Arya, TeresaFünkchen, Katniss, Ayana und Erin

No Name

Kapitel 1 von Arya

Hi Teresafünkchen und alle anderen, die vielleicht Lust zu diesem Geschichtenprojekt hätten. Mir ist noch kein richtiger Name eingefallen, also nenne ich es erst mal "No Name" :) Ich hoffe euch gefällt der Anfang und ihr könnt gut daran weiterschreiben ;)

Es war kalt. Kalt und dunkel. Er schaute sich um, streckte tastend seine Hände nach vorne, um die Größe des Raumes auszuloten. Er machte einen Schritt nach vorne, noch einen, noch einen, noch einen, bis er schließlich an eine ebenso kalte und feuchte Wand stieß. Sie war nass und irgendwie schleimig. ,,Buah", stieß er aus, als er mit seinen nackten Füßen mitten in einen Haufen - was war das überhaupt? - stieg. Es war einfach zu dunkel, er konnte es nicht erkennen. Vielleicht war das auch besser so. Schaudernd wandte er sich ab, wobei er seine Füße am steinigen Boden abrieb. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Seine letzte Erinnerung war, dass er in dieses verflixte Gebäude gegangen war. Er hätte es gleich wissen müssen. Stadtverwaltungsamt, dass er nicht lachte! Jetzt würde ihm bewusst, dass das Gebäude viel zu dreckig und verfallen war, als dass es ein Amt hätte sein können. Aber er war so naiv gewesen, als er den Vorladungsbrief bekommen hatte. ,,Timothy, du bist und bleibst ein Dummkopf!", sagte er zu sich selbst. Dann schob sich noch eine andere Erinnerung in sein Bewusstsein. Der grinsende Mann im Anzug, der ihm einen Becher zuschob. Er hatte gedacht, dass es Wasser war. Da hatte er sich wohl geirrt. Er wusste nicht, warum er nun in diesem finsteren, nassen Kellerloch sitzen musste. Wer könnte denn etwas mit einem armen, mageren 15-Jährigen anfangen? Nun gut, vielleicht war das eine Probe von Mark und seinen Jungs. Timothy konnte die nicht ausstehen, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Und wenn schon, er würde ihnen nicht den Gefallen tun, und flennen wie ein Baby, damit sie ihn herausließen, das würde denen so passen. Nein, einmal in seinem Leben wollte er mal Mut beweisen. Da hörte er plötzlich, wie etwas aus der Dunkelheit auf ihn zukroch.

Kapitel 2 von Teresa Fünkchen

Timothy wich erschrocken zurück. An seinem Rücken spürte er die kalte Kellerwand. Etwas umfasste sein Bein. Timothy schrie auf und versuchte es los zu werden. Es fühlte sich an wie eine Hand und klammerte sich nun wie ein Schraubstock um Timothys Bein. Die Angst schien ihn beinahe zu ersticken. „Wer bist du?“ Die Stimme war rau und klang so kratzig wie Schleifpapier auf Stein. Timothy sog zischend die Luft ein, antwortete aber nicht.

„Seit Ewigkeiten schon... Ewigkeiten. Warum ich? Hunger schon so lange... Wann kommst du? Wann kommst du endlich lang ersehnter Tod? Ich warte schon so lange hier. So unendlich lange.“ Die Stimme ließ Timothy einen Schauer über den Rücken laufen. Das da unten musste ein Mensch sein. Doch wer auch immer es war, schien eher mit sich selbst zu sprechen. Es folgte eine lange Stille, in der Timothy nicht wagte sich zu bewegen.

„AHHHHHHHHHHHHH!!!!! NEIN! Bitte... Bitte.“ Der Schrei hallte so plötzlich durch den dunklen Raum, dass Timothy zusammen zuckte und fast ebenfalls geschrieen hätte. In diesem Schrei war der pure Wahnsinn zu hören gewesen.

Sein Herz pochte wie wild, doch der Griff, der ihn am Fuß umklammert hatte, lockerte sich endlich. Schnell zog er seinen Fuß aus der Hand und rannte in eine andere Richtung davon, die Hände nach vorn gestreckt, damit er nicht irgendwo anstieß.

Es schien sich dort unten der Stimme nach um einen alten Mann zu handeln. Wieder ertönte dieses schleifende Geräusch. Timothy vermutete, dass es entstand wenn der Mann sich über den Boden zog. „Wie bist du hierher gekommen? Haben sie dich auch geholt?“ Die Stimme klang mit einem mal ganz klar. „Wer sind s... sie? Ich... h.. abe keine Ah... Ahnung wo ich hier bin und... wieso.“ Das war alles was Timothy mit zitternder Stimme hervor brachte.

„Ich bin Ondolf. Schon seit einer Ewigkeit harre ich hier. Ich habe seit ich hier bin nichts gegessen, nichts getrunken und überlebe trotzdem. Hunger... So schrecklicher Hunger.“

„Ohhhhh...“ Ein leises Stöhnen entfuhr Ondolf, bevor er begann von neuem zu schreien. Der Wahnsinn hatte ihn zurück geholt. Der kurze Moment der Klarheit war vorüber.

Da hörte Timothy, wie sich Schritte näherten.

Kapitel 3 von Arya

Timothy machte einen erschrockenen Satz nach hinten, wobei er sich die Schulter an der Wand stieß. Er zuckte zurück und stieß gegen Ondolf, welcher ihn am Arm packte und zischte: ,,Nun holen sie uns! Der Tag des jüngsten Gerichts ist da! Schatten verschlingen uns, Feuer werden uns verkohlen und Ratten uns das letzte Fleisch von den Knochen nagen!" Schaudernd riss Timothy seinen Arm aus dem Griff des Wahnsinnigen. Dieser heulte auf und begann um sich zu schlagen. Timothy lief schnell aus der Reichweite der abgemagerten Fäuste und lehnte sich an die feuchte Wand.

Die Schritte kamen näher und Timothy machte sich ganz klein, hoffte, dass man ihn in der Dunkelheit nicht finden würde. Doch plötzlich wurde es auf einen Schlag hell. Ondolf brüllte laut. Timothy konnte es ihm nicht verübeln, denn seine Augen brannten und schmerzten, als ob er Salz hinein gestreut hätte. Als er die Augen langsam und blinzelnd öffnen konnte, hätte er sie am liebsten gleich wieder geschlossen. Sie befanden sich in einem relativ großen Raum, ohne Fenster, dafür aber mit einer dicken Stahltür. Ondolf war ein sehr dürrer, dreckiger, in Lumpen gehüllter Mann, der aussah wie Anfang 80, vermutlich aber noch jünger war. An allen Wänden tropfte es, wodurch sich dort riesige Schimmelteppiche bildeten. Auch den Haufen, in den er vorhin getreten war, sah er nun. Es war irgendein verwesendes Tier, genau konnte man es nicht erkennen. Eine stimme riss ihn aus seinen Beobachtungen und zwang ihn dorthin zu schauen, wo die Tür lag. ,,Glotz nich, komm!", zischte die Stimme. Als Timothy sich umdrehte, sah er ein Mädchen in der Tür stehen. Sie trug zerrissene Armeehosen, einen Kapuzenpulli und, zu Timothys Entsetzen, ein Maschinengewehr. Ondolf stürzte auf den Ausgang zu, doch das Mädchen richtete kaltblütig die Waffe auf ihn. ,,Bleib stehen, Alter, oder ich knall dich ab", sagte sie in einem so gelangweilten Tonfall, dass sich Timothys Eingeweide zusammenzogen. ,,Komm, du Idiot, und steh hier nicht dumm rum!", blaffte sie danach Timothy an. Der tat schleunigst was sie gesagt hatte und lief auf den Ausgang zu. Das Mädchen packte seine Arme, drehte sie auf den Rücken und fixierte das Ganze mit einem dreckigen Schnürsenkel. Dann schubste sie ihn nach draußen, vorbei an einem jungen Mann, der ebenfalls eine Waffe trug und dem Mädchen freundlich zunickte. Als Timothy einmal kurz strauchelte, rammte sie ihm erbarmungslos die Fußspitze in die Wade, so dass dieser aufkeuchte. Ihr hämisches Lachen übertönte sogar Odolfs Schreie, die hier aber scheinbar sowieso niemanden interessierten. ,,Name?", fragte das Mädchen kurz. ,,Tim- Tim- äh Timothy" stammelte er, wobei er schon wieder stolperte. ,,Amelia", sagte sie knapp und zog ihn weiter. ,,Was hast du mit mir vor", fragte Timothy hastig. Sie vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, dann zischte sie schnell: ,,Dich hier rausholen, was sonst?" ,,Warum?", fragte Timothy verwirrt. ,,Die machen hier Tierversuche", antwortete sie leise. ,,Und was ist daran so schlimm?" ,,Sie nehmen keine Tiere dafür. Sie nehmen Menschen. Ich schleuse dich hier raus, weil ich niemandem den Tod in dieser Experimentalküche wünsche!" Und damit zog sie ihn noch energischer weiter.

Kapitel 4 von Katniss

Sie gingen durch einen langen Korridor. Timothy wurde das Gefühl nicht los, dass Amelia und der Junge ihm etwas verschwiegen. Irgendetwas stimmte nicht. Kein Mädchen lief einfach so mit einem Gewehr herum und das war alles andere als legal. Außerdem... woher wussten die beiden denn, dass er hier war?

Plötzlich blieben sie stehen. Ein Gang, welcher mit einer hässlichen, grauen Tapete verziert war, führte links von ihnen zu einem schweren Holzportal.
»Keinen Mucks, sonst knall ich euch ab!«, zischte Amelia.
»Aber...«

Bevor Timothy auch nur ansatzweise seinen Satz beenden konnte, deutete das Mädchen mit dem Gewehr direkt auf sein Gesicht. Timothy schluckte. Dann schlich er den anderen den Gang hinterher.

Der Junge rümpfte die Nase. Es stank widerlich. Die Tapete blätterte von den Wänden ab, der hölzerne Fußboden knarzte und von der Decke ließ sich gelegentlich eine Spinne hinabseilen. Einige schwarz-weiß Bilder, auf denen schreiende Menschen mit aus dem Mund schäumenden Flüssigkeiten oder drei Armen abgebildet waren lenkten besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Es sah fürchterlich aus!
Amelia öffnete das schwere Holzportal und schob Timothy und den Jungen in einen merkwürdigen Raum. Er war groß und hell beleuchtet und roch nicht so modrig. Alle möglichen Apparaturen standen auf kleinen Abstelltischen, daneben Reagenzgläser mit halb vergilbten Aufschriften.

Amelia räusperte sich. »Der Plan sieht folgendermaßen aus: Das hier ist das Labor des Leiters dieser Anstalt. Dort drüben«, sie deutete mit dem Finger an das andere Ende des Raumes. »Dort befindet sich die Tür zum Kühlraum. Da ist ein leicht zu öffnender Eingang zum Luftschacht. Von dort aus kommen wir auf dem kürzesten Weg zum Ausgang. «
Zum ersten Mal lächelte sie. »Wenn wir Glück haben, läuft alles nach Plan... wenn nicht, dann...«

Amelias siegessicheres Lächeln verblasste so schnell wie es gekommen war und sie stolzierte auf den Kühlraum zu - wo bereits eine böse Überraschung wartete.

Kapitel 5 von Teresa Fünkchen

Die Tür zum Kühlraum wurde aufgeschlagen und traf mit einem lauten Plauz an die Wand, ein großer, bärtiger Mann mit Glatze trat mit zwei großen Schritten daraus hervor. Er blieb direkt vor Amelia stehen und starrte sie finster an. „Schau an, schau an. Amelia.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. “Im Kühlraum befindet sich also ein Luftschacht. Interessant.“ Amelia zitterte am ganzen Körper als sie antwortete. „Meister! Ich... kann alles erklären. Es gehört zum Experiment. Hören sie...“ „NICHTS KANNST DU ERKLÄREN!“ , schrie der Mann und packte Amelia bei den Schultern. „Die Gefangenen lässt du frei, du kleine Schlampe! Und glaub ja nicht, dass du mir eine von deinen Lügen auf die Nase binden kannst. Ist das der Dank dafür, dass ich, Leiter dieser Anstalt, dich hier aufgenommen habe? Ist das dein Dank, du Verräterin? Von der Straße aufgesammelt hab ich dich! Aber ich habe dir schon seit langem nicht mehr getraut. Denn es fällt auf, dass in letzter Zeit so viele bei deinen Experimenten gestorben sind.“ Er rüttelte sie durch und schlug sie mitten ins Gesicht. Wieder und wieder.

Timothy zuckte zusammen. Das war die Gelegenheit. Er musste hier raus! Das alles hier war der pure Wahnsinn. Kurz zögerte er. Amelia tat ihm leid, aber er kannte sie gar nicht und sein Leben war ihm im Moment wichtiger. Er drehte sich um und sprintete zu Tür. Seine Hand berührte die Klinke. Kalt und fest unter seiner Hand. „Du bleibst hier junger Mann!“ Timothy war egal was der bärtige Mann sagte. Er wusste nur eins und das war, dass er weg musste. Junger Mann! So nannten ihn seine Eltern immer, wenn er irgendwas verbockt hatte. Timothy drückte die Klinke hinunter, alles schien in Zeitlupe abzulaufen. Verschlossen! Die Tür war verschlossen! Ondolf kam ihm in den Sinn und eine Welle der Panik überrollte ihn, versuchte ihn zu ersticken. Verzweifelt warf er sich gegen die Tür. Einmal. Zweimal. Dreimal. Sie bewegte sich keinen Millimeter. Der Mann lachte schallend. „Denkst du wir sind komplett bescheuert? Diese Tür öffnet sich nicht für jemanden der kein Mitarbeiter hier ist. Und das bist du übrigens auch nicht mehr, Schätzchen.“, sagte er und blickte bei seinem letzten Satz zu Amelia die sich noch benommen von den heftigen Schlägen an eine der dreckigen Wände gelehnt hatte.

Timothy lehnte sich an die Tür. Ihm tat alles weh. Langsam begann er sich in sein Schicksal zu ergeben, was auch immer es für ihn bereit halten würde. „Ich werde dir jetzt zeigen was passiert, wenn einer hier aus der Reihe tanzt, mir nicht gehorcht oder denkt er könne machen was er wolle. Die Stimme des Mannes war gestellt freundlich und sie machte Timothy Angst. „Komm Amelia.“ Er grinste hämisch. Wie ein Wolf. „Nein! Bitte! Das können sie nicht machen!“ ,flehte Amelia. Sie schien zu wissen was folgen würde. Der Mann winkte sie zu sich heran. Zitternd ging sie zu ihm, die Augen geschlossen. Der Mann nahm eine Flasche von dem Tisch neben ihm und hielt sie Amelia hin. „Trink!“ Sein Ton duldete keinen Wiederspruch. Amelia nahm einen Schluck von der dunkelroten Flüssigkeit. Einen Moment herrschte Totenstille im Raum. Dann fing Amelia an zu schreien. Timothy hatte noch nie so einen Schrei gehört. Durchzogen von Qual und Schmerz drang er ihm in Mark und Bein. Amelia brach zusammen und ihr Körper zuckte unkontrolliert. Schaum quoll aus ihrem Mund und sie erinnerte an die Bilder draußen im Gang. Timothy hatte noch nie solche Angst gehabt wie jetzt. Würde das mit ihm auch passieren? Amelias Schreie gingen nach einer Weile in leises Stöhnen über, bis sie schließlich reglos auf dem Boden liegen blieb. „Na? Findest du nicht auch sie hatte es verdient?, fragte der Mann mit einem bösen Lächeln auf den Lippen. Timothy war unfähig etwas zu sagen, der Schreck saß ihm in allen Gliedern. Der Mann holte ein kleines Gerät aus der Tasche und drückte ein paar Tasten. Er pfiff vor sich hin und trat die reglos daliegende Amelia zur Seite.

