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Skyfire

Talméara - Der dunkle Einfluss

Kapitel 1: Teure Geschenke

„Das war nicht fair!“, protestierte Lacios, als er vom
matschigen Waldboden aufstand. „Was? Was war nicht fair?“, erkundigte sich Telvor mit einem Schmunzeln im Gesicht.
„Das weißt du genau!“, antwortete Lacios verärgert,
„Der Luftstoß!“ „Ach das!“ Telvor konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen und prustete los. Als er sich wieder gefangen hatte tadelte er: „Im echten Kampf fragt dich niemand ob Magie erlaubt ist.“ Als Antwort gab Lacios nur ein Brummen von sich. Dann nahmen beide erneut die Kampfposition ein. Links stand der 20-jährige Telvor. Er hatte pechschwarzes, kurzes Haar, schräg stehende smaragdgrüne Augen, ein schmales Gesicht und war von durchtrainierter Statur. Lacios, der rechts stand, hatte dunkelblondes, kurzes Haar, weniger schräg stehende, azurblaue Augen, ebenso ein weniger schmales Gesicht aber war hingegen von stark durchtrainierter Statur. Obwohl Lacios erst 17 war, war er einer der stärksten Elfen in ihrem Heimatdorf Oérthan.

Beide umkreisten einander und warteten auf ein Zeichen der Unaufmerksamkeit des anderen. Lacios zuckte kaum bemerkbar mit der Wimper und machte Telvor einen blitzschnellen Satz nach vorn. In übermenschlicher Geschwindigkeit hatte er die fünf Meter, die sie voneinander trennten überwunden und ließ sein Schwert mit unfassbarer Kraft auf Lacios hinabschnellen.
Doch Lacios parierte den Hieb und konterte mit einer schnellen Drehung um die eigene Achse. Darauf folgte eine Glanzparade von Telvor, der ebenfalls schnell konterte.

Auf diesem Niveau kämpften sie ununterbrochen weiter, bis Telvor zu einem besonders starken Hieb ausholte und Lacios diesen ebenso mit einem besonders starken Hieb parierte.
Ein markerschütternder Knall ertönte, den jeder im Umkreis von fünf Kilometern gehört haben musste. Telvor und Lacios waren einige Sekunden vom Schrecken wie gelähmt, bevor sie begriffen was los war. Sie hatten durch die Wucht ihrer beiden Hiebe ihre Schwerter zerstört.

„Verdammt!“, fluchte Telvor, „Vater wird uns umbringen!“
„Wir müssen es ihm ja nicht erzählen.“, meinte Lacios.
„Vergiss es! Der findet es sowieso irgendwann heraus. Stellen wir uns der Strafe.“ „Eben hast du doch noch gesagt er werde uns umbringen.“ „Da hatte ich auch noch nicht nachgedacht.
Glaube mir es ist das Beste.“ „Na dann. Wenn du meinst.“
Auf dem Heimweg machte Lacios dauernd Vorschläge, wie sie den Unfall ungeschehen machen könnten. Einer riskanter als der andere. Doch Telvor hielt daran fest, dass eine Strafe unumgänglich sei.

Bald kam Oérthan in Sicht, ein riesiger Baum auf dessen Ästen mit dem Baum verwachsene Hütten standen. Der Baum war eine Kiefer, sah von der Wuchsform her aber eher wie eine Eiche aus. Bei diesem Anblick würde ein jeder sich bewusst werden, dass so etwas nur mit Magie entstehen kann. Am Baum angekommen, stiegen sie die ebenfalls im Baum verwachsenen Stufe fast bis zur Baumkrone hinauf. Je näher sie ihrem Heim kamen desto mulmiger wurde ihnen zu Mute. Sie klopften an und ihr Vater, Kateth, ein Elf mit mittellangem, silbrigem Haar und einem klugen Blick öffnete  die Tür.
„Ach ihr seid es, ich habe mich schon gefragt wann ihr endlich kommt!“, sagte er und winkte sie hinein. Ihre Mutter, Adél, eine wunderschöne Elfe mit schulterlangem, schwarzem Haar und Diamantblauen Augen bereitete gerade das Abendessen zu.

Da es schon dunkel war, wurde das zweistöckige „Baumhaus“ von magischen Lampen erhellt.
Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, ein Raum mit vielen Vorratsschränken, in denen sich, bis auf einige Gewürze, nur Obst und Gemüse befanden, was auf die vegetarische Ernährung aller Elfen zurückzuführen war und das Wohnzimmer, in dem ein reichlich verziertes Sofa und ein niedriger Tisch mit ebenso niedrigen Stühlen standen. Im Obergeschoss befanden sich das Schlafzimmer der Eltern und das Zimmer von Telvor und das von Lacios.

„Vater…“, Telvor zögerte, „Wir hatten eine Art Unfall…“
„Und?“, hakte Kateth nach. „Naja – die Schwerter – die sind dabei zerbrochen.“, Telvor schaute bedrückt zu Boden und Lacios trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Es war, wie gesagt ein Unfall.“, fügte er kleinlaut hinzu.
„Das ist…“, Kateth zog das Urteil in die Länge, „Das ist gut.
Sogar sehr gut.“ Telvor stammelte: „Aber, aber die – Schwerter…“
„Die Schwerter sind zerstört, ich weiß.“, ergänzte Kateth.
„Doch das hat bewiesen das ihr soweit seid.“
„Soweit wofür?“, fragte Lacios neugierig geworden.
„Das werde ich euch morgen erzählen.“, beschloss Kateth,
„Wir essen jetzt!“ Nachdem sie gegessen hatten, gingen Telvor und Lacios hinauf in ihre Zimmer.

In Telvors Zimmer standen ein Bett, ein Kleiderschrank, eine Truhe, für besonders wichtige Sachen und ein Schreibtisch, auf dem etliche Zauberbücher lagen. In Lacios Zimmer standen ebenfalls ein Bett, ein Kleiderschrank, eine Truhe aber anstatt einem Schreibtisch hatte er noch eine Übungspuppe und  einen Waffenhalter. Voller Erwartungen an den nächsten Tag, legten sie sich schlafen. Lacios schlief noch tief und fest, als Kateth hineinkam und ihn wachrüttelte. Telvor hingegen brütete schon über seinen Zauberbüchern.

Nach dem Frühstück sagte Kateth: „Gestern habe ich gesagt ihr seid soweit. Nun sage ich euch wofür. Da ihr eure Schwerter zerbrochen habt, benötigt ihr richtige Schwerter!“
„Du meinst solche, aus der Kiefernschmiede?“, fragte Lacios höchst interessiert. „Genau!“, bestätigte Kateth. „Und ich habe es mir nicht nehmen lassen, gleich noch zwei Bögen mit dazugehörigem Köcher und jeweils sechzig feinsten Pfeilen dazu zu kaufen.“, fügte er feierlich hinzu. Dann ging er in die Küche und kam mit zwei eleganten Anderthalbhändern, zwei Bögen und zwei Köchern mit jeweils sechzig Pfeilen zurück. Die Schwerter hatten einen schwarzen Griff in dem ein funkelnder Smaragd eingelassen war. Ihre Klingen schimmerten grünlich, wurden zur Schneide hin allerdings silberfarben. Da die Schwerter zweischneidig waren ergab dies ein symmetrisches Muster. Die Bögen hatten ebenfalls einen schwarzen Griff, in dem ein Smaragd eingelassen war und schimmerten ebenfalls grünlich, bis auf den silberfarbenen Rand. Die Pfeile und die Köcher waren auch im gleichen Stil gefertigt: Innen grünlich, nach außen hin silberfarben. Jedes einzelne dieser Dinge war zweifellos ein Ergebnis der Kiefernschmiede.
Sie sind mit magischem Einfluss gefertigt worden und können daher nur schwer zerstört werden.

Telvor traute seinen Augen nicht: „Ich fasse es nicht! Du hast tatsächlich das teuerste gekauft!“
„Das teuerste und beste!“, fügte Kateth stolz hinzu, „Und jetzt probiert sie aus. Na los!“
Telvor und Lacios nahmen breit grinsend ihre Geschenke vom Tisch und gingen hinaus.

Kapitel 2: Neue Rekruten

Draußen dämmerte es noch, denn Elfen und besonders Waldelfen wie sie, pflegten es, früh aufzustehen.
„Fertig?“, fragte Tèlvor. „Fertig.“, bestätigte Lacios. „Na dann, los!“ Beide sprangen sie von einem gewaltigen Ast des riesigen Dorfbaumes. Im Flug führte Lacios allerlei akrobatische Kunststücke, wie Saltos und Schrauben auf, während Tèlvor hochkonzentriert Richtung Boden starrte. Kurz bevor sie aufkamen murmelte Tèlvor ein kurzes Wort und sie kamen eine Grashalmlänge vor dem Boden ruckartig zum Stillstand.

„Ihr macht das noch so lange, bis etwas schief geht und ihr euch sämtliche Knochen brecht!“, meinte Caranthia, eine junge Elfe von 17 Jahren mit langem, kastanienbraunem Haar, dunkelgrünen Augen und einer anmutigen Statur. Sie war Lacios  Freundin seit dieser 15 war und kam gerade des Weges. „Und wie lange wäre das?“, scherzte Lacios. „Ich hatte schon immer alles im Griff.“, pflichtete Tèlvor Caranthia bei. Lacios begrüßte Caranthia mit einem Kuss auf die Wange. „Wo soll es denn hingehen?“, wollte Tèlvor von Caranthia wissen. „Zum Schießplatz, wohin den sonst?“ „Dann gehen wir doch gemeinsam.“, beschloss Lacios.

Jedes noch so kleine Dorf in Bàldréava, ihrem Waldbedeckten Heimatland, besaß einen Schießplatz, denn Waldelfen liebten das Bogenschießen und waren auch äußerst talentiert darin.
Allgemein hatten Waldelfen neben einem schmalen Gesicht, schräg stehenden Augen und spitzen Ohren auch wesentliche Vorteile gegenüber Menschen: Sie konnten sich viel flinker und obendrein vollkommen lautlos bewegen, was sie zu hervorragenden Kriegern machte. Am Schießplatz angekommen, nahmen die drei ihre Bögen zur Hand und fingen an, aus immer größer werdenden Distanzen, auf die Zielscheiben zu schießen.

Auf dem großen Platz standen, neben 6 hölzernen Zielscheiben, auch noch 4 Übungspuppen für den Schwertkampf. Dank ihrem geschärften Sehsinn, was ein weiterer Vorteil von Waldelfen gegenüber Menschen war, trafen sie selbst aus 100 Metern problemlos die Zielscheibe. Caranthia schaffte dies sogar aus über 120 Metern, da sie besonders talentiert im Umgang mit Pfeil und Bogen war. Als sie alle Pfeile abgeschossen hatten, gingen sie zu den Zielscheiben und zogen sie, einen nach dem anderen heraus. Es stellte sich heraus, dass Caranthia deutlich besser als Tèlvor und Lacios getroffen hatte.

„Kommen wir nun zu meiner Disziplin.“, sagte Lacios und deutete lächelnd zu den Übungspuppen. „Ich möchte einen richtigen Kampf, ohne Schonung!“, forderte Caranthia. „Wenn du meinst.“, sprachen Tèlvor und Lacios synchron.
Darauf nahmen alle die drei Abstand zueinander und bildeten ein großes Dreieck inmitten des Platzes. Eine unangenehme Ruhe entstand, als sie sich gegenseitig genau studierten.

Diesmal war es Lacios, der zuerst angriff. Er trat Staub vom Boden in Tèlvors Richtung und entwaffnete Caranthia mit einem gemeinen Täuschungsmanöver. Tèlvor, der nun wieder beisammen war, griff Lacios von hinten an. Dieser wich jedoch aus und hielt Tèlvor seine Klinge an die Kehle. „Du hattest Glück!“, meinte Tèlvor, „Und jetzt einen echten Kampf!“ Sie nahmen nun wieder Abstand zueinander und starrten konzentriert geradeaus. Tèlvor sagte eine Reihe von Wörtern auf.

Eine kräftige Druckwelle entstand und raste mit enormer Geschwindigkeit auf Lacios und Caranthia zu. Lacios wurde von ihr weggestoßen, während Caranthia sie mit einem Gegenzauber abwehrte und begann auf Tèlvor zu zu rennen. Dieser brüllte jedoch ein machterfülltes Wort, worauf Caranthia urplötzlich festgehalten wurde und sich nicht mehr bewegen konnte. Lacios rannte beherrschungslos auf Tèlvor zu, der mit dem Finger auf Lacios Schwert deutete, worauf dieses ihm augenblicklich aus der Hand flog. Der Kampf war vorbei, doch schien es Tèlvor nicht gut zu gehen. Er fiel schwer atmend auf die Knie. „Magie verzehrt enorm viel Kraft, wenn man sie wirkt.“, antwortete Tèlvor auf die besorgten Fragen Caranthias. Lacios war nicht sonderlich überrascht, weil er durch Tèlvor viel über Magie erfahren hatte.

