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Nadine

Wenn die Luft nach Regen riecht

Kapitel 1: Runkelrübe

Stellt Euch ein großes Schloss vor. So groß, dass ihr beim Gucken euren Kopf ganz, ganz weit in den Nacken legen müsst, so wie Hans GuckindieLuft. Könnt ihr es jetzt sehen? Seht ihr die zwei riesigen steinernen Türme von Schloss Runkelrübe, die hoch in den Himmel ragen? Sie sind so groß, dass selbst ihr Besitzer und Bewohner Runkelrübe bei gutem Wetter sein magisches Fernrohr herausholen muss, um schimpfend zu beobachten, was sein Schloss dort oben wieder in den luftigen Höhen für Schabernack treibt. Manchmal sind nämlich ganz plötzlich alle Zinnen voll mit Schmierseife und wenn die Vögel ausrutschen, kichert das Schloss leise und schadenfroh. Manchmal erwachen auch die Wasserspeier zum Leben und wenn Runkelrübe aus der Tür herauskommt, wird er von ihnen kräftig mit Wasser bespuckt. Dann hebt er drohend seine Hand, holt seinen Zauberstab heraus, winkt und geht lachend seines Weges.

Ihr müsst wissen, dass dieses Schloss kein gewöhnliches ist. Und Zauberer -, Ricardus Runkelrübe ist so einer, - wohnen für gewöhnlich in einer ungewöhnlichen Behausung. Vor 700 Jahren hatte der Magier vom windigen Immobilienmakler Staubwedel Schraubsabelle, einem Dachs, denn die kennen sich mit Bauten aus, drei Angebote bekommen: einen Kürbis, ein abgelegenes Hotel und eben das Schloss.
Es war anfangs nicht seine erste Wahl gewesen, aber bis heute ist Runkelrübe heilfroh, dass Schraubsabelle noch das verrückte Schloss mit im Angebot hatte.

Das erste war ein von Mäusen gezogener, magischer, mumifizierter Riesenkürbis. Wunderschön eingerichtet, sogar schon mit Küche und Laboratorium. Der Kürbis war ungeheuer hässlich – von außen sah er wie ein grotesker alter Schrumpfkopf aus und die paar Wurzeln, die ihm noch wuchsen, wehten bei Wind immer schauerlich wie Geisterhaar hin und her. Leere Augenhöhlen dienten als Fenster, eine zahnlose Mundöffnung war der Hauseingang. Runkelrübe gruselte es bei diesem Anblick derart, dass er damals am liebsten sofort weglaufen wäre, doch er wollte sich vor Schraubsabelle nichts anmerken lassen. Auch Zauberer hatten schließlich einen Ruf zu verlieren und war der erstmal ruiniert, blieben die großen Geschäfte aus und es kamen nur noch gelangweilte Hausfrauen als Kundschaft. Diese Vorstellung gruselte Ricardus Runkelrübe derart und noch mehr als der Anblick des abscheulichen Kürbisses, dass er mit dem Dachs vereinbarte, für fünf Tage kostenlos auf Probe in dem Geistergemüse zu wohnen. Die ersten zwei Tage waren wunderbar: Des Nachts saß der Zauberer auf seinem hölzernen Kutschbock, reiste durchs Land, ließ sich die Luft um seine Nase wehen und von den Mäusen zu romantisch-magischen Plätzen transportieren. Bis zum zweiten Abend.

Runkelrübe war zum Augurium gereist und hatte hier, im Wald der Wörter, sein Nachtquartier aufgeschlagen. Ihr müsst wissen, dass der Augurium ein riesiger See ist, der sich im Nordosten von Alraun befindet – so heißt das Land, in dem Runkelrübe lebt und in dem diese Geschichte spielt. Und in diesem eiskalten, klaren Gewässer schwimmen alle Wörter und Buchstaben, die es je gegeben hat und geben wird. Den Wörtersee nennen ihn deswegen die Alrauner. Oder auch ehrfurchtsvoll den Nostradamus der Gewässer. Viele von ihnen reisen zum sagenumwobenen See, in der Hoffnung, er gewähre ihnen ein Bad, denn er hinterlässt beim Badenden Botschaften und Weissagungen auf der Haut.

