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Aryas Mama

Amadil

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Auf zur Insel

Das hier ist eine Geschichte, die meine Mutter einmal geschrieben hat. Sie wollte sie auch an einen Verlag schicken, der die Geschichte allerdings abgelehnt hat. Ich fand die Geschichte sehr schön und würde mich freuen, wenn ihr mir in den Kommis schreibt, wie ihr sie so findet. (das Rezept im könnt ihr auch ausprobieren…)

Ich kann es kaum glauben, aber endlich haben die Sommerferien begonnen. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, ich gehe gerne zur Schule, mag meine Freunde und den Lehrer. In den Ferien jedoch fahren wir immer zu meiner Großmutter ans Meer. Und ich kann mir kaum etwas Schöneres denken, als mein Sommerleben bei ihr auf der kleinen Insel zu verbringen. Mein kleiner Bruder Camill spricht immer von Omas Insel und er freut sich mindestens so sehr wie ich.

Die Fahrt dauert nicht allzu lange, aber in unserem alten grünen Auto ist es sehr heiß. Camill ist neben mir eingedöst, über seinem Gesicht hängen blonde Ringellocken. Mama schaut in die vorbei sausende Landschaft und Papa summt die Melodien, die er daheim immer auf seiner Gitarre übt. Er spielt sogar in einer Band.

Zu Hause sind wir in einer Kräutergärtnerei. Jedenfalls kommt es mir so vor, weil rings um unser Haus überall Töpfe mit Kräutern und Aussaaten stehen.“Hier kommt bei Nacht kein Einbrecher durch“ witzelt mein Papa oft „jedenfalls nicht, ohne sich was zu brechen.“ So viele Kräuter können wir im Sommer ja nicht einfach ewig alleine lassen und ans Meer fahren. „Dann haben wir hinterher nur noch Tee zu verkaufen.“ sagt meine Mama immer. So kommt es, dass unsere Eltern nach ein paar Tagen wieder zurück fahren müssen und wir Omas Inselkinder sind.

Bald sind wir da. Ich liebe schon die Anfahrt. Margeriten und Mohnblumen blühen je näher wir zur Küste kommen. Über eine Straße mit großen Lindenbäumen holpern wir und über eine kleine Brücke, schon sind wir auf Omas Insel. Dann kommt das kleine Dorf. „Gleich sind wir da mein Schatz! Seht ihr schon die Möwen?“ ruft Papa nach hinten. Jetzt rumpeln wir den staubigen Feldweg entlang, rechts und links stehen Weidenbäume und dann kommt schon der Obstgarten, der bis an Omas Gartenzaun reicht.

Vor Freude kann ich nicht mehr still sitzen.“Camill wach auf, wach auf. Wir sind da!“ Ich versuche, ihn nicht allzu unsanft aus dem Schlaf zu rütteln. Er blinzelt mich verständnislos an und als er sieht wo er gelandet ist, breitet sich ein Lächeln über sein Gesicht. Die braunen Augen blitzen vor Freude.

Erst mal raus aus dem Auto und da stehen wir vor der großen Wildrosenhecke, die den Garten zur Straße hin begrenzt. „Schaut euch doch nur diese herrlichen Blüten an!“ ruft Mama ganz begeistert. „Na, das freut dein Gärtnerinnenherz, was Mona?“ fragt mein Papa verschmitzt und drückt ihr einen Kuss auf die Wange.

„Hallo, Kinder. Seid ihr endlich da!“ tönt Omas Stimme von der anderen Seite der Hecke und dann wird die grüne Gartentür aufgerissen und sie steht vor uns. In blauem Kleid und Gartenlatschen, die Haare zum Zopf geflochten.“Herein, herein“ ruft sie und nimmt uns der Reihe nach in die Arme. „Kinder, ihr seht ja so blass aus! Na die Schule, aber wartet nur ab, nach den Ferien…“ -„…sehen sie aus wie Lebkuchenmänner“, ergänzt Papa schmunzelnd.

Bevor wir ins Haus gehen, wandern wir immer zuerst durch den Garten und schauen vom hintersten Teil des Grundstücks zum Meer hinab. Da stehen wir und ich merke wie das Glück in mir aufsteigt wieder hier zu sein. Jetzt beginnt das wahre Sommerleben. Ich kann das Meer riechen.

