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Annelie

Ein besonderer Spitzbube

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Sie atmete tief ein und lächelte. Da waren sie wieder, diese Gerüche. Es roch nach allerlei Gewürzen, gebrannten Mandeln, Schmalzkuchen, Kerzen und Tannenbäumen. Diese Gerüche konnten nur eines bedeuten und zwar, dass es Weihnachten war; um genau zu sein der 23. Dezember.

Und es roch nach Liebe. Sie wusste zwar nicht, ob man Liebe riechen kann, doch zur Weihnachtszeit hatte sie immer das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, das zu anderen Jahreszeiten nicht vorhanden war. Konnte aber auch einfach nur Glühwein sein.

Sie war dünn, fast schon dürr, hatte aschblondes Haar, das ihr bis zu den Schultern ging und in alle Richtungen abstand. Ihre Kleidung bestand aus einer zerschlissenen Hose, einem Unterhemd, einem riesigen alten Herrenmantel, der ihr fast über den Boden schliff und ihr weit über die Arme hing und zwei verschiedenen Stiefeln, von denen ihr einer etwas zu groß war. An den Fingern trug sie löchrige Handschuhe. Ihr Name war May.

Wie jeden Tag in der Adventszeit ging sie am liebsten zu der Konditorei mit den roten Fensterrahmen und einer Modelleisenbahn, die durch eine kleine Berglandschaft im Kreis fuhr. Doch der Zug war nicht das in den Schaufenstern, was sie immer wieder aufs Neue herbrachte. Es war unterschiedlichstes Gebäck, das auf Tellern und Etageren in den Schaufenstern stand. Mit großen Augen starrte sie einen Teller mit Keksen an, die mit roter Marmelade gefüllt und mit Puderzucker bestäubt waren. "Spitzbuben" stand daneben in schnörkeliger Schrift auf goldenem Papier. Die meiste Zeit hatte sie nur Augen für die Spitzbuben, die anderen interessierten sie nicht, während andere allein für diese protzigen Torten kamen. Solche Kekse waren für sie selbstverständlich. Für May aber waren selbst diese einfachen Plätzchen etwas ganz Besonderes.
Leider konnte sie sich keinen Einzigen kaufen, schließlich hatte sie kein Geld. Traurig machte sie diese Tatsache nicht, sie stellte sich einfach vor, wie es wäre, einen Spitzbuben zu haben. Allein die Vorstellung war großartig.

Trotz Handschuhen und Mantel wurde ihr schnell kalt, weshalb sie dem Schaufenster den Rücken zuwandte und beschloss, noch ein wenig über den Weihnachtsmarkt zu gehen. Es kam ein eisiger Wind auf und mit schnellem Schritte begab sich May in die Menschenmenge. Von allen Seiten hörte sie Verkäufer ihre Ware anpreisen, Kinder die ihre Eltern baten, ihnen ein Spielzeug zu kaufen und deren genervten Eltern. Ihr kam der Geruch von gebrannten Mandeln entgegen, woraufhin ihr Magen anfing zu knurren. Leider hatte May nur selten etwas zu Essen, also ignorierte sie immer einfach das Knurren. An Heiligabend hoffte sie aber auf eine Mahlzeit und wenn diese nur aus einem Apfel bestünde. Die Sonne war bereits untergegangen und es überkam sie die Müdigkeit. Aus dem Grund machte sie sich auf den Rückweg.

Mays Zuhause war sehr ungewöhnlich für ein kleines, neunjähriges Mädchen wie May. Sie wohnte in einem verlassenen Theater, dass vor Jahren aus finanziellen Gründen schließen musste. Seit May vor zwei Jahren aus dem Waisenhaus weggelaufen war, wohnte sie in jenem Theater.

Wie immer konnte man wegen den vielen Lichtern der Großstadt keine Sterne am Himmel erkennen, obwohl er diese Nacht wolkenlos war. Das war für May kein Problem, denn schließlich hatte sie ihren ganz eigenen Sternenhimmel: eine alte Stellwand, die früher als Kulisse gedacht war, diente May nun als Hilfe zum Einschlafen. Denn jedes mal wenn sie die Augen nicht zubekam, zählte sie einfach die Sterne, die auf der Kulisse abgebildet waren und jedes mal kam merkwürdiger Weise ein anderes Ergebnis heraus.

Auch heute konnte sie vor lauter Aufregung wegen Heiligabend nicht einschlafen und somit zählte sie ein weiteres mal die Sterne, schlief schließlich ein und träumte von Spitzbuben und Eisenbahnen in Schaufenstern mit roten Rahmen.