Ihr müsst jedoch wissen, dass der See nicht jeden in sich baden lässt. Er geizt mit seinem Wissen und hat seine Launen. Wer baden will, muss sich dem augurischen Ritual unterziehen: Zuerst muss man seinen dicken linken Zeh ins Wasser stecken und warten. Egal, wie kalt es wird oder wie sehr es kitzelt, wenn die Fische an ihm knabbern, man darf ihn nicht herausholen. Die Augurenforscher glauben, dass der eigenwillige See sonst den Respekt vor dem Zehbesitzer verliert, aber sicher sind sie sich nicht. Was Forschungsanfragen betrifft zeigt sich das Gewässer höchst unkooperativ. Irgendwann verfärbt sich das Wasser für einen kurzen Moment und man darf den Zeh herausziehen. Die Botschaften sind jedes Mal höchst unterschiedlich. Mal ist es „willkommen“, „du darfst“, aber auch „schwimm und werde erleuchtet“. Steht jedoch auf dem Zeh ein „Nein“, „Verschwinde“ oder „Baden verboten“, sollte man von Badeversuchen tunlichst absehen.

Runkelrübe hatte seinen dicken haarigen Zeh mittlerweile nun einige Minuten im Wasser und nichts passierte. Er zupfte gedankenverloren an seinem langen Bart, hoffte, der See würde ihn willkommen heißen und dachte an all die Verrückten, die es trotz ihrer Absage dennoch versucht hatten. Die Städte waren voll von ihnen. Man nannte sie augurischen Skelette. Lediglich die Haut des dicken linken Zehs hatte der See ihnen gelassen, ansonsten waren sie komplett skelettiert, aber größtenteils bei Verstand. Viele verdingten sich auf Jahrmärkten ihr Taschengeld, entweder als Kinderschrecken oder wahrsagendes Zehenorakel. Andere wiederum hatten sich zusammengetan und machten als säbelrasselnde Piraten die Meere unsicher. Besonders bei Dunkelheit sahen sie imposant aus, denn der Augurium vergiftet seine Opfer mit einem grünlich glühenden Gift und so glimmten nun immer ihre Skelette.

Am Ende überwog dennoch die Neugier. Runkelrübe zog sich wütend aus, nuschelte etwas von „na, dann rein da“ und stieg in das kalte Wasser. Für einen kurzen Moment hörte er auf zu atmen, so eisig war es. Und dann kamen die Wörter und Buchstaben. Sie umfingen ihn, umkreisten ihn. Silben tanzten spielerisch auf seiner Haut. Sie erzählten von Verfall, Verführung und Verdammnis. Sie schrieben über Siege und Niederlagen, über Freundschaften und Feindschaften. Sie berichteten ihm von Glück und Trauer. Er versuchte sie mit seinen Händen zu fassen, doch sie zerflossen und der See kicherte. „Ricardus“, flüsterte er von überall. Dann, ganz leise wie von vielen kleinen Glocken: „Runkelrübe, Ruuunkelrüüüüüübeee.“
„Machst Du Dich über meinen Namen lustig?“, rief der Zauberer verärgert.
„Den habe ich mir nicht ausgesucht.“
„Runkelrübe, berühmt wirst Du werden. Aber nicht, wie Du Dir denkst.“
Wieder das leise Lachen. „Ein Wurm, eine Amsel und eine Taube. In ein paar Jahrhunderten wirst Du lächeln, wenn Du an diese Unterhaltung denkst. Und nun verlasse mich wieder.“ „Was, was soll das heißen?“, stammelte Runkelrübe. „Was für ein Wurm? Ich kenne keinen Wurm. Das ist alles? Dafür mache ich diese Reise? Dass Du mir von einem ominösen Wurm, einer Amsel und einer Taube erzählst?“

Runkelrübe tauchte noch einmal unter, aber die Buchstaben waren verschwunden. Das Wasser war wieder kristallklar. Er ging aufgebracht an Land. Augurium hatte seinen ganzen Körper beschrieben. Die Botschaften waren manchmal nur wenige Minuten sichtbar. Er musste sich beeilen, um sie zu lesen. „Ruf Deine Mutter öfter an“, „Vorsicht vor dem Kürbis. Er ist mehr als er vorgibt“, „Der Esel ist bissig“, „Nimm das Schloss“, „Lass Deine gierigen Pfoten von Miranda“. Runkelrübe tobte und warf eine Kartoffel, die er sich gleich kochen wollte, in den See: „Du stinkendes Regenwasser, sie hat mich zuerst rangelassen, sie hat mich jeden Abend auf ihr Zimmer bestellt! Was geht Dich mein Privatleben an?“ Der See schwieg und Ricardus las weiter. „Spezialisiere Dich auf Tränke und Rezepturen, sie bringen Dir Glück.“ Das war schon interessanter, denn in der Akademie hatte er seine Leidenschaft für die Herstellung von magischen Elixieren entdeckt. Und obwohl so jung, gerade mal 235 Jahre, hatte er in der Universitätsstadt Zalakun, dort befand sich die Schule für angehende Magier, Schwarzmagier und Nekromanten einen beachtlichen Ruf erlangt. „Elmo ist schlauer als er aussieht“. Wer war Elmo? Langsam begannen die Nachrichten zu verblassen. Die letzte, die Ricardus noch lesen konnte, war: „Iss mehr Gemüse.“