Timothy war sich schon gar nicht mehr sicher ob er noch wahrgenommen wurde. Am liebsten wäre er zu Amelia gerannt. Nach einer halben Ewigkeit, vielleicht waren es aber auch nur ein paar Minuten wurde die Tür an der er immer noch lehnte aufgestoßen. Er taumelte zur Seite und ein kleiner Mann kam herein, ebenfalls mit Maschinengewehr auf dem Rücken. „Meister!“, sagte er mit einer Verbeugung, „Sie haben gerufen.“ Der Bärtige dreht sich um. „Rex! Da bist du ja. Bring den da zurück in den Kerker.“ Er deutete auf Timothy. Rex trat auf ihn zu und griff nach Timothys Arm, doch dieser wich zurück und versuchte durch die offenstehende Tür zu entkommen. Doch Rex war zu schnell, packte ihn und zog ihn mit sich. Den Weg zurück den sie gekommen waren. Zu den Kerkern. Der Bärtige trat hinter ihnen ebenfalls aus dem Raum und rief Rex hinterher: „Ach ja... Bring mir Ondolf in Raum Nummer 7. Dann schlug er die Tür zu. Amelia ließ er bewusstlos zurück.

Kapitel 6 von Arya

Timothys Gedanken rasten. Oder vielleicht waren sie auch eingefroren, genau wusste er es nicht. ,,Amelia, Hilfe, RAUS!!!", schrie es in seinem Kopf. Er hätte sich gerne die Ohren zugehalten, auch wenn er wusste, dass es nichts genützt hätte, aber der Griff des Mannes war so fest, dass sich nicht einmal seine Fingerspitzen berühren konnten. Er suchte fieberhaft nach einer Lösung dieser Miesere, kam aber einfach auf nichts! Und während sein Kopf ratterte und ratterte, kamen sie mit jeder Biegung des engen Ganges näher an die Verfluchte Kellertür.

Plötzlich kam er auf eine Lösung. Einfach angreifen! Ohne genauer nachzudenken trat er Rex gegen das Schienbein und wollte sich losreißen, bis er direkt in eine Gewehrmündung blickte. In diesem Moment wurde im klar, dass er seine Rechnung ohne das Gewehr gemacht hatte und die ganze Idee Kurzschlusshandlung mit fatalen Folgen war. ,,So so, derr kleeine, kann sirch aso werän", säuselte Rex. Er hatte einen sehr, sehr unangenehmen Akzent, den Timothy leider nicht erkannte. ,,Gutt, dem marchen wirr dorch gleeirch mall ain Endee, niecht?" Er fuchtelte bedeutungsvoll mit dem Gewehr in der Luft herum. ,,Nein, Nein bitte nicht!", stammelte Timothy und wich zurück. ,,Ouh, err kriggt Angnst!", verhöhnte Rex ihn, ,,klainerrr, sußer Angnsthasse! Ound jatzt schluus miet die Teata, koomen wirr zoa Sarche!" Mit einem bösen Grinsen richtete er die Mündung direkt auf Timothys Stirn. Dieser stand stocksteif an der Wand. Er konnte nicht einmal seine Zehenspitzen bewegen, so gelähmt war er. Dann geschah etwas, was er sich niemals hätte träumen lassen.

Amelia , die furchtbar weiß im Gesicht war, taumelte um die Gangecke, und donnerte Rex eine Glasflasche auf den Schädel, wodurch dieser sofort umkippte und die Flasche in Scherben zersprang. Timothy kam sich vor, als wäre er in einem Film. Es war alles so unnecht! Doch dann rief ihn Amelia in die Wirklichkeit zurück. ,,Komm", krächzte sie, ,,Los! Mach! Berühr das Zeug aus der Flasche nicht!" Timothy verzog angeekelt das Gesicht und stieg mit einem großen Schritt über die grünliche Flüssigkeit, die sich durch Blut aus Rex´ Kopfwunde langsam rötlich färbte. Amelia machte den Eindruck, als würde sie im nächsten Moment zusammenklappen und so stützte und zog Timothy sie so gut es ging den Gang entlang. Dass sie sich nicht dagegen wehrte, war das größte Zeichen dafür, dass es ihr wirklich schlecht ging. Sie humpelten so gut es ging wieder zurück zum Labor, auch wenn Timothy sich unglaublich davor fürchtete. Dieses mal gelangten sie ohne Zwischenfälle in den Kühlraum, doch als sie die Tür zu dem kleinen Raum hinter sich schlossen, verlor Timothy jegliche Hoffnung, jemals aus diesem Bunker herauszukommen.

Der Lüftungsschacht war in zwei Metern Höhe in die Wand gebaut, sodass es sogar für einen Gesunden schwierig gewesen wäre, hinaufzukommen. Ein Blick zu Amelia bestätigte seine Vermutungen, denn sie hatte sich auf den Boden fallen gelassen, und schwankte nur noch hin und her. Viel erstaunter war er, als sie sich noch einmal aufraffte, aufstand und mit einer so leiser Stimme, dass Timothy es kaum verstand, wisperte: ,,Räuberleiter.  Du. Jetzt: "Timothy stellte sich wie verlangt hin und drückte sie so gut es ging nach oben zum Schacht. Sie bekam die Öffnung zu fassen und zog sich mit letzter Kraft in den Schacht. ,,Halt dich an Bein fest", flüsterte sie nach unten und streckte Timothy ihr Bein entgegen, vorsichtig sprang er nach oben und versuchte sich so wenig wie möglich an ihrem Bein festzuhalten. Beim dritten Versuch schaffte er es auch nach oben. Amelia zog sich nur noch ganz langsam mit den Händen vorwärts und kippte am Ende des Schachts einfach aus dem Loch. Schnell robbte Timothy zu Kante und war beruhigt, als er sah, dass der Boden nur einen halben Meter unter ihm lag. ,,Amelia!", er kauerte sich neben sie, ,,Bringt dich das Zeug um?" Sie schüttelte schwach den Kopf. ,,Nein", wisperte sie schwach, ,,Nur Schmerzen. Starke Schmerzen. Wir müssen in Wald. Höhle. Neben großem Baum." Damit flatterten ihre Lider und sie wurde wieder Ohnmächtig. ,,Verdammt!", fluchte er und begann sie in den Wald zu ziehen. Er würde diese Höhle finden! Definitiv! Und dann konnte er weitersehen, wie er Amelia wieder gesund bekam!

Kapitel 7 von Katniss

Timothy zerrte Amelia mühsam den Luftschacht entlang. Er hatte keine Ahnung, ob das wirklich die richtige Richtung war. Es kam ihm bereits wie eine Ewigkeit vor, seit er in dieses verdammte Haus gegangen war. Er ließ sich die Ereignisse des Tages noch einmal durch den Kopf gehen…

Plötzlich wurde Timothy aus seinen Gedanken gerissen. Er hörte Stimmen
„Wenn ich die erwische… sie müssen hier noch irgendwo sein… Hey, Rex! Steh mal beim Ausgang wache! Sie dürfen uns nicht entkommen!“
Rex‘ schwere Schritte näherten sich. Der Ausgang müsste also irgendwo hier sein.
„Hast du überprüft ob die Knarre geladen ist?“, grummelte eine Stimme. „Ja, Meister“

Eine Tür fiel ins Schloss. Timothy konnte Rex‘ rauen Atem hören. Er musste nun direkt unter ihnen sein. Timothy dachte nicht einmal über seine Handlung nach - er öffnete das Gitter des Luftschachtes und sprang Rex auf die Schultern.

„Hör-auf! Wenn-ich-dich-in-die-Finger-bekomme!“ Amelia landete halb fallend, halb springend auf dem Boden, packte seine Knie, er taumelte und knallte mit solcher Wucht gegen einen Schrank, dass aus einer Wunde an seinem Ohr massenweise Blut hinausfloss.
„Timothy! Komm, beeil dich!“, rief Amelia. Sie packte Timothy am Arm und zerrte ihn aus dem Gebäude hinaus.

Die frische Luft strömte den beiden entgegen, die Sonne strahlte in ihre Gesichter und das Gefühl frei zu sein war atemberaubend. Amelia deutete auf ein nahe gelegenes Waldstück.
Die Stimme des Mädchens zitterte vor Erschöpfung, als sie sagte: „Da müssen wir hin. Höhle. Sie ist schwer zu finden - aber Eiche...“

Timothy stützte sie auf dem Weg. Er hatte jeden Moment Angst, sie könne zusammenbrechen. Die Bäume wurden immer dichter. Es gab überall Bäume. Und überall könnte diese Höhle sein. Doch ein Baum stach besonders hervor. Es war eine alte Eiche, wessen Zweige riesige Schatten auf eine Lichtung warf.

„Ist hier irgendwo die - Ahhh!“ Mit einem lauten Schrei stürzte Timothy in ein modrig riechendes Erdloch. Von der Decke hingen Wurzeln hinunter und an der linken Seite war eine alte Tür eingebaut. Timothy fasste nach der Klinke und drückte sie runter. Mit einem lauten Quietschen sprang die Tür auf und sie traten in einen dämmrigen Raum.

Amelia ließ sich auf ein altes Sofa fallen. Besorgt runzelte sie die Stirn. „In Schublade vierzehn ist ein kleines Fläschchen mit der Aufschrift »Essentia algae«“ Timothy sah sich im Raum um. An der linken Wand stand ein großer Schrank mit kleinen, nummerierten Schubladen. Panisch zählte Timothy nach.

Da - er hatte sie gefunden! Er drehte den Deckel auf und reichte Amelia das Fläschchen. Das Mädchen trank alles in einem Zug aus und lächelte dankbar. Timothy setzte sich auf einen der modrigen Sessel und richtete seinen Blick auf einen hübschen Schreibtisch. Er sah sehr alt aus und war mit Efeuranken verziert. Und nach und nach fielen Timothy die Augen zu.

Kapitel 8 von Teresa Fünkchen

Er rannte durch einen dunklen Flur. Hinter ihm war jemand. Irgendjemand, er wusste bloß nicht wer. Er rannte schneller und schneller, spürte wie ihm die Brust zu zerreißen drohte. Er rannte schon so lange. Da. Vor ihm eine Tür. Er drückte die Klinke hinunter und rannte in den Raum. Am liebsten wäre er sofort wieder hinaus gelaufen. Es war das Labor. Dieser schreckliche Ort mit den tausenden Flächen und dem Lüftungsschacht. Der Leiter der Anstalt stand dort, mitten im Raum. Ondolf war vor ihn auf einen Stuhl gekettet und schrie wie am Spieß. Doch es war nicht sein eigener Schrei, sondern der von Amelia. Der Leiter drehte sich um und lächelte. „Da bist du ja. Ich habe nur auf dich gewartet!“ Er wich zurück, bis er die kalte Tür durch die er gekommen war im Rücken spürte. Der Leiter kam auf ihn zu, immer näher. Ondolf schrie weiter, mit der Stimme von Amelia und der Schrei vermischte sich mit seinem eigenen als der Leiter nur noch Zentimeter von ihm entfernt war und ihm ein Flächen an die Lippen presste...

Timothy schlug die Augen auf und der Schrei verstummte. Ein Traum. Es war nur ein Traum gewesen. Alles nur ein Traum, Timothy. Er war schweißgebadet, als er sich in seinem Sessel aufrichtete. Wo war er überhaupt? Sein Kopf dröhnte und er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Timothy sah einen Schrank mit Flaschen, ein zerfressenes Sofa, erdige Wände und einen Schreibtisch. Der Schreibtisch regte etwas in seinem Gehirn. Langsam machte es: „Klick“. Und alles kam in seine Erinnerung zurück. Die Flucht, Amelias Höhle,... Aber wo war Amelia? Timothy sah sich um und sein Blick fiel auf eine unscheinbare, kleine Tür. Sie war in eine hintere Wand eingelassen. Aber es war nicht die Tür durch die Amelia und er hier hinein gekommen waren. Die war viel größer und lag hinter ihm. Timothy sah sich kurz um. Amelia war sowieso nicht da und bis sie zurück kam... Er ging auf die Tür zu und schaute sie sich an. Eine Klinke gab es nicht. Er drückte dagegen, sie klemmte leicht. Er drückte noch fester und gab der Tür einen Schubs mit dem Hinterteil. Mit einem leisen „Klack“ öffnete sie sich gerade so weit, dass Timothy hindurch schlüpfen konnte. Es war ein kleiner, stickiger, runder Raum. Eigentlich war er leer, bis auf ein hölzernes Regal und einem kleinen, wackeligen Tisch in einer Ecke. Auf dem Tisch lagen abgebrochene Kerzenstummel und im Regal waren ein paar noch unbenutzte Kerzen und Streichhölzer. Außerdem standen im Regal ein paar Bücher und eine Flöte. Auf dem Tisch lag außer den Kerzen noch ein abgegriffenes Notizheft. Es kam kein Licht von irgendwoher, die einzige Lichtquelle war der Spalt an der Tür. Durch die Dunkelheit konnte er alles nur schemenhaft erkennen. Timothy nahm sich die Streichhölzer und zündete einen der Kerzenstummel an. Er wollte nicht Amelias Vorräte verringern. Er griff nach dem Notizheft und schlug es auf. Es war dicht beschrieben, mit etwas krakeligen Druckbuchstaben. Er begann zu lesen.

Dienstag, 23.März

Endlich, habe ich es geschafft hierher zu kommen. Es gab einfach keine ruhige Minute. Es gibt 3 Neuzugänge und der Meister lässt mich kaum in Ruhe. Aber er sorgt für mich und ich helfe ihm gerne. Wie viel schlimmer war mein Leben doch früher! Er hat mich gerettet und aufgenommen, ich bin ihm so dankbar. Er hat gesagt, wenn ich meine Sache weiter so gut mache, lässt er mich vielleicht sogar alleine Experimente machen. Ich habe heute meine erste Essenz selber gemischt und an dem einen ausprobiert. Jetzt wo die neuen da sind und nicht nur Ondolf. Ich weiß nicht aber er tut mir leid. Das sollte er nicht aber irgendwie ist er nun schon so lange hier und nur die Flüssigkeiten halten ihn am Leben. Dabei klagt er immer über so schrecklichen Hunger. Aber Mitgefühl ist nicht gut. Ich sollte aufhören damit. Ich habe zwar in der Anstalt mein Zimmer, aber ich schlafe viel lieber hier. Bloß, darf es der Meister nicht wissen. Sonst wird er wütend. Sehr wütend. Er denkt ich schlafe, aber heute werde ich hier übernachten. Ich muss nur aufpassen, dass ich Morgen früh genug wieder in der Anstalt bin. Niemand darf etwas merken! Gute Nacht!