„Beeindruckend, äußerst beeindruckend!“, eine fremde, gebieterische und leicht arrogante Stimme war zu hören,
„Ich bin Zéphâr und ich muss zugeben, dass meine Augen die letzten 20 Minuten nur auf euch gerichtet waren.“ Die drei waren so erstaunt, dass sie kein Wort heraus brachten. Dieser groß gewachsene Elf vor ihnen war Zéphâr, Anführer der begabtesten Eliteeinheit von ganz Bàldréava, und er sprach mit ihnen. „Namen?“, fragte Zéphâr, „Na los, eure Namen!“
Caranthia traute sich als Erste zu sprechen: „Ich bin Caranthia aus Oérthàn.“ „Und ich bin Tèlvor aus Oérthàn.“ „Und ich bin Lacios aus…“ „Oérthàn, ich weiß. Was würdet ihr sonst in dieser Gegend machen?“, Zéphâr grinste, „Nun. – Ich bin hier, weil ich ein paar junge, aufgeweckte, kluge und vor allem fähige Leute in meiner Einheit wissen will. Und ihr kommt da infrage.“
Alle drei überlegten fieberhaft, ob sie zustimmen sollten. Die Bàldréavische Armee war die schnellste und die präziseste Armee von ganz Talméara und ihre Eliteeinheiten bestanden aus den allerbesten Soldaten. Außerdem konnte jeder Waldelf, egal ob Mann oder Frau schon mit 16 Jahren, obwohl man erst mit 23 Jahren volljährig war, der Armee beitreten.

„Ich weiß, dass ihr es wollt, also lasst uns keine Zeit verschwenden und fragt eure Eltern!“
Die drei nickten nur und rannten dann schon in Richtung Oérthàn. Tèlvor und Lacios hetzten die Stufen zur Baumkrone herauf und verabschiedeten sich kurz von Caranthia. Adél machte ihnen auf. „Warum seid ihr denn schon so früh da?“, fragte sie. Darauf erzählten sie ihr aufgeregt alles, was sich zugetragen hatte. „Tatsächlich? Dann soll es wohl so sein.“, Adél schaute sie besorgt an, „Ich habe auch neues zu berichten. Euer Vater hat kurz nachdem ihr hinausgegangen seid einen Brief erhalten und musste unverzüglich nach Naèl. Bàldréava sammelt offenbar sein ganzes Heer.“ Ihr Vater war Soldat, aber hatte ihnen immer gesagt sie sollten nie Soldaten werden. Sie hatten nie verstanden warum. „Dann werde ich wohl  demnächst oft alleine sein, aber wie der Vater so sind nun mal auch die Söhne. Ich habe es mir immer schon gedacht.“

Der Abschied verlief schnell, um es nicht noch trauriger zu machen. Dennoch traten Tèlvor und Lacios ihrem „neuen“ Leben mit Zuversicht entgegen.

Kapitel 3: Ein langer Marsch

Als sie aus dem Haus traten und ihre prall gefüllten Gepäckbündel schulterten, winkte Zéphâr, der vor dem gewaltigen Dorfbaum stand und schon einen kleinen Trupp von vier jungen Elfen um sich geschart hatte, sie zu sich. Als sie die lange Wendeltreppe hinab gestiegen waren, erkannten Tèlvor und Lacios, dass sich Caranthia schon unter ihnen befand. „Damit sind wir vollständig.“, Verkündete Zéphâr während er zwei Namen auf seiner Liste abhakte, „ Nun können wir nach Naél aufbrechen.“

Er legte ein strammes Tempo an den Tag und lief mit der gesamten Gruppe den Weg entlang in den Wald. Nach fünf Stunden andauerndem Fußmarsch bogen sie vom Weg in einen schmalen Trampelpfad ab. Diesem folgten sie eine weitere Stunde. Es dämmerte schon, als eine kleine Lichtung in Sicht kam, die vom rauschenden Zirpen und Sirren etlicher Insekten erfüllt war.
In der Mitte war ein Lager aufgeschlagen. Dieses wurde von 17 weiteren Rekruten bewohnt.
Sie hatten ein Lagerfeuer entfacht, um das kreisförmig mehrere Schlafsäcke angeordnet waren. Zéphâr machte halt und verkündete, dass sie hier übernachten werden. Als sie ihre wolligen Schlafsäcke zurechtgemacht hatten, legten sie sich Schlafen, da sie für den nächsten Tag gut ausgeruht sein mussten.

Tèlvor konnte es immer noch nicht fassen: Eben waren sie noch ganz normale Elfen aus Oérthàn und jetzt, keinen ganzen Tag später, waren sie Soldaten in der fähigsten Eliteeinheit Bàldréavas. Außerdem waren sie auf dem Weg nach Naél, der prächtigen Hauptstadt Bàldréavas und eine der größten Städte in ganz Talméara.

Während Tèlvor den orangeroten Abendhimmel betrachtete, überlegte er sich, warum Bàldréava wohl seine Truppen sammelte. Stand etwa ein Krieg bevor? Oder wurde Bàldréava angegriffen? Er dachte ausgiebig über diese Fragen nach und allmählich überwältigte ihn der Schlaf.

„Hey! Aufwachen!“, rief Lacios während er Tèlvor wachrüttelte. Tèlvor richtete sich auf und blinzelte benommen. „Normalerweise bin ich der Langschläfer.“, sprach Lacios sichtlich amüsiert. Nachdem die Truppe ihre Sachen zusammengepackt hatte rief Zéphâr: „Auf, auf! Wir haben noch ein gutes Stück vor uns.“ Sie liefen wieder in einem zügigen Tempo, jedoch nicht in Reih und Glied, denn dies taten Waldelfen so gut wie nie. Wenn sie es doch taten, pflegten sie es, in lockerer Formation zu laufen.

Die Stunden krochen träge dahin, während die Sonne immer höher stieg und die Mittagshitze, selbst im schattigen Wald unerträglich wurde. Alle stöhnten erleichtert auf, als Zéphâr das Kommando für eine kleine Mittagspause gab. Das Essen bestand nur aus rohem Obst und Gemüse, aber es schmeckte ihnen trotzdem. Nach dem Essen legten sie sich kurz auf den weichen Waldboden und warteten, bis die Sonne wieder etwas gesunken war und die Temperatur erträglich wurde. Es war dieses Jahr ein heißer Frühling in Bàldréava und für Waldelfen war der Frühling die Jahreszeit der Veränderung, da der Wald in dieser Jahreszeit erblühte.

Télvors Lieblingszeit war jedoch der Winter, denn die hohen Bäume in Báldrèava sahen, wenn sie mit Schnee und Eis bedeckt waren, wundervoll aus. Außerdem, liebte er es von ihrem Heimatsbaum über den schier endlosen verschneiten Wald zu blicken, Télvor fühlte sich, wenn er dies tat, als würde er über den schneeweißen Wolken, die die Grenze zwischen Himmel und Erde bildeten schweben. Bald wurde es dunkel und sie suchten nach einem geeigneten Schlafplatz. Am nächsten Morgen standen sie, zum Ärgernis einiger Langschläfer, sehr früh auf, weil Zèphâr unbedingt noch an diesem Tag in Naèl sein wollte.

Viele Elfen aus ihrer Truppe hatten überhaupt keine Lust mehr weiterzulaufen, doch auf Tèlvor, Lacios, Caranthia und noch einige jüngere Kandidaten in der Truppe traf dies nicht zu. Sie liefen munter weiter, bis Naél in Sicht kam. Es war eine Ansammlung mehrer Baume, die ebenso aussahen wie ihr Heimatbaum Oérthàn. Sie waren durch riesige Brücken miteinander verbunden und an ihren Ästen hingen magische Laternen, die die Stadt in einen geisterhaften goldenen Schimmer hüllten. Im Zentrum der gewaltigen Baumstadt thronte ein aberriesiger Baum, der alle anderen Bäume deutlich überragte und dessen Rinde großflächig mit grüngoldenen Flechten bedeckt war. Dies war die edle Residenz der Königsfamilie.

Obwohl es schon später Abend war, herrschte in der Stadt  geschäftiges Treiben. Da Naél einen der exotischsten Märkte in ganz Talméara besaß, liefen nicht nur Elfen, sondern auch Zwerge, Menschen und sogar ein paar der merkwürdig gekleideten Sudländer umher.  Sie hatten sich noch gar nicht satt gesehen, da mussten sie auch schon weiter zur Kaserne, ein ebenfalls sehr großer Baum, der sich direkt neben der riesigen Residenz befand. Die Unterkünfte waren rangsortiert: Die Ranghöchsten befanden sich oben, die rangniederen Standartsoldaten quartierten weiter unten. So mussten sie ziemlich weit nach oben gehen. Oben angekommen, gingen sie in ihr Quartier, ein langes Haus, das sich über einen der gewaltigen Äste erstreckte. Drinnen bekam jeder ein Bett mit einer Truhe am Fußende zugeteilt. Kaum hatten sie sich ihre Betten zurechtgemacht und ihr Gepäck verstaut, legten sie sich, aufgrund der langen Reise, die hinter ihnen lag, sofort schlafen.

Kapitel 4: Von Waffen und Rüstungen

Am nächsten Morgen standen sie etwas später auf. Jedoch blieb einer von ihnen trotzig liegen. Dieser hatte es wohl nicht vertragen, vom sorgenlosen Alltagsleben, das die meisten Waldelfen genossen, ins harte Soldatenleben hineinkatapultiert zu werden. Dieser musste sofort seine Sachen packen und die Heimreise antreten. „Solche können wir bei uns überhaupt nicht brauchen.“, hatte Zéphâr gesagt, als der Langschläfer davonschlurfte. Während dem kargen Frühstück sagte keiner von ihnen ein Wort. Warum auch. Es gab schließlich nichts zu bereden. Nach dem Frühstück verkündigte Zéphâr: „Heute werden wir die Anfertigung eurer Ausrüstung in Auftrag geben. Folgt mir!“

In heiterer Aufregung folgten sie Zéphâr, bis sie zu einem großen, jedoch ausgehöhlten und kahlen Baum kamen. Sie traten hinein. Obwohl der Eingang groß und luftdurchlässig war, war der Raum, den sie betraten wohlig warm. Innen erwartete sie ein breitschultriger Elf mit einer Glatze, was für einen Elfen eine äußerst ungewöhnliche Frisur war. Zéphâr stellte ihn vor: „Das ist Vaedras, unser hoch geschätzter Waffenmeister. Ein gefragter Experte im Umgang mit Waffen und Rüstungen. Was dieses Thema angeht, ist er unser bester Mann.“ „Nehmt Platz!“, sprach Vaedras mit einer ruhigen und wohlwollenden Stimme, die im Kontrast zu seiner eher boshaften Erscheinung stand. Dies war ein perfektes Beispiel dafür, dass das äußere Erscheinungsbild eines Elfen, im Gegensatz von dem eines Menschen, überhaupt nichts über seinen wirklichen Charakter aussagte.

Als alle Anwesenden auf den Stühlen, die an der runden Raumwand standen, Platz genommen hatten, erklärte Vaedras: „Ich werde nun einen nach dem anderen von euch aufrufen. Derjenige, der aufgerufen wird, kommt hinauf in mein Arbeitszimmer.“ Er deutete zu einer schmalen Treppe, die Tèlvor bisher gar nicht aufgefallen war. „Du!“, Vaedras sprach einen etwas schmächtigen Rekruten an, „Du kannst gleich mit hoch kommen.“
Nach 2 Minuten wurde der Nächste aufgerufen. Dann dauerte es nicht lange und Caranthia wurde aufgerufen. Aufgeregt ging sie die Treppe hinauf in Vaedras' Arbeitszimmer. Im Raum stand ein großer Schreibtisch an dem sich Vaedras anlehnte. Gegenüber befand sich ein Bücherregal, das sich perfekt der runden Form der Raumwand anpasste. In ihm befanden sich Bücher mit Titeln wie  „Welche Streitaxt passt zu mir“ oder „Das Kampfverhalten der Orks“. „Du bist ein Bogenschütze, dein Blick verrät es mir.“ „ Ähm, ja.“, stammelte Caranthia völlig überrascht. Vaedras notierte sich etwas auf ein abgegriffenes Blatt Pergament. „Besitzt du schon eine Waffe aus der Kiefernschmiede?“ „Nein.“, war Caranthias knappe Antwort. Vaedras notierte sich wieder etwas. „Dann muss ich dich jetzt nur noch vermessen.“

Auf Caranthia folgten zwei weitere und dann war Lacios an der Reihe. „Du bist doch bestimmt ein Schwertkämpfer, nicht?“ Lacios brachte vor Überraschung kein Wort heraus, denn er hatte gerade erst den Raum betreten. „ Ach, sogar etwas aus der Kiefernschmiede!“, Vaedras deutete auf Lacios` Schwert, dass in der Scheide an Lacios' schlichtem Gürtel hing. „Ich habe auch noch einen Bogen in der Kaserne liegen.“, berichtete Lacios. „Den Bogen wirst du nicht brauchen, denn wir teilen euch in verschiedene Klassen auf. Schwertkämpfer, Bogenschütze und Magier. Und du bist doch ein Schwertkämpfer, richtig?“ „Ja, sicher.“ „Gut.“, Vaedras schaute kurz auf das Blatt Pergament, das er in den Händen hielt, „Dann muss ich dich jetzt nur noch kurz vermessen.“

