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Amolina und Marissa

Wir

Hier kommt ausnahmsweise mal was von zwei Autorinnen, die sich, wundersames Schicksal, auf der vorherigen Cornelia-Funke-Fanseite kennen gelernt haben und gemeinsam die zwei Hälften einer Kurzgeschichte zurechtgeschreibselt haben. Das ganze ist vielleicht nicht so das, was wir sonst schreiben, was diejenigen auch selbst feststellen werden, denen die Geschichten von Amolina und Marissa nicht gänzlich unbekannt sind, aber wir waren beide ein bisschen überrascht, dass wir sowas zustande kriegen, und hätten jetzt gerne auch die Meinungen anderer Leute dazu =)

Licht

Da sitzen wir, reden. Freuen uns einfach nur, dass wir da sind. Wir zwei Gänseblümchen, sagst du. Wir müssen hilflos kichern bei der Vorstellung zweier Gänseblümchen von einem Meter fünfundsiebzig, die irgendwo sitzen und dusselige Gute Laune-Lieder mitsingen ohne den Text zu können. „Kopfkino“ nennst du das, was passiert, wenn ich erzähle, warum ich mich kaputtlache wenn du irgendetwas gesagt hast.

Wir reden über irgendwelchen Unsinn, finden alles lustig. Hören Musik. Tun so, als würden wir emotional mitsingen. Verhaspeln uns beim Text. Lachen noch mehr. Du verdrehst in gespielter Verzweiflung die Augen, als ich schon wieder anfange dämlich lächelnd unwichtige Dinge zu erzählen über einen einzigen Menschen. Ich rede trotzdem weiter. Du fragst: „Wieso eigentlich er?!?“ Ohh, tausende Kleinigkeiten sind das, und ich will sie alle aufzählen, bevor du mich mit einem dramatischen Genervtheitsseufzer unterbrichst und schnell zum nächsten Thema gehst. Ich umarme dich spontan. Das übliche ich-freu-mich-ja-so Benehmen.

Vor guter Laune im Sitzen auf und ab hüpfend, immer noch zwischenzeitlich singend, reden wir weiter. Feuern tonnenweise Insiderwitze aufeinander ab. Könnten vor Lachen ersticken bei Sachen, die längst nicht mehr witzig sein sollten. Erzählen uns immer neue Anekdoten über Leute, die wir kennen. Du verdrehst ein Wort, und ich ziehe dich so lange damit auf, dehne es, schneide Grimassen, bis wir uns vor Lachen kringeln.
Wir essen, während wir Blödsinn und übermäßig gute Laune verbreiten.

Dementsprechend sinkt das Niveau unserer Kommunikation weiter ab. Es ist trotzdem unglaublich, wie viele Möglichkeiten es gibt, „Schokolade“ zu sagen und seltsame Gesichter zu ziehen. Und wie schnell man auch das lustig findet. Ich fange schon wieder an, über jemand bestimmtes zu reden. Im Gegenzug reihst du Zweiwortsätze aneinander, die grundsätzlich von einem strahlenden Lächeln begleitet werden. Die Zweiwortsätze werden zu zusammenhanglosen Worten. Schon bald steuere ich eigenes bei. Schokolade. Frühling. Gänseblümchen. Smiley. Solche Gespräche sind unentbehrlich für mich geworden. Einfach da sein und sagen, was man grade denkt. Auch wenn es Unsinn ist. Gerade dann. Wir überbieten uns mit Musikvorschlägen für diesen Moment. Singen miteinander und gegeneinander. Kichern.

Stell dir vor, sich kringelig lachen ginge wirklich - wie eine Brezel! Sagst du. Und wir liegen wieder atemlos auf dem Boden, als wir mit dem Lachen fertig sind. Irgendwer sagt, wir sollen endlich aufhören, leise sein, zum Ende kommen, uns verabschieden.
Wie auch immer. Aber wir sind zu beschäftigt damit, gute Laune zu haben und zu kichern. Zu reden. Uns zu umarmen. Albern zu sein. Herumzuhüpfen. Zu singen und überdreht zu tanzen. Beleidigte Leberwurst zu spielen, wenn die eine über etwas lacht, was die andere gerade gesagt hat. Wie zwei Gänseblümchen. Kringelig gelachte Brezeln. Wir kennen uns einfach. Wissen wie die andere reagiert und lachen darüber. Haben uns gegenseitig in gutgelaunten Phasen so unendlich lieb. Können uns in diesem Moment einfach sagen, dass wir das beide denken.

Wieder werden wir aufgefordert, ruhig zu werden. Ich sage unter heftigem Grimassenschneiden: „Aaatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen…“ Und wieder prusten wir los, weil ich albern bin.
Es wird dunkel draußen. Aber das macht eigentlich nichts. Solange wir nicht aufhören. Weil diese Momente Lichtblicke sind.