Timothy blickte auf. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Das hier war ein Tagebuch. Das Tagebuch von Amelia. Es kam ihm falsch vor es zu lesen. Aber er konnte nicht anders. Er blätterte weiter, bis zu einem späteren Eintrag.

Samstag, 6. Mai

Ich habe etwas schreckliches getan! Gott möge es mir verzeihen! Es ist so furchtbar, dass ich es kaum hier rein schreiben will. Ich habe einen der Gefangenen freigelassen. Ich habe einen Lüftungsschacht entdeckt. Im Kühlraum. Schon vor Wochen. Man kann raus aus der Anstalt und ist fast am Wald. Ich wusste nicht was ich davon halten sollte aber dann war da dieser eine Gefangene. Er hat so viel gejammert und ich weiß nicht wieso es mir etwas ausgemacht hat, wo Ondolf doch so viel mehr jammert, aber ich habe ihm nach einem meiner Experimente durch den Lüftungsschacht nach draußen gelassen. Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt überleben konnte, so geschwächt wie er war. Vielleicht habe ich es getan, weil er mich an meinen Vater erinnert. Wo ich den doch schon nicht retten konnte, vielleicht musste ich dann den Gefangenen retten. Ich habe meinen Meister verraten! Ich hoffe er wird es nicht merken, ich habe ihm gesagt, er sei bei meinem Experiment gestorben.

Timothy schauderte es. Wie hatte Amelia nur solche Sympathie für dieses Monstrum empfinden können? Das war ihm ein Rätsel. Aber jetzt schien es ja nicht mehr so zu sein. Zum Glück. Er schlug noch etwas weiter hinten auf. Es war der letzte Eintrag. Erst ein paar Wochen alt. Danach kam nichts mehr.

Donnerstag, 10. August

Heute habe ich mich hierher geflüchtet, weil der Zorn vom Leiter so groß ist. Ich kann ihn einfach nicht mehr Meister nennen. Zumindest nicht, wenn er nicht dabei ist. Er ist so ein Ekel. Ein gemeiner Schuft. Ein Idiot. Obwohl ein Idiot ist er nicht, denn schlau ist er auf jeden Fall. Leider. Ich habe 3 von den 5 Neulingen rausgebracht und hier versorgt. Es macht ihn wahnsinnig, dass schon wieder so viele bei meinen Experimenten „gestorben“ sind. Ich glaube er ahnt etwas. Die anderen 2 kann ich erst später rauslassen. Ich muss wirklich vorsichtiger sein. Ich kann es mir nicht leisten, dass er merkt was ich treibe. Ich will weg von diesem ekelhaften Ort. Aber was würden die Gefangenen machen wenn ich mich aus dem Staub machen würde? Das ich begriffen habe wie schlimm es ist, was sie machen und nun den Opfern helfen kann ist das einzige was meinem Leben noch Sinn gibt. Früher war es das Experimente machen und dem Leiter dienen, jetzt ist es Gefangene befreien. Er hat gesagt wenn das so weiter geht, lässt er mich keine Experimente mehr alleine machen. Das kann ich auf keinen Fall riskieren. Dann wäre alles vorbei. Aber ich weiß nicht ob...

Der Rest war unleserlich. Timothy wollte gerade das Buch zurück auf den Tisch legen als Amelia durch den Spalt der Tür schlüpfte und ihm mit vor Zorn verzerrtem Gesicht das Buch aus der Hand riss. Ihre Augen waren aufgerissen und Wut stand so offensichtlich darin, dass Timothy zurück zuckte. Die Wut richtete sich voll auf ihn. „Wie kannst du nur??? Ich bringe dich her, rette dich von dort...“ Ihre Hand zeigte in eine unbestimmte Richtung. „Und das ist dein Dank dafür. Du durchstöberst erst mal meine privaten Sachen. Ja, das ist PRIVAT! Auch wenn man sich das bei einem TAGEBUCH natürlich überhaupt nicht denken kann!“ Ihre Worte trieften vor Sarkasmus. „Du hast in diesem Raum nichts zu suchen. Und du brauchst ja nicht zu denken, nur wenn ich nicht da bin kannst du hier machen was du willst.“ Sie klopfte zur Untermalung ihrer Worte auf den Tisch und funkelte Timothy zornig an. Fast sah es so aus als würde sie ihn schlagen wollen. „Ich... Es tut mir leid. Aber woher sollte ich denn wissen, dass dieser Raum hier privat ist. Du musst schon aufpassen wo du Sachen hinlegst, die niemand sehen soll. Das Tagebuch lag hier einfach auf dem Tisch.“ Timothy versuchte krampfhaft sich zu verteidigen. Amelia sah ihn kalt an. „Du kannst aufhören dich rauszureden. Spar es dir! Und jetzt raus hier!“, zischte sie und wies zur Tür. Timothy machte das er fort kam. Als er die Tür aufstieß und in den Hauptraum trat, wusste er das er einen Fehler begangen hatte. Er hatte Amelias Vertrauen missbraucht.

Kapitel 9 von Ayana

Amelia stand vor dem Tisch und hielt das Buch in ihren zitternden Händen. Sie kochte vor Wut. Was erlaubte dieser Junge sich? Hatte sie wirklich so danebengelegen mit ihrem Eindruck von ihm? Wie konnte ein Mensch so ungehobelt sein, in den Geheimnissen anderer herumzuschnüffeln? Gleichzeitig verfluchte Amelia sich selbst für ihr Verhalten. Sie hätte Timothy nicht vertrauen dürfen! Er war ein Fremder, sie wusste nichts über seine Vergangenheit oder seinen Charakter.

Wie viel hatte er gelesen? Bei dem Gedanken, dass er etwas von Sam erfahren haben könnte, wurde ihr übel. Diese Geschichte lag hinter ihr. Niemand sollte je davon erfahren.

Amelia atmete tief durch und legte das Tagebuch zurück an seinen Platz. Obwohl sie noch immer stinksauer auf ihren Gast war, beruhigte sie sich allmählich. Vielleicht hatte Timothy gar nichts gelesen. Schlagartig wurde Amelia klar, dass ihr Wutausbruch ein Fehler war. Sie hatte ihre kühle, gefasste Fassade abgelegt und Schwäche gezeigt.

Plötzlich hörte sie Timothy fluchen. Eilig lief sie zur Tür und trat hindurch. Timothy stand am Eingang der Höhle und versuchte, an der Erdwand hinaufzuklettern.

„Wage es ja nicht, abzuhauen!“, herrschte Amelia ihn an. „Wir wollen ja nicht, dass dich jemand findet, weil du einfach so im Wald herumstehst.“ Timothy blickte sie an. „Danke für den Ratschlag, aber ich wollte nur mal frische Luft schnappen.“ Na super, dachte Amelia. Ein Feigling ist er also auch noch. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Timothy auch wirklich da blieb, ging sie zu einem kleinen, rostigen Eimer und nahm den Hasen heraus, den sie während ihrer Abwesenheit im Wald erlegt hatte. Während der Junge, wegen dem sie aus der Anstalt flüchten musste, in ihren Sachen herumgeschnüffelt hatte. Amelia lachte bitter auf. Aber er hatte ihr durch seine Hilfe immerhin die Flucht ermöglicht. Außerdem wäre es auch ohne Timothy nur eine Frage der Zeit gewesen, bis man sie gestellt hätte. Es grenzte bereits an ein Wunder, dass sie über ein halbes Jahr so viele Gefangene hatte befreien können.

Seufzend strich Amelia sich ihre kurzen Haare hinter die Ohren und begann, den Hasen zuzubereiten. Sie bemerkte, dass Timothy sie, immer noch unschlüssig im Raum herumstehend, anstarrte. „In der rechten Ecke steht neben der Waschschüssel ein Kanister mit Wasser“, sagte sie, ohne sich ihm zuzuwenden. „Ich glaube, du hast es nötig.“ Wortlos ging Timothy dorthin und wusch sich Gesicht und Hände. Danach sprach er leise zu Amelia: „Es tut mir wirklich leid, was ich gemacht habe. Ich habe nicht nachgedacht. Ich...“, er schluckte. „Ich habe mich echt danebenbenommen.“

„Schon gut. Rumstehen und Entschuldigungen machen es auch nicht besser. Schaff lieber mal das hier nach draußen“, entgegnete Amelia in einem sanfteren Ton als beabsichtigt und drückte ihm den alten Eimer mitsamt Feuerzeug, Kräutern und dem ausgenommenen Hasen in die Hand.

Die nächste Stunde brachten die beiden damit zu, das Fleisch über einem kleinen Feuer im Eingangsbereich zu braten. Das Entfachen des Feuers dauerte länger als gewöhnlich, da die Schmerzen in Amelias Körper noch nicht vollends abgeklungen waren. Die Essentia algae wirkte zwar gegen die meisten Wirkstoffe des Gifts, bei schnellen oder abrupten Bewegungen brannten Amelias Muskeln dennoch wie das Feuer, das inzwischen vor ihr loderte.

Als das Essen fertig war, erhitzte das Mädchen etwas Wasser, kochte daraus Tee und mischte einige Heilkräuter dazu. Timothy war zwar sehr viel glimpflicher davongekommen als die meisten Männer, Frauen und Jugendlichen, die in dieser Höhle schon versorgt worden waren; aber Amelia wusste nicht, ob er sich im Kellerloch oder bei der Flucht nicht doch verletzt hatte.

Schweigend aßen sie kurz darauf – Amelia in ihrem Sessel, Timothy auf dem Boden. Amelia betrachtete den Jungen. Seine Kleidung war alt und schmutzig, er selbst mager. Folglich schien er aus einem der Armenviertel zu kommen. War er eines der vielen Kinder, die von ihren Eltern ans Labor verkauft wurden? Oder hatte man ihn auf der Straße aufgegabelt? Amelia war nie recht dahintergekommen, wie die Anstalt zu ihren „Patienten“ kam. Irgendwie mussten sie ja auch aus der Stadt in dieses entlegene Grundstück gebracht werden. Schaudernd stellte Amelia fest, dass sie es auch nie erfahren würde. Sie konnte nicht mehr zurück. Die Tierversuche waren nun ein weiteres grausames Kapitel ihrer Vergangenheit.

Kapitel 10 von Arya

Timothy starrte in das heruntergebrannte Feuer, dessen Rauch sich wabernd in der Höhle ausbreitete. Amelia hatte zwar die Klappe offengelassen, doch viel gebracht hatte es nicht. Timothy war immer noch sehr zerknirscht und wusste, dass er das Tagebuch nicht hätte lesen sollen. "Du bist und bleibst ein Dummkopf!", schalt er sich selbst.

Amelia riss ihn aus seinen Gedanken. "Willst du noch was?", sie schaute ihn grimmig an und hielt ihm die Pfanne hin. "Nein, aber danke", er lächelte sie vorsichtig an und ging sich eine Decke vom Stapel neben seinem Schlafplatz holen. Als er zurück kam, starrte Amelia immer noch grimmig in den Rauch.

"Amelia, die Sache tut mir echt Leid. Es war nur... Ich wusste ja gar nichts über dich! Ich hatte keine Ahnung, wer du bist, nur deinen Namen! Die Befreiungsaktion hätte auch einfach Teil eines Plans sein können, um herauszufinden, ob ich schnell genug, oder so bin. Ich wollte wissen, ob ich dir vertrauen kann!" Timothy wusste, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er war eigentlich einfach nur neugierig gewesen. Auf Amelias Stirn zeigten sich tiefe Falten. "Und das ist es wert, mein Vertrauen aufs Spiel zu setzen? Das Wissen, dass du mir vertrauen kannst, dagegen, dass ich dir nicht mehr vertraue?" "Amelia, es tut mir wirklich leid. Aber ich weiß jetzt, dass ich dir vertrauen kann, und das werde ich auch tun. Aus dem, was ich gelesen habe, habe ich nur entnommen, dass du nun ein guter Mensch bist. Was du vorher warst, ist mir egal, jetzt bist du nicht mehr so!"

Amelias Züge entspannten sich etwas. Timothy wusste nicht recht, was er von ihr halten sollte. Irgendwie war sie hübsch, klug und nett, andererseits war sie grimmig, still und aufbrausend. Aber er hatte für sie ein Gefühl, welches er noch nicht ganz definieren konnte. Liebe war es bestimmt nicht, eher so etwas, wie einfache Zuneigung. Er mochte sie einfach irgendwie.

"Du weißt nun einige Details meines Lebens, ich will gar nicht wissen was, aber du weißt ein paar Sachen. Mir geht es aber nicht anders, als dir vorher. Ich habe auch nur einen Namen von dir. Sonst nur dein Alter und deine Belastbarkeitsskala." "Meine was?" "Deine Belastbarkeitsskala. Die Leute von der Anstalt errechnen aus deiner Größe, deiner Herzfrequenz und dem Blutdruck, wie viel du aushältst, ohne draufzugehen. Natürlich spielen auch Muskeln eine Rolle, aber die kann man schlecht berechnen. Wie auch immer, ist jetzt egal. Fest steht: Du weißt Dinge über mich, wegen denen du mir jetzt vertraust. Aber ich weiß nichts über dich. Wenn du mein Vertrauen haben willst, musst du mir auch einige Details erzählen. Wer du bist. Und vor allen Dingen, wie du in die Anstalt geraten bist." Sie beendete ihren Monolog und sah Timothy erwartungsvoll an. Dieser räusperte sich. Er wusste nicht genau, was er ihr sagen sollte. Dass sie in einer winzigen Sozialwohnung gelabt hatten? Wahrscheinlich schon.

Timothy räusperte sich abermals. "Okay, da ich dir vertraue, erzähle ich dir mein mistiges Leben." Er grinste schief. "Aber könnte ich vielleicht vorher doch noch was zu essen haben? Ich finde, dann erzählt es sich besser." Amelia reichte ihm wortlos die Pfanne. Als er nach dem zerkratzten Pfannenstiel griff, berührte er versehentlich Amelias Finger. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Herrje, er musste sich zusammenreißen! Verliebte er sich etwas doch gerade in dieses Mädchen?! Schnell und mit heißen Ohren zog er die Pfanne zu sich herüber. Es duftete herrlich nach Kräutern, Öl und gebratenem Kaninchen. Timothy steckte sich einen Bissen in den Mund und begann zu erzählen.

"Ich fange mal damit an, wo ich herkommen. Also... Wir wohnen schon immer in einer Sozialwohnung in einem Neubaublock. Die Zimmer sind winzig, das Treppenhaus ist dreckig, und warmes Wasser bekommt man nur, wenn das Mist-Ding von einem Durchlauferhitzer einen guten Tag hat. Wir wohnen im achten Stock, unter uns eine Familie mit fünf Kindern. Es ist immer laut und der Vater raucht wie blöd. Der Rauch zieht immer von deren Balkon zu unserem hoch, also gibt es so gut wie nie frische Luft." "Wer ist wir?", unterbrach Amelia seine Erzählung. "Ich und mein Vater. Meine Mutter ist abgehauen, als ich sieben war. Sie hat mir nichts beigebracht, mein Vater war mir schon immer wichtiger. Er findet bloß schon ewig keine Arbeit, dass ist alles. Er sagt mir immer: "Timothy, mach was ordentliches aus dir!" Ich habe mir Mühe gegeben, war gut in der Schule... Dann habe ich einen Ferienjob gesucht und ein paar Sachen, wo man besser bezahlt wird, angeschrieben. Eines Morgens fand ich den Brief im Kasten. Darin stand, ich habe einen Termin beim Stadtverwaltungsamt, wegen des Aushilfejobs. Das Gebäude, wo ich hin sollte, war total renovierungsbedürftig, aber ich hab mir nichts dabei gedacht. Dort hatte ich eine Art Vorstellungsgespräch, der Typ hat mir was zu trinken gebracht, ich hab's getrunken und die letzte Erinnerung vor dem Keller, ist sein grinsendes Gesicht."