Bald darauf wurde Tèlvor aufgerufen. „Bei dir bin ich mir jetzt nicht so sicher.“, Vaedras rätselte, „Vielleicht Bogenschütze? Nein, bestimmt nicht. Noch ein Schwertkämpfer? Nein. Ein Magier also! Das ist gut, denn von euch haben wir nicht so viele.“ Tèlvor schaute Vaedras erwartungsvoll an. „Du kannst dich freuen, denn du bekommst eine der teuren Schuppenrüstungen. Aber was ich dich jetzt noch fragen muss: Was für eine Waffe willst du als Magier führen, denn ganz ohne Waffe in die Schlacht ziehen können nur hochelfische Magier.“ „Ich nehme mein Schwert!“, antwortete Tèlvor sofort. „Kiefernschmiede?“ „Ja. Genau wie mein Bruder.“ „Lacios meinst du. Ich glaube der bringt es noch zu was ganz großem. Er hat großen Ehrgeiz.“„Ja, so ist er. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann macht er das auch.“ „So. Jetzt vermesse ich dich nur noch und dann sind wir fertig.“


Kurz nachdem dann der Letzte dran war, saßen sie wieder alle im unteren Raum. Dieser wurde nun vom aufgeregten Tuscheln der Rekruten erfüllt. Sie unterhielten sich hauptsächlich darüber, ob sie nun Bogenschütze, Schwertkämpfer oder Magier werden sollten.
„Vaedras wird euch nun erklären, wie man eine Rüstung sinnvoll einsetzt.“, verkündete Zéphâr, „Hört besser gut zu!“ Vaedras fing an zu erzählen: „Bevor man mit den Arm- oder Beinschienen anfängt muss man den Hauptteil der Rüstung, das Kettenhemd, anziehen. Man streift es über, wie man eben ein normales Hemd überstreift.“ Vaedras erklärte den jungen Soldaten nicht nur, wie man eine Rüstung richtig und schnell anlegt, sondern auch, wie man sich in ihr bewegen konnte ohne sich zu verhaken und sich so wohlmöglich zu verletzen. Er erzählte ihnen auch, dass die leichten Rüstungen der Waldelfen sich perfekt an den Körper anschmiegten und man so kaum merkt, dass man überhaupt eine Rüstung trägt. Er erzählte weiter und weiter und schweifte immer mehr vom eigentlichen Thema ab. Bald erklärte Vaedras ihnen die Machart von Zwergenrüstungen und sogar wie man einen orkischen Dreschflegel richtig benutzte.
Alle Anwesenden hingen wie gebannt an seinen Lippen.

Kapitel 5: Alltag der Elite

Tèlvor wurde wach, er öffnete jedoch nicht die Augen, da er sich so besser auf seine anderen Sinne konzentrieren konnte. Er roch den frischen und kräftigen morgendlichen Waldduft und er hörte wie der Wald wach wurde. Ein Specht begann an seinem unfertigen Nest zu hämmern, ein Rotkehlchen zwitscherte vergnügt vor sich hin und die Bäume rauschten im lieblichen Wind. Mit dem Wald, wurden auch die Waldelfen wach. Die einen sprangen schon in den Baumwipfeln umher, während andere gerade erst ihre Baumhäuser verließen.

Tèlvor wollte am liebsten ewig so liegen bleiben und dem regen Treiben im Wald zuhören, doch dann kam Zéphâr in den Schlafsaal gestürmt, holte tief Luft und brüllte: „Aufstehen ihr Schwarzfinken!“ (Der Ausdruck richtete sich nach einer morgenmuffligen Vogelart, die in Baldréava heimisch war.) Tèlvor sprang sofort auf, denn er war ja sowieso schon wach.
Sie mussten sich nicht anziehen, denn Waldelfen schliefen für gewöhnlich in ihrer leichten, meist grünfarbenen Kleidung, die sie tagsüber anhatten und nur selten waschen mussten, da Waldelfen kaum schwitzten.

Als sich alle im großen Aufenthaltsraum eingefunden hatten, verkündete Zéphâr: „Nachdem ihr gestern Vaedras' Erzählungen aus seinem Fachgebiet zugehört habt, beginnt heute für euch das harte und gnadenlose Soldatenleben. Esst nicht so viel, denn mit vollem Bauch lässt sich schlecht trainieren.“ Der Platz,  auf dem sie trainierten, war gewaltig groß, jedoch nicht weit von der Kaserne entfernt. Es trainierten zurzeit auch etliche andere Soldaten aus Baldréavas Heer.

„Schleichen“, erklärte Zéphâr, „ist die wichtigste unserer Kampfpraktiken, denn in dieser Disziplin kann unsere Art einen ihrer angeborenen Vorteile nutzen. Wir kämpfen für gewöhnlich nicht auf offenem Feld, sondern eliminieren unsere Gegner schnell, sauber und vor allem lautlos. Nun seht gut zu. Besonders die Schwertkämpfer!“ Zéphâr begab sich zu einem hüfthohem Fels, hinter dem eine zerfledderte Übungspuppe stand und duckte sich so, dass der Fels der Puppe, wenn diese sehen hätte können, die Sicht auf Zéphâr versperrte. Urplötzlich schwang er sich mit dem Rücken über den Fels herum, zog sein schlankes Schwert und ließ es in derselben, dynamischen Bewegung und mit Knochenbrechender Gewalt auf die Puppe hinabsausen.

Als Zéphâr anschließend Bescheid gab, dass sie das nun üben werden, bemerkte Tèlvor ein breites Grinsen in Lacios' Gesicht. Während die anderen übten nahm Zéphâr ihn und die anderen Magier unter ihnen heraus und sagte ihnen, dass sie von nun an von einem hochelfischem Magier unterrichtet werden, da er selbst in der Magie nicht sehr bewandert sei. Also warteten sie, bis ein großer Elf mit wissendem Blick und langem silberblondem Haar, das ihm bis zur Brust hinunterreichte, auf sie zukam. Es war ohne Zweifel ein Hochelf aus Adréava, der großen Insel südlich von Baldréava. Hochelfen waren überaus talentiert im Umgang mit der Magie.

„Mein Name lautet Gildvin.“, seine erhabene Stimme erfüllte den gesamten Platz um sie herum mit ihrem wohligen und dennoch ernsten Klang, „Und ihr seid wie mir scheint die junge Magiertruppe. Dürfte ich wissen mit wem ich es hier zu tun habe?“ Sofort antwortete Tèlvor mit seinem Namen.   Dann folgten Delvin, Ilvéa, Myrriènne und Woéardan. Gildvin musterte sie, einen nach dem anderen: „Gut. Lasst uns anfangen!“ Die jungen Magier stellten sich schnell in einer Reihe auf. Gildvin lief  vor ihnen auf und ab: „Die Grundlagen kennt ihr hoffentlich schon.“ Sie nickten „Dann können wir ja gleich zum praktischen kommen.“, Gildvin blieb stehen, „Ich werde einmal versuchen, euch einen etwas komplizierten aber äußerst effektiven und praktischen Zauber zu lehren. In Adréava beherrscht ihn jeder Magier, der einer Lehre unterzogen wurde. Bei Waldelfen, wie ihr es seid, wird es etwas schwieriger, aber immerhin einfacher, als ihn einem Menschen oder gar einem Zwerg beizubringen. Nun denn haltet etwas Abstand zueinander!“

Alle gingen einen großen Schritt auseinander. „Bei diesem Zauber geht es darum, sich Platz zu machen, wenn man zum Beispiel umzingelt ist. Man muss im Prinzip nur seine Wut auf magische Weise nach außen leiten. Dies tut man, indem sie entweder gedanklich umsetzt oder hinausbrüllt. Letzteres ist zwar etwas einfacher, doch ist es etwas unpräzise, wenn man den Zauber in eine bestimmte Richtung lenken will. Also versuchen wir am besten die gedankliche Methode.“ Tèlvor konzentrierte sich und ordnete seine Gedanken. „Seid ihr bereit?“, erkundigte sich Gildvin. Tèlvor nickte nur kurz um die Konzentration nicht zu verlieren. „Dann legt los!“
Tèlvor ließ alle Wut, die er in seinen Gedanken fand ausbrechen. Eine rötlich durchleuchtete Druckwelle brach um ihn herum aus, verursachte einen heftigen Windstoß und ein gewaltiges Donnern.

Als der Lärm verebbte und Tèlvors Gehör allmählich zurückkehrte, hörte er Gildvin applaudieren: „Ausgezeichnet! So etwas erlebe ich selbst bei meinen Schülern in Adréava nur selten. Trotzdem. Übe lieber noch etwas weiter, denn Übung macht ja bekanntlich den Meister!“ Den restlichen Tag übten sie nicht nur diesen einen Zauber, sondern wiederholten auch grundlegende, einfachere Zauber. Das körperliche Training kam auch nicht zu kurz, denn es war ebenso nötig für die Magie, wie für das Kämpfen mit herkömmlichen Waffen.

Als Tèlvor, nun wieder mit Lacios, Caranthia und dem Rest der Truppe, in die Kaserne zurückkehrte, war er völlig erschöpft. Dennoch tauschten sie sich noch über das Erlebte aus: „Sag Tèlvor, wer ist dieser Gildvin?“, erkundigte sich Caranthia. „Ein Magier aus Adréava und dem Anschein nach sogar ein ziemlich talentierter.“ „Und der trainiert euch!“, stutzte Lacios. „Für uns nur das Beste.“, scherzte Tèlvor und unterdrückte dabei ein ausgiebiges Gähnen. „Ist unser Supermagier denn schon müde?“, fragte Lacios belustigt. Lacios' Frage außer Acht lassend sprach Tèlvor: „Macht was ihr wollt. Ich gehe schlafen.“ Tèlvor legte sich ohne ein weiteres Wort schlafen. Lacios und Caranthia plauderten noch eine Weile, aber gingen auch bald darauf ins Bett.

So ähnlich wie dieser Tag verliefen auch viele der darauf folgenden. Sie trainierten und trainierten. Tèlvor merkte mit jeder vergangenen Woche wie er stärker und ausdauernder wurde.
Mit komplizierteren Zaubern konnte er nach wenigen Monaten äußerst gut umgehen. Ab und zu trainierte er auch bei Zéphâr und den anderen, um seinen Umgang mit dem Schwert zu verbessern. Nach etwa einem halben Jahr gewann er Delvin als Freund. Delvin hatte grauschwarzes Haar und war nicht ganz so durchtrainiert wie Tèlvor oder Lacios. Tèlvor gefiel seine ruhige Art, die er nur von wenigen sonst kannte.

Bald kam der Tag an dem sie ihre sehnlichst erwarteten Rüstungen erhielten. Ungeduldig warteten sie vor Naéls riesiger Waffenkammer. Tèlvor bekam etliches an Waffen zu Gesicht. Lange, krummgeformte Dolche, dutzende Bögen, die mit aufwendigen Schnitzereien verziert waren und Schwerter in allen nur erdenklichen Variationen. Bald darauf händigte Vaedras jedem von ihnen ein Maßgeschmiedetes Rüstungsset aus und fragte, welche Waffen sie noch zusätzlich erhalten wollten. Lacios erhielt auf Wunsch sechs Wurfmesser und einen Dolch. Caranthia wurde, abgesehen von einem Bogen, mit einem säbelartigen Kurzschwert ausgestattet. Tèlvor verzichtete auf zusätzliche Waffen, denn er hatte ja sein Schwert und seinen Bogen. Alle Waffen und obendrein die Rüstungen stimmten im Farbstil mit  den Geschenken Tèlvors Vaters überein.

Lacios' Rüstung bestand aus einem silberfarbenen Plattharnisch, auf dem, die detailliert eingearbeiteten Proportionen der Brust- und Bauchmuskulatur deutlich zu erkennen waren. Dazu kamen schlanke Arm- und Beinschienen, die ebenfalls silberfarben waren, jedoch grünlich schimmerten. Der schnittige Helm ließ das Gesicht bis auf die Stirn und die Wangen vollkommen frei. Er war silberfarben und besaß einen kleinen, schlichten und silberschwarzen Federschmuck. Das Gesamtbild der Rüstung wirkte anmutig und etwas heroisch. Caranthias Rüstung sah in etwa gleich aus, nur war sie ihren weiblichen Konturen angepasst.

