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Little Fox

Von Wipfeln und Wurzeln

Die Hand kam aus der Steckdose, eine winzige schuppige Hand. Sie ähnelte der eines Drachen, nur war sie viel kleiner. Von seinem Platz auf dem Bett konnte Julius alles genau sehen. Er hockte ganz still da, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und schaute zu, wie der Hand langsam ein Kopf folgte. Eine bunte Wollmütze war bis zu großen, blassblauen Augen heruntergezogen, die misstrauisch von links nach rechts schielten. Draußen pfiff der Wind durch die Äste der alten Bäume. Das Haus knarrte und ächzte und Julius konnte aus dem Augenwinkel sein Spiegelbild in der Fensterscheibe sehen, so dunkel war es. Seine aschblonden Haare klebten nass an seinem Kopf, vor ein paar Minuten hatte er noch unter der warmen Dusche gestanden.

„Scheiße, was…?“, rutschte es ihm heraus und reflexartig warf er einen Blick über seine Schulter. Niemand da. Die Kinderhasserin war außer Haus, auf Geschäftsreisen mit seinem Vater. Sie würden das ganze Wochenende weg sein. Was gut war, denn Stiefmutter Gertrud erduldete weder sein zu lautes Blinzeln, noch die Art wie er redete, atmete oder guckte. Mit elf Jahren war Julius alt genug, um selbst auf sich aufzupassen. Und jetzt saß ein kleines Männchen in der Steckdose über seinem Bett. „Scheiße“, sagte er wieder, nur weil er es konnte.

„Ein netter Junge wie du sollte nicht so viel fluchen.“ Es waren die ersten Worte, die das Männchen zu ihm sagte. Dabei schaute es ihn nicht einmal an. Mit dem Rücken zu Julius gewandt umklammerte es das Kabel der Leselampe und rutschte daran herunter, bis es  mit einem leisen Flopp auf dem Bett landete. Es war kaum größer als das rote Spielzeugauto, das Julius zu seinem Geburtstag bekommen hatte und seine streichholzdünnen Arme verschwanden in den weiten Ärmeln eines Mantels.
„Du sprichst!“, war das Einzige, was Julius herausbrachte.
Das Männchen kicherte. „Ja, ich spreche. Was gut ist, denn ich muss dir eine Nachricht überbringen.“ Nun schaute es ihn an. Sein Gesicht war ernst. „Julius Falter aus dem Haus im Holunderweg 2, mein Name ist Noralf und ich bin vom Volk der Wurzelwichtel. Wir brauchen deine Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ Julius konnte sich nicht vorstellen, was der Wurzelwichtel damit meinte. Und überhaupt, woher wusste er Julius‘ Namen?
Noralf nickte. „Weißt du, wir Wurzelwichtel leben in Höhlen unter großen Bäumen. Früher waren wir viele, aber wir mussten den Häusern und Feldern weichen, die unsere Heime zerstörten.“
Bei diesen Worten sanken die buschigen, federartigen Brauen des Wichtels langsam nach unten, bis sein ganzes Gesicht in Traurigkeit verzogen war. Obwohl Julius ihn erst seit ein paar Minuten kannte, hätte er ihn am liebsten umarmt, so erbärmlich wirkte er. „Vor ein paar Wochen glaubten wir, mit deinem Garten den perfekten Platz gefunden zu haben“, fuhr Noralf fort.
„Er ist groß genug für uns alle und niemand hätte uns gestört.“
„Was ist passiert?“, wollte Julius wissen. Er glaubte nicht an Feen, Trolle oder andere Fabelwesen, aber hier stand der lebendige Beweis und Julius hatte schon immer eine lebhafte Fantasie gehabt.

„Die Wipfelhörnchen kamen“, flüsterte Noralf. „Sie sind die intelligenten Verwandten der Eichhörnchen, aber im Gegensatz zu ihnen verlassen sie nie die Bäume. Weil sie den Garten für sich wollen und wir uns weigern, zu gehen, haben sie unseren Anführer hoch in ihren Baum geholt. Keiner ist mutig genug, einen Kampf mit ihnen zu beginnen, denn wir haben alle schreckliche Höhenangst. Deswegen musst du uns helfen.“
Julius schluckte. „Und wie soll ich das anstellen?“
„Du musst auf den Baum der Wipfelhörnchen klettern, noch heute Nacht und unseren Anführer retten.“
„Aber so dunkel, wie es ist, kann ich doch überhaupt nichts sehen!“, protestierte Julius. Er wollte dem Wichtel helfen. Wirklich. Doch was, wenn er fiel und sich das Genick brach?
„Du wirst deinen Weg finden“, sagte Noralf nur. Mit einem Mal grinste er, ein zahniges, schiefes Grinsen. Schnelle Trippelschritte trugen ihn über die Matratze zum Fenster und er schwang sich am Sims nach oben, von wo aus er Julius zuwinkte. „Komm! Der Mond steht hoch, er wird die Nacht für dich erhellen!“