Dunkel

Da sitzen wir, sind schlecht drauf, beschweren uns. Ich jammere. Du sagst, ich würde es dir echt schwer machen… Als wenn ich es mir selbst nicht schwer machen würde. Als wenn ich dich nerven würde, wenn ich eine Lösung hätte. Als wenn du nicht einfach weggehen könntest, wenn ich so doof bin. Als wenn du wirklich realisieren würdest, wie das ist. Verdammter Mist…
Und du sagst, als wenn du das nicht wollen würdest - tust so, als wenn du so was kennen würdest. Ich will einfach nur die ganze Welt anschreien. Du sagst, du willst einfach mal wissen, woran du bist. Ich werde weinerlich-zickig, brülle dich an - „Verdammt, demnächst fang ich noch an die Lehrer anzuzicken weil es mir so scheiße geht und keine meiner Freundinnen in der Lage ist zurückzufeuern!“

Und du wieder. Behauptest, du legst noch euer Haus in Schutt und Asche, wenn du nicht mal dahin gehen dürftest, wo du willst. Alleine sein. Mal endlich alles rauslassen könntest, was sich über ein Jahrzehnt in dir angestaut hat. Ich weiß doch, wie das ist. Aber du schreist mich trotzdem an. Ob ich wüsste, wie so etwas ist. Also erzähle ich dir von denen, die mir nahe sind. Menschen, von denen ich dachte, sie könnten irgendetwas gegen meine Launen tun. Aber die eine schweigt und entschuldigt alles mit: „Wir dürfen nicht aufeinander böse sein, weil wir alle Kinder Gottes sind!“ Eine andere ist eingeschnappt und tut nichts.
Die Nächste schmollt und geht weg. Eine andere tritt zu, wird handgreiflich. Nichts, was mich wieder auf den Boden bringen würde. Nichts, womit ich alles rauslassen könnte. Und ich kann dir nur sagen, ich weiß, wie es ist, einfach nichts machen zu dürfen und nur laut schreien und Sachen zerreißen zu wollen - und wenn ich das mache, heule ich anschließend nur noch mehr und haue mich selbst. Und du. Da bist schon wieder du.
Mit deinem Leben. Der gleichen Scheiße. Nur anders.
Aber trotzdem scheiße. Du brummst - sagst, du kennst es doch auch. Nur anders… Aber auch bescheuert. Sagst, du wärst bescheuert. Deine Eltern wären blöd. Deine Freundinnen wären zu anders als du. Du sagst, du hättest heute eine Stunde auf dem Bett gesessen und geweint!
Ich sage, hier sitzen zwei selbstmitleidige Jammertrienen. Will uns da rausholen.

Wir hören ein Lied. Ich sage, es ist FAST richtig für meine momentane Stimmung. Frage dich, wie es für dich wäre, aber so genau kannst du das nicht sagen. „Ja. Irgendwie. Aber irgendwie auch nicht“, ist deine Antwort. Wir schniefen und ich sage mir: Atmen. Einfach atmen. Aber irgendwann fängt alles wieder von vorne an, denn du fragst, ob es eigentlich normal ist, dass die Welt immer mehr verschleiert zu sein scheint? Also - matter ist… und einem die Farben nicht mehr farbig vorkommen… und man teilweise nur noch ein weißes Flimmer sieht. Ein paar Sekunden. Einmal am Tag. Mal mehr. Mal weniger. Ich weiß es nicht.
Ich kann nicht darüber nachdenken. Und schon redest du weiter: Und dann ein Fiepen im Ohr. Manchmal zu taumeln. Etwas nicht mehr lesen zu können. Die Sätze, die man liest, nicht mehr zu verstehen. Sich zu fragen, warum das so ist, warum man nicht weg kann. Ich fange an, mit dir in die Tiefe zu stürzen. Wieder ins Loch zurück. Ist es normal, wenn man da sitzt und alles immer kälter wird, als würde die Welt um einen rum einfrieren, und irgendwann ist man gar nicht mehr richtig da, nur gerade so um zu merken, dass man auch innendrin kalt wird?

Du: Warum grade jetzt?
Wenn man anfängt, Sachen zu tun, zu sagen, die man nicht sagen will, und sich später ohrfeigt, sich das verbaut, was man eigentlich haben will, und sein Leid irgendwie versucht zu verstecken.
Wir stürzen tiefer. Ergänzen uns gegenseitig in unserer depressiven Weltsicht.
Wenn man nahe dran ist einfach zu heulen und dem nächsten, der fragt, alles zu erzählen.
Egal wer es ist. Da. Wieder du: Alle Leute hasst. Nur noch weinen will. Einem alles egal ist.
Was interessiert einen die Welt.
Wenn man einfach nur noch zusammenbrechen will. Wenn man wissen will, was in den Köpfen anderer vorgeht, und es nicht erraten kann, sodass alles nur noch schlimmer wird.
Was interessieren einen die Menschen, die sich eh nicht für einen interessieren. Was interessiert einen, was andere tun? Man will immer mitgehen. Aber man kann irgendwann nicht mehr.
Oder will nicht mehr, muss aber weitergehen. Und alles verschwimmt noch mehr.
Das sind wir. Miteinander. Gegeneinander. Ins Dunkel.

2 Kommentare

Eva-Lotta am 12. April 2015

Wow, ihr habt es echt drauf in der du-Perspektive zu Schreiben! Mir hat besonders "Licht" gefallen. Großes Kompliment

Schneewittchen am 1. Dezember 2013

Das ist... wunderschön! Einfach bloß wunderschon!! Aus der Du Sicht geschrieben. Ich glaube, wenn man es aus einer anderen Sicht geschrieben hätte, wäre es nur halb so schön. Das ist nicht meine Art zu schreiben, aber ihr zwei habt das super hingekriegt! Diese Geschichte ist einfach unglaublich beschreiblich, ich könnte ewig weiterschreiben... Ihr habt es mega hingekriegt, eine Welt aus einer Sicht eines Menschen zu beschreiben, der sie längst nicht mehr so gut sieht... Und aus der Sicht von jemandem, der sie vielleicht zu leicht sieht... Ich muss echt sagen, das ist meine neue Lieblingsstory. Macht unbedingt weiter. Ich liebe diese Story. Gggglg Schneewittchen