Eine Stunde später hatte sich der Zauberer ein Feuer angemacht und trank ein Gläschen warmer Mopsmilch. Die Mäuse schliefen laut schnarchend, Wandermotten kreisten um die Flammen und führten ihre Balzrituale aus. Mondschafe hüpften im Gras herum und blökten den Graumond an, der hoch oben am Himmel leuchtete und den See und die Landschaft mit silbrigem Licht überzog. Auf seinem Zauberstab hatte Runkelrübe allerlei köstliches Gemüse aufgespiesst, das er ins Feuer hielt. Schnell duftete der ganze Platz nach geröstetem Kürbis, Marneolien, Kartoffeln, Rigunen und Zuberginen, als er plötzlich ein Räuspern hörte. Runkelrübe schnellte von seiner Feuerstelle hoch und hielt seinen Zauberstab, der noch immer mit dem Gemüse bestückt war, drohend in die Höhe. „Wer ist da?“, fragte er mit lauter Stimme. Wieder das widerwärtige Räuspern. So, als ob sich jemand seines jahrhundertealten Schleimes entledigen wollte, dieser aber zu zähflüssig dafür war. „Wer ist da? Ich warne Euch, ihr habt es mit einem Magier zu tun und ich habe meinen Zauberstab bei mir.“ Ein Lachen erklang. Tief, schleimig, aus irgendwelchen Untiefen. Runkelrübe erinnerte es ein wenig an das Gelächter des alten Zaubertod-Hausmeisters Chester, der seit einigen Jahrhunderten nur mit einem Viertel seiner Lunge lebte, weil er zu lange „Schwarzen Krausen“ geraucht hatte, einen Tabak, den es nur auf dem Schwarzmarkt zu kaufen gab, weil ihm die Pest-Erreger des „Schwarzen Todes“ beigemischt wurden. So klang dieses Lachen - dreckig und tödlich. „Du hast also Deinen Zauberstab, jaaaa?“, fragte eine Stimme lauernd. „Ich habe einen Zauberstab und er ist tödlich“, erwiderte Runkelrübe. Hoffentlich sah sein Besucher nicht, wie sehr seine Hand zitterte. „Tödlich?“, höhnte die Stimme, lachte gellend los und verschluckte sich. „Tödlich? Ich sehe einen Gemüsespieß.“ Runkelrübe ging ein Stück nach vorne, versuchte die Stimme auszumachen, konnte aber niemanden sehen. „Das, das heißt nichts. Ich kann mit dem Stab zaubern und töten. Mit oder ohne Gemüse.“ „Dein Pech ist, mein Runkelchen, dass ich bereits tot bin.“ Lachen, gefolgt von Würgen, Schleim wurde sehr langsam hochgezogen und genüsslich ausgespuckt. „Und nun setz Dich wieder ans Feuer, iss Dein Gemüse und genieße die Show.“ „Was? Welche Show? Wer bist Du? Wer spricht da?“ Die Stimme machte Runkelrübe so sehr Angst, dass er schlotternd rückwärts zur Feuerstelle ging und sich hinsetzte.

Kapitel 2: Showtime

Die Mäuse. Die Mäuse waren weg. Runkelrübe schaute entsetzt zu den leeren Schlafplätzen. Dort wo eben noch sechs riesige weiße Fellbündel gelegen hatten, war nur noch zerdrücktes Gras. Dieser verdammte Dachs. Er hatte ihm doch zugesichert, dass sowohl Maus als auch Haus diebstahlsicher waren. Ein Rascheln ertönte hinter dem Kürbis. Wieder das Räuspern. Von wegen die gierigen Pfoten von Miranda lassen, er würde sie nie wieder sehen. Auch der See hatte ihn belogen.

