Rai

Lass die Wolken ziehen

Kennst du das Gefühl?
Wenn du versuchst, Luft festzuhalten?
Versuchst, Wasser in deiner hohlen Hand einzuschließen?
Versuchst, Lichtpunkte an der Wand zu fangen?
Es wird nicht funktionieren.
Menschen neigen dazu, krampfhaft Dinge erreichen zu wollen, die sie sowieso nicht bekommen können.
Und das geht dann meist sehr, sehr schief.

Cyrill Wiesen saß unter dem strahlend blauen Himmel, nur übersät mit winzigen, weißen Wolkensprenkeln, als ob ein Künstler mit einem Pinsel kleine Tupfen weißer Farbe auf ihn gemalt hatte. Obwohl der Himmel so blau war, war die Luft eiskalt. Dunstwölkchen schwebten vor seinem Gesicht und seine Nase war rot angelaufen. Der See unten im Dorf war gefroren, aber heute lief niemand darauf Schlittschuh. Denn heute war Weihnachten.
Für ihn allerdings nicht.

Weihnachten, was war das schon. Ein Fest. Für ihn war Weihnachten nur eine Erinnerung an jenen Tag vor zehn Jahren. Noch heute hatte er bei der Erinnerung einen bitteren Geschmack im Mund. Hört noch so genau die Worte in seinen Ohren klingen: “Du liebst mich? Und wieso sollte mich das jetzt interessieren?“ Seine Zähne knirschten und klapperten abwechselnd. Damals war er sprachlos gewesen, aber jetzt… jetzt war er nur wütend.

Unablässig faltete seine linke Hand den schon abgegriffenen Zettel in seiner Hosentasche auf und zu. Er wollte ihn zerknüllen und nicht zugeben, dass das, was sein bester Freund Axel auf den Zettel geschrieben hatte, wahr war. Nachdem er ihn gefragt hatte, warum Ryku ihn nicht hatte akzeptieren wollen.

Es war kalt, aber er wollte nicht reingehen. Nicht in seine stille, dunkle Wohnung, wo niemand auf ihn wartete und wo die Schatten seine Wände hoch krochen, wenn er ihnen den Rücken zukehrte.

Wo bist du wohl gerade?
Was machst du wohl gerade?
Hast du eine Freundin?
Oder einen Freund?
Hast du mich schon vergessen?
Oder denkst du noch manchmal an mich?
Wenn ja, an was erinnerst du dich?
An den Spinner?
An deinen besten Freund?
An den Idioten, der in dich verliebt war?
Den du hast abblitzen lassen?

Er dachte oft an Ryku. Manchmal dachte er, er hätte sein Herz bei ihm gelassen, nicht mehr fähig, zu lieben. Seine anderen Freunde sagten ihm, er soll endlich über ihn hinwegkommen. Schließlich hatte er zehn Jahre Zeit gehabt. Aber er konnte ihn nicht vergessen. Wollte ihn nicht vergessen. Er wollte ihn nur noch einmal sehen, um ihm eine Frage zu stellen. Nur eine.
„Gibst du mir noch eine Chance, Ryku?“
Sie waren beste Freunde gewesen. Immer. Aber wie in einer dieser klischeehaften Geschichten hatten sie sich ineinander verliebt. Nein. Nicht ineinander. Er hatte sich in Ryku verliebt. Aber Ryku nicht in ihn.

Immer wieder falte ich diesen Zettel auf und zu.
Es stehen drei Worte darauf.
Nur drei.
Sie bestehen aus zwölf Buchstaben.
Zwölf Buchstaben.
Hatte ich sie damals schon gekannt, wäre alles anders gelaufen.

Die Wolken zogen am Himmel vorbei und Cyrill fror.
Er entfaltete den Zettel ein letztes Mal. Knüllte ihn zusammen und warf ihn, über den Zaun, auf die Straße, bis er aus seinem Blickfeld verschwand.

Cyrill Wiesen stand auf und ging.
Mit zwölf Buchstaben im Rücken.
Lass ihn gehen.