Neben uns summen Omas Bienen. „Wie viele Völker hast du denn jetzt Oma?“ fragt Camill.“ Drei, mein Lieber, und ich habe auch schon sehr leckeren Frühlingsblütenhonig, auch für euch. Die Bienen waren in diesem Jahr sehr fleißig und das Wetter hat auch gepasst. Die Obstbäume nebenan haben fantastisch geblüht. Ich freue mich jetzt schon auf das ganze Obst im Herbst. Aber bevor der Herbst kommt, gehen wir jetzt ins Haus und trinken was. Ihr müsst ja nach der langen Fahrt ganz durstig sein.“

Oma Rosas Haus ist klein und weiß getüncht. Die Tür und alle Fenster sind blau gestrichen. Gleich hinter der Tür liegt die Küche mit dem großen runden Tisch, auf dem immer ein großer Blumenstrauß steht. Die Blumen wachsen in Omas Garten und sie pflückt sich gerne welche. In dieser Küche füllt sie ihren Honig in Gläser, kocht Marmelade und bäckt zweimal in der Woche Kuchen für das Inselcafé. “Ich muss mich ja nützlich machen, sonst werd‘ ich alt und tüddelig.“ pflegt meine Oma immer zu sagen. Oma Rosa ist für ihre Obstkuchen berühmt und Camill bedauert sehr, dass sie so weit weg wohnt und er so selten davon essen kann.

Neben der Küche liegt ein großer, heller Raum voller Bücher. Das ist der feine Leseraum mit 2 großen grünen, weichen Sesseln und einem sehr großen Fenster. Wenn ich am Fenster stehe kann ich durch den ganzen Garten schauen. Ich sehe die Wiesen und weit hinten auch das Meer. Das ist ein richtiger Raum zum Träumen. Früher hat Oma als Buchhändlerin gearbeitet. Bis heute hat sie keinen Fernseher, weil sie meint, die schönsten Bilder entstehen in ihrem Kopf. Das schönste für uns ist natürlich das Regal mit den Kinderbüchern, aus denen sie uns abends vorliest.

Jetzt sitzen wir um den Küchentisch und essen Melone, trinken Saft und Kaffee. Papa erzählt die Geschichte von meinem ersten Bienenstich: „Luisa du konntest kaum laufen und wolltest die Bienen so genau am Flugloch beobachten, dass eine kleine Imme dich in die Augenbraue gestochen hat. Du hast vielleicht lustig ausgesehen, konntest es aber mit Fassung tragen!“ „Ja und ich habe dir noch gesagt, dass du am nächsten Tag wieder heil bist, die kleine Biene aber nicht“ fügt Mama an „da warst du gleich mehr um die Biene besorgt.“ „Jedenfalls gibt es morgen zum Frühstück frischen Honig und ich gebe euch auch welchen mit nach Hause.“ verspricht Oma und dann plaudern wir über die Insel und unsere Kräuterei und die Schule und über alles was man sich erzählt, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Plötzlich ist es da dieses himmlische Sommergefühl. Ich bin frei und trotzdem gut aufgehoben.

 

Inselkinder

Meine Eltern bleiben noch zwei Tage da. Wir radeln zusammen zum Meer hinab und verbringen die Zeit mit dem Bau riesiger Strandburgen, mit Baden und mit Picknick am Strand, obwohl Mama dagegen ist. Sie mag es nicht, wenn bei jedem Bissen der Sand zwischen ihren Zähnen knirscht. Das ist nur weil Camill nie still sitzt, aber ich finde es trotzdem herrlich, mit Blick auf die Wellen und die Küste zu essen. Dabei die Möwen zu beobachten, die so tollkühn durch die Luft jagen und den Schiffen nachzuschauen

Am Ende dieser zwei Strandtage fahren meine Eltern wieder nach Hause, um unsere Kräuter vor dem Vertrocknen zu bewahren. Im Auto haben sie natürlich auch viele Gläser Honig.

Nun sind wir echte Inselkinder. Die Tage verbringen wir jetzt nicht mehr nur am Strand. Oma kümmert sich um all die Blumen, die sie in ihrem Garten gepflanzt hat. Da wachsen Phlox und Rittersporn, Storchschnabel und Taglilie. Um ihre Bienen kümmert sie sich auch. Wir helfen ihr im Garten, schneiden Kräuter zum Trocknen, gießen die Geranien und Tomaten, fegen die Wege. Bei den Bienen helfen wir lieber nicht. „Es reicht doch, wenn wir beim Honigessen mitmachen“, sagt Camill fröhlich beim Frühstück und streicht sich gleich noch ein Brot.