Am nächsten Morgen wurde May vom Lärm einer Baustelle geweckt und als sie nach draußen schaute, musste sie feststellen, dass es bereits Mittag war. Aus dem Grund zog sie sich warm an und machte sich auf den Weg zur Konditorei. Der Himmel war - anders als gestern - bewölkt und der Wind war eisig kalt. Bei der Konditorei angekommen, kämpfte sich May durch die Menschenmenge, die draußen wartete um Kuchen für den Weihnachtsabend zu kaufen.

Ein Spitzbube befand sich immer noch im Schaufenster, stellte sie erfreut fest.
Sie merkte nicht, wie schnell die Zeit verging und plötzlich war keiner mehr da. Nur eine Verkäuferin fegte noch das Geschäft und sah dabei etwas traurig aus. Das konnte May vollkommen nachvollziehen. Schließlich hatte man die arme Frau ganz alleine gelassen und das ohne jegliche Leckereien, denn diese hatten ja die ganzen Kunden gekauft. Naja, alle bis auf den einen Spitzbuben im Schaufenster. Sie merkte nicht, dass der Verkäuferin ihre Anwesenheit aufgefallen war und schrak zurück als sie auf das Fenster zukam. Wahrscheinlich hatte sie den Blick gesehen, den May dem Spitzbuben zuwarf, denn sie nahm den Keks und verschwand mit ihm hinten im Laden.

Da sie hier nichts mehr hielt, drehte sie sich enttäuscht um und ging. Sie stellte sich vor, wie die Frau aus der Konditorei genüsslich den letzten Spitzbuben aß. Dieser Gedanke stimmte sie traurig, deshalb versuchte sie ihn zu verdrängen. Im nächsten Moment erklangen die Kirchenglocken, weckten sie aus ihren Gedanken und sie folgte ihrem Klang.

Da die Kirche sicherlich voll war, setzte sie sich stattdessen auf die Stufen der Kirche. Trotz allem konnte sie draußen dem Gesang lauschen, der aus der Kirche kam. Plötzlich sah sie da jemanden auf sich zukommen. Überrascht erkannte sie die Frau aus der Konditorei. Sie hielt eine kleine, weiße Tüte in der Hand.

Man konnte hinter dem Papier den Spitzbuben entdecken. Die Frau setzte sich neben May und gab ihr den Keks.

"Für mich?" fragte sie ungläubig.

Mit einem Lächeln nickte sie und mit einem leisen 'Danke' nahm May den Keks an.

Sie erwartete, dass die Verkäuferin aufstand, um mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern. Doch stattdessen blieb sie neben May sitzen.

"Wie heißt du denn, Kleine? Hast du niemanden, der mit dir feiert?", fragte die Verkäuferin und wie es sich herausstellte, hieß diese Ingrid.

May schüttelte betrübt den Kopf und sagte, ihr Name sei May.

"Dann feiere ich jetzt mit dir", beschloss Ingrid.

"Hast du denn niemanden?"

Sie nahm May in den Arm.

"Ja, das hab ich. Doch benötigst du im Moment mehr Gesellschaft. Zuhause erwartet mich doch eh nur der übliche Weihnachtsstress und du bist hier ganz allein."

May umarmte sie.

"Danke", flüsterte sie Ingrid ins Ohr.

Sie nahm den Spitzbuben, brach ihn in zwei Hälften und gab die eine Ingrid, während sie die andere behielt.

"Frohe Weihnachten, Ingrid", sagte sie schließlich.

"Frohe Weihnachten, May".

Sie lächelten sich einander an und aßen ihre Hälfte des Kekses, während sie dem Gesang lauschten, der aus der Kirche kam.

In dem Moment fing es an zu schneien.

5 Kommentare

Greta am 7. Januar 2018 am 7. Januar 2018

Diese Geschichte ist ab sofort eine meiner liebsten Weihnachtsgeschichten.

Leni am 6. Januar 2018

Wow, ich bin wirklich beeindruckt. Wie du die ganze Stimmung beschreibst, echt toll! Ich konnte mir alles wunderbar vorstellen. Ich finde es auch toll, dass man anfangs nicht weiß, dass May erst so jung ist. Das kam dann für mich überraschend und hat mich noch neugieriger gemacht, weiterzulesen. Ist dir wirklich gut gelungen!!!

Lalea05 am 6. Januar 2018

Feuerelfe am 5. Januar 2018

Schöne Weihnachtsgeschichte, Annelie! Herzerwärmend.

Lalea05 am 5. Januar 2018

Deine Geschichte ist toll. Sie gefällt mir sehr gut!