"Gut. Ein Rätsel wäre schon mal gelöst." Sie seufzte und strich sich eine kurze Strähne hinters Ohr. Amelia zögerte, dann sprach sie weiter. "Und es besteht nicht die Möglichkeit, dass dein Vater das geplant, und damit Geld gemacht hat?" Timothys Gesicht verzog sich. "Niemals! Er hat mir immer geholfen, war nie böse auf mich! Naja, einmal, als ich acht war, und seine Uhr vom Balkon geworfen habe..." Fahrig strich er sich durchs Haar. "Er würde so etwas auf jeden Fall nie tun!" "Schon gut. Es gab nur mal ein Gerücht, dass manche Eltern ihre Kinder verkauft haben. Sie stand auf und trat das Restfeuer gründlich aus. "Ich gehe die Klappe zu machen und tarnen!", rief sie noch über die Schulter, als sie nach oben kletterte.

Zwei Minuten später landetet sie wieder neben Timothy. "Alles dicht, so leicht findet uns keiner mehr!", grinste sie und ließ sich auf die Decken fallen. Timothy grinste zaghaft zurück. Dann nahm er all seinen Mut zusammen. "Bist du jetzt noch böse auf mich?" "Naja", sie runzelte die Stirn. "Es ist nicht schön, dass du in meinen Sachen herum geschnüffelt hast. Allerdings hätte ich vermutlich genauso gehandelt:" Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ich bin immer noch ein wenig böse, aber ich weiß, dass du es nur aus Neugier und ohne böse Absicht getan hast und vertraue dir trotzdem. Lass uns nun schlafen, morgen müssen wir überlegen, wie wir aus diesem verdammten Wald herauskommen und wohin wir dann gehen. Sie nahm sich noch eine weitere Decke und pustete die wenigen Kerzen, die noch den Raum erhellten, aus. Timothy stolperte im Stockfinstern zu seiner Schlafecke hinüber, kuschelte sich in die Decken und schlief fast augenblicklich ein. Sein letzter Gedanke war, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass er so müde war, und dass Amelia tatsächlich auch mal sehr nett sein konnte.

Kapitel 11 von Erin

Rex wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen. So wütend wie jetzt hatte er seinen Meister noch nie erlebt. Vor Zorn war die wenige noch sichtbare Haut auf den bärtigen Wangen puterrot angelaufen, sein Atem ging stoßweise und flach. Als er sprach, war seine Stimme ein einziges, bedrohliches Zischen. „Was soll das heißen, ihr habt sie nicht gefunden!?“ Mit zu Schlitzen verengten Augen starrte er Rex an.

Dieser war sich kurz nicht sicher, ob das eine retorische Frage war, aber antwortete schließlich nach längerem Schweigen darauf: „Sie ... Sie ist weg. Wir haben wirklich überall gesucht, aber durch diesen Schacht im Kühlraum müssen sie und der Gefangene entkommen sein.“

„Das weiß ich auch!“, blaffte sein Meister und stieß ihm den Zeigefinger in die Brust. „Du solltest mir jetzt lieber sagen, warum zur Hölle ihr sie nicht gefunden habt, obwohl ich sagte, ihr solltet im Umkreis von drei Meilen alles absuchen!“

Darauf hatte er keine Antwort parat und fühlte sich sichtlich unwohl unter dem stechenden Blick. „Es tut mir leid, ich werde noch einmal nachschauen, ob unsere Suchtrupps nicht doch etwas übersehen haben“, versprach er eilig.

„Das will ich dir aber auch geraten haben, sonst muss ich wohl die Sache etwas beschleunigen.“ Die kurze Drehung seines Kopfes zum Regal mit den Flaschen für die Experimente sagte alles.

„Das ist nicht nötig!“, bekräftigte Rex schnell und drehte sich um, um den Raum zu verlassen. Über seine Schulter warf er noch einen vorsichtigen Blick zurück und rannte dann los, bemüht, Amelia zu finden, koste es, was es wolle.

„Ihr beiden!“ Rex deutete im Vorbeilaufen auf eine blonde, hagere Frau und einen Bullen von einem Mann, die gemeinsam an einem Tisch standen und eine grünliche Flüssigkeit in ein Gefäß gossen, welches darauf abgestellt war. „Das Experiment kann warten, der Meister möchte, dass mich zwei mit nach draußen begleiten.“

„Und das sollen ausgerechnet wir sein?“ Die Hagere schien nicht wirklich begeistert von dem Vorschlag, folgte ihm aber trotzdem. Zu dritt hetzten sie durch die verwinkelten Gänge des Gebäudes. Für die Gefangenen war die Flucht hieraus so gut wie unmöglich, es sei denn, man hatte Hilfe von jemandem, der sich in den hunderten von Fluren auskannte. „Wie zum Beispiel Miststück Amelia“, dachte Rex und verspürte so eine Wut und einen Ekel über den Verrat des Mädchens, dass er seine beiden Begleiter zu noch größerer Eile zwang, um sie so schnell wie möglich wiederzufinden.

Er mahlte sich in Gedanken aus, was er mit ihr tun würde, während seine Füße über den modrigen Boden flogen. Der üble Geruch und die Geräusche kleiner Tierchen taten ihr Übriges, um in seiner Fantasie grässliche Bilder einer gequälten Amelia entstehen zu lassen, und auf seine Lippen schlich sich ein feines Grinsen. Er war einmal gescheitert, aber jetzt würde er sie entdecken, selbst wenn er Stunden im Wald herumirrte. Er hatte einen günstigen Zeitpunkt abgepasst, jetzt würden sie und der Gefangene, der nun genau genommen gar kein Gefangener mehr war, sicher schlafen. Sollte er sie vor Sonnenaufgang finden, hatte er gute Chancen, beide zu übertölpeln und mithilfe der beiden Anderen mitzunehmen. 

Mittlerweile waren die drei in einer Sackgasse angekommen. Raue Steine und Spinnenweben waren hier noch das Interessanteste, was es zu sehen gab, doch Rex zog einen dieser grauen Ziegel, in den ein rostiger Nagel gehauen war, aus der Wand und offenbarte somit dahinter eine metallene Türklinke. Als er sie hinunterdrückte, schwang ein etwa einen Meter hohes und genauso breites Steinfeld zur Seite. Dahinter quollen die Strahlen der Sonne, die in wenigen Minuten ihren tiefsten Stand erreichen würde, in den Gang und blendete ihn, sodass er mehrmals blinzeln musste, bevor sich seine Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten. Währenddessen war der Bullige schon hinausgetreten und warf einen giftigen Blick zurück über seine Schulter. „Rex, Mayrin, kommt! Ich will das hinter mich bringen, so schnell es geht.“

Rex nickte zustimmend und bückte sich tief hinunter, um durch die Öffnung im Gestein zu passen. Er folgte dem Mann in das Licht, dass in Sekundenschnelle seine Haut angenehm wärmte. Mayrin, die Hagere, ging neben ihm her und blieb noch kurz stehen, um das steinerne Portal zu schließen. Mit der Sonne im Rücken rannten sie nach Westen, in die Richtung, wo der Wald lag.

***

Waren seine Schritte vorher voller Tatendrang und Elan gewesen, so schlich Rex nun erschöpft und gefrustet durch den Wald. Nichts! Einfach gar nichts hatten sie finden können, und das, obwohl sie bereits seit einer gefühlten Ewigkeit hier draußen herumirrten. Sein Vorteil, dass es wahrscheinlich leichter wäre, die Geflohenen bei Nacht zu überraschen und zurückzuholen, war jetzt auch dahin, denn die Sonne zeigte sich schon am Morgenhimmel.

Er hatte inzwischen alle bekannten Eindrücke ausgeblendet; alle Geräusche, Gerüche und alle Dinge, die er sah und die ganz gewöhnlich in einem Wald wren. Der Gesang der Vögel, das trockene Laub an den Bäumen, der Duft von Wind, der durch die Kronen der Fichten waberte – das alles waren typische Empfindungen, wenn man hier unterwegs war. Rex richtete seine Augen, Ohren und Nase nur noch auf das Ungewöhnliche, das, was nicht in die Natur-Atmosphäre passen wollte, doch davon gab es hier wenig, um genau zu sein, schlichtweg gar nichts.

„Warte!“, rief Mayrin von hinten plötzlich. Er wandte sich genervt um. Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass sie so weit zurückgeblieben war.

„Was ist los?“

„Habt ihr das auch gehört?“

Er schüttelte den Kopf. Was sollte er denn bemerkt haben?

„Falls du den Buntspecht dort drüben meinst“, mischte sich der Bullige ein, „den gibt es öfter hier im Wald, ich wette, das wusstest du noch nicht.“

„Nein, du Oberschlauer! Ich meinte den Knall. Klang, als hätte jemand irgendetwas zugeschlagen.“

Nun hatte sie doch ihrer beider volle Aufmerksamkeit. „Welcher Knall?“, fragte Rex angespannt, „in welcher Richtung hast du ihn gehört?“

„Dort drüben“, antwortete sie und deutete zwischen die eng beieinander stehenden Bäume. „Da war es!“ Mit ihrem Blick folgten die Männer ihrem ausgestreckten Zeigefinger, konnten aber nichts erkennen.

„Bleibt hier, ich gehe nachschauen!“, befahl der Bullige. Sie nickten ihm zu und setzten sich einfach auf den laubbedeckten Boden, froh, endlich mal eine Pause machen zu können. Diese dauerte jedoch nicht lange, denn schon nach drei Minuten kam er zurück und lächelte triumphierend.

„Mayrin, du hattest recht!“, flüsterte er anerkennend. „Und wisst ihr, woher der Knall stammt?“

Die beiden Anderen schüttelten abwartend den Kopf. Die Erwartung stand ihnen ins Gesicht geschrieben und der Bullige genoss es sichtlich, sie hinzuhalten.

„Es war ...“, er legte eine Kunstpause ein, „es war der Knall einer Luke. Einer Luke, die jemand zugeschlagen hat“

Kapitel 12 von Katniss

Das Sonnenlicht strömte durch den Höhleneingang und ließ das Zimmer in einem hellen orange leuchten. Timothy räkelte sich verschlafen aus der Decke.

Er ließ seinen Blick nach links schweifen und stellte lächelnd fest, das Amelia ihm Frühstück gemacht hatte. Auch wenn der Anblick von leicht angebranntem Toast und zwei Scheiben labbrigen Käses recht bescheiden war, fühlte sich Timothy nach all den Tagen nicht mehr allein. Jemand dachte an ihn, kümmerte sich und verstand ihn. Wie die Mutter, die er sich immer gewünscht hatte. Oder eine Schwester. Doch zuhause war nur sein Vater. Die so ziemlich einzige Person auf der Erde, die ihm Zuneigung schenkte.

Timothy stand auf und  öffnete die Tür. Eine warme Brise wehte dem Jungen entgegen und strich ihm eine Haarsträhne ins Gesicht. Gedankenversunken sah er hoch in die Baumwipfel. Blätter raschelten, Vögel zwitscherten. Die Welt schien rein und in Ordnung.

Doch Timothy war bewusst, dass Rex Amelia und ihn suchen würde. Was würde dann nur geschehen? Er erinnerte sich an die vielen Experimente vor dem Kühlraum. Welche Wirkungen sie wohl alle hatten? Es graute Timothy schon beim Gedanken daran. Wenn er nur wüsste was der Zweck von all dem war. Irgendwie wurde ihm unbehaglich dabei. Kein Mensch hatte so etwas verdient! Vielleicht - "Timothy?"

Amelias helle klare Stimme riss den Jungen aus seinen Gedanken. "Tut mir leid, dass ich so lange weg war. Ich musste nur etwas... überprüfen", murmelte sie. Timothy blickte ihr in die Augen. Verheimlichte sie ihm etwas? Amelia lief rot an. "Ist unwichtig, erzähl ich dir später..." Mit ihren Schuhen trat sie nervös von den einen Fuß auf den anderen. Amelia blickte sich hektisch um.

"Also, ich meine es ist nicht unwichtig, aber -" Timothy unterbrach sie. "Okay, wenn du es mir nicht erzählen willst, lass gut sein. Übrigens hab ich ein paar Fragen zu den Experimenten. Also: könnte die Möglichkeit bestehen, dass die Experimente vielleicht in die Stadt oder so geliefert werden? Oder anderswo hin?" Amelia schien erleichtert über dem Themenwechsel, jedoch dauerte es ein paar Sekunden, bis sie sich wieder gefangen hatte.

"Gut dass du fragst, denn das ist ein kleines Problem. Mr. Wilson, du hast ihn bereits kennengelernt, er ist der Leiter, hat einen Kollegen bei einigen Apotheken in der Stadt. Und als ich einmal in seinen Unterlagen wühlte, habe ich  einen Notizblock mit Adressen gefunden. Ich kann mich nicht mehr genau an alle erinnern -" Timothy unterbrach sie Kopfschüttelnd. "Hol mal Luft! Ich hab noch keinen Menschen so schnell reden hören. Weißt du irgendeinen Weg, wie wir an die Adressen kommen könnten?"
Amelia  starrte gedankenversunken zu einer Gruppe von Nadelbäumen. Langsam murmelte sie: "Es... es gibt tatsächlich einen Weg..."

Auf einmal weiteten sich ihre Augen. Dann griff sie Timothy fest am Arm und zog ihn Richtung Höhleneingang.

"Ich glaube wir bekommen Besuch", flüsterte das Mädchen. Timothy verstand sofort - und schlug instinktiv die Tür mit einem lautem KNALL hinter sich zu.

Entsetzt schrie Amelia auf. Auch Timothy war über den Lärm, den er veranstaltet hatte, schockiert. Einige Minuten lang war es totenstill. Die beiden wagten kaum zu Atmen und sich zu bewegen.

Dann löste sich Amelia aus ihrer Erstarrung und trat vorsichtig einen Schritt nach vorne. Noch einen, noch einen. Ihre zitternden Finger wanderten zum Türspion. Sie kniff ein Auge zu und blinzelte mit dem anderem raus in den Wald.

"Timothy, wir müssen hier weg", hauchte Amelia. Sie sah Timothy tief in die Augen. "Das was ich jetzt sage klingt verrückt. Aber es muss sein" Ihre Augen huschten beim Reden unablässig zur Tür.

"Vertraust du mir?", fragte sie mit resignierter Stimme. Timothy nickte kurz. Natürlich. Er musste ihr nach alldem vertrauen und besonders in dieser Situation.

"Und wirst du mir versprechen nicht loszuschreien?", flüsterte sie. Timothy nickte wieder, nur etwas zögernd.