Oma Rosa malt oft und wenn sie bei den Bienen ist, dürfen wir mit ihren Farben malen. Sie hat Tuschkästen und Farbe in Tuben, die wir auch benutzen dürfen, wenn wir unsere Künstlerkittel anziehen. Manchmal fährt sie auf der Insel umher, um eine Landschaft, das Meer oder Bäume zu malen und da fahren wir einfach mit und malen unsere eigenen Bilder. Im Haus hat sie ihre schönsten Gemälde aufgehängt. Mein Lieblingsbild hängt an der Treppe. Es zeigt das Meer, mit Wellen und Schaumkronen und darüber ganz viel hellblauem Himmel mit tuffigen Wölkchen. Am Rand ist ein Stück einer Mohnblumenwiese zu erkennen und am Strand spielen Kinder. Eben Inselkinder wie wir nun welche sind. Ich habe meine Oma nie gefragt ob wir die Kinder auf ihrem Bild sein sollen. Aber ich stelle es mir vor, denn ob das größere Kind Wuschellocken hat wie ich kann ich nie so genau erkennen. Die Vorstellung mit auf diesem Bild zu sein, ist einfach toll.

Es ist nie langweilig bei Oma Rosa. Wir picknicken unter den Obstbäumen auf dem Nachbargrundstück. Manchmal bitte ich meine Oma, mir die Obstsorten zu nennen, die klingen wie Märchennamen. Da wachsen der Herbstrosenapfel, der Prinzenapfel und sogar ein Pfannkuchenapfel zusammen mit der Pflaume Anna Späth und der Blumenbacher Butterbirne.

Wir backen zusammen Kuchen für das Inselcafé, in dem Oma vor einigen Jahren auch schon mal ihre Gemälde ausgestellt hat. Die Kuchen bringen wir selbst hin, und meistens trinken wir dort Milchschaum und Oma plaudert mit ihren Freundinnen. Die drei Kaffeehaus-Schwestern Heidi, Marianne und Petra lieben Oma Rosas Kuchen. Bei ihnen ist es immer sehr lustig und sie haben sogar eine Spielecke eingerichtet. Während Oma Inselneuigkeiten mit ihnen austauscht, können wir dort spielen oder einfach draußen auf der Wiese unter den riesigen Lindenbäumen herumtollen.

Dann ist es schon Zeit, die schwarzen Johannisbeeren zu ernten und daraus Marmelade zu kochen. Camill steht mit Küchenschürze neben Oma und fragt „Kann ich mal pobieren?“. Pobieren sagt er, weil er noch klein ist, und probieren meint er. An anderen Tagen wandern wir über die Insel, flechten Blumenkränze, liegen im Gras und schauen den Wolken auf ihrem Weg zum Meer nach. Manchmal kommt Herr Bredow, der Besitzer der Obstbaumwiese zu Besuch, oft wenn etwas repariert werden muss und Oma es alleine nicht schafft. „Nur gut, dass es dich gibt Julius. Zu wem sollte ich sonst mit meinem kaputten Fahrrad gehen.“ sagt Oma immer ganz glücklich. Herr Bredow ist ein richtiger Bastler. Er hat einen Bart und Camill findet, er sieht ein bisschen aus wie der Weihnachtsmann. Herr Bredow zwinkert uns immer verschwörerisch zu und er hat uns erlaubt auf seinen Obstbäumen herum zu klettern. Oma darf soviel Obst wie sie nur will für ihre Kuchen nehmen und zu Marmelade verkochen. Dafür bekommt er Honig, Marmelade oder ein Stück Kuchen geschenkt.

 

Unser Gartengeheimnis

In Oma Rosas Garten gibt es außer den Bienen, ihren Blumen und dem Blick zum Meer noch etwas ganz wunderbares und das ist unser Geheimnis. Das muss es auch bleiben. Du wirst es ja für dich behalten und wahrscheinlich auch den Garten nicht finden. In der Nähe der Bienenstöcke wächst ein großer alter Holunder. In diesem alten Holunderbusch zog vor einigen Jahren die kleine Wiesenelfe Amadil ein. Amadil ist ein kleines Elfenmädchen und als ich sie das erste Mal dort sah wusste ich gleich, das ist eine Elfe. Ihre Haare schimmern ein wenig Grün, sie sind lang und oft voller Blütenblätter. Amadil hat Kleider aus Blüten und diese Blüten verwelken nicht, wenn sie sie abzupft. An einigen Tagen trägt sie orange Ringelblumenröckchen, an anderen wieder Rosenblütenkleider oder Hosen aus Sonnenhutblüten. Wir finden, sie sieht immer bezaubernd aus und dabei ist sie kein bisschen eitel „Ach Luisa,“ flötet sie fröhlich „das ist doch von Natur aus so und weil die Blumen mich so aussehen lassen.“

Als Oma uns das erste Mal von ihr erzählte, dachten Camill und ich, sie würde uns eine Geschichte aus einem ihrer vielen Kinderbücher erzählen. Aber wirklich war sie am Abend zu sehen. Sie saß auf einem Ast des Holunders und baumelte mit den Beinen. Amadil ist sehr klein und sie hat Flügelchen, die so durchscheinend sind wie Libellenflügel.