Tèlvors Rüstung hingegen sah völlig anders aus. Sie bestand aus einem grünlich schimmernden Gewand, das aus kleinen, schuppenförmigen Metallplättchen gefertigt war und Tèlvor bis zu den Knien reichte. Der Helm und die Arm- und Beinschienen sahen allerdings genauso aus wie die von Lacios und Caranthia, nur hatte der Helm einen grünschwarzen Federschmuck. Zu der Rüstung trug Tèlvor noch einen dunkelgrünen und einfachen Umhang auf dem das elfische Emblem der Magie zu sehen war: ein Kreis durchzogen von einem vereinfacht dargestellten Blitz.

Wie Vaedras gesagt hatte, wurden sie durch das Tragen dieser leichten, waldelfischen Rüstungen keineswegs unbeweglicher als sonst, was ihnen laut Zéphâr einen erheblichen Vorteil im Kampf gegen Gegner mit schwerer Rüstung bescherte. Seit diesem Tag übernahmen jeweils zwei Bogenschützen drei Schwertkämpfer und ein Magier schichtweise die Wache vor dem Palast der Königsfamilie. So ging es immerfort. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat.

Kapitel 6: Erster Schachzug

Etwa zur gleichen Zeit, es war früher Morgen in Dan-Laan, der westlichsten Stadt der Baldanwüste. Die ersten Bauern begaben sich, in ihre tuchartigen Gewänder gehüllt, zu ihren kleinen Dattelplantagen oder zu ihren wenigen, ausgemergelten Ziegen, um dort ihre Arbeit zu verrichten.

Dan-Laan war bis vor wenigen Jahren eine gut betuchte Stadt, was auf den äußerst erfolgreichen Handel mit erstklassigem Lehm zurückzuführen war. Zu Anfang des sechsten Jahrhunderts wurde ihre blühende Wirtschaft nach und nach von Orks in die Knie gezwungen, wodurch Dan-Laan seinen alten Reichtum und Glanz verlor. Reich ist jetzt nur noch der Lanvaara Dan-Laans, (Lanvaara bedeutet soviel wie Stadthüter und meint den Bürgermeister einer Stadt) der sich einen beträchtlichen Teil der hohen Steuern seiner Untertanen zum Privatbesitz macht.

Gegen nächtliche Angriffe durch kleinere Orkhorden sind die Wüstenbewohner gut gewappnet.

Doch diesmal kamen die Orks am Tag.

Die Bauern, die gewohnt ihrer Arbeit nachgingen, erwischte es zuerst. Sie wurden von den Angreifern überrannt. Einem wurde der Hals aufgeschlitzt, dem anderen ein gepanzertes Knie in die Rippen gerammt. Im vorbeirennen ließen die brutalen Orks ihre krummen Schwerter wie Sensen durch die Körper der wehrlosen Bauern fahren.

Die wenigen Soldaten der Stadt bezogen erst Stellung auf der niedrigen Lehmmauer der Stadt, als es schon zu spät war.

Die Orks rannten durch die engen Straßen Dan-Laans und schlachteten jeden ab, der sich ihnen in den Weg stellte.

Ob Mann, Frau oder Kind, sie machten vor niemandem Halt.

Etliche wurden aus ihren Lehmhäusern herausgezerrt und mit brutaler Gewalt zerhackt. Die Stadt war vom Weinen etlicher Kinder und vom verzweifelten Schreien ihrer Mütter erfüllt.

Bald säumten flächendeckende Blutlachen die Straßen.

Aus einem Angriff wurde ein Gemetzel das nie zu enden schien. Als die Angreifer nahezu jeden Einwohner der äußeren Stadtbezirke und den Großteil des Soldatenaufgebots der Stadt vernichtet hatten, begaben sie sich raubend und brandschatzend ins Zentrum Dan-Laans, wo ein großes, mit Mosaiken verziertes Gebäude stand. Dies war der Palast des Lanvaaras. Vor dem Palast bezog nun das gesamte, restliche Soldatenaufgebot der Stadt eine letzte Verteidigungsstellung. Etwa einhundert Mann standen da. Sie waren in purpurrote Tücher gehüllt und trugen makellose Säbel die in der heißen Wüstensonne schimmerten.

Die Orks standen in einem Halbkreis um sie herum und waren klar in der Überzahl.

Ein besonders großer Ork trat auf einmal aus der Formation hervor. Aus seinen übergroßen Muskeln traten pochende Adern hervor und seine Haut wies selbst für einen Ork eine merkwürdig violette Farbe auf. Seine Augen fielen besonders auf, denn sie waren vollkommen weiß, als hätte man sie durch zwei große, weiße Murmeln ersetzt.

„Da stehen die nun mutigen Recken Dan-Laans!“, sprach er mit absichtlich schlecht gespielter Ehrfurcht und einer grollenden, heiseren Stimme, die sich unbeschreiblich grässlich anhörte. „Aber seid ihr auch mutig genug um gegen MICH anzutreten!“, das Wort „mich“ betonte er so stark und so grässlich, dass einige Soldaten schreckhaft zusammenzuckten. „Du!“, er deutete auf einen strammen Soldaten aus Dan-Laans Reihen. Der Soldat blieb jedoch anstatt davonzurennen stehen und ließ sich nichts anmerken. Offenbar verärgert darüber, dass der Soldat ihn nicht fürchtete und nicht lauthals schreiend davonlief, ließ der Ork seine schartige Streitaxt fallen, rannte auf den Soldaten zu und rammte diesem seinen massigen Körper in den Bauch.

Der Soldat wurde fünf ganze Meter nach hinten geschleudert und kam mit dem unfehlbaren Geräusch brechender Knochen auf. Er war sofort tot. Ein hämisches Lachen brach aus dem übergroßen Ork heraus und die anderen Orks auf dem Platz schlossen sich diesem augenblicklich an. Kaum legte sich das grauenvolle Gelächter sprach der Übergroße: „Macht sie nieder!“ Die Angreifer stürmten mit furchtbar lautem Gebrüll auf die nun wütenden Soldaten zu. Immer wieder hörte man ein laut gebrülltes „Vârdrr kachraerm!“ aus dem Getöse des Gemetzels heraus. („vârdrr kachraerm“ ist orkisch und bedeutet in etwa „verreckt elendig“) Wenig später war der Vorhof des Palastes aus Lehm blutgetränkt und der Geruch verwesender Leichen lag in der Luft. Die meisten Orks hatten sich nun vom Palast entfernt, um weiter zu brandschatzen und zu morden. Nur ein kleiner Trupp, darunter auch der übergroße Ork, hatte das Tor zum Palast eingerannt und suchte den Lanvaar. Vereinzelte Soldaten, die noch übrig waren wurden mühelos von ihnen niedergemacht.

„Wo versteckst du dich! Komm heraus du kleines Würmchen!“ Und bald hatten sie ihn. Sie fanden ihn in einem etwas kleineren Raum, wo er mit einigen Frauen, offenbar sein Harem, herumspielte. „Bingo. Macht alle bis auf den Lanvaar kalt!“ Der beleibte Lanvaar tat, als seine Bediensteten abgeschlachtet wurden, nichts, als mit weit aufgerissenen Augen in der Gegend herumzustarren und hysterisch herumzufuchteln. Der Übergroße sprach ihn herablassend an:

„Du! Du kommst mit. Also sei einmal ganz brav, denn wir wollen Konflikte gerne vermeiden.“ Nun sprach er zu seinem Gefolge: „So wir gehen nach Hause! Verlassen wir diese elende Wüste!“ Und dann zogen die Orks langsam und vereinzelt ab. Manche blieben noch eine Weile zurück, um noch das ein oder andere Häuschen abzufackeln.

Die erste Schlacht war geschlagen worden. Für die Bewohner Dan-Laans war sie vernichtend.

Kapitel 7: Der erste Auftrag

Während der verbrachten Zeit in Naél sind Tèlvor schon allerlei Gerüchte zu Ohren gekommen. Aus dem Gespräch zweier älterer Soldaten hatte er erfahren, dass bis vor wenigen Tagen eine Horde Orks am nördlichen Fahlfluss ihr Unwesen getrieben hatte. Das diese bereits vernichtet worden war beruhigte Tèlvor nur wenig, denn er fragte sich, wie solche Widerlinge aus den Ödländern so nah an ihre Heimat gelangt seien konnten.

In den letzten Wochen war die Truppe der er angehörte auf wenige über vierzig Leute geschrumpft. Die Tatsache, dass nun neben ihm nur noch zwei weitere Magier, nämlich Delvin und Ilvéa dabei waren, verlieh ihm eine noch größere Stellung im Trupp als ohnehin schon, denn nun teilte er sich mit Delvin und Ilvéa Aufgaben, die normalerweise sechs oder mehr Magiern zugeschrieben wurden.

Tèlvor war für die Unterstützung der Bogenschützen zuständig, während Delvin und Ilvéa den Trupp heilen und vor Geschossen schützen sollten. Baldréavas Magier kämpften für gewöhnlich nicht direkt an der Front, da ihre Zauberkraft anders als bei den Hochelfen nicht für kontinuierliche Angriffe ausreichte.

Tèlvors Aufgabe bestand im Grunde darin, zu verhindern, dass die Bogenschützen entdeckt werden und nach Bedarf ihre Pfeile mit Zaubern zu belegen. Außerdem sollte er den Feind nach Möglichkeit mit Explosionszaubern zerstreuen und ihm mit lähmenden Zaubern dass vorankommen zu erschweren.

Falls Zéphâr je getötet werden sollte, wird Tèlvor das Kommando über den gesamten Trupp zuteil.

Lacios und Caranthia, Tèlvors nach wie vor beste Freunde, bekleideten eher unwichtigere Positionen auf dem Schlachtfeld, gehörten jedoch, genauso wie Tèlvor, zu den fähigsten Leuten im Trupp.

Gestern hatte die Elitetruppe ihren ersten Auftrag bekommen. Zéphâr hatte ihnen berichtet, dass sie schon morgen aufbrechen werden. Sie gehen erst nach Draamgaal, einer Zwergenstadt im Norden ihres Heimatwaldes und werden dort von einer kleinen, etwa 20 Mann starken Zwergenkompanie nach Zgal-Glatern, einer verlassenen Bergbaustadt am westlichen Rand der schwarzen Berge geleitet.

Dort angekommen sollen sie Orks, die durch längst vergessene Minengänge ins Zwergenland gelangt sind, den Nachschub abschneiden. Auf die Frage, warum die Zwerge das nicht selbst in die Hand nehmen antwortete er:

„Weil sie bereits mit etlichen Orks, die schon vorgedrungen sind, beschäftigt werden. Außerdem hat die Königin bereits ein 300 Mann starkes Heer ausgesendet um den Zwergen in ihrer jetzigen Lage zu helfen. Was uns betrifft sind wir einzig und allein mit den Minen von Zgal-Glatern beschäftigt.“

Nach seiner Ankündigung war Zéphâr aufgestanden und hatte schweigend ihren Versammlungsraum verlassen.

Heute war der Tag der Abreise gekommen. Der gesamte Trupp war gerade dabei, den Proviant zu verstauen.

„Nur ein Jahr“, protestierte Tèlvor „Nur ein einziges Jahr Training und schon ein Auftrag von solcher Priorität.

Will die Königsfamilie etwa, dass wir allesamt draufgehen?“

„Was regst du dich denn so auf?“, wollte Lacios von ihm wissen, „Wir gehören nun mal zu den fähigsten Leuten unseres Landes und es ist doch gut, dass unsere Fähigkeiten endlich einmal sinnvoll eingesetzt werden!“ „Nun ja, es ist nur…“ Doch Lacios unterbrach ihn augenblicklich: „Gib es doch zu, du…“

Nun mischte sich auch Caranthia in das Streitgespräch ein:

„Hört auf zu streiten. Es war Zéphâr, der persönlich dafür gesorgt hat, dass wir diesen Auftrag bekommen und er wird ja wohl wissen, was wir bewältigen können und was nicht.“

„Ach…“, Tèlvor war erstaunt, dass ausgerechnet Zéphâr, von dem er dachte, er zweifelte an ihren Fähigkeiten, dahinter steckte und sagte darauf nichts mehr.

Kurz vor der Abreise sprach Zéphâr in todernstem Ton: „Ich gebe euch nun die letzte Möglichkeit zu gehen.

Wenn wir später unterwegs sind, wird ein Verlassen des Trupps sofort als desertieren geahndet.

Wenn ihr jedoch jetzt geht, wird jediglich eure Ausrüstung zurückgenommen.“ Tèlvor schaute misstrauisch in die Runde, als erwarte er, dass irgendjemandem nun doch der Mut versagte. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte Zéphâr:

„Gut, Lasst uns aufbrechen.“ Sofort setzte sich der gesamte Trupp in Bewegung und marschierte, wie immer ohne feste Formation, in Richtung Draamgaal.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, wie gefährlich es um das hochgeschätzte Zwergenreich stand.