Amelia rannte in das kleine Nebenzimmer- und kam mit ihrem Gewehr und einem Reagenzglas wieder hinaus. "Das ist ein Experiment, welches ich aus dem Schrank des Meisters - nein, das ist er nicht mehr - aus Mr. Wilsons Schrank. Es ist sehr wertvoll und bedeutet ihm viel. Hältst du mal grad bitt?"

Mit diesen Worten drückte sie dem verblüfften Timothy das Fläschchen in die Hand, sprang zwei Meter zurück und  richtete die Waffe auf ihn. Von draußen hallte Rex´ Stimme dumpf durch die Höhle.

"Die müssen hier drinnen sein... Mayrin! Komm her! Und jetzt bestatten wir den beiden mal einen kleinen Besuch..."

Mit diesen Worten riss Rex die Tür auf. Im ersten Moment konnte man nur eine Silhouette aus dem gleißendem Licht der Mittagssonne erkennen, doch dann wurden die Umrisse immer schärfer. Hinter Rex stand ein bulliger Mann und, dürr und ängstlich dreinblickend, eine blonde Frau. Ihre langen Haare bildeten einen langen Schleier über ihrem Rücken, ihre Kleidung sah ungepflegt aus und sie schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen.

Rex stolzierte im Schlepptau seiner Gefährten in die Höhle und knallte die Tür zu.
"So, so.", fing er an. "Ihr beiden glaubt wohl ihr seid schlauer als ich. Aber das Gegenteil wurde gerade bewie-" Er brach ab. Sein Siegeslächeln verwandelte sich in eine verzerrte Fratze. Er hatte das Fläschchen entdeckt, genau wie die dürre Frau, die es mit Glubschaugen und bewunderndem Blick angaffte. Doch Rex´ Blick war alles andere als bewundernd: der pure Hass war ihm ins Gesicht geschrieben.

"Wie... kannst... du... nur? Wie... DU HAST DEN MEISTER BESTOHLEN!", rief er aus und deutete mit anklagendem Finger auf Timothy.

Amelia richtete die Waffe auf Timothy. Dieser musterte Amelia. Verriet sie ihn gerade? Oder war das nur ein Trick? Sein Herz klopfte schnell. Er hatte ihr vertraut!

"Lasst uns frei oder ich knall ihn ab.", sagte sie mit barscher Stimme. "Er hat das Reagenzglas nicht gestohlen. Doch wenn ich ihn abschieße, könnte es möglicherweise..." Sie setzte eine vielsagende Geste. "...möglicherweise dazu kommen, dass ich AUS VERSEHEN das Reagenzglas treffe. Und das wäre schon der zweite Mord, den Ihr dann vertuschen müsstet. Und was wird wohl der "Meister" sagen? Das Sacrorum venenum ab Maharaja  bedeutet ihm viel, weißt du. Was würde er wohl mit dir anstellen wenn -"

"DAS REICHT!" Rex trat einen Schritt vor, jedoch wich er gleich wieder zurück, als Amelia das Gewehr auf ihn richtete. Während ihrer Rede hatte sich die Mayrin auf dem Weg nach draußen gemacht und kletterte den Hügel hoch.

Für einen Moment lang war es still. Dann senkte Rex den Kopf. Das konnten seine Nerven einfach nicht länger mitmachen. Er setzte sich auf einen Sessel und schlug die Beine übereinander.

"Von dir lass ich mir nichts vorschreiben", zischte er wütend. Amelia richtete die Waffe auf Timothy. Rex beobachtete, wie sie sich langsam zum Abdrücken bereit machte.

Timothys Finger fingen an zu schwitzen. Das war keine schöne Situation.
KNALL! Glasscherben splitterten über den Boden. Amelia ließ verdattert die Waffe sinken. Fragend hob sie die Augenbrauen.

"Ups. Das war keine Absicht. Ehrlich nicht!", versuchte sich Timothy zu verteidigen.

Rex sah so aus, als würde er gleich platzen. Mayrin hörte auf den Hügel hochzuklettern. Der bullige ballte die Fäuste. Amelia griff Timothys Arm. Und rannte.

Kapitel 13 von Teresa Fünkchen

Amelia rannte. Das war alles worauf sie sich konzentrierte. Sie lenkte ihre Gedanken nur darauf ihre Beine weiter voranzutreiben. Ihre Brust stach wie mit tausend Messern gestochen, doch die Angst war schlimmer. Sie legte sich mit kalter Hand um ihr Herz und griff zu. Zog es zusammen und betäubte sie. Timothy rannte neben ihr. Amelia hoffte, dass er noch mithalten konnte. Doch er schien ein guter Läufer zu sein. Sie verbot sich nach hinten zu schauen. Denn nicht nur Timothy war ein guter Läufer. Mayrin war es auch. Sie dürfen dich nicht kriegen, Amelia. Sie dürfen es einfach nicht schaffen. Mit einem Mal hörte sie Schritte hinter sich, laut und schnell. Sie kamen immer näher. Mayrin. Amelia trieb ihre Beine zu noch mehr Schnelligkeit. Bilder lauerten überall in ihrem Kopf, geboren aus der Angst die immer größer wurde und die Hoffnung langsam fraß. Sie flüsterten ihr ein, dass alles zu spät war. Zeigten ihr sich selbst im Laborraum als Gefangene. Selbst im Laufen fing sie an zu zittern als sie an die unsäglichen Schmerzen dachte, die die rote Flüssigkeit die sie hatte nehmen müssen ihr eingebracht hatte. Man würde ihr sicher wieder etwas davon einflößen. Und Timothy würden sie härter rannehmen als jeden anderen Gefangenen. Vielleicht würde ein 2. Ondolf aus ihm werden.

Die Schritte hinter ihr rissen sie aus ihren Schreckensgedanken. Sie waren noch näher als zuvor. „AMELIA!“ , rief jemand hinter ihr. Aber Amelia würde sich nicht ergeben, darauf konnte Mayrin lange warten. „Amelia, bleib endlich stehen.“ Sie kannte diese Stimme. Zu gut. Sie rief Erinnerungen wach, die sie tief in ihrem Herzen eingeschlossen hatte. Von denen sie dachte sie längst vergessen zu haben. Fast wäre sie stehen geblieben. NEIN! Es konnte nicht sein. Also lief sie weiter. Das hinter ihr war eindeutig Mayrin und niemand anderes. Die Angst gebar seltsame Fantasien. Timothy fiel etwas hinter ihr zurück, doch Amelia wollte den Kopf immer nonoch nicht wenden. „Ich...I...ch kann nich ...meh..r!“ Es war kaum mehr als ein Röcheln, das Timothy von sich gab. Er war schweißüberströmt. Amelia nahm seine Hand und zog ihn scharf nach links, ihr war eine Idee gekommen wie sie ihre Verfolgerin doch noch abschütteln konnten. Sie brach durch ein Gebüsch, Timothys Hand fest in ihrer. Doch in dem Moment stolperte Timothy. Amelia versuchte ihn fest zu halten, doch er zog sie mit nach unten. Mit einem harten Aufprall schlugen sie auf dem Boden auf, ein Gewirr aus Armen und Beinen. Es nahm ihr fast den Atem. Aber vielleicht war es auch die Tatsache, dass es nun vorbei war. Sie hatten verloren. Amelia blieb reglos liegen, Timothys Keuchen war für einen Moment der einzige Laut den sie wahrnahm. Sie hatten sich beide geschlagen gegenben! Die Schritte wurden lauter und lauter, bahnten sich einen Weg durch das Gebüsch, das Timothy und Amelia zu Fall gebracht hatte. Und dann waren sie da... 2 strahlend blaue Augen beugten sich über sie. Sie waren so weit wie der Himmel, so unergründlich wie das Meer und für einen Moment verlor Amelia sind ganz in ihnen. Solange bis ihr Gehirn realisiert hatte wer da vor ihr stand. Sie hatte es gewusst. Seit sie die Stimme gehört hatte, die eindeutig nicht die von Mayrin gewesen war. Sie hatte es bloß verdrängt. Aber da stand er vor ihr. Sam!

Amelia schämte sich dafür, dass ihr Herz immer noch so klopfte und flatterte wie ein gefangener Vogel im Käfig. So kindisch schnell, nach all dieser Zeit. Sie wollte so gerne vergessen. Doch ohne Vorwarnung stürzte sich Timothy auf Sam. Er warf ihn zu Boden und schlug verzweifelt auf ihn ein. „Wir...werden...nicht...mitkommen! Renn, Amelia!“ Wäre die Situation anders gewesen, hätte Amelia jetzt vielleicht gelacht. Sam schüttelte Timothy nach ein paar Sekunden ab, obwohl Timothy sich gut schlug. Die Angst und die Flucht hatten ihn sehr erschöpft. „Es ist alles gut, Timothy.“ Amelia ging beruhigend zu ihm. „Er ist...keiner von ihnen.“ Sie hatte so viele Fragen an Sam. Sie wollte ihn anschreien warum er hier war, dass er gehen sollte, wollte einfach selbst gehen und ihn stehen lassen, doch am allermeisten wollte sie ihn umarmen. Doch für all das war keine Zeit, sie mussten ein neues Versteck finden und Rex konnte sie auch jeden Moment finden. Sie schluckte ihren Ärger hinunter. „Also. Wir müssen erst mal hier weg. Dann ist immer noch Zeit für Erklärungen.“ Sie warf Sam einen vielsagenden Blick zu. Er nickte. „Ja, dann ist Zeit für Erklärungen. Und es gibt so einiges zu erklären.“ Er schenkte Amelia eins seiner Lächeln, das sie so liebte. Verschmitzt, frech, unschuldig und so treu. Fast hätte sie zurück gelächelt. Doch sie verkniff es sich und drehte den Kopf weg. Es war doch lächerlich, dass er jetzt wieder hier auftauchte. Aber er würde wieder gehen. Darauf würde sie bestehen. Er würde wieder gehen und sie würde ihn wieder vergessen. Amelia sagte es sich immer wieder. So musste es einfach passieren.

Kapitel 14 von Katniss

Amelia schrie laut auf und weitete ihre Augen vor Entsetzen. Mayrin hatte auf Rex´ Befehl hin ein Messer mit silberner Klinge, welche im grellen Licht der Mittagssonne blendete, gezückt. Über Timothys Lippen kam nur ein Wort.
"Renn!" Die Panik in seiner Stimme war kaum zu verstecken. Sam rappelte sich vom Boden auf und griff Amelia beim Handgelenk. "Hast du nicht gehört?", schrie er das Mädchen an. "Renn- aber ich komme mit, klar?" Und so sprintete er los. Als Amelia kurz verharrte, hin und her gerissen zwischen der Wahrheit und der Verachtung, schubste Timothy sie nach vorne.

  "Amelia, ich glaub der Typ da kennt sich hier gut aus oder wieso-" Er wurde von lautem Kreischen unterbrochen. "Natürlich kennt er sich hier aus, aber ich. traue. ihm. nicht!" Amelia wollte Timothy anfunkeln, ihm eine Ohrfeige geben, da er ihre Zeit mit so dummen Aussagen vergeudete... doch es gelang ihr einfach nicht. Seine Augen zeigten nur eines: Wir Müssen Hier Weg. Mit einem lauten Seufzer und einem letzten, ängstlichen Blick zu Mayrin, welche den Dolch in ihren Händen immer noch mit zittrigen Fingern und ungläubigen Glubschaugen betrachtete, rannten die beiden los, hinter her dem Jungen, den Amelia mehr als alles hasste, einfach wegen seiner Hinterlistigkeit und dem schiefen, verachtenden Lächeln, das immer über sein Gesicht huschte, wenn er sie sah.

  Es war nicht schwer, Mayrin, Rex und den bulligen abzuschütteln. Rex stolperte fluchend durch die Gegend, um nach irgendetwas zu suchen, mit dem er den scharfen Schnitt von Amelias Taschenmesser säubern konnte, den sie ihm in letzter Sekunde verpasst hatte, bevor er sie fangen konnte. Sam führte sie geschickt zwischen einer Baumgruppe auf einen alten, plattgetretenen Pfad. Am Rand wuchsen ein paar Brombeersträucher, doch als Timothy versuchte sich eine abzupflücken, stach er seinen Finger an einigen Dornen. Sam jedoch sprang federleicht zu dem Busch und hatte in null Komma nichts mit seinen flinken Fingern drei Beeren auf einmal. Amelia blickte in Timothys Gesicht, in dem sich Verblüffung und Bewunderung zugleich spiegelten. Das Mädchen musste schmunzeln. Wie gut sich Sam im Wald auskannte!

  Zarte Sonnenstrahlen fluteten durch das grüne Blätterdach und tanzten wie ein mattorangener Schleier neben einer Lichtung. Die Bäume rauschten in der sanften Brise. Sam strich seine Haare lässig nach hinten. Sie waren honigblond, seine Haut von der Sonne olivfarben gebrannt und seine Augen, himmelblau und tiefgründig. Er grinste Amelia zu, welche ihn von der Seite anstarrte. Schließlich sprach er: "Lange nicht gesehen, nicht wahr?" Es war keine Frage. Eine Feststellung. Und eine Antwort. Sie hätten sich öfter treffen sollen, sie wusste, dass ihre Schwester das auch gerne gewollt hätte. Der Gedanke an Allison versetzte Amelia einen Stich ins Herz. Wie sie sie vermisste! Kaum ein Tag verging, ohne dass Amelia ihre Arroganz an jenem Abend bereute. Sie hätte bei ihr sein müssen, wie jede andere Schwester, aber das Schicksal hatte sie doch genau deshalb hierher geführt, oder?

  Sam trat auf eine Lichtung. Ein schmaler Weg aus Pflastersteinen führte zu kleinen, aus morschen Brettern bestehenden Hütten. Um sie herum wuchsen in kleinen Vorgärten Blumen aller Art und Farbe, Getreide und Gemüse. Rosenranken schlängelten sich um alte Straßenlaternen und an dem Eingang eines verfallenen Ladens, in dem man wohl einst von Zigaretten, teuren Weinen und Sammelkarten bis hin zu lieblich verzierten Törtchen, Brot und Käse alles kaufen konnte, hing ein hölzernes Schild mit der vergilbten Aufschrift:

Welcome to Abby Jones' little Valley

Sam strich achtlos über das Ortsschild, dann murmelte er "Tut mir echt Leid, Abby". Aus Amelias Gesicht wich alle Farbe. Sie umklammerte Timothy und bohrte ihre Fingernägel in seinen Arm. Sprachlos, die Augen vor Entsetzen geweitet, trat sie zögerlich einen Schritt nach dem anderen in Richtung des grauen Steinweges und blieb vor dem Ortsschild abrupt stehen. Das Dorf bestand aus nur vier Häusern, jedes von ihnen klein, zierlich und liebevoll geschmückt und geschnitzt. Die Lichtung war so friedlich, Amelia hätte schwören können, sie hätte soeben ein Reh und zwei junge Häschen hinfort hoppeln sehen, alles sah so aus wie aus einem Bilderbuch entsprungen. Doch der Schein trübte, und das war dem Mädchen bewusst, seit sie Abby Jones Namen gelesen hatte.
  Tod, Verrat und Misstrauen lagen wie eine Seuche in der Luft. Amelia rümpfte vielsagend ihre Nase und versuchte, möglichst aufrecht zu gehen und krallte ihre Finger in ihre schmutzige Kleidung, damit Sam das Zittern ihrer aufsteigenden Angst nicht bemerkte.