Seit sie vor einigen Jahren bei Oma einzog wachsen die Blumen, die Oma in ihrem Garten gepflanzt hat besser, die Obstbäume tragen mehr Obst, die Bienen sammeln mehr Honig und der schmeckt auch noch viel blumiger. „Amadil, du bringst meine Blumen zum Blühen“ sagt Oma, wenn wir alle zusammen im Garten sitzen „Natürlich, ich bin doch eine Wiesenelfe. Ich mache die Blumen froh, ich spreche mit ihnen und singe ihnen vor.“ „Amadil kannst du denn ihre Sprache sprechen?“ „Und ob ich das kann liebe Lulu.“ so nennt sie mich oft. „Verstehst du auch die Bienen?“ fragt Camill . „Ja kleines Kamillenblümchen, ich kann alle Tiere verstehen und viele auch gesund machen. Leider nicht alle.“

Eines Tages fragte ich sie „Amadil, warum bist du in Omas Garten gezogen. Woher bist du gekommen?“ „Ich hatte ein zu Hause. Ich wohnte in einer Schlehe, die im Frühling himmlisch duftete. Aber eines Tages wurden die Bäume gefällt, die Sträucher gerodet und Maschinen rückten an und verbreiteten einen entsetzlichen Lärm. Der Ort war nicht wiederzuerkennen. Alle Tiere sind geflohen, da bin auch ich fortgegangen. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten, das alles mit ansehen zu müssen. Natürlich kann ich ein wenig zaubern, aber dagegen bin ich machtlos. So wanderte ich einige Zeit umher, bis mich eine Küstenschwalbe auf ihrem Weg zum Meer mitnahm. So bin ich hier angekommen.“ „Und warum können wir dich sehen?“ „Ganz einfach, weil ich es so möchte.“

Amadil zeigt uns Pflanzen und weiß wie sie uns helfen können. Sie weiß, dass Breitwegerichblätter gegen Mückenstiche helfen und dass wir Nachtkerzensamen essen können und man mit Schöllkrautsaft schreiben und malen kann. Manchmal schreibt sie uns Briefe mit Schöllkrauttinte auf Lindenblättern. Dann lese ich „Wir treffen uns nachher auf der Obstwiese. Ich bringe meine Flöte mit. Deine Amadil.“

Morgens sehe ich manchmal zu wie sie die Tropfen von den Frauenmantelblättern in ihre kleine Eicheltasse füllt und trinkt. Ihr Lieblingssommeressen ist Phloxblütensalat. „Ach wie sehr freue ich mich auf die Apfelerntezeit, dann bäckt Rosa immer diesen köstlichen Apfelkuchen mit Honig und den liebe ich so sehr. Besonders gut schmeckt er mir mit den Gravensteiner Äpfeln. Davon kann ich nie genug bekommen.“ Oma bäckt im September extra für die Elfe einen sehr, sehr kleinen Kuchen und Amadil sagt, das sei immer ein Feiertag, der Tag des Elfenapfelkuchens.

„Was machst du eigentlich im Winter?“ habe ich sie einmal gefragt, als wir zusammen mit Camill Ringelblumensamen abzupften. „Ich mache es wie die Bäume und Pflanzen, ich verträume die kalte Zeit, ruhe mich aus, höre auf die leise Musik von Mutter Erde und singe mit.“

Hinter Omas Rosenhecke führt ein Feldweg entlang, auf dem im Sommer oft Urlauber mit dem Rad vorbeifahren. In die Mitte der Hecke hat Oma eine kleine Ausbuchtung geschnitten. Dort steht ein Tisch und darauf Omas Marmeladen Erdbeere, Johannisbeere, Rosenblüte, Stachelbeere. Je länger der Sommer dauert, umso mehr Sorten sind im Angebot und natürlich Honig. Daneben steht ein kleiner Tontopf, in den legen die Leute das Geld. Wie würden sie erst staunen, wenn sie wüssten, dass sie von einer kleinen Elfe beobachtet werden. Für Amadil ist es ein großer Spaß, sie zu beobachten und zu belauschen wie sie darüber beraten, welche Marmelade sie kaufen sollen. Den Leuten, die sie nett findet, schickt sie manchmal Blütenblätter ins Haar.