Kapitel 8: Unerwartete Gesellschaft

Es war ihre zweite Nacht nach dem Aufbruch aus Naél. Der noch unerfahrene Elitetrupp rastete in den Wipfeln mehrerer hoher Kiefern, weil der laubbedeckte Waldboden noch vom gestrigen Regen durchnässt war. Tèlvor ließ, ohne sich großartig konzentrieren zu müssen, eine kleine blau leuchtende Lichtkugel um seine Hand kreisen, während Lacios sich an einem Ast auf- und abschwang und dabei kraftaufwendige Kunststücke vorführte.                                           „Dagegen kommst du nicht an!“, prahlte Delvin und schickte mit ein paar, in seine Hand geflüsterten Wörtern, eine gelb schimmernde Imitation eines Grünfinks zu Tèlvor, die dessen kleine Lichtkugel verschlang. Darauf beschwörte Tèlvor eine braun glühende Imitation einer Dunkelastspinne (eine ungefähr 40cm große, giftige Spinne, die in den Elfenwäldern heimisch ist), die sich in einem großen Satz auf die Grünfinkimitation von Delvin stürzte und diese in drei großen Happen verschlang. „Jetzt weißt du, warum ich unbedingt eine Dunkelastspinne anschauen wollte, während ihr euch nur Vögel eingeprägt habt.“
„Schön sieht sie jedoch nicht aus!“, scherzte Delvin.
„Interessant wird es, wenn ich damit auch nicht infernalische Kreaturen angreifen kann.“
„Dies vermag fast niemand zu bewerkstelligen. Und wenn überhaupt dann nur ein Hochelf.“
„Es heißt, dass Waldelfen in Tierbeschwörungen sowie Tarnungszaubernden den Hochelfen überlegen sind. Noch nie davon gehört?“, fragte Tèlvor mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Doch, doch.“, antwortete Delvin, der sich ärgerte, Tèlvor recht geben zu müssen.
„Seht, was bewegt sich dort in der Ferne?“, Caranthia, die sich am obersten Wipfel einer hohen Kiefer eingerichtet hatte, versuchte auf sich aufmerksam zu machen.
„Wenn mich meine Nase nicht täuscht, dann sind das Orks.“, brüllte Lacios voller Vorfreude über eine herannahende Schlacht.
„Ruhe! Sie scheinen noch nicht zu wissen, dass wir hier oben sind.“, flüsterte Zéphâr hektisch.

„Sie trampeln lauter als Zackenspechte sägen können!“, meinte Ilvéa (Der Zackenspecht ein Vogel, der einem Specht sehr nahe kommt, jedoch an seinem Schnabel scharfe Chitinzacken besitzt mit denen er dünnere Äste für den Nestbau absägt)
„Sie schänden diesen Wald allein indem sie hier durchmarschieren!“, bestätigte Lacios, der bereits nach einem Platz suchte, von dem man einen Absprung auf den kühlen Waldboden wagen könnte.
„Wartet ihr Würmer!!!“, brüllte ein großer Ork, der der Kommandant des Trupps zu sein schien, „Hier ist irgendetwas.“
„Vielleicht sind es Elflinge.“, meinte ein anderer, etwas kleinerer Ork.
„Lass uns sie suchen!“, mischte sich ein dritter Ork ein.
Zéphâr, der nun nicht mehr länger warten konnte, gab den Befehl zum Angriff: „Auf, erschießt jeden von ihnen und zeigt keine Gnade!“
Tèlvor sprang sofort auf und überlegte, was er tun sollte. Dann fiel ihm etwas ein.
„Delvin, Ilvéa!“ Die beiden Magier schauten sofort zu Tèlvor. „Zusammen können wir versuchen, den gesamten Baum in einen Tarnzauber zu hüllen.“ Ein Nicken der beiden bestätigte ihm, dass sie die Idee guthießen. Tèlvor begann, immer dieselben Beschwörungen ruhig und gleichmäßig vor sich her zu flüstern. Inzwischen prasselten etliche Pfeile extrem schnell und treffsicher auf die überraschten Orks nieder. Doch die Orks hatten bald verstanden was passierte und brachten ihre Bogenschützen in Stellung. Lacios hatte ein paar weitere Schwertkämpfer um sich geschart und machte sich an den Abstieg.
„Wir müssen sie daran hindern den Baum zu fällen!“, hatte er davor gesagt.
„Nun. Dies müsste davon sie abhalten uns zu treffen.“, schrie Delvin triumphierend, während er den gewölbten Magieschild betrachtete, der lediglich das Bild einer harmlosen Baumkrone auf die Gegner reflektierte und sie somit vor ihren Augen verbarg. Ein Erstaunen ging durch die Reihen der Orks, denen Magie zumeist gänzlich unbekannt war.
„Schießt weiter auf den Baum!“, befahl der Orkkommandant in gebieterischem Tonfall.
Nun mischte sich wieder der kleinere Ork ein: „Aber die Elflinge, sie sind verschwunden!“
„Wir können sie nur nicht sehen Hohlschädel!“, brüllte der Kommandant, während er dem Kleineren einen heftigen Stoß in die Seite verpasste, „Das ist nur einer ihrer lausigen Zaubertricks mit denen sie versuchen Leute wie dich zu verwirren. Schießt weiter!“
Während die Orks nun weiter auf die Baumkrone schossen und dabei meistens ihre Ziele verfehlten, begannen die Schwertkämpfer, darunter auch einige Cadriélkämpfer, sich am Boden einen Weg nach vorne zu bahnen, um einen Gegenschlag zu landen. (Ein Cadriél ist eine Art Speer mit beidseitiger, sichelartiger Klinge, der sowohl zustechen, als auch schneiden kann.) einen Gegenschlag zu landen. Auch Lacios trug auf seinem Rücken ein Cadriél, um auch auf größere Distanz kämpfen zu können. Er bildete mit Sadrí, einem äußerst talentierten Cadriélkämpfer und drei weiteren Schwertkämpfern eine Vorhut, die vor den anderen her, auf die Orks zustürmte. Einige Orks hatten sie bereits entdeckt und stellten sich in zwei Reihen auf.
Der Kommandant zog eine Waffe, die an seinem massigen Gürtel befestigt war und stellte sich zu den anderen, die er um einiges überragte. „Den will ich!“, reif Lacios den anderen zu, während er mit seinem gezogenem Schwert auf den Kommandanten deutete. Dann war es soweit. Lacios warf mit der linken Hand seinen Cadriél auf einen Ork zu, die diesen komplett durchbohrte. Den Zweiten erledigte er mit einer schnellen Finte und einem anschließendem Schwerthieb. Der Kommandant bemerkte sein schnelles Vorankommen und begann auf ihn zu zu sprinten während er seinen Morgenstern mit großer Leichtigkeit schwang. Lacios tat so, als würde er ihn nicht bemerkt haben und kämpfte weiterhin gegen einen anderen Ork.
Der Kommandant war schon am ausholen, als Lacios sich zur Seite rollte und dem riesenhaften Kommandanten zwischen die Rippen stach. Danach drehte er sich wieder vor den verwirrten Kommandanten und hackte ihm in derselben Bewegung die Hand ab in der er seinen Morgenstern hielt. Mit einem ungewöhnlich lauten Stöhnen fiel der Kommandant zu Boden. Plötzlich schrie Sadri auf: „Lacios! Sie haben einen Troll!“ Lacios der sich noch über seinen kleinen Sieg freute, drehte sich um und sah einen fünf Meter großen Troll, der direkt auf ihn zu rannte. Er trug keine Waffe, hatte jedoch neben einem groben Helm, Armschienen, die mit Klingen ausgestattet waren. Lacios hechtete im letzten Moment davon doch der Troll hielt an und drehte sich schnaufend um. Lacios wusste genau, dass der Troll ihn im Visier hatte und wenn es das einzige war, was er über Trolle wusste, dann, das er nicht aufhören würde ihn zu verfolgen bis er oder tot war. Doch gerade als der Troll anfangen wollte, auf Lacios loszugehen wurde dieser von einem glühenden Etwas getroffen. „Jetzt. auf ihn!“, hörte Lacios Tèlvor brüllen, „Nun ist er geblendet!“ Lacios ließ sich das nicht zweimal sagen und stach auf den taumelnden Troll ein. Jedoch kam dieser bald zur Besinnung und fing an, wild um sich zu schlagen. Jetzt sah Lacios Tèlvor, der wieder einmal dabei war, Worte in der Sprache der Magie zu murmeln. Dann wurde er plötzlich laut und schrie: „Möge Feuer dich verzehren!“             Darauf fing der Troll blaues Feuer, das ihn wütend zu verzehren schien. Man meinte wutverzerrte Gesichter in den Flammen erkennen zu können. Der Troll löste sich unter lautem Johlen in pechschwarze Asche auf, die langsam zu Boden schwebte. Die übrig gebliebenen Orks ergriffen panisch die Flucht. Sie hatten ihre erste Schlacht gewonnen.

Kapitel 9: Draamgaal

„Tèlvor, du hättest umkommen können!“, sprach Delvin in einem überaus ernsthaften Ton,
„Du weißt genau, dass das Feuer ebenso gut dich hätte verzehren können.“ Plötzlich mischte sich Zéphâr in das Gespräch ein: „Es stimmt, was Delvin sagt. Gebieterische Zauber sind sehr gefährlich, besonders wenn es sich um Elemente handelt, über die man gebieten will.“
Tèlvor und Delvin schauten Zéphâr verwundert an. „Ja, ich weiß einiges über Magie was das theoretische betrifft.“, sagte Zéphâr und beantwortete damit die Frage, die sich die Beiden gestellt hatten, „Abgesehen davon ist Tèlvor jedoch nicht gescheitert, sondern hat uns viele Verluste erspart, indem er den Troll erledigt hatte.
„Ich habe mich sicher dabei gefühlt.“, sagte Tèlvor, während er Delvin an der Schulter packte, „Und Gildvin hat gesagt darauf komme es an.“
„Wo ist Caranthia?“, fragte Lacios, der sich zuvor neben Tèlvor gestellt hatte.
„Nun. Ich glaube sie ist mit Sadrí und Haédvir losgegangen, um die restlichen Orks zu jagen.“ „Und wir werden ihnen folgen.“, sprach Zéphâr und gab damit den Befehl zum Aufbruch.
„Es beunruhigt mich etwas, dass die Orks in Richtung Draamgaal geflohen sind. Es könnte heißen, dass sie die Zwerge dort besiegt und die Stadt eingenommen haben.“, sagte Zéphâr, als sie bereits unterwegs waren.
„Dort ist sie!“, Lacios zeigte auf die kleine Gruppe, die die Orks verfolgt hatte, meinte jedoch nur Caranthia, die sich unter ihnen befand. Als sie näher an die Gruppe herangetreten waren, berichtete Sadrí: „Wir haben alle bis auf zwei, die in Richtung Osten entkommen sind, erledigt.“ „Besondere Vorfälle?“, fragte Zéphâr sofort.
„Nein. Doch ist es mir fraglich, warum sie genau in Richtung…“
„Ja, ich weiß. Diese Frage stelle ich mir auch.“, wurde Sadrí von Zéphâr unterbrochen. „Lacios.“, sagte Caranthia liebevoll, während sie näher an Lacios herantrat, „Du brauchst dir doch keine Sorgen zu machen, sobald ich ein paar Stunden lang fort bin und Orks verfolge.“, ein unverkennbares Lächeln trat in ihr makelloses Gesicht.
Lacios sagte nichts. Unter unausgesprochenem Einverständnis kamen sie sich langsam näher und Caranthia flüsterte ihm sanft in sein rechtes Ohr: „Ich passe gut auf mich selbst auf.“
Lacios musste lächeln und sprach: „Lass uns nach Draamgaal gehen, egal ob es jetzt eine Orkstadt ist oder nicht.“
„Deinen Optimismus vermag dir niemand zu verderben. Nicht wahr?“, scherzte Caranthia. Darauf liefen sie in ihrem gewohnten zügigen Laufschritt los. Sie waren allesamt gespannt, was sie in Draamgaal erwartete. Aus diesem Grund liefen sie um einiges schneller als sonst. Am Abend waren sie fast angekommen und konnten Draamgaal schon sehen.