  "Darf ich euch bitte in eines der Häuser geleiten? Ich bin nicht so scharf darauf, dass uns hier jemand sieht...", brach Sam das Schweigen. Timothy musterte ihn ungläubig. Auch Amelia schien die Idee, in ein x-beliebiges Haus, irgendwo in einem gruselig friedlichem Dorf im Wald zu gehen, nicht gerade beruhigend. Doch Sam trat zielstrebig auf ein weiter hinten liegendes Haus zu, die Nummer vier und somit auch das letzte Haus.

  Die finsteren Fledermausaugen eines Türklopfers starrten den drei Jugendlichen entgegen, wie ein Paar düstere Vorzeichen auf das, was sie in der Hütte erwartete. Sam schwang die Tür mit einem gekonntem Fußtritt auf und wie alles was er tat, sah auch diese Bewegung einfach nur cool, spontan und lässig aus. Amelia verdrehte die Augen. Sie wusste genau, dass sie ihm nicht trauen konnte, so gut er auch aussah. Das konnte sie zwar nicht bestreiten, doch trotzdem... dieser kleine Funke Misstrauen schwebte bei den beiden noch immer in der Luft.

  Die Wohnung war weder staubig, noch verfallen, wie Amelia erwartet hätte. Sam musste sich wohl all die Jahre um die kleine Siedlung gekümmert haben. Oder kamen hier gelegentlich auch andere Besucher vorbei? Timothy blickte empört, als sein Gegenüber die Tür abschloss und den Schlüssel in seine Tasche gleiten ließ. Als er dann auch noch die Fensterläden zuklappte, die Gardinen herunterzog und mit einem Streichholz Kerzen anzündete, welches den Raum in dem sie sich befanden, eine Mischung aus Wohn-, Koch- und Esszimmer, schnappte Amelia panisch nach Luft. Mit zittriger und unnatürlich hoher Stimme fragte sie: "Sam... w-was..." Sie biss sich mit solcher Wucht auf die Lippe, dass ihr direkt ein feines Rinnsal Blut das Kinn herunterfloss. Was war nur mit ihrer sonst so klaren und selbstbewussten Stimme passiert? Sie versuchte erneut ihren Satz anzusetzen, doch Timlothy unterbrach sie mit lauter, barscher Stimme.

"Was genau wird hier gespielt? Wer ist Abby? Mal ganz ehrlich, für wie blöd haltet ihr mich eigent-" Auch brach den Satz ab. Sam warf ihm mit vielsagendem Blick ein Buch zu. Amelia tribbelte ein paar neugierige Schritte darauf zu und beäugte es interessiert.

  Der Einband war zerfleddert, was das Buch noch mitgenommener aussehen ließ. Ein Titel war nicht in den ledernen Buchdeckel eingeprägt, dafür sprang einem direkt ein vergilbter Zettel ins Auge, welcher zwischen den Seiten hervorlugte, als würde er nur darauf warten, dass man seine handgeschrieben Buchstaben entziffert und noch mehr Fragen auftauchen.

  "Das ist... sagen wir einmal das große Geheimnis des Meisters" Sams Stimme klang arroganter denn je, er schien sehr stolz auf sich zu sein. "Die liebe Allison war dumm genug, mir das gute Buch", er nickte verachtend zu dem Buch in Timothys Händen "mit ihren diebischen Fingern zu stehlen. Hätten wir nur beide gewusst, wie sehr unser Plan scheitern würde. Abby wusste einfach zu viel. Lass es mich kurz erklären: Amelia, meine Liebe, dir ist sicher bewusst, dass der Meister eine Kunst der Alchemie beherrscht, der wir nie gewachsen waren." Amelia schluckte. Doch diesmal traute sie sich nicht, Timothys Arm zu greifen, sie stand wie angewurzelt da und lauschte Sams leisen Worten. "Doch es war kein Geheimnis jahrelanger Forschung- es war einfach nur Wissen, aus einem Buch, er hat all die Magie dieses Buches in sich aufgesaugt, hat Böses daraus gemacht, du hast es selbst gesehen!" Er schrie fast, als würde er all die Wut auslassen, die die letzten Jahre in ihm aufgestiegen war, wie ein Vulkan der ausbricht und seine tödliche Lava überall verstreut, als wolle er sich an allem und jedem rächen. Amelias Kopf summte, sie fügte die Einzelteile zusammen.

  Die Stille tat in den Ohren weh und mache sich in dem kleinen Raum breit. Sam atmete tief durch und versuchte, noch einmal neue Worte für das Geschehene zu finden. "Ich habe Allison geliebt, wirklich... wir beide verabscheuten diese Experimente, bei denen Menschen starben, wir konnten nicht länger zusehen, wie sie qualvoll ums Leben kamen. Wir wollten dass alles beenden. Eines Abends, als du schon gegangen warst, um die Testergebnisse auszuwerten... da kam sie zu mir und erzählte hektisch etwas von einem Buch. Diesem Buch" Sam blickte in die Flamme einer Kerze, welche etwas abseits stand, etwas weiter weg, wie eine Erinnerung die immer und immer wieder aufleuchtete. "Sie war wie besessen davon. Allison sagte, wir können all dem ein Ende bereiten. Und so geschah es, dass wir dem Meister sein ein und alles gestohlen haben, sein Geheimnis." Er hat eine Kopie, schoss es Amelia durch den Kopf. Eine Kopie, eine Kopie, eine Kopie... meine Schwester hat ihr Leben für nichts und wieder nichts vergeudet. Das Mädchen konnte ihr Schluchzen kaum unterdrücken. "Was haben sie mit ihr gemacht?", fragte Sam. Er runzelte die Stirn und sah auf einmal nicht mehr so unbeschwert und unabhängig aus- ehr wie ein Vogel, welcher gefangen in einem Käfig aus Angst einen Ausweg sucht, wissend, dass es keinen gibt, doch trotzdem an diesem letztem Stück Hoffnung festklammernd.

  Amelia schüttelte den Kopf. Als sie sprach war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. "Ich weiß es nicht" Sie haben sie gezwungen, Inertia zu trinken- das müssen alle Verräter trinken, weißt du doch, wollte sie sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.

   Sam musterte sie kurz. Amelia lief ein Schauer hinunter. Immer wenn er sie so ansah war ihr nicht wohl. Sein Blick hatte so etwas prüfendes, einen Hauch Wahnsinn und gleichzeitig konnte er damit auch unglaublich gut aussehen. Wie sie ihn dafür hasste! Ärgerlich drehte sie sich zu Timothy, damit Sam nicht so, wie sie rot wurde. Ihre Finger wanderten zu seiner Hand. "Können wir bitte gehen?" Timothy verschränkte seine Finger in ihren. "Nein, ich denke, wir haben noch nicht alles geklärt... wer ist Abby?" Er funkelte seinen Gegenüber an. Sein Gesicht schrie nach Antworten. Sam kratzte sich am Kopf. "Also ich weiß nicht, ob ich wirklich weiterreden soll, deine kleine Freundin bricht ja schon beim Gedanken an ihre Schwester in Tränen aus, nicht war Amelia?" Wieder hasste Amelia ihn. Sein arroganter Unterton, wenn er über Menschen sprach die... zerbrechlich waren. Amelia, von außen wirkst du immer so selbstbewusst... ich wette irgendwo bist du verwundbar, hallten Sams Worte bei ihrer ersten Begegnung in ihrem Ohr. Nun hatte er es herausgefunden, die Angst um ihre Schwester, die Sehnsucht nach ihr, all die Tränen um sie, dass sie Allison zu wenig beachtet hatte- Amelia verfluchte ihre Vergangenheit und wie von Sam angekündigt stiegen ihr die Tränen in die Augen, wie eine Lawine kamen sie angerollt und ließen ihr Gesicht im Kerzenlicht glitzern. "Ja, ich bin verletzlich, wenn du das hören willst. Und... und i-ich..." Ihr Schluchzen unterbrach sie. Timothy drückte ihre Hand etwas fester. "Erzähl", sagte er tonlos.

  "Abby wusste zu viel, weshalb ich... Maßnahmen ergreifen musste" Sam lachte bei dem Anblick von Amelias Gesichtsausdruck gackernd auf. "Sie stand im Weg. Mir. Allison spielte dort keine Rolle mehr, und obwohl Abby eine von uns, von uns Frieden suchenden, war und dieses wunderschöne, wenn auch recht bescheidene Dorf gebaut hat... dennoch konnte ich sie nicht gebrauchen. Sie hatte andere Ansichten, was richtig ist, als ich. Sie musste beseitigt werden" Er hob eine Augenbraue, um eine Reaktion abzuwarten, doch selbst Amelia war verstummt. Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: "Nun, habt ihr jemals etwas von dem Buch No Name gehört?" Auf Amelias Kopfschütteln hin erwiderte er: "Na dann will ich euch nicht länger aufhalten... also bevor ihr irgendetwas ausplaudert, es tut mir unglaublich leid, aber..." Nervös klammerte er seine Finger um ein Küchenmesser. Die Klinge glänzte im Kerzenlicht. Amelia sprang instinktiv zurück, doch Timothy griff ohne viel nachzudenken nach einem Stuhl und schleuderte ihn auf Sam. Dieser fluchte laut auf und ließ sein Messer fallen, welches unglücklicherweise mit der Spitze auf seinen Fuß fiel. Blut spritzte gegen die Blümchentapete und Amelia schlug vor Angst die Hände vors Gesicht. Timothy ging weiter auf Sam zu, griff nach dem Messer und schlug noch einmal auf Sams Fuß ein. "Sag. uns. was. und. wo. No. Name. ist!", knurrte er. Sam humpelte zu einer Schublade und wühlte panisch darin, bis er nach einem Buch griff, welches in einem seidigen, mitternachtsblauen Tuch gewickelt war. Amelia riss in der Zwischenzeit ein Stück von der Tischdecke ab, der Stofffetzten sollte als Verband dienen. Sam überreichte ihr das Buch. Sein Blick drückte puren Hass aus. Sie und Timothy öffneten die Tür und rannten ins Freie, ließen frische Luft durch ihre Lungen und liefen zum Wald, weit, weit weg von Sam, welcher noch immer fluchend  seinen Fuß umklammerte.

Eine letzte Frage blieb nun in Amelias Kopf hängen. Was ist No Name für ein Buch? Und sie wusste, dass Timothy dasselbe dachte...

Kapitel 15 von Ayana

Amelia lag auf dem feuchten Waldboden und weinte. Sie ließ den über all die Jahre angestauten Kummer aus sich heraus, bis keine Tränen mehr übrig waren. Die Wut aber blieb. Sie umklammerte Amelias Herz wie ein glühender Käfig und benebelte ihr den Verstand. In der Hoffnung, ihrer Verzweiflung auf diese Weise Luft machen zu können, hämmerte das Mädchen auf die Erde ein, schlug gegen Bäume, biss sich auf die Lippe, sodass Blut sich mit den Spuren ihrer Tränen mischte. Doch bald siegte die Erschöpfung. Amelia ließ sich wieder ins Gras fallen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Timothy bekam von ihrem Gefühlsausbruch nichts mit. Er war sofort erschöpft eingeschlafen, als die beiden Rast gemacht hatten. Sie waren nun beinahe drei Tagesmärsche von der Anstalt entfernt und das viele Rennen forderte mittels schmerzender Beine und Lungen seinen Tribut. Doch wenigstens würde es nun einige Zeit dauern, bis jemand sie einholen könnte.

Dennoch hatte Amelia das Gefühl, ihrer Vergangenheit nie völlig entfliehen zu können. Vor wenigen Stunden hatte sie noch geglaubt, alles hinter sich gelassen zu haben. Ein neues Leben beginnen zu können. Nun schien diese Hoffnung unerreichbar.

Sie dachte an die vielen Menschen, die sie im Lauf ihres Lebens verloren hatte. An ihren trinkenden Vater, der mit seinem Leben nicht klargekommen und irgendwann verschwunden war. An Ruth, Allisons Mutter, bei der sie daraufhin gelebt hatte. Das war die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie hatten eine kleine Apotheke besessen, im Garten Gemüse angebaut und eine Schule besucht. Ruth hatte beiden Kindern viel Liebe entgegengebracht. Nach ihrem viel zu frühen Tod waren Amelia und ihre drei Jahre ältere Halbschwester auf sich allein gestellt. Sie wurden urplötzlich von einem sorglosen Familienleben hinaus auf die Straße katapultiert. Allison litt unter dem Tod ihrer Mutter und dem Elend, das sie nie zuvor gekannt hatte. Sie war schon immer ruhig und nachdenklich gewesen, wollte ihre neue Situation nicht akzeptieren und verlor sich in Hoffnungslosigkeit. Amelia dagegen wurde erwachsen. Inmitten des Schmutzes, des Kampfes um Brot und der Schikanen der betuchten Leute entwickelte sie Selbstbewusstsein, lernte, praktisch zu denken und gegen ihr vermeintliches Schicksal anzukämpfen. Manchmal kam es ihr vor, als wäre sie die Ältere.

Dann lernten die Schwestern Sam kennen. Einen gutaussehenden Jungen in Allisons Alter, der ebenfalls Waise war und ein guter Freund wurde. Durch ihn wurde das Bettelleben erträglicher.

Nach einigen Monaten bekamen Allison und Amelia Arbeit in einem vermeintlichen „medizinischen Forschungslabor“. Anfangs waren sie froh, ein Zimmer, eine ausreichende Versorgung und Aufgaben zu haben. Amelia machte sich keine Gedanken über die Gefangenen, sondern sah im Meister ihren Retter.

Beinahe täglich trafen sie sich mit Sam im Wald. Sie gaben ihm von ihrem Essen ab, Neuigkeiten wurden ausgetauscht und sie gruben sich ein kleines, gemütliches Zuhause in den Waldboden.

Eine Weile ging das alles gut. Doch Allison konnte und wollte nicht die Augen verschließen vor den Gräueln, die man den Gefangenen antat. Sie begann, sich vor den Aufgaben zu drücken, legte sich mit anderen Angestellten an und berichtete Sam von den Machenschaften des Meisters. Die beiden beschlossen, etwas gegen ihn zu unternehmen. Als sie ihren Plan umsetzen wollten, versuchten sie, Amelia auf ihre Seite zu bringen. Aber Amelia, blind für all die Schrecken in der Anstalt, wollte nichts davon wissen.

So versuchten sie es zu zweit, ohne dass Amelia etwas ahnte. Und scheiterten. Sie wurden entdeckt und noch in derselben Nacht wurde Allison dem Meister ausgeliefert. Amelia lag in ihrem Zimmer, erstickte ihre eigenen Schreie im Kopfkissen, während sie anhören musste, wie ihre Schwester zu Tode gefoltert wurde.

Sam konnte entfliehen. Amelia würde ihm nie verzeihen, dass er Allison nicht gerettet hatte. 

Der Meister ließ sie in der Folgezeit nicht mehr aus den Augen. Er verbot ihr jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Für eine Weile gelang es ihm, Amelia einzureden, dass niemand außer Allison selbst schuld an ihrem Tod sei. Doch irgendwann legte sich bei Amelia ein Schalter um und sie begann, die Gefangenen zu befreien...