Besonders schön ist es am Abend. Wir dürfen ganz lange aufbleiben und im Baumhaus spielen. Dieses Baumhaus hat mein Papa für uns in den alten Nussbaum gebaut. Und dort spielen wir zusammen Elfenvolk, Zirkus, Vogelfamilie oder Forscher. Irgendwann ruft Oma „Jetzt müsst ihr aber ins Bett, sonst bin ich am Ende zu müde für die Gutenachtgeschichte oder wollt ihr gar nicht wissen wir es weiter geht?“ „Oh doch das wollen wir!“ rufe ich zurück und da sind wir uns einig. Geschwind klettern wir die Strickleiter hinunter und sausen den Gartenweg entlang zum Haus. Wir huschen gleich ins Bad, denn die Geschichte am Abend wollen wir auf gar keinen Fall verpassen. Wir dürfen immer reihum ein Buch aus dem Regal aussuchen, einmal Amadil, dann Camill, ich und Oma und dann wieder von vorne.

Als wir endlich im Bett liegen, sitzt Amadil auf dem Fensterbrett auf einem kleinen Kissen und hört auch zu. Stell dir vor, meine Oma liest eine Gutenachtgeschichte für zwei Enkelkinder und eine Wiesenelfe vor, ist das nicht großartig? Nach der Geschichte, wenn das Licht schon aus ist und die warme Nachtluft ins Zimmer strömt, spielt Amadil auf ihrer Holunderflöte uns Elfenmelodien vor. Nie schlafe ich besser als auf der Insel.

 

Schlechte Nachrichten

Am Beginn der Sommerferien habe ich das Gefühl, sie werden ewig dauern, aber schon die ersten zwei Wochen vergehen wie im Flug. Die Kaffeehausschwestern besuchen uns alle zwei Tage und holen den Kuchen ab, den Oma für sie bäckt und manchmal bringen wir ihn auch mit dem Handwagen hin. So auch an dem Tag, an dem wir bei unserer Rückkehr Herrn Bredow an Omas Küchentisch finden. Er trinkt gerade seinen Kaffee aus und wirkt an diesem Tag ein wenig bedrückt und auch das lustige Zwinkern, das er uns sonst immer schenkt, fehlt. Sogar Oma macht ein ernstes Gesicht und das passt gar nicht zu den fröhlichen Gesprächen, die die beiden sonst über Garten, kaputte Fahrräder, das Inselleben im Allgemeinen oder Bücher führen. Als wir nun mit am Tisch sitzen, kommt das Gespräch nicht richtig in Gang, das merke ich. Nur Camill plaudert begeistert drauf los, weil er den ganzen Weg hin und zurück mit seinem Laufrad geschafft hat. Herr Bredow nickt anerkennend, verabschiedet sich aber bald und als er mit Oma an der Tür steht, schnappe ich noch ein paar Worte von ihm auf: „…kann man nichts machen, das ist der Lauf der Welt, Rosa. Was sein muss, muss wohl sein. Nimm`s nicht so schwer.“ Oma gibt ihm die Hand und sie verabschieden sich.

Camill ist so kaputt von seiner Laufradtour, dass er an diesem Tag einen Mittagsschlaf hält und ich setze mich zu Oma auf die Gartenbank „Was war denn vorhin mit Herrn Bredow los, der ist doch sonst immer so fröhlich?“ „Ja der Julius ist wohl selbst nicht ganz zufrieden mit seinem Entschluss“ antwortet Oma „Du sprichst in Rätseln Oma, jetzt sag doch mal was eigentlich los ist!“. „Ach Luisa, es macht mich so traurig. Julius hat mir gesagt, dass er nun schon so alt ist und die Arbeit mit dem Obstgarten nicht mehr schafft. Sein Sohn hat mit ihm gesprochen und sie haben beschlossen die Obstwiese an jemanden vom Festland zu verkaufen, der sich dort ein schickes Wochenendhäuschen hin bauen will.“ „Was! Das darf doch nicht wahr sein.“ Ich fiel aus allen Wolken „Oma das kann er doch nicht einfach machen!“

Als wir am Nachmittag mit Camill und Amadil darüber sprachen, war die kleine Elfe so niedergeschlagen, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen „Oh nein, jetzt fällen sie hier auch die Bäume und bauen alles zu!“ Wir konnten sie nicht trösten, dazu waren wir selbst zu traurig.

