich etwas auf, das wie ein silberglänzender, länglich-runder Fisch aussieht. Er stupst ihn an und versucht, Kontakt aufzunehmen. Aber der Fisch reagiert nicht. „Und wenn das gar kein Fisch ist?“, fragt sich der Gespensterfisch und umkreist das Ding. Nach einer Weile entdeckt er eine kleine Öffnung und schwimmt hinein. Innen ist es eng, etwas Besonderes fällt ihm auch nicht auf. Also versucht er, wieder nach draußen zu kommen. Aber es geht nicht. Hilflos paddelt er mit seinen Flossen, doch er hat sich verfangen!

Auf einmal prallt er gegen irgendetwas, jemand hebt ihn hoch und zieht und zerrt an ihm. Er spürt, wie er aus dem komischen Ding rausgeholt wird. Dann wird er losgelassen und das gleiche Gefühl, wie vorhin, als er mit der Welle hochgeschleudert wurde, breitet sich in ihm aus: Er fliegt. Aber zum Glück ist schon nach kurzer Zeit wieder in seiner Welt, dem Wasser. Hastig schwimmt der Gespensterfisch zurück in die Tiefe. So etwas will er nicht noch einmal erleben!

Kommentar

Gwin am 12. Dezember 2018

Schöne Geschichte und ich finde den Zeitungsartikel cool.