In gewisser Weise hatte Amelia nun auch Sam verloren. Der Junge, der ihr einst wie ein Bruder gewesen war, existierte nicht mehr. Sie hatte ihn geliebt, aber akzeptiert, dass er sich zu Allison hingezogen fühlte. Der Junge, der ihr heute begegnet war, hatte nichts Liebenswürdiges mehr an sich: Sams arrogantes Auftreten war früher einfach seine Art von Humor gewesen, jetzt war er nur noch überheblich. Amelia konnte nicht fassen, wie anders Sam nun war. Dass er eine Freundin vertrieben und sich in ihrem Dorf niedergelassen hatte, nur wegen einer Meinungsverschiedenheit. Dass er so unberechenbar und egoistisch war. Er war ein Fremder.

Amelias Blick fiel auf das alte Buch, welches Sam ihr in die Hand gedrückt hatte. Sie hob es vorsichtig vom Boden auf und strich über den schmutzigen Einband. Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sie das Buch aufschlug.

Kapitel 16 von Teresa Fünkchen

„LEER! VERDAMMT ES IST LEER! DIESER ELENDE DRECKSKERL!“ Timothy schreckte auf und sprang auf die Beine! Er musste eingenickt sein. Aber das war wohl auch verständlich, angesichts der jüngsten Ereignisse. Er hatte das Gefühl sein letzter Schlaf war Wochen her obwohl es erst heute morgen gewesen war. Und es war gerade mal früher Nachmittag. Amelia war völlig aufgelöst gewesen. Er hatte so getan als bemerke er Amelias Tränen nicht. Timothy wusste wie stolz sie war. Er hatte sie alleine gelassen, auch wenn ihm unzählige Fragen auf der Zunge brannten und er unbedingt wissen wollte was der Grund für ihren Schmerz war. Timothy hatte sich hinter ein paar Büschen versteckt ganz in der Nähe von ihr um jeder Zeit für sie da zu sein, wenn sie ihn brauchen sollte. Und jetzt schien das der Fall zu sein. Als er bei ihr ankam kniete Amelia auf dem Boden und war anscheinend kurz davor das Buch zu zerreißen, was Sam ihr gegeben hatte. “Was zum Teufel ist los mit dir Amelia?“ Seine Stimme klang so schrecklich besorgt. In Amelias Gesicht stand die Wut so deutlich geschrieben als hätte sie ihr jemand mit rotem Filzstift auf die Stirn gemalt. „Das Buch ist leer!“ Sie hielt ihm anklagend das Buch hin. Die Seiten waren weiß wie Schnee. Timothy riss die Augen auf und keuchte erschrocken. Er wusste, dass das Buch sehr wichtig für Amelia war. Diese starrte so wütend auf das Buch als würde sie such wünschen es würde sich allein durch ihre Blicke mit Worten füllen. „Und...was willst du jetzt machen?“ Timothy hörte selbst wie bescheuert diese Frage klang. Amelia starrte weiter auf das Buch und stand schließlich auf. „Diesem Idioten die Meinung geigen aber so richtig. Das werde ich jetzt machen.“ Sie fixierte Timothy. „Und du bleibst hier.“ Ihre Stimme wurde etwas sanfter. „Ich muss das alleine machen. Bitte.“ Timothy schluckte. Er wollte nicht, dass sie schon wieder zu Sam ging. Dieser Typ war so unberechenbar wie das Wetter in den Bergen. Aber Amelia wirkte so entschlossen, dass er sie gehen lassen musste. Du bist nicht ihr Beschützer, Timothy. Reiß dich zusammen! Also nickte er. „Gut. Aber pass bitte auf.“ Doch Amelia war schon zwischen den Bäumen verschwunden. Ein ungutes Gefühl überkam ihn und nach einer Weile wandte sich Timothy aus dem plötzlichen Impuls heraus ihr zu folgen in die selbe Richtung wie Amelia und verschwand ebenfalls in den Schatten des Waldes. Auch wenn er nur Minuten zuvor das Gegenteil versprochen hatte.

Amelia rannte durch den Wald. Diese unbändige Wut und Fassungslosigkeit trieben sie voran. Warum bist du schon wieder auf ihn reingefallen.? Warum, warum, warum? Du musst doch wohl langsam gelernt haben, dass du ihm nicht trauen kannst, Amelia! Nicht mehr. Um sie herum warf die Sonne kleine Bahnen aus Licht durch die Blätter und der Wald war ein Meer aus golden und hellgrün. Unter anderen Umständen hätte Amelia diesen Anblick genossen. Laub und Nadeln knirschten unter ihren Füßen und ihre Lunge brannte. Sie wich einem Dornengestrüpp aus und konnte gerade so verhindern, dass eine Dornenranke sich in ihrer Kleidung verhing. Ihr Atem ging stoßweise und schnell, doch sie beschleunigte ihre Schritte noch. Amelia umkrampfte das leere Buch mit einer Hand. Sie wollte es zerreißen oder Sam in sein arrogantes Gesicht schleudern. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte Amelia die kleinen Häuser des Dorfes zwischen den Bäumen erkennen. Sie hielt erschöpft an und lehnte sich schwer atmend an einen Baum. Die kühle Rinde beruhigte sie ein wenig und sie schloss kurz die Augen. Dann richtete sie sich wieder auf und überwand gefasst die paar letzten Meter aus dem Wald heraus. Ihre Hand zitterte als sie nach dem Fledermausklopfer griff und ihn gegen das verwitterte Holz schlug. Sie hoffte einfach, dass Sam noch da war. Amelia musste sich beherrschen um nicht einfach die Tür auf zu stoßen und herein zu stürmen. Nach kurzer Zeit hörte sie ein Rumpeln hinter der Tür und dann schwang sie mit einem leisen Knarren auf. Sam lugte durch den Türspalt und als er sie erkannte öffnete er die Tür weiter, blieb aber auf der Schwelle stehen. Sein Blick war abweisend und kühl. Früher war er immer offen und voller Wärme gewesen. Der Anblick schnürte Amelia die Kehle zu und sie spürte einen Anflug von Bedauern. Aber es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt um alten Zeiten nach zutrauern. Wortlos schleuderte sie ihm das Buch entgegen und er streckte überrumpelt die Arme aus, fing es aber nicht mehr auf und es landete im Dreck. „Was soll das Amelia?“ Seine Stimme klang überrascht. „Das weißt du ganz genau du mieses Stück....“ Amelia unterbrach sich. Sie hatte vorgehabt ruhig und kühl zu bleiben ohne ihre wahren Gefühle zu verraten. Sams Gesicht überzog sich mit der inzwischen wohlbekannten Maske aus Arroganz. Wie machte er das bloß so mühelos? Amelia hätte es ihm am liebsten zerkratzt. Ihm die Maske mit den Fingern vom Gesicht geschält. Vielleicht würde sie darunter den alten Sam wieder finden. „Ich weiß gar nichts Amelia. Was willst du von mir?“ Er hob das Buch auf und hielt es hoch. „Ich habe dir das hier gegeben und so dankst du es mir jetzt.“ Amelia schnappte nach Luft. Wie konnte man nur so verlogen sein? Sie wollte sich nicht noch erklären müssen. „Schlag es auf.“ Diesmal hatte Amelias Stimme zu ihrem Erstaunen genau den richtigen Ton. Sam verengte die Augen, sah sie noch einen Moment skeptisch an öffnete dann aber langsam das Buch. Amelia beobachte ihn genau, wartete auf den Ausdruck in seinem Gesicht der ihn verraten würde aber Sam wirkte ehrlich überrascht. Er wurde ganz bleich und vergaß in dem Moment seine Maske aufrecht zu erhalten. Als er sie wieder ansah suchte Amelia in seinen Augen nach Spott und Schadenfreude, dass sie auf seinen Trick herein gefallen war doch stattdessen fand sie dort nur echte Fassungslosigkeit. Er sah aus wie sie sich gefühlt hatte als sie No Name aufgeschlagen hatte. Und das machte Amelia noch misstrauischer. Eine leise Stimme des Zweifels versuchte sich Gehör zu verschaffen. Was wenn er es gar nicht wusste? Vielleicht war es gar keine Absicht gewesen... Doch Amelia schob die Zweifel beiseite und ersetzte sie durch erneute Wut. „Schau nicht so blöd! Du kannst es wieder haben. Was ist aus dir geworden, dass du zu solchen Mitteln greifst um mir weh zu tun?“ Amelia spuckte Sam die Worte entgegen und er wich einen Schritt zurück. Seine Miene war immer noch voller Fassungslosigkeit aber auch Entrüstung. „Ich... Ich wusste das nicht! Amelia du musst mir glauben. Ich hatte doch keine Ahnung...“ Seine Stimme zitterte tatsächlich leicht und er fuhr mit den Fingerspitzen über die leeren Seiten des Buches, dass er immer noch in der Hand hielt. Von links nach rechts und wieder zurück. Dort wo eigentlich Buchstaben hätten sein müssen. Amelia konnte nicht fassen, dass er es immer noch leugnete. „Gar nichts muss ich! Kein Wort glaube ich dir. Ich will dich nie wieder sehen.“ Ihre Stimme brach und war am Ende nicht mehr als ein Flüstern. Schon wieder stiegen Tränen in ihr auf und brannten in ihren Augen. Schnell wandte sie sich ab und ging in Richtung Wald. Sie konnte einfach nicht mehr. Die Begegnungen mit Sam wühlten sie jedes Mal auf. „Amelia! Warte!“ Sam hatte sie schnell eingeholt und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie wollte sich losreißen aber Sam war schneller und zwang sie dazu ihn anzusehen. Amelia sah ihn trotzig an und war sich der Tränen auf ihren Wangen schmerzlich bewusst. Sie wollte Sam diesen Genuss nicht gönnen sie so schwach zu sehen. Doch statt des erwarteten Triumphs war in Sams Blick nur Bedauern und diese Wärme, die dort früher immer zu finden war. Amelia fühlte sich sofort besser, diese Wirkung hatte Sam schon immer auf sie gehabt. Sie hatte ihn nur anschauen zu brauchen und hatte Trost und Mut bekommen. Doch das war inzwischen so lange her und Sam hatte sich verändert. Amelia hatte das Gefühl ihn nicht mehr zu kennen. Früher war er beständig wie ein Fels in der Brandung gewesen doch jetzt war er wie das Meer. Voll schäumender Wellen, dunkel und schwarz, mal Ebbe mal Flut und auf einmal wieder still und sacht und türkis wie seine Augen. Aber immer wunderschön. Amelia konnte ihn nicht verstehen. Er sah ihr fest in die Augen und als er sprach war seine Stimme ganz sanft. „Es tut mir leid Amelia. Ich wollte das wirklich nicht. Glaub mir ich hatte keine Ahnung! Bitte!“ In seinem Blick lag etwas flehendes und Amelia konnte nicht anders als ihm zu glauben. Er erinnerte sie in diesem Moment so sehr an den alten Sam, dass sie der Sehnsucht ihn auch zu berühren kaum Stand halten konnte. Doch sie konnte kein Wort heraus bringen. Ein dicker Klumpen aus Sehnsucht, Wut, Hilflosigkeit und Angst saß ihr in der Kehle. Also weinte sie stumm weiter und ließ zu, dass Sam sacht ihre Schulter streichelte. Irgendwann brachte sie es über sich zu nicken und aus Sams Körper wich die Anspannung ein wenig. Eigentlich wusste Amelia gar nicht genau warum sie weinte. Aber als sie einmal damit angefangen hatte konnte sie nicht mehr damit aufhören. Sam zog sie an seine Brust und umschlang sie mit seinen Armen. Erst wollte Amelia sich wehren doch sie war zu schwach und es tat so gut endlich von jemandem gehalten zu werden. Auch wenn es Sam war. Sam den sie geliebt hatte, Sam den sie bis vor wenigen Minuten noch hätte umbringen wollen, Sam der so arrogant war und Sam der sie in diesem Moment hielt. Amelia spürte wie ihre Wut verrauchte wie Tau in der ersten Morgenhitze. Sie spürte Sams Lippen auf ihrem Scheitel und konnte gerade so sein leises Murmeln verstehen. „Ich kenne einen Ort, der dir gefallen würde. Komm mit, dort kann ich dir vielleicht einen Teil erklären.“ Er schob sie ein wenig von sich weg und strich ihr die Tränen von den Wangen. Wieder nickte sie bloß. Sam nahm ihre Hand und zog sie vorsichtig mit sich. Amelia konnte den plötzlichen Wandel der Dinge kaum verarbeiten. Eine ganze Weile stolperte sie nur hinter Sam her der zügig voraus in den Wald gegangen war. Manchmal wäre sie fast hingefallen, da sie durch ihren Tränenschleier die Steine vor ihr nicht sah, doch Sams Hände war die ganze Zeit da und fingen sie auf wenn sie fiel. Irgendwann hörte sie auf zu weinen und noch eine Weile später traten sie auf eine kleine Lichtung. Es verschlug Amelia beinnahe den Atem. Die Lichtung war sehr groß und in der Mitte war ein kleiner See. Ein Felsen streckte sich über den See und sah wie der perfekte Sitzplatz aus. Über dem Felsen wuchs eine alte, knorrige Weide die ihre Äste hinunter zum See beugte als wolle sie das Wasser berühren. Rund um den See erstreckte sich eine saftig grüne Wiese bis zum Waldrand. Das Wasser des Sees war glasklar und weckte in Amelia unwillkürlich das Bedürfnis sich von den sanften Wellen davontragen zu lassen. Sie musste ein paar mal blinzeln um sich zu vergewissern ob das alles real war. Die Lichtung sah aus wie gemalt. Zeitlos schön. Denn die Zeit schien hier keine Rolle zu spielen alles sah so friedlich aus, als hätte man den Moment eingefroren. Sam drehte sich zu ihr um und sah sie erwartungsvoll an. Als er ihr Staunen bemerkte breitete sich ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht. „Ich wusste, dass es dir gefällt.“ In seiner Stimme war nicht ein Hauch von Arroganz zu hören. „Es ist...“ Amelia rang nach Worten. „Es ist einzigartig, großartig und wunderschön!“ Amelia musste lachen. Es sprudelte aus ihr heraus, glockenhell und klar. Sie war selbst überrascht über diesen Ton. Wann hatte sie das letzte mal so fröhlich gelacht? Sie konnte sich nicht erinnern. Es war eine willkommene Abwechslung zu all dem Schmerz und der Wut der letzten Stunden. Selbst Sam wirkte erstaunt. Amelia rannte los und sprang völlig übermütig mit einem eleganten Kopfsprung in den See. Sie schwamm zum Grund des Sees, drehte sich mit dem Gesicht nach oben und schaute von unten an die Oberfläche des Sees, bewunderte die gezackten, hellen Striche die die Sonne auf das Wasser malte. Sie ließ die Luft aus ihren Wangen und sah den Blasen zu die sich ihren Weg zur Wasseroberfläche bahnten. Amelia genoss die Schwerelosigkeit des Wasser und das Gefühl irgendwie abgespalten von der Welt zu sein. Sie fühlte keinen Schmerz mehr und wollte sich am liebsten einfach sinken lassen bis sie nichts mehr fühlte. Vielleicht war sie erst dann wirklich frei. Doch der Druck auf ihrer Brust wurde zu schmerzhaft und sie ließ sich wieder nach oben steigen. In einer glitzernden Wasserfontäne durchbrach sie die Wasseroberfläche und holte tief Luft. Sam stand immer noch an der selben Stelle und wirkte ziemlich zufrieden mit sich. Amelia aber hatte alles vergessen. Wie sehr sich Sam verändert hatte, das leere Buch No Name und Timothy der immer noch im Wald auf sie wartete. Sie hatte es unter Wasser zurück gelassen. „Komm rein! Es ist herrlich.“ Sam kam bis ans Ufer des Sees schüttelte aber den Kopf. „Nee, lass mal.” Er winkte ab. Doch damit gab Amelia sich nicht zufrieden. Sie schnellte aus dem Wasser hervor, packte Sams Handgelenk und zog ihn mit sich ins Wasser. Sam platschte ins Wasser und kam dann nach Atem ringend wieder an die Oberfläche. Er sah Amelia wütend an doch die spritzte ihm kichernd einen Schwall Wasser ins Gesicht. Sam fing an zu lachen doch bevor er Rache nehmen konnte tauchte Amelia unter und schwamm flink wie ein Fisch davon. Aber Sam war schneller als sie und holte sie wenig später ein. Sie wurden wieder zu Kindern und spritzten sich nass, lieferten sich Wettrennen und Amelia war schon lange nicht mehr so glücklich gewesen. Sam war wieder ganz der Alte. Irgendwann legten sie sich auf den Felsen und ließen ihre Sachen trocknen.