Am nächsten Tag saßen wir mit den Schwestern vom Inselcafé zusammen und erzählten ihnen von dem bevorstehenden Unglück. „Aber das kann er doch nicht einfach machen!“ empörte sich Petra, „Ihr müsst nochmal mit ihm reden!“ „Die schönen alten Bäume, das ist ja ein Jammer!“ Fügte Marianne traurig hinzu. „Eigentlich brauchst du doch auch das Obst für deine Marmeladen und Kuchen Rosa“, sagte Heidi. „Ja das schon, aber das ist nicht so wichtig. Mir wäre es wichtiger, dass die Bäume stehen bleiben. Vielleicht ist der neue Besitzer nett und lässt sie stehen“ erwiderte Oma.

Wir wussten erstmal alle keinen Rat und unsere ganze Sommerheiterkeit war dahin.

 

Ungebetener Besuch

Einige Tage später hielt am späten Vormittag ein Geländewagen am staubigen Straßenrand und ein elegant gekleideter Herr stieg aus. Er kam in den Garten spaziert und stellte sich vor: „Guten Tag ich bin Wolfram Priebe und bald ihr neuer Nachbar. Ich freue mich sehr endlich so ein abgelegenes Grundstück gefunden zu haben. Und nur 5 Minuten zum Meer mit dem Auto, und auch zum Dorf so nah. Wissen sie, wir planen da was ganz Modernes und meine Frau wünscht sich schon lange einen Pool.“ Er ließ uns gar nicht zu Wort kommen, sondern spazierte zur Gartentür hinaus und auf die Obstbaumwiese „Die Bäume kommen dann alle weg. Ist ja auch lästig im Frühling die vielen Blüten und das grässliche Laub im Herbst, das weht bestimmt auch zu ihnen herüber. Da haben sie ja auch nur Arbeit. Und dann das olle Obst, wo es ja heute so schöne Äpfel zu kaufen gibt, das will ja kein Mensch mehr haben!“.

Jetzt fiel Oma ihm ins Wort „Da bin ich überhaupt nicht ihrer Meinung!“ Ich konnte an ihrer Stimme hören, dass es in ihr kochte. „Als Imkerin schätze ich blühende Obstbäume sehr.“ „Was Bienen, also ich bitte sie, stellen sie die woanders hin! Meine Frau fürchtet sich vor diesen Viechern. Wir wollen ja keinen Ärger!“

Dieser Herr Priebe spazierte noch ein wenig herum , machte Fotos und telefonierte und als er davon brauste, hinterließ er eine wütende Oma Rosa, einen traurigen Camill und eine schluchzende Amadil und in mir sah es auch sehr düster aus. „Oma“, schniefte Camill, „das darf er nicht. Du musst was unternehmen.“ „Ja mein Lieber, wenn ich nur wüsste was. Jetzt gehen wir erstmal ins Haus und ich brate Eierkuchen für alle. Auf den ganzen Schrecken und Ärger muss jetzt ein Trosteierkuchen mit Apfelmus sein.“

Beim dritten Eierkuchen sagte Oma bestimmt: „Nachher gehen wir nochmal ins Dorf, ich muss nochmal mit Julius Bredow sprechen. Der kann doch nicht einfach von heute auf morgen so altern, dass er mit seiner Obstbaumwiese nicht mehr zu recht kommt. Das will mir nicht in den Kopf. Da muss noch mehr dahinterstecken.“

Auf dem Weg ins Dorf machten wir einen kleinen Umweg und brachten einen Blumenstrauß mit. Herr Bredow saß im Garten die Zeitung auf der Nase und hielt ein Schläfchen als wir ankamen. Er war etwas verlegen als ich ihm die Blümchen schenkte „Luisa nu lass mal gut sein“, aber ich konnte doch sehen, dass er sich freute. Dann spielten wir mit seinen beiden Katzen Tinka und Tilly „Fang das Mäuschen“. Oma unterhielt sich währenddessen sehr lange mit ihm.