„Genau das, was ich mir gedacht habe. Draamgaal wird belagert. Diese widerlichen Orks sind also doch nicht so dumm, wie ich angenommen hatte. Sie warten hier einfach bis die Zwerge eingesperrt in ihren eigenen Mauern verhungern. Nun wurde Tèlvor zum ersten Mal bewusst, dass auch Zéphâr die Orks zu hassen schien. Es war in Baldréava zwar keine Seltenheit, dass Leute Orks hassten, doch Tèlvor hatte aus irgendeinem Grund ziemlich stark vermutet, dass Zéphâr nicht zu diesen Leuten gehörte. Im Grunde hasste er selbst Orks. Jedoch war er sich damit noch nicht so ganz sicher. „Wir werden im Morgengrauen ihren Belagerungswall durchbrechen. Wenn uns die Zwerge rechtzeitig hineinlassen wird dies ein leichtes Spiel, denn der Wall ist so aufgebaut, dass man zwar schwer hinauskommt, aber relativ leicht hineingelangen kann. Die Bogenschützen werden sich vereinzelt aufstellen und von maximaler Reichweite aus schießen. Die sollte bei euch ja wohl höher sein, als bei den Orks. Wenn wir mit dieser Strategie eine Schneise durch den Wall der Gegner geschnitten haben, hoffen wir, dass die Zwerge diese Momente der Verwirrung ausnutzen und die restlichen Orks angreifen.“
Alle Anwesenden, darunter auch Tèlvor und Lacios, die Zéphâr nun als besonders gute Kämpfer schätzte, nickten. „Gut. Versucht nun euch etwas auszuruhen.“

„Die Orks werden hier, wie auch bei der letzten Schlacht unterlegen sein.“, meinte Lacios selbstsicher. „Ich werde mit Delvin und Ilvéa sprechen.“, sprach Tèlvor, drehte sich um und begann, auf den Baum zu klettern in dessen Krone sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.
„Tèlvor. Wie gedenkst du morgen vorzugehen?“, fragte Ilvéa als sie Tèlvor erblickte.
„Ich werde einen Pfeil eines jeden Bogenschützen verzaubern. Dafür habe ich mir einen besonders aufwendigen Illusionszauber ausgesucht.“
„Keine Explosionszauber?“, wollte Delvin wissen.
„Nein. Glaube mir. Zu diesem Zweck ist ein sorgfältig ausgewählter Illusionszauber weitaus wirkungsvoller!“
„Und welcher Zauber soll es nun sein?“, fragte Ilvéa erwartungsvoll.
„Sagen wir es so.“, begann Tèlvor mit einem ungestümen Grinsen auf den Lippen, „Sie werden denken, dass sich das gesamte Volk von Baldréava aufgemacht hat, sie zu vernichten.“
„Also eine großflächig wirkende Halluzination.“, begann Delvin zu verstehen.
Ilvéa wandte ein „Aber eine so groß angelegte Halluzination könnte Lücken oder verräterische Fehler enthalten.“
„Natürlich wird sie Lücken und Fehler enthalten. Jedoch wird sie für ein paar Sekunden bewirken, dass die Orks panisch in Richtung Draamgaal fliehen, da wir sie umzingelt haben, und so in Reichweite der Zwergenballisten gelangen.“
„Die sie gnadenlos niederschießen werden.“, ergänzte Delvin, „Perfekt!“
Tèlvor nickte: „Schlaft nun etwas. Wir beginnen bei Nachtmitte mit den Verzauberungen.“   Tèlvor balancierte hinüber zu dem Ast, auf dem er sich provisorisch eingerichtet hatte und legte sich hin. Seine Gedanken auf den nächsten Tag gerichtet, schlief er ein.

Pünktlich um Nachtmitte wachte Tèlvor auf. Er nahm sich von jedem Bogenschützen einen Pfeil und machte sich an den Abstieg. Unten angekommen sah er Delvin, der bereits an ihrem Treffpunkt war. „Hast du den Anderen unseren Plan erzählt?“, fragte Tèlvor sofort und legte die Pfeile, die er mitgenommen hatte, auf den Boden. Delvin antwortete knapp: „Ja. Den meisten hat er gefallen.“ Nun kam auch Ilvéa den Baum heruntergeklettert. Als sie zu ihnen herangetreten war meinte sie: „Lasst uns beginnen!“
„Nun. Die Beschwörung müsstet ihr kennen. Besonders anstrengend wird es nicht. Es ist nur etwas kompliziert die volle Wirkung in die Pfeile zu bündeln, denn der Zauber ist etwas umfangreich.“, sprach Tèlvor, während er die beiden anderen Magier genau anschaute.
Als diese nickten, nahm sich jeder einen Pfeil und begann mit den Beschwörungen.

Noch bevor die Sonne den östlichen Horizont überwunden hatte waren die jungen Magier fertig. Die anderen waren bereits wach und wärmten sich auf. Caranthia, die wie die anderen Bogenschützen einen verzauberten Pfeil erhalten hatte, stellte sich zu Tèlvor, welcher mit undurchdringlicher Miene in Richtung Draamgaal blickte. Eine Zeit lang standen sie beide da und waren in Gedanken versunken. Eine harmonische Stille entstand. Tèlvor seufzte und sprach: „So habe ich mir meine erste Schlacht nicht vorgestellt.“
„Wie hast du sie dir dann vorgestellt, deine erste Schlacht?“
Caranthia schaute nun direkt zu Tèlvor.
„Ich weiß es nicht. Nur irgendwie, anders.“
„So geht es hier wohl jedem.“, sagte Caranthia, die begriffen hatte, wie er sich fühlte.

Nun war es soweit. Die Bogenschützen bezogen in zwei Gruppen Stellung. Eine Gruppe wurde von Delvin, die andere von Ilvéa begleitet, während Zéphâr und der Rest des Trupps, darunter auch Lacios und Tèlvor, sich etwa 500 Meter vor Draamgaals Stadttor aufstellten.
Langsam pirschten sie sich an. Draamgaal lag auf einer sonnigen Lichtung, die von der Stadt fast komplett ausgefüllt war. Der Belagerungswall der Orks befand sich am Waldrand und war etwa 300 Meter von der Stadt entfernt. Als sie nah genug waren, nickte Zéphâr den beiden Schützengruppen, die sich jeweils 100 Meter entfernt rechts und links von ihnen aufgestellt hatten. Langsam und vollkommen lautlos spannten sich die glatten Sehnen der Bögen. Zéphâr hob seine linke Hand und ließ sie ruckartig sinken.
Das war das Zeichen. Die durch die Verzauberung violett glühenden Pfeile flogen zwischen den Bäumen geradewegs auf den Belagerungswall der Orks zu. Die Orks die dort campierten bekamen zwar einen gehörigen Schrecken, wichen aber noch nicht zurück.  
„Schwärmt aus um die Illusion zu verstärken.“, sprach Tèlvor. Die Anderen gehorchten und bildeten eine ausgedehnte Angriffslinie. Als die Orks die ersten Angreifer erblickten zeigte der Zauber seine Wirkung. Laut schreiend sprangen sie von ihrem Wall herunter. Einige Orks stolperten und wurden von den Nachströmenden zertrampelt. Sie flüchteten so panisch, dass sie nicht einmal merkten wohin sie liefen und als die Ersten von ihnen von wuchtigen Stahlbolzen durchbohrt wurden, kehrten sie schlagartig um. Doch es war schon zu spät. Die flinken Waldelfen überwanden mit großer Leichtigkeit den nun unbesetzten Wall. Die Bogenschützen hatten sich ihnen angeschlossen und verteidigten die Flanken. Aus einer Schlacht schien ein Gemetzel zu werden. Bald hatte sich der Elfentrupp bis zum fest verschlossenen Stadttor durchgeschlagen. „Kommt raus aus eurer Feste!“, sprach Zéphâr mit gehobener Stimme.
Ein Zwerg mit einem nach Tradition geflochtenen Bart erschien auf der Stadtmauer und brüllte, als er die Elfen sah: „Das Tor macht auf! Lasst uns mit ihnen kämpfen statt uns nur hinter unseren Mauern zu verstecken. Unterdessen begannen die Orks, die noch immer zahlreich waren, sich außer Reichweite der Zwergenballisten aufzustellen. Es dauerte nicht lang, da wurde das schwere, mit Stahl verstärkte Stadttor mithilfe eines Zahnradmechanismus geöffnet.
Die Elfen bekamen ein Zwergenheer zu Gesicht, das aus etwa zweihundert Mann bestand.
Ein Zwerg, der an der Spitze der Formation stand, wandte sich zu Zéphâr und sprach:
„Lass uns gemeinsam kämpfen, Zéphâr, Thevaîns Sohn, denn der Schock eurer mutigen Tat sitzt tief in den Gemütern der Orks und ihr Kampfesmut ist um ein Haar erloschen!“
Zéphâr, der kein Freund von großen Reden zu sein schien, nickte.
„Stellt euch besser hinter uns, denn Zwerge und vor allem ihre Schilde sind für die Front geschaffen.“, fügte der Zwergenkommandant stolz hinzu. „So sei es.“
Unter laut gebrüllten Kommandos stellten sich die Zwerge vor den Elfen auf. Langsam rückten sie zusammen mit dem Waldelfentrupp vor. Als sie außer Reichweite der Ballisten waren, begannen die Orks auf sie zuzurennen. Die Orks waren, trotz der Verluste durch den Überraschungsangriff, in der Überzahl, doch als sie angriffen, prallten sie geradezu an den starken Schilden der Zwerge ab und wurden kurz darauf von einem Pfeilhagel niedergemäht.
Es dauerte eine lange Weile, bis die Orks einsahen, dass sie keine Chance hatten und quiekend in den Wald davonrannten. „Dies ist kein Rückzug, dies ist eine Flucht!“, rief der Zwergenkommandant und lachte.                                                                          

Kapitel 10: Finstere Erkenntnis

„Das wahre Gleichgewicht herrscht nur nach einem Krieg.“, sprach Tèlvor mit den Worten eines berühmten Elfenkönigs, während er den faulenden Leichnamen eines ungewöhnlich fetten Orks wegzerrte. „Nach einem Krieg, den niemand überlebt hat!“, ergänzte Lacios, der gerade eine ganze Karre voller Orkleichen auf den bereits hoch aufragenden Haufen kippte. Caranthia nickte: „Sind wir denn nicht zu jung, um solche Sätze zu sprechen?“ „Ja. Ich glaube schon.“, meinte Tèlvor, „Jedoch macht der Krieg aus jedem von uns einen Philosophen.“ „Und schon wieder so ein Philosophensatz!“, sagte Lacios wahrheitsgemäß doch immer noch ernst. Caranthia seufzte, als hinter ihnen ein Zwerg auftauchte. „Lasst mich euch helfen!“, rief er mit grollender Stimme, packte sogleich eine Leiche mit beiden Händen und schleuderte sie auf den Scheiterhaufen.
„Ich bin Grîn.“, sagte er kurz darauf mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Tèlvor musste Lächeln: „Seid ihr Zwerge alle so offen und großherzig?“ „Ja. Außer vielleicht Bornd, der alte Griesgram in der Bücherei.“, antwortete Grîn und lachte. „Wie alt seid ihr?“, fragte Caranthia voller Neugier. „23. Dabei ist es doch schwer euch euer Alter anzusehen.“ Lacios und Tèlvor schmunzelten. Nachdem alle ihr Alter und ihre Namen genannt hatten, meinte Grîn es sei nun Zeit zur Festhalle zu gehen und zu feiern. Als sie in die reichlich verzierte Festhalle Draamgaals traten, erwartete sie bereits Delvin. „Da seid ihr ja! Wart ihr so lange mit Aufräumen beschäftigt oder hat Grîn euch die Stadt gezeigt?“ „Was? Natürlich waren wir noch aufräumen, du etwa nicht?“, fragte Tèlvor zurück. „Ich habe mich den ganzen Nachmittag in die Bücherei zurückgezogen. Wusstest du, das Zwerge auch viel von Magie verstehen?“
Nun mischte sich Grîn ein: „Das du es wagst so etwas in der Nähe eines Zwerges zu sagen, Elf!“, sagte er scherzhaft jedoch immer noch ernst, „Wir Zwerge bewundern Magie, wenden sie aber in anderem Maße, als ihr an.“ Tèlvor begann gespannt zuzuhören. „Wir benutzen sie meistens um wertvolle Metalle von allem Dreck zu befreien, um sie dann den Menschen zu verkaufen. Nur die wenigsten von uns setzen Magie im Kampf ein. Wenn ihr darüber etwas erfahren wollt, müsst ihr Bornd fragen. Aber ich warne euch, er kann ziemlich energisch werden. Außerdem ist er euch Elfen nicht sehr wohlgesonnen.“
„Dies wird mich nicht daran hindern einen Blick in Draamgaals Bücherei zu werfen.“, sprach Tèlvor. „Nun. Bevor ihr das macht, werden wir erst einmal unseren Sieg feiern.“, meinte Grîn. „Ich bin der Meinung, dass es dafür noch zu früh ist.“, meldete Lacios sich zu Wort,
„Ja. Wir haben gewonnen, jedoch ist euer Land immer noch in ernster Gefahr!“ Grîn begann nachzudenken und grummelte dabei unüberhörbar laut herum: „Lacios, du sprichst die Wahrheit. Folgt mir!“ Grîn lief los. Die Elfenkrieger folgten ihm, ohne zu fragen, wohin sie gingen.

