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Tjede

Der Pirat in der Stadt und das verwunschene Kinderheim

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Kapitel 1

Ich habe keinen Wohnort. Ich bin gleichzeitig überall und nirgendwo Zuhause. Manchmal fühlt es sich so frei an, und manchmal so schrecklich einsam. Ich weiß es nicht.

Mein Name ist Millie. Millie Blaualge. Irgendwie kitschig, oder? Aber falls jemand versucht, mich mit einer Meerjungfrau zu verwechseln, wird er wohl bald erkennen, dass ich alles andere als lieblich bin.

Ich bin eine Piratin. Naja, ein Piratenkind trifft es wohl besser. Piratenlehrling bin ich aber nicht. Das ist bei uns Profis was ganz anderes. Als Beispiel nehmen wir doch mal Junker. Er ist zwar groß und kräftig, trägt die wildesten Tattoos der Mannschaft, ist trotzdem aber noch einer der Auszubildenden. Und dann nehmen wir mal meine Mutter Marry. Sie ist mittelgroß, mit schulterlangem, schwarzen und stumpfen Haar, und eher zart. Aber sie gehört zu denen, die es richtig draufhaben. Hätte keiner gedacht, oder?

Gut, aber bei mir ist das so eine Sache. Ich bin ein Mädchen, kann klasse knoten und klettern, bin jedoch erst acht Jahre alt. Nun denn, einen Vorteil habe ich: Mein Vater ist der Chef von allen. Als seemännischer Fachbegriff: Kapitän. So schwimme ich zwischen den Vollprofis und der Mittelstufe, manchmal werde ich sogar auf die Anfängerliste gesetzt. Doch Junkers Unheil, kann mich nicht erreichen, denn ich wurde schon als Piratin geboren. Das ist für Leute wie Junker zwar total ungerecht, vielleicht sogar beleidigend (immerhin ist er fast so furchteinflößend wie mein Vater, denn der ist wirklich die Hölle), aber ich kann nichts dafür, was?

Ich habe das Glück, nie eine Piratenausbildung machen zu müssen. Bei der Äquatortaufe wurde ich gerade geboren und keiner wollte mir meine Windeln runterziehen. So wurde ich nie getauft, und ich würde nie so geschmäht werden wie mein Freund Junker. Alles in allem hatte ich es recht gut getroffen. So blieb mir nur das Problem mit der Freundschaft unter gleichjährigen. Nun gut, Freunde hatte ich reichlich, doch keiner war unter neunzehn Jahre alt. Doch es begann sich alles zu verändern, als wir eines grauen und eigentlich alles andere als erfreulichen Tages in den Hafen von St. Celetrin einliefen.

Kapitel 2

Als der kleine und leicht veraltete Hafen in die Sicht der Seeräuber kam, verzogen sie ihre Gesichter zu einer unschönen Grimasse. Papa hatte ihnen zur Aufmunterung der letzten Tage von einer goldgepflasterten Stadt mit Palmen und Perlendächern erzählt, denn die Anreise hatte einige beschwerliche Stürme mit sich gebracht. Doch selbst ich hatte gemerkt, wie dumm es war, an so etwas zu glauben. Die Mannschaft hatte, zur großen Überraschung von Paps und mir, jedoch tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, einmal reich zu sein und nicht mehr arbeiten und schuften zu müssen. Trotzdem halfen sie weiterhin ordentlich mit, als es darum ging die Kalamaris sicher in eine der engen Einbuchtung zu bugsieren.

Als der Anker geworfen war, machten wir uns auf, etwas zu essen zu besorgen. Lahm, müde und hungrig stampften wir die kleinen huckeligen Gassen entlang und Junker hob mich sogar auf seine breiten und muskulösen Schultern. Ich hielt mich an seinen schulterlangen, straßenköterblonden Haaren fest. Auch seine Haut war salzverkrustet und an manchen Stellen viel zu trocken. Wir alle hatten etwas von dem Sturm zu spüren bekommen und sahen auch entsprechend aus: meinem Vater war der Hut weggeflogen, meine Mutter hatte einen tiefen Riss in ihrem T-Shirt und Karle hatte sein Holzbein verloren. Doch es ging uns nicht schlecht als wir an so vielen, reich besuchten Gasthäusern und Restaurants vorbeikamen. Der kleine Augenklappen-Kurle hatte zu seinem Notgroschen gegriffen und auf der Kalamaris gerecht verteilt. Nun durften wir losziehen und uns eine Wirtschaft aussuchen, in die wir wollten.

Am Anfang ging Kurle mit Junker in die erstbeste Kneipe, die sie finden konnten, denn von drinnen klang ein furchtbares Kreischen und Grölen. Bald danach verloren wir Karle, Kurles Zwillingsbruder mit Bertie in einer Bar, auf der Ostseite unseres Ankerplatzes. So wurde die Truppe von hungrigen Piraten immer und immer kleiner, bis nur noch ich übrig blieb. Ich huschte von Laden zu Laden, von Bar zu Bar, von Kneipe zu Kneipe…, bis ich vor einem edel aussehenden Restaurant stehen blieb. Das verschnörkelte Schild an der rechten Außenwand verriet: Dellúre, Französische und heimische Spezialitäten.

2 Kommentare

Tjede bzw. Meggie Folchart am 21. Januar 2018

Vielen Dank!

Lalea05 am 4. Januar 2018

Die Geschichte ist Super! Sehr lebendig geschrieben! Echt toll! LG