„Rosa, ich will ganz offen mit dir sein“ sagte er schließlich, „mein Sohn Alfred möchte einen Weinladen in der Stadt eröffnen und ihm fehlt einfach noch ein bisschen Geld. Du weißt doch selbst, dass man alles Mögliche unternimmt, um seinen Kindern unter die Armen zu greifen.“ Er seufzte tief: „Und so habe ich den Entschluss gefasst, das Grundstück zu verkaufen und ihm mit dem Geld zu helfen. Er kommt ja doch nicht mehr auf unsere Insel zurück, was soll ich alter Mann mit dem großen Obstgarten?“

Am Abend als wir schon im Bett lagen und mit der traurigen Amadil über den Besuch bei Herrn Bredow sprachen, hörte ich Oma mit unseren Eltern telefonieren. Ich schnappte die Worte „…ja, aber woher sollen wir denn das Geld nehmen?“ auf.

 

Bilder der Hoffnung

Manchmal denke ich, jetzt ist es doch so schlimm, nun muss es einfach besser werden. Zum Beispiel wenn der Winter schon so lang ist, dass wir gar keine Schneefreude mehr haben und uns nach Frühling sehnen. Irgendwie hatte ich jetzt fast alle Hoffnung aufgegeben. Doch dann kam sie über Nacht zurück. Als ich am nächsten Morgen aufwachte und das Meer in der Ferne rauschen hörte, ahnte ich noch nichts davon. Nur Camill war in der Nacht zu mir ins Bett gekrabbelt und kuschelte sich an mich. Also blieb ich noch ein wenig liegen und dachte über die letzten Tage nach.

Später als sonst kamen wir die Treppe herunter und da schien die Sonne auf das Bild mit den Inselkindern und es sah so schön aus. Irgendwie hatte ich es noch nie so gesehen. Während ich noch darüber nachdachte, goss Oma uns Milch ein, stellte Himbeeren und Honig, Brot und ihre Marmelade auf den Tisch und räumte noch ihre neu gekauften Farbtuben beiseite.

Plötzlich hatte ich eine Idee. „Oma“, begann ich ganz aufgeregt, „du hast doch so viele Bilder oben in deiner Dachkammer. Hast du schon einmal daran gedacht, davon welche zu verkaufen?“ Verblüfft schaute sie mich an. Beim Frühstück sagte sie dann: „Luisa, du bist doch eine Perle. Aber meinst du, jemand möchte mein Gekleckse an der Wand haben?“ „Keine Ahnung, wir können es ja mal versuchen.“ „Ja, du musst es pobieren!“ rief Camill. „Du hast recht mein Schatz, wir probieren es einfach und sollte es tatsächlich klappen und ich bekomme mit dem Verkauf der Bilder genug Geld zusammen, dann kaufen wir die Obstwiese!“

Plötzlich waren wir voller Pläne und hatten viel zu tun. Zuerst telefonierte Oma Rosa mit den Kaffeehausschwestern. Petra war ganz begeistert und schlug vor, eine Ausstellung zur Rettung der alten Obstwiese im Café zu organisieren. Als Nächstes radelten wir noch einmal zu Julius, der uns mit „Na da seid ihr ja schon wieder!“ verwundert begrüßte. Als er uns in Ruhe angehört hatte, sagte er: „Ich weiß ja nicht, ob das alles so funktionieren wird, aber ich glaube, ein weinig warten kann ich noch.“

Zuletzt riefen wir Mama und Papa an, die nun versprachen, von zu Hause aus zu helfen. Sie wollten sich um Einladungen kümmern. Papa hatte die Idee, mit seinen Freunden zusammen Musik zu spielen.

Mit einem Mal sah die Welt ganz anders für uns aus. Jetzt hatten wir Hoffnung und es gab etwas zu tun. Und auch Amadil, die in den letzten Tagen nur in schwarzroten Dahlienblüten zu uns gekommen war, erschien in himmelblauem Glockenblumenkleid und lächelte das erste Mal seit langem.

Mit ihren Elfenaugen hatte sie die Aufgabe, die schönsten Bilder auszusuchen. Camill und ich halfen ihr dabei.

 

Von Bildern und Bäumen

Am vorletzten Wochenende in den Sommerferien sollte dann die große Ausstellung sein. An den Tagen davor waren wir kreuz und quer über die Insel gefahren und hatten Einladungen verteilt, ebenso auf dem Festland.

Unsere Eltern waren angereist. Oma hatte mit Mama und den Café-Schwestern Kuchen gebacken, natürlich auch mit frühen Augustäpfeln von der Obstbaumwiese. Papa übte mit seinen Freunden die Musikstücke, die sie spielen wollten. Amadil saß aufgeregt in ihrem Holunder und beobachtete das Geschehen von dort aus.