Während sie dem Zwerg nachliefen, kamen sie an Draamgaals Innenstadt vorbei. Die steinernen Häuser waren hier und da mit Teppichen ausgelegt, in denen oft Äxte oder Hämmer als Muster eingearbeitet waren. Plötzlich drehte sich Grîn um und sprach mit sehr ernster Stimme:
„Was ihr gleich sehen werdet, wurde in der vergangenen Schlacht gefunden und ist äußerst geheim. Euer Kommandant, Zéphâr hat mir gesagt, ihr und besonders du, Tèlvor, dürft einen Blick darauf werfen.“ Tèlvor und die anderen Waldelfen nickten. Darauf gingen sie durch eine kleine, unscheinbare, jedoch unerwartet schwere Eisentür. Sie gelangten in einen kleinen Raum, in dem zwei schwer gepanzerte Wachen positioniert waren. Grîn bedeutete den Wachen mit einer kaum bemerkbaren Geste, den Weg freizumachen. Eine der Wachen nickte erst Grîn, dann der anderen Wachen zu. Darauf gaben sie den Weg frei. Sie traten in einen weiteren, etwas größeren Raum. In der Mitte dieses Raumes stand ein großer, jedoch niedriger Tisch, auf dem etwas lag, dass von einem Tuch verhüllt wurde. Tèlvor stach augenblicklich ein aggressiver Gestank in die Nase. Grîn begann das Tuch langsam anzuheben und sagte: „Wir wissen noch nicht, was dies sein könnte. So etwas taucht in unseren Büchern nicht auf.“ Der Zwerg hielt sich die Nase zu und zog das Tuch mit einem Ruck weg. Ein merkwürdig aussehender Leichnam kam zum Vorschein. Er war in ausgestreckter Position hingelegt worden und etwa fünf ganze Meter groß. Alle starrten die Leiche voller Neugier an. Tèlvor beugte sich mit zugehaltener Nase direkt darüber und betrachtete sie ausführlich. Haut war glatt und der Rumpf war im Vergleich zu den Beinen und den Armen sehr gedrungen und klein. Die Gelenke waren jeweils mit einem langen schwertartigen Stachel verlängert und die Schienbeine wiesen eine starke Krümmung auf, was, so überlegte Tèlvor, einen gedrungenen Gang bewirken müsste.
„Seht ihr.“, sprach Tèlvor fast flüsternd, „er hat durchsichtige Hautstellen an der Taille und auf der Brust. Ich vermute, dass diese, solang dieses Wesen noch gelebt hat, eine Art Glühen erzeugt haben.“ Delvin, der sich mittlerweile auch über den Leichnamen beugte, meinte: „Diese Leiche scheint als eine Art Seelengefäß gedient zu haben.“
„Ja. Von so etwas hat uns Gildvin einmal erzählt. Diese Wesen bestehen aus versklavten Seelen. Ich hatte es für einen Mythos gehalten. Jetzt bin ich anderer Meinung.“ Grîn nickte, als hätte er dies schon vermutet und sagte: „Wartet hier. Ich werde Lurdinn und Zéphâr holen.“
Lurdinn, dies wussten die Elfen bereits, war Draamgaals Aufseher und somit auch Herrscher über die umliegenden Gebiete. Er wurde von den Einwohnern Draamgaals, als rechtmäßiger Herrscher geduldet und mancherorts sogar verehrt. Als Zéphâr und Lurdinn in die Kammer traten, stellten sich die vier Elfen augenblicklich in einer Reihe auf. Lurdinn holte tief Luft und sagte: „Seelengefäß sagt ihr… Meine Leute haben so etwas auch bereits angedeutet.
Dieses Wesen hier auf dem Tisch nimmt mir jeden Zweifel, dass wir es hier nicht nur mit Orks zu tun haben.“ Lurdinn hatte, anders als sie meisten Zwerge, keine grollende, sondern eine gehobene, fast arrogante Stimme. „In Anbetracht der Tatsachen werde ich euch eine Mannschaft zur Verfügung stellen.“, fügte der Aufseher hinzu. „Lacios. Versammle deine Mitstreiter. Caranthia, du gehst mit ihm.“, sprach Zéphâr mit ernster Miene.

Als Caranthia und Lacios gegangen waren, begab sich Zéphâr mit Tèlvor, Delvin, Lurdinn und Grîn in Draamgaals Regierungssitz, eine nicht besonders große, doch mit bronzenen Gießereien verzierte Halle. Lurdinn bedeutete allen Anwesenden, sich um einen verzierten Tisch mit einer detaillierten Karte vom westlichen Teil Talméaras zu setzen. „Ich bin der Meinung wir sollten zurückkehren.“, fing Zéphâr an, „Die Bedrohung, der wir hier ausgesetzt sind ist weitaus umfangreicher, als wir gedacht haben. Vermutlich sind alle Soldaten, die aufgebrochen sind, um Zjärgkgaal aus seiner Lage zu retten, wahrscheinlich schon Tot.“ Als Tèlvor das hörte, musste er sofort an seinen Vater denken. Er hatte ihn in Naél nicht zu Gesicht bekommen. „Und was ist, wenn sie noch leben? Wir können sie nicht im Stich lassen. Wir müssen unsere Pflicht erfüllen und ihnen ihren Nachschub abschneiden.“, sprach er hastig. Lurdinn, der ihn zu verstehen schien, meinte: „Ihr müsst zurückkehren, um euren König von der neuen Situation in Kenntnis zu setzen.“ Zéphâr bestätigte: „Tèlvor, wenn wir uns dorthin begeben, werden wir vernichtet. Möglicherweise gibt es das Zwergenreich nicht mehr. Hier in Draamgaal leben vermutlich die letzten Zwerge. Das einzige, was wir tun können ist, uns auf ihren Angriff auf den Wald vorzubereiten.“ Grîn, der bisher geschwiegen hatte, sprach mit triumphierender Stimme:
„Die höchsten Mauern aus Stein, wie Felsen unüberwindbar in den Himmel ragend, den Zgaldar zierend, wie ein Rosenstrauch den Garten. Wollen wir das aufgeben Lurdinn? Wollen wir den Orks und den finsteren Dämonen, von Zauberern erschaffen, unser Gold und Silber und Eisen darbieten?“ „Nein.“, sagte Lurdinn, während er tief in Gedanken versunken zur steinernen Hallendecke hinauf starrte, „Nein.“
Nun schaute er Zéphâr ernst an: „Höre auf Tèlvor, denn wenn wir diesen Krieg verlieren, verlieren wir nicht nur das Zwergenreich. Grîn wird euch mit unseren besten Kriegern begleiten. Grîn nickte übertrieben deutlich und ging mit Zéphâr, Tèlvor und Delvin zum Ausgang der Halle. Als sie am vereinbarten Truppentreffpunkt angekommen waren, waren bereits einige Zwerge unter den Gesichtern des Elfentrupps zu erkennen.
„Wir werden diese Nacht keine Rast machen. Wir werden uns ohne Umwege Richtung Zgalglatern begeben um dem Feind den Nachschub abzuschneiden und damit womöglich einige Leben retten!“, sprach Zéphâr in seiner gewohnten Befehlsstimme.
„JAWOHL!“, riefen sowohl Zwerge als auch Elfen einstimmig.     

Kapitel 11: Schockierendes Erwachen

Munir rappelte sich auf und klopfte sich hastig den Staub von seiner Kleidung. Hustend sah er sich um. Die rußgeschwärzte Decke des Palastes sah aus, als könne sie ihm jeden Moment auf den Kopf fallen. Keuchend schleppte er sich durch die Gänge, die an jeder Pracht verloren hatten. Langsam aber sicher wurde ihm ein nur allzu offensichtlicher Gedanke deutlich. Dan-Laan wurde überrannt. Immer noch hustend versuchte er das geronnene Blut auf seinem Kopf abzukratzen. Es war nicht sein Blut.

Im Palast war es nahezu völlig dunkel. Dennoch glaubte Munir zu wissen, wo die Waffenkammer ist. Er begann den Gang entlang zu rennen. Rechts und links von ihm gab es etliche Türen. Nach langem umherlaufen fand er eine etwas größere, verzierte Tür.
Langsam versuchte er sie zu öffnen. Erst schien dies ganz gut zu gehen dann gab die Tür jedoch ein höchst unangenehmes Knarren von sich. Voller Schreck hielt er einen Moment inne.
Als er sich keuchend an  den Türrahmen lehnte, meinte er entfernte Schritte zu hören. Er musste so schnell wie möglich eine Waffe finden. Jeglichen Lärm ignorierend trat er gegen die Tür.
Zu seiner Erleichterung öffnete sich diese sogleich und gab einen überraschend kleinen Raum frei. Munir schaute sich in höchster Eile um und wunderte sich, dass die Kammer kaum geplündert war. „Das werden sie sicherlich noch nachholen.“, dachte er angsterfüllt.
Da! Ein kleiner Säbel der einem Dolch sehr ähnlich war schien vor seinen Augen aufzublitzen. Sofort schnappte sich Munir den Dolch und versteckte sich hinter der Tür.

Ungeduldig doch immer noch angsterfüllt wartete er, bis die Schritte näher kamen.
Ein schmieriger Ork trat in die Kammer und runzelte die schweißnasse Stirn. In der rechten Hand hielt er einen verbeulten Streitkolben und in der rechten eine beinahe abgebrannte Fackel. Munir fasste Mut. Er verließ sein Versteck und rammte ihm den Säbeldolch in den Bauch.
Der fette Körper des Orks fiel sofort zu Boden. Angewidert schlich Munir aus der Kammer hinaus. Ihm war klar, dass er nun hier weg musste. Aber wie? Wenn er in die Wüste hinausging würde er sterben aber wenn er hier blieb würde er genauso enden, vielleicht noch früher.
Von aller Hoffnung verlassen trottete er durch die Gänge des geplünderten Palastes. Als er schon fast den Ausgang erreicht hatte, blieb er stehen und dachte nach: „Die Orks müssen sicherlich ein Transportmittel haben.“

Plötzlich wurde er von einem intensiven Gestank aus seinen Gedanken gerissen.
Anscheinend waren die Orks dabei, irgendetwas zu verbrennen. Er beschloss in die Richtung zu gehen, aus der der Gestank kam. Langsam schlich er weiter Richtung Ausgang.
Dort angekommen spurtete er flink zur Seite, wo er hinter einem qualmenden Trümmerhaufen in Deckung ging. Anschließend spähte er ängstlich über seine Deckung. Er sah ein paar wenige Orks, die um einen brennenden Trümmerhaufen herum standen. Langsam begann Munir, um die Orks herum zu schleichen. Allmählich wurde er etwas schneller.
„Jaja. Die haben alle gequiekt wie Pferde denen man das Fell über die Ohren zieht.“, brüllte ein Ork über den gesamten Platz. (Pferde waren neben Menschen-, Elfen- oder Zwergenfleisch eine sehr beliebte Orksspeiße.) Er schien genau wie alle anderen betrunken zu sein.
„Genau das haben wir doch auch getan!“, meinte ein anderer.
Schmunzelnd dachte Munir: „So betrunken, wie die sind, würden sie es nicht einmal merken, wenn man ihnen ein glühendes Eisen an den Rücken hält.“

Während er schmunzelnd an den Orks vorbeischlich wurde er immer unvorsichtiger. Auf einmal lenkte er mit dem versehentlichen Umstoßen einer verbogenen Pike alle Blicke auf sich.
„Was?“, fing einer der Orks an. „Da scheint jemand noch einen Bissen Fleisch übersehen zu haben.“ Munir stand wie gelähmt da. Es mussten mindestens ein Dutzend Orks sein, die ihn gerade hasserfüllt anstarrten.
„Tu uns den Gefallen und lauf nicht weg.“
„Ja lauf nicht weg, sonst wirst du von der Wüste getötet.“
„Genau dann wird das Fleisch nur runzlig und ist nicht mehr frisch.“
Während sich die Orks gegenseitig ergänzten und sich darüber berieten ob sie ihn jetzt gleich oder sonnengegahrt verspeisen wollten, kamen sie ihm immer näher. Munir wich einen oder zwei Schritte zurück. Er war sich sicher, dass es keine erfolgreiche Flucht geben könne. Er atmete tief ein und begann auf die sich beratenden Orks zuzulaufen. Seine Hand hatte den Dolch so fest umgriffen, dass aus ihr die Adern hervortraten.
„Was. Keine Flucht? Hältst dich für einen Großen, wie?“, meinte ein kleiner, dünner Ork.
Die anderen Grauhäute stimmten in ein grässliches Gelächter ein.

Munir begann zu rennen, schlug einen Haken und rammte dem erstbesten Orks seinen Dolch in die Schulter. Dieser schrie augenblicklich auf und sank zu Boden.
„Schnappt ihn euch!“, schrie der Dünne. Mit lautem Gebrüll und teilweise auch glucksendem Gelächter begann ein gutes Dutzend Orks, Munir anzugreifen. Dieser nutzte seine geringe Körpergröße aus, um einem Ork durch die Beine zu hechten und ihm anschließend den Rücken aufzuschlitzen. Dem nächsten hackte er den rechten Arm ab. Voller Verwunderung traten einige der Orks einen Schritt zurück, was sie jedoch nicht davor bewahrte durch Munirs blutverschmierten Dolch ihr Leben zu lassen. Der Dünne, der bisher nur am Rand gestanden war, versuchte ihm in den Rücken zu fallen. Munir aber wich dem Hieb mit Leichtigkeit aus und hackte dem Angreifer den ohnehin schon verstümmelten Kopf ab. Munir musste lächeln. Gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass er beim nächsten Mal vielleicht gegen nüchterne Orks antreten muss. Der immer noch drohenden Gefahr bewusst schaute er sich gehetzt um.
Der Schweiß rann ihm über die Stirn. Auf einmal meinte er in der Ferne etwas zu sehen.
Als er begann, darauf zuzugehen erkannte er einen kleinen Ochsenkarren, der mit etlichen Leichen beladen war. Voller Euphorie darüber, ein Transportmittel gefunden zu haben rannte er auf den Karren zu und machte sich daran, die Leichen hinunter zu stoßen. Ein teuflischer Gestank machte sich in seiner Nase breit, der den ohnehin schon fast unerträglichen Gestank mit Leichtigkeit überdeckte.