Eine Weile blieben sie einfach so liegen und starrten in den Himmel. Wolken zogen vorbei wie kleine Schäfchen. Schafe auf einer blauen Weide. Das blau war so schön und tief wie Sams Augen. Warum erinnerte sie im Moment alles an Sam? Amelia drehte sich auf die Seite. Sie hatte das plötzliche Bedürfnis Sam anzusehen. Er bemerkte ihren Blick und setzte sich auf. In seinen Augen lag etwas dunkles, fast trauriges. Seine Stimme war rau als er sprach. „Du willst nun endlich eine Erklärung, hm?“ Amelia erstarrte. Daran hatte sie nicht mehr gedacht. Aber Sam hatte Recht. Es war wirklich Zeit für Erklärungen. Also nickte sie bloß und wartete ab. Sam räusperte sich. „Vorhin ist mir etwas klar geworden. Etwas was ich schon fast wieder vergessen hatte und ich bis jetzt nicht hatte einordnen können.“ Sam schaute auf den See hinunter aber sein Blick war nach innen gekehrt. Als würde er etwas sehen was Amelia nicht sah. „Als Allison mir das Buch brachte, da sagte sie etwas. Aber sie war sehr hektisch, musste gleich wieder los. Sie sagte etwas von einem Elixier. Ich verstand damals nicht was sie mir sagen wollte. Nur, dass sie das Elixier auch noch stehlen wollte, weil uns das Buch sonst nichts nütze. Sie starb bevor ich sie ein weiteres mal sah. Seitdem habe ich das Buch nicht wieder angerührt.“ Amelia begriff nicht ganz was das zu bedeuten hatte doch Sam redete schon weiter. „Ich glaube, dass mit Hilfe des Elixiers das Buch gelesen werden kann. Das wenn man es auf die Seiten tröpfelt Buchstaben sichtbar werden. Eine Art doppelte Sicherung. Ich denke, dass die Schrift da ist, bloß eben unsichtbar.“ Amelia holte tief Luft und kaute auf ihrer Unterlippe. Wenn es stimmte was Sam sagte, dann hätten sie noch eine Chance. Doch allein die Vorstellung noch mal in das Labor zu müssen ließ Amelia erschaudern. Und dass wäre wohl unvermeidlich um an das Elixier zu kommen. Sie sah zu Sam der sie fast ein wenig ängstlich musterte. Sie musste unwillkürlich lächeln. „Danke!“ Ihre Stimme war ganz sanft und sie legte all ihre Dankbarkeit in dieses Wort hinein. Sam schien sichtlich überrascht. „Für was?“, fragte er. „Dafür, dass du wieder da bist. Dafür, dass du mir diesen Ort gezeigt hast und mir das eben verraten hast.“ Sams Gesichtszüge wurden ganz weich, fast zärtlich. Dann blickte er erneut zum Himmel. „Die Sonne geht unter, wir sollten langsam gehen.“ Amelia richtete ihren Blick zum Himmel. Erschrocken registrierte sie wie viel Zeit vergangen sein musste. Der Himmel begann sich rötlich zu färben. Sie Sonne verschwand langsam hinter den hohen Baumwipfeln. Amelia nickte. „Du hast Recht.“ Sie würde noch gerne so viel länger hier bleiben. Am besten für immer. Hier bei Sam. Doch sie standen auf, kletterten vom Felsen und liefen langsam zum Waldrand. „Du könntest mit zu mir kommen!“ Sam sah sie hoffnungsvoll an. Fast hätte sie ja gesagt doch in dem Moment fiel ihr Timothy wieder ein. „Nein...Danke.“ Sie lächelte. „Bis später.“ Sie winkte Sam zum Abschied zu und wandte sich zum gehen. „Amelia...“ Sams Stimme war ganz leise als wäre er weit entfernt doch als sie sich wieder rumdrehte stand er direkt hinter ihr. Er war ihr so nah, dass es Amelia beinahe den Atem verschlug. Ihr Herz schlug mit einemmal unglaublich unregelmäßig und sie hatte das Gefühl es würde ihr gleich aus der Brust springen. Direkt hinüber zu Sam. „Es tut mir leid.“ In Sams Blick lag ein flehen, dass Amelia fast die Brust zerriss. „Wie ich mich die ganze Zeit benommen habe, dass war...“ Er suchte nach Worten. „Keine Ahnung aber es tut mir schrecklich leid. Ich war ein richtiges Arschloch.“ Amelias Blick glitt über sein Gesicht. Die schöne Form, seine vollen Lippen, die Haarsträhnen die über seine Augen fielen und seine wunderschönen, tiefen Augen. In der hereinbrechenden Dunkelheit waren sie dunkler als sonst. Mitternachtsblau. Sie letzten Strahlen der Sonne warfen kleine Sprenkel hinein und ließen sie aussehen wie ein kleiner Sternenhimmel. „ Ja, das kannst du laut sagen. Aber es ist okay.“ Amelia war selbst erstaunt wie zärtlich ihre Stimme klang. Doch in dem Moment war sie sich sicher, dass sie wieder den alten Sam vor sich hatte. Und das alles gut werden würde. Sam sah sie immer noch mit diesem unergründlichen Blick an. „Ich würde es gern wieder gut machen. Und ich glaube ich wüsste auch wie.“ Jetzt war er ihr noch näher. Amelia hatte das Gefühl ihr Herz würde jeden Moment zerspringen so schnell wie es schlug als seine Fingerspitzen sanft ihre Wange berührten um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Und dann berührten seine Lippen die ihren. Der Kuss war sanft und vollkommen und Amelia verlor sich ganz darin. Die Welt hörte auf zu existieren, zersprang und es gab nur noch Amelia und Sam. Amelia lehnte sich gegen Sams Brust und der Kuss wurde leidenschaftlicher und wilder. Sam griff in ihre Haare und stöhnte leise gegen ihre Lippen. Amelia wollte das der Moment für immer blieb. Genau davon hatte sie früher immer geträumt doch Sam hatte nur Augen für Allison gehabt. Sam murmelte etwas an ihre Lippen. „Du erinnerst mich so an sie...“ Es war kaum mehr als ein Flüstern doch Amelia fuhr zurück und machte einen Schritt nach hinten auch wenn sofort alles in ihr nach Sam verlangte. Sam sah sie erstaunt an und kam wieder näher, nahm ihr Gesicht in beide Hände und wollte sie erneut küssen. Sie hätte nichts lieber getan aber sie riss sich trotzdem los. „An wen erinnere ich dich?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Doch sie wusste es schon bevor er es aussprach. „Allison.“ Wieder flüsterte er nur und Amelia zerbrach es das Herz in tausend Splitter. Tausend scharfkantige, spitze Splitter die sich in ihre Eingeweide bohrten und ihr kaum noch Luft zum atmen ließen. „Ich hätte es wissen müssen, Sam.“ Ihre Stimme war leise, für mehr fehlte ihr die Kraft. Sie machte eine ausholende Handbewegung die den See und die Lichtung einschloss. „Das alles nur, weil du in mir meine Schwester siehst. Du liebst sie immer noch.“ Es war keine Frage sondern eine Feststellung. Sam sah betreten zu Boden. In seinen Augen lag Verzweiflung als er sie wieder ansah. „Aber du liebst sie doch auch!“ Amelia konnte nicht fassen, dass er das verglich. „Sie war meine Schwester, Sam. Natürlich liebe ich sie. Aber das ist etwas völlig anderes.“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr schon wieder die Tränen kamen. Zum wievielten Mal an diesem Tag? Sam trat wieder vor und zog sie sanft an sich. Er küsste ihr die Tränen vom Gesicht und für einen Moment wollte Amelia es einfach hinnehmen. Hauptsache sie war bei Sam. Aber dann konnte sie es doch nicht. Sie macht sich los und stieß Sam weg. „Nein, Sam. Du liebst mich nicht um meinetwillen sondern nur, weil ich dich an Allison erinnere. Ich weiß, dass du sie vermisst. Ich tue es auch, aber ich kann nicht mit jemandem zusammen sein der in mir jemand andern sieht. Das musst du verstehen.“ Sam sah sie fassungslos an. „Amelia das ist Blödsinn, vergiss es einfach wieder, ja? Das war doch nichts so gemeint.“ Er wollte nach ihr greifen aber sie entzog sich ihm. In ihr war nur Trauer. Tiefe, erdrückende Trauer, dass es so enden musste. „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich liebe dich Sam. Ich habe dich immer geliebt, aber du hattest nur Augen für Allison. Und du wirst mich nie so lieben können wie ich dich. Aber ich kann das nicht mehr. Jetzt. Ist. Schluss.“ Sie drückte Sam sanft einen Kuss auf die Lippen. Sam wusste genau wie er gemeint war. Es war ein Abschied. Amelia hatte erwartet wütend zu sein aber wahrscheinlich war ihr Wut schon aufgebraucht. „Auf wiedersehen Sam. Danke für den Tipp mit dem Elixier.“ Sie drehte sich rum und ging, hielt aber am Waldrand noch mal an. Sie drehte sich nicht um als sie sagte: „Viel Glück, Sam. Und vergiss mich nicht.“ Dann verschwand sie im Wald.

Sam hatte nicht versucht sie aufzuhalten, sondern war einfach an der Stelle stehen geblieben. Er wusste, dass nichts was er sagte sie hätte aufhalten können. Amelia weinte nun wieder. Hier in der Dunkelheit des Waldes, wo nur die Bäume Zeugen waren. Ihr Herz fühlte sich so kaputt an, dass sie sich wunderte, dass es noch so weh tun konnte. Sie wollte ihn nie wieder sehen. Nie! Wieder! Doch sie schloss den Kuss und den Tag auf der Lichtung in ihrem Herzen ein. Ganz tief drinnen. Diese schönen Momente würde sie sich aufheben und den Rest drum herum ignorieren. Vergiss es einfach wieder, ja? Amelia schnaubte verächtlich als sie an Sams Worte dachte. Als ob sie das jemals vergessen könnte. Du erinnerst mich so an sie... Seine Worte hatten sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Amelia war noch nicht weit gekommen als sie ein vertrautes Gesicht rechts von ihr sah. Amelia blieb wie angewurzelt stehen. Nein! Oh nein! Er darf das nicht gesehen haben. Oh bitte er darf das nicht wissen. Aber an seinem geschockten Gesicht sah sie sehr deutlich, dass er alles gesehen hatte. Amelia wurde übel. Timothy stand zwischen den Schatten der Bäume und starrte sie entgeistert an.

Sam sah Amelia lange nach, unfähig sich zu rühren. Er hatte es vermasselt. Dieser eine Gedanke schwebte in seinem Kopf und nahm soviel Raum ein, dass kaum noch Platz für etwas anderes war. Ja, Amelia hatte Recht. Er würde nie aufhören Allison zu lieben. Und Amelia hatte ihn an Allison erinnert. Aber er hatte sie nicht deswegen geküsst. Nein. Als er das getan hatte, hatte er keinen Gedanken an Allison verschwendet. In diesem Moment war sein Herz nur von Amelia erfüllt gewesen. Er fühlte sich schrecklich schuldig. Auch gegenüber Allison. Sie war zwar tot aber er hatte ihre Schwester geküsst. Aber nun war es mit beiden vorbei. Sam wusste ganz genau, dass Amelia ihm nicht noch mal verzeihen würde. Und sie hatte recht damit.

Timothy war Amelia zu Abbys Dorf gefolgt und dann durch den Wald. Er hatte nichts davon verstanden was sie gesagt hatten, denn er hatte großen Abstand gehalten aus Angst entdeckt zu werden. Im Wald hatte er sie verloren aber irgendwann hatte er die Lichtung gefunden. Es war genau in dem Moment gewesen als Amelia und Sam sich geküsst hatten. Sein gesamter Körper hatte sich angefühlt als wäre er eingefroren. Ihm war eiskalt geworden und zu seinem Ärger hatte er Eifersucht empfunden. Dann hatte Amelia wieder angefangen zu weinen und war gegangen. Er hatte sich irgendwie zusammen gereimt, was passiert war und als Amelia ihn dann entdeckt hatte er kaum gewusst wie er sie anschauen sollte. Jetzt saßen sie im Wald, möglichst weit weg von Sam und Amelia hatte ihm grob erzählt was passiert war. Natürlich möglichst ohne Details und Emotionen. Den Kuss hatte sie gänzlichst ausgelassen und er wollte es auch eigentlich nicht wissen. Am meisten hatte sie über das Elixier geredet und dass sie es unbedingt kriegen mussten. Timothy war ein Rätsel wie sie das machen sollten. Sie waren nur zu zweit. So ungern er das zu gab hierbei könnten sie Sam gebrauchen. Aber Amelia sah nicht danach auch als könne sie den Namen Sam auch nur hören. Das war das nächste Mysterium. Am Morgen war sie so wütend auf Sam gewesen und am Abend hatte sie dieses Arschloch dann geküsst. Nur um gleich wieder in Tränen auszubrechen und ganz eindeutig mit ihm abzuschließen. Nachdem Amelia ihm alles erzählt hatte was sie erzählen wollte saßen sie schweigend da. Jeder in seine Gedanken vertieft. Doch irgendwann brach Timothy das Schweigen. „Du liebst ihn oder?“ Es war unnötig zu sagen wen. Eigentlich wusste er selbst nicht warum er das fragte und er hätte sich am liebsten die Zunge dafür abgebissen. Musst du denn noch tiefer in der Wunde graben, Timothy? Amelia schwieg eine Weile, die Timothy wie eine Ewigkeit vorkam und er war sich sicher sie würde gar nicht mehr antworten doch dann tat sie es doch. Sie sah ihn nicht an als sie sagte: „Nein. Denn der Sam den ich liebte ist mit meiner Schwester gestorben.“