„Bist Du bereit?“, fragte die Stimme. „Es geht los!“ Dann ging es schnell. Die sechs Mäuse kamen wie aus dem Nichts hinter dem Kürbis hervorgeschnellt. Runkelrübe schrie entsetzt auf. Sie rannten mit ihren glühenden roten Augen jedoch nicht auf ihn zu, sondern stellten sich vor das Wohngemüse. Alle waren als Piraten verkleidet, trugen Augenklappen, schwarze Stiefel und schwangen rostige Säbel. Eine Maus ging auf zwei hölzernen Beinprothesen, trug eine dreckige Schürze und hatte sich ein langes, blutiges Fleischermesser zwischen die Zähne geklemmt - offenbar wollte sie einen Schiffskoch darstellen. „Was zur Hölle ist...“, konnte Runkelrübe noch sagen, dann begannen sie ihre Choreographie. Holzfässer und Särge rollten aus dem Kürbismaul, auf die sich die Mäuse schwankend setzen. Runkelrübe roch Seeluft, Rum und hörte Möwen kreischen. Dann begann die Stimme laut zu singen: „Zwanzig Mann auf des Toten Mannes Kiste. He-hoooo und ne Buddel voll Rum!“„He-hoooo und ne Buddel voll Rum“, quiekten die Mäuse, rasselten mit den Säbeln und tranken Rum. Erst jetzt bemerkte Runkelrübe, dass die Augen des Kürbisses fahl gelb leuchteten und sich seine zahnlose Mundhöhle öffnete und wieder schloss. Das war unmöglich. Natürlich hatte er in der Akademie über sprechende Geisterkürbisse gelesen, auf Jahrmärkten hatte er auch schon unzählige gesehen. Sie lockten die Besucher in Geisterbahnen, Caligari-Kabinette oder zu Kartenleserinnen. Aber sie hatten weder dieses Ausmaß, noch waren sie intelligent. Meist konnten sie nur einige Sätze sagen. Und dieses Exemplar konnte eine Unterhaltung führen. Dennoch, es bestand kein Zweifel mehr. Es war der Kürbis, der sang. „Hallo, mein Schatz!“- der Kürbis zwinkerte ihm schmutzig zu. „Wie gefällt Dir unsere Einlage? Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Jack. Jack, die Laterne! Aber jetzt weiter im Programm.“ Und der Kürbis begann wieder zu singen. Die Mäuse buddelten inzwischen mit mehreren Spaten nach einem Schatz. Ein Affe mit Ohrring, blauer Pluderhose und gelber Weste fauchte ihn an und machte mit seinen Fingern eine obszöne Geste in seine Richtung.

Über ihm zog ein blauer Ara seine Kreise und ließ sich auf Runkelrübes Schulter nieder. „Wenn der blöde Vogel jetzt noch: „Polly will einen Cracker sagt“, werde ich wahnsinnig“, dachte sich Ricardus. „Polly will einen Cracker“, krächzte der Vogel. „Cracker, Cracker.“ „Schluss hier mit diesem Affentheater“, brüllte Runkelrübe. „Was soll das alles?“ Stille. Die Mäuse hörten auf zu schaufeln, starrten ihn fassungslos an. Ein Mondschaf blökte. Der Affe grinste. Jack hörte auf zu singen, räusperte sich und begann zu weinen. „Es ist wie immer“, schniefte er. „Kaum zeige ich mein wahres Gesicht, werde ich nicht mehr geliebt. Und bei Dir wollte ich mich endlich wieder fallenlassen, Ricardus. Es tut so weh.“ Räuspern. Durch das Weinen löste sich der Schleim offenbar schneller. „Du weißt doch gar nicht, wie schwer es ist, von seinem Körper getrennt zu sein.“ „Wie meinst Du das? Du hast doch einen Körper“, warf Runkelrübe zaghaft ein und bereute die Frage sofort wieder. Jacks Augen begannen rot zu glühen, sein Mund öffnete und schloss sich, es stank so sehr nach verfaultem Gemüse, dass sich Ricardus zusammenreißen musste, nicht sofort zu brechen. „Einen Körper?“, fauchte Jack, „Einen Körper? Das hier ist mein Kopf, du Idiot. Wo mein Körper ist, weiß ich nicht und genau das ist mein Problem. Ich habe vor einigen Jahren bei einer großen Filmproduktion mitgemacht und bin als kopfloser Reiter aufgetreten. Als der Dreh zu Ende war, haben wir alle zusammen gefeiert und am nächsten Morgen war mein Unterkörper weg. Die Schweine haben mich beklaut. Sie haben mein Leben zerstört. Sie haben mich benutzt.“ Tränenströme flossen aus Jacks Augen. Der Affe rülpste laut. „Oh, bitte verzeih mir. Das konnte ich natürlich nicht wissen. Ich dachte nur, weil Dein Kopf so riesig ist. Wie groß war denn dann dein Körper?“, fragte Ricardus und bei dem Gedanken schauderte es ihn. „Nun, ich war mehrere Meter groß. Deswegen habe ich ja auch die Filmrolle bekommen“, sagte Jack und Stolz schwang in seiner Stimme mit. Dann fing er wieder an zu weinen. „Ich fühle mich so zerrissen, so zwiegespalten. Ich habe auch zu meiner Therapeutin gesagt, dass zwei Seelen in meiner Brust wohnen.“ Der Kürbis warf theatralisch sein schütteres Wurzelhaar nach hinten und riss die Augen auf. „Sie hat mir die Musik als Therapie empfohlen. Oh ja. Wie Recht sie hatte. Ja, ich fühle wieder. Ich empfinde.“ Bevor Ricardus irgendetwas erwidern konnte, rief der Kürbis den Mäusen zu: „Leute, macht Euch bereit für Stück zwei.“ Die Mäuse, die bis dahin nur dumm rumgestanden und zwischendurch heimlich am Rum genippt hatten, verschwanden nach hinten. Der Affe zu Ricardus Freude auch. „Jack, bitte, das ist wirklich zu liebenswürdig von Dir. Aber langsam würde ich gerne...“, „Keine Widerrede, es ist alles nur für Dich. Genieße es und fühle Dich wie zuhause, denn ab jetzt bin ich Dein Zuhause. Ist das nicht schön?“ „Nein, das ist ganz und gar nicht schön“, dachte Runkelrübe. „Das ist ein Alptraum!“