Erschöpft ließ Munir sich auf den Karren sinken und atmete trotz des immer noch bestialischen Gestankes tief durch. Munir zog seinen zerlumpten Gürtel aus und benutzte ihn als Peitsche.
Mit einem unüberhörbaren Knall prallte die behelfsmäßige Peitsche auf die Ochsenrücken.
Die Tiere setzten sich sofort in Gang und zogen den Karren geradewegs in Richtung Damei-Laan, der südlichsten und gleichzeitig größten Stadt in der Wüste. Er orientierte sich immerzu an der brennenden Wüstensonne, die dabei war den Horizont hinabzuklettern.    

Kapitel 12: Eine folgenschwere Wendung

„Dieses Weideland ist sehr gefährlich.“, meinte Tèlvor, als er die weiten Grasflächen des Zwergenlandes erblickte. Caranthia, die direkt hinter ihm lief, nickte. „Keine Deckung.
Kein Entkommen. Hier durch zu marschieren ist Selbstmord.“, sprach Lacios verärgert.
„Nicht unbedingt.“, sagte Grîn, „Wenn elfische Bogenschützen halten, was sie versprechen.“ Tèlvor musste lachen: „Das tun sie auf jeden Fall.“
Grîn schaute verwundert drein: „Was ist daran so lustig?“
„Nichts. Nur… ich finde es merkwürdig, dass ein Zwerg andere Künste zu schätzen weiß.“
Ein anderer Zwerg, der neben Grîn marschierte erwiderte: „Ein altes Vorurteil. Wir Zwerge schätzen unsere Künste und Fertigkeiten zwar sehr, jedoch nicht nur unsere, sondern alle.
Nur die der Menschen nicht. Die zerstören die Natur. Das ist ihre einzige Kunst.“
Tèlvor nickte bedächtig: „Das mag stimmen. Menschen pflegen Alles für ihr Wohl zu unternehmen und nehmen kaum auf andere Rücksicht“
„Das ist noch viel zu harmlos ausgedrückt.“, meinte Grîn.
„Ich denke Orks sind schlimmer. Sie holzen alles um. Und das nicht einmal für ihr eigenes Wohlergehen.“, sagte Caranthia mit trauriger Stimme.
„Seht! Dort vorne ist eine Senke. Ein winziges Tal.“, gab Delvin bekannt, der dem Rest etwas voraus lief. Zéphâr sprach: „Kundschaftet alles aus. Postiert Wachposten am Rand der Senke. Wir werden hier Rast machen. Tèlvor. Du sendest Lichtkugeln aus. Ilvéa wird dir helfen.“
Ilvéa nickte. Mittlerweile war Tèlvor eine Art Vorbild für Ilvéa obwohl er andauernd betonte,
sie solle ihren eigenen Weg gehen, denn Tèlvor wusste, dass die Magie sich für jedes Wesen,
ob Elf oder Mensch, anders entfaltet.
„Mehr Schwung. Du brauchst mehr Schwung, sonst fliegt sie nicht weit genug.“, berichtigte Tèlvor Ilvéa, als sie etwas später abseits des Lagers ihren Auftrag ausführten.
„Es scheint so, als würdest du sehr viel Zeit damit verbringen, Schriften über die Magie zu lesen.“, sprach sie, während sie eine hellblau leuchtende Lichtkugel einige Meter entfernt platzierte. „Ja.“, setzte Tèlvor an, „Mein Hauptziel ist die Beschwörung. Wenn ich es sage ist das vielen unangenehm aber ich mag es, andere Wesen zu kontrollieren.“
„Aber so etwas ist die wohl bösartigste Form der Magie, Tèlvor. So etwas traue ich dir nicht zu.“ „Du verstehst es falsch. Ich benutze keine Seelen. Das ist mir viel zu unrein und wie du schon sagtest bösartig. Außerdem können ehemalig beschworene Seelen als magische Anomalien zurückkehren und sich in Form von Rachedämonen manifestieren. Das stellt in manchen Regionen ein großes Problem dar und seit ich die Leiche, von der ich dir erzählt habe, in Draamgaal erblickt habe, vermute ich, dass der Feind die Seelen aus diesen Rachedämonen extrahiert und zu sehr mächtigen Dämonen zusammenfügt. Wenn dies zutrifft, sind die Orks der schwächste Feind, dem wir uns demnächst stellen müssen.“
„Hast du das schon Zéphâr gesagt?“
„Ja. Er hält es selbst für sehr wahrscheinlich.“
„Bedrückend. Der Gedanke, dass wir es mit mächtigen Dämonenbeschwörern zu tun bekommen ist wirklich entmutigend.“ Ilvéa schaute bedrückt zu Boden. Dann blickte sie zu Tèlvor.
„Wenn das, was ich sage zutrifft, werden wir sterben.“, sagte dieser mit ernster Miene,
„Wir sind solch einer Macht nicht gewachsen.“
„Zéphâr glaubt nicht umsonst an uns.“, meinte Ilvéa und ging langsam auf ihn zu.
Tèlvor tat ihr gleich und sie fielen sich in die Arme. Als er über Ilvéas zierliche Schulter spähte, meinte er einen Schatten zu erkennen, der aus der Ferne lächerlich klein wirkte und schnell auf sie zu kam. Als der Schatten näher kam bemerkte er seine wahre Größe.

Einer der Zwerge brüllte: „Ein Feind. Dort ist ein Feind zu erkennen!“ Tèlvor löste sich blitzschnell aus der Umarmung und gab den Lichtkugeln sogleich den Befehl, sich auf den Angreifer zu zu bewegen. Als der Schein der Lichtkugeln den Angreifer freigab erstarrte Tèlvor. „Es ist eines dieser Dämonen!“, schrie er und gab den Kugeln den Befehl zu explodieren.
Ilvéa versuchte den Dämon zu blenden und setzte gleisendes Licht frei, das direkt aus ihrer Hand auf den Gegner zu schoss. Der Angreifer taumelte etwas zurück, stürmte jedoch sofort von neuem auf ihr Lager los. Sein Körper verströmte ein dunkles Rot und auf seinem Rücken wuchs ein ungewöhnlich kleines Flügelpaar mit dem der Dämon unmöglich fliegen konnte.
Caranthia und Lacios kamen angerannt und versuchten das Wesen zu attackieren.
Tèlvor bombardierte den Angreifer mit Eiszaubern, die seine Sicht benebeln sollten. Auch dies zeigte wenig Wirkung. Als der Dämon ihr Lager erreicht hatte ging er in die Knie und sprang darauf hoch in die Luft, um direkt vor Zéphâr aufzukommen. Zéphâr ließ keine Anzeichen von Furcht auf seinem Gesicht erscheinen und stürmte auf den Dämonen zu. Sein Schwert leuchtete hell auf und bohrte sich tief in den Angreifer. Der jedoch packte ihren Hauptmann und schleuderte ihn etliche Meter aus der Senke hinaus. Zéphâr blieb regungslos liegen, während der Dämon ihm mit einem weiteren riesigen Sprung nachsetzte. Tèlvor rannte hinter dem Angreifer her und schleuderte ihm einige Zauber entgegen, die wie alles andere nicht sehr viel Wirkung zeigten. Dann zog er sein Schwert und lies es in einem grünen Schillern in Flammen aufgehen. Tèlvor schleuderte sein Schwert direkt auf den Dämon zu und die grünen Flammen stießen zusammen mit dem kalten Stahl in das warme Fleisch des Dämons. Dieser brüllte vor Schmerzen und schaute sich nach Tèlvor um. Jedoch hatte Delvin, der dem Ereignis gebannt gefolgt ist sofort eine grasimitierende magische Wand um Tèlvor erzeugt, die ihn vor den Augen des Dämons verbarg. Wie sich herausstellte tat sie das nicht lange. Der Angreifer erschnüffelte Tèlvor und versuchte ihm hinterher zu laufen. Jedoch versenkte Caranthia, die unmittelbar hinter Tèlvor stand, einen zielgenauen Schuss mitten im relativ ungeschützten Hals des Dämons,
der diesen sofort in das hohe Gras kippen lies. Voller Erstaunen bemerkte Tèlvor, wie sich der überwältigte Dämon unter üblem Gestank auflöste und nur noch ein kleines Häufchen Asche übrig blieb.

„Zéphâr!“, entfuhr es Tèlvor. Er rannte sofort zu ihrem Kommandanten.
„Tèlvor?“, sprach dieser mit schwacher Stimme.
„Ja?“
„Ich habe nicht gewollt, dass es mit mir so schnell zu Ende geht. Ich rate dir: Tu es nicht.
Führe den Auftrag nicht aus. Ihr werdet dabei umkommen. Du bist fast noch ein Kind. Und ich möchte nicht, dass du so früh von dieser Welt gehst.“
Tèlvor sagte nichts. Er kniete vor ihrem Kommandanten und hörte diesem schweigend zu. „Tèlvor?“ Tèlvor nickte. „Gut. Du hast verstanden. Nehmt alles von mir, was ihr brauchen könnt. Der Feind ist zu stark. Seine Dämonen sind zu mächtig. Geh. Und lebe etwas länger.“
Mit diesen Worten schied ihr Kommandant dahin und lies Angst und Zweifel zurück.
„Habt ihr gehört, was er sprach?“, sagte Tèlvor mit Tränen in den Augen. Der Rest nickte betroffen. „Packt eure Sachen. Wir brechen auf.“ Tèlvor hatte sich schon mehrere Male mit dieser Situation auseinander gesetzt doch niemals damit gerechnet, dass ihr Kommandant sterben würde. Nun hatte er da Kommando, was die anderen sofort akzeptierten.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Lacios.
Tèlvor zögerte: „In… die Minen.
„Ich wusste es.“, sprach Lacios und fing an zu grinsen. Tèlvor beugte sich über Zéphârs Leiche und sagte: „Es tut mir Leid mein Herr aber ich werde ihren letzten Befehl nicht ausführen.“
Dann stand er auf und drehte sich zur entsetzten Menge um: „Wenn wir zurückkehren. Sind wir Gefallene. Versager, die niemand beachten wird. Schwächlinge, die nur zugesehen haben. Soldaten, die ihren Brüdern nicht geholfen haben. Alle, die am Zgaldar kämpfen verdienen unsere Hilfe. Sie brauchen unsere Hilfe und erwarten sie. Wenn wir weitergehen, haben wir es versucht. Wir werden siegen oder fallen. Wir werden mutig kämpfen und die Orks zumindest dezimieren, bevor sie gegen Draamgaal stürmen. Wir werden nicht nutzlos gewesen sein in unserem Leben. Minuten der Unentschlossenheit vergingen.
„Wir werden weitergehen.“ Hörte man dann fast einstimmig in den Reihen der Elfen.
Dieser Meinung schlossen sich einige Zwerge an. Jedoch meinte der Großteil der Zwerge, nach Draamgaal zurück marschieren zu müssen und sich für eine Belagerung zu rüsten. Darauf gingen diese ohne ein weiteres Wort zurück. Grîn und zwei vier weitere Zwerge blieben im Trupp, denn sie meinten niemand hätte eine Chance sich gegen nahezu unendliche Truppen aus den Minen lange zu verteidigen.
„Nun. Lasst uns weitergehen. Unserem Ziel entgegen!“, brüllte Lacios, der Tèlvors Entscheidung sofort unterstützt hatte.

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5 Kommentare

Bookworm am 5. März 2017

Jedes mal wann ich Telvor las, musste ich an diese Kröte von Harry Potter denken. Namen lese ich fast immer falsch... Außerdem fand ich deine Geschichte sehr gut, schreib bitte eine Fortsetzung!

skyfire am 19. März 2014

Um euch bei den Namen etwas zu helfen: Man spricht die accents (´ ` ^) genauso wie im Französischen aus.

Bence am 16. Oktober 2013

Ich kann nur eins sagen: Schreib die Geschichte weiter und schick sie an eine Verlag! (Ganz unten in Verlage stehen ja genug)

Meldor am 1. Oktober 2013

Sehr gutes Kapitel! An einigen Stellen vielleicht zu viele Absätze. Aber sehr schön ich freu mich aufs nächste!

Ella am 30. August 2013

Ich finde deine Story echt toll!! Vorallem die Namen sind cool Ich tu mir dabei immer ein bisschen schwer, aber du überlegst dir echt tolle Lg Ella