Und schließlich war der Tag gekommen und mit ihm viele Besucher. In und um das Café tummelten sich Urlauber und Inselbewohner. Es fühlte sich an wie ein großes Sommerfest. Amadil war natürlich auch gekommen. Sie schaute von der großen Linde aus zu und schickte ab und an Blütenblätter hinab. Und stell dir vor, den Besuchern gefielen die Bilder. All die vielen Bilder, die meine Oma in den vergangenen Jahren gemalt hatte, waren nun ausgestellt und wurden bewundert. Und Oma Rosa selbst natürlich auch und ich war sehr stolz auf sie. Viele Besucher entschieden sich für ein Bild, denn sie „wärmen das Herz und sind Quellen der Freude“ so sagte es Heidi bei der Eröffnung, „außerdem unterstützen sie mit dem Kauf eines der Bilder auch den Erhalt unserer alten Obstbaumwiese“, und das gefiel den Leuten. Oma bekam auch Baumpatenschaften angeboten und fand diese Idee großartig. Die Paten wollten Geld für ihren Baum spenden und dafür das Obst bekommen.

Herr Bredow war mit seinem Sohn Alfred gekommen. Am Abend als die Gäste gegangen waren und Camill schon auf einer Bank schlief, saßen sie noch lange mit Oma Rosa, meinen Eltern und den Schwestern zusammen. Am Ende griff Herr Bredow Omas Hand und sagte „Rosa, das hätte ich nicht für möglich gehalten! Aber um ehrlich zu sein, ist es uns auch viel lieber, du bekommst den Garten und unsere Bäume bleiben stehen. Ich denke, das fehlende Geld für die Eröffnung der Weinladens wird nun auch beisammen sein. Sicher ist es weniger, als wenn wir an Herrn Priebe verkauft hätten, aber das ist mir nicht wichtig. Nur reichen soll es.“ Meine Oma fiel ihm um den Hals und danach auch mir und Camill: „Ohne meine Inselkinder wäre das nicht möglich gewesen. Im nächsten Monat kann ich nun wieder Apfelkuchen backen – auch einen sehr kleinen, gerade groß genug für eine Elfe.“

Mindestens so glücklich wie wir war die kleine Elfe Amadil, denn sie hätte ihr Zuhause verloren. Nun bleiben die wunderschönen Bäume stehen zur Freude der Menschen, Tiere und Elfen.

Falls du einmal auf die Insel kommst und vor einer Rosenhecke mit Marmeladentischchen stehst, dann tritt nur näher. Vielleicht entdeckst du Amadil, ganz sicher schaut sie dir zu und hat ihre Freude dabei.

Oma Rosas Lieblingsapfelkuchen zum Nachbacken

Teig:

120 g Butter

110 g Honig (flüssig)

2 Eier

200 g Weizen- oder Dinkelmehl

150 g Speisestärke

2 gestrichene Teelöffel Backpulver

Füllung:

700 g Äpfel

15 g gehackte Haselnusskerne

15 g Rosinen

Etwas Zimt

1 Päckchen Puddingpulver

Butter mit dem Handrührgerät geschmeidig rühren, Honig unterrühren

Eier nach und nach unterrühren

Mehl, Backpulver, Speisestärke mischen und unter die Ei-, Buttermasse rühren

2/3 des Teigs in eine Form geben, den restlichen Teig zu einer Rolle formen und als Rand um den Teig legen

Äpfel schälen, achteln, entkernen, in dünne Scheiben schneiden, mit Nüssen, Rosinen, Zimt vermischen und auf den Teig geben

35-40 Minuten bei 180°C backen

Pudding nach Anleitung auf der Puddingpackung zubereiten, aber weniger Milch nehmen, so dass der Pudding dicker wird

Nach dem Aufkochen gleich auf dem Kuchen verteilen.

Ein wenig Zimt obenauf stäuben und mit Blüte verzieren (Borretsch oder Ringelblume).

4 Kommentare

Arya am 5. November 2018

Ja, ich fand auch immer, dass Mama gut schreiben kann

Gwin am 4. November 2018

Echt schön. Oh ich bin wirklich drin versunken und hab mir richtig das Haus mit den Kräutern und die Mohnblumen und Magariten vorstellen können

Arya am 31. Oktober 2018

Fünkchen am 30. Oktober 2018

Wirklich schön! Die Geschichte hat so etwas leichtes, sorgloses an sich und macht einem gleich gute Laune...Da wünsche ich ich mir gleich auch so eine Inseloma