So verging Stunde um Stunde und bis der Morgen graute hatten Jack und seine Mäuse dutzende Nummern zum besten gegeben. Der Kürbis sang von einem Land über dem Regenbogen, dazu gab es Szenen aus „Der Zauber von Oz“.
Ricardus ärgerte es, dass der scheußliche Affe wieder mitspielte. Er trat dieses Mal als kleiner Hund auf und biss dem Zauberer in den Zeh. Der Kürbis spielte Runkelrübe das Lied vom Tod, die Mäuse stellten dazu eine Schießerei in einem Western- Saloon nach. Als krönenden Abschluss gab der Kürbis schluchzend den blinden Geißbock Romualdo aus „die singenden Ziegen von Samarkand“ und schmetterte die Arie „Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht“.

Als Runkelrübe aufwachte, lag er in seinem Bett. Er versuchte sich an den Abend zu erinnern. Das Bad im See. Die Botschaften. Die tanzenden Mäuse. Jack. Wahrscheinlich war alles ein wilder Traum gewesen. Vielleicht war er durch das Wasser vergiftet worden? Eigentlich konnte es nicht sein, er hatte doch noch seine Haut und bestand nicht nur aus seinem Skelett. Runkelrübe ging zur Kochnische und machte sich einen Kaffee. So gerädert wie er sich heute fühlte, mischte er einen Extralöffel Fledermarderkot hinzu. Hauptsache stark. Er setzte sich an den Küchentisch, nahm den ersten Schluck Kaffee. Und gerade als er anfing sich zu entspannen, hörte er wieder die Stimme. „Guten Morgen, mein Runkelchen, gut geschlafen?“ Ricardus rannte schreiend aus dem Kürbis raus.

„Ich möchte“, keuchte Runkelrübe, „ich möchte sofort und auf der Stelle zu Schraubsabelle gebracht werden.“ Er lief aufgebracht vor dem Kürbis hin und her. „Runkelchen, hast Du vielleicht ein Halsbonbon? Du glaubst ja gar nicht, wie verschleimt ich bin. Und heiser von letzter Nacht. War es nicht schön?“, fragte Jack. Mit Schreien und Drohen kam er offenbar nicht. „Aber gerne doch, Jack, warte.
Ich zaubere Dir schnell etwas besonders wohltuendes für Deinen Hals. Darf es auch etwas für frischen Atem sein?“, flötete Ricardus. Er hob seinen Zauberstab und fing an zu flüstern: „Minz blau, kalte Frau, Tiger grau. Wohlan, ihr Geister, ich bin Euer Meister. Macht das Bonbon und tanzt Cancan!“

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