Einen Moment zögerte Julius noch, dann folgte er dem Wichtel und kletterte ebenfalls aufs Fensterbrett. „Okay“, sagte er. „Ich werde dir helfen. Aber du bleibst in meiner Nähe.“
Sein Herz klopfte, schneller, immer schneller. Er würde sein erstes richtiges Abenteuer erleben und niemand würde ihn aufhalten. Der Hebel, der das Fenster öffnete, ließ sich nur schwer umlegen. Stiefmutter Gertrud wäre außer sich, wenn er beim Sprung durchs Fenster auf ihren Tulpen landete, aber Julius kümmerte es nicht. Die Nacht war warm und das Gras weich unter seinen nackten Füßen. Noralf, der eine stecknadelkopfgroße, aber sehr helle Laterne aus seinem Mantel hervorgeholt hatte, saß auf Julius‘ Schulter und wies ihm den Weg zur alten Eiche, wo die Wipfelhörnchen lebten. Die Äste der Eiche reckten sich so hoch in den Himmel, dass Julius sie selbst im Mondlicht kaum erkennen konnte.
„Da soll ich hochklettern?“ Plötzlich war ihm nicht mehr so tollkühn zu Mute. Ein kalter Wind kam auf und er schlang fröstelnd die Arme um seinen Körper.

„Du musst unseren Anführer retten!“ Der Wichtel klang erschrocken, als hätte er Angst, Julius würde es sich anders überlegen. „Die Wipfelhörnchen sind gnadenlos, wenn wir uns ihren Wünschen nicht beugen, werden sie ihn töten.“
Am liebsten wäre Julius zurück zum Haus gerannt, so schnell ihn seine Füße trugen, doch bei dem Gedanken, den Wichtel einfach so im Stich zu lassen, wurde ihm ganz schlecht. Es ging nicht anders, er musste es tun. Er kniete sich auf den Boden, damit Noralf an seinem Arm nach unten klettern konnte. Bevor er aufstand, schloss sich die Hand des Wichtels um seinen Finger. „Die Laterne“, sagte Noralf und streckte sie ihm entgegen. „Nimm sie. Und wenn sie dir nur die kleinsten Ritzen erleuchten wird, so weißt du doch, dass ich an dich glaube.“

Wortlos nahm Julius das winzige Geschenk entgegen. Es war nicht leicht, aber er schaffte es, die Laterne an einem Fransen von seinem dunkelblauen Pyjama festzubinden. „Danke“, flüsterte er. Dann wandte er sich der Eiche zu und alles Weitere, was er hätte sagen können, wurde von tausend wirren Gedanken hinweggespült. Die ersten Äste waren leicht zu erklimmen, sie kamen weit unten aus dem Stamm hervor. Schon bald fand Julius sich mehrere Meter über dem Boden wieder. Harte, raue Rinde bohrte sich unangenehm in seine Füße. Er hatte das Gefühl, Stunden waren vergangen, seit ein kleiner Wurzelwichtel aus der Steckdose geklettert war und ihn um Hilfe gebeten hatte. Unter seinen Händen schwankten die Äste der Eiche, schienen sich zu schlängelnden Linien zu verbiegen. Julius schloss die Augen, atmete tief durch und schob sich Stück für Stück vorwärts, bis er mit seinen Armen den soliden, sicheren Stamm ertastete. Noralf hatte ihm von den uralten, magischen Bannen erzählt, die von den Wipfelhörnchen zum Schutz um ihre Behausungen gelegt waren. Erst, als er sie überwunden hatte, konnte er das große, aus dünnen Zweigen gefertigte Nest sehen, das in einer breiten Astgabel ruhte. Hier also lebten die Wipfelhörnchen.

Jetzt musste er nur noch den Anführer der Wurzelwichtel finden und ihn in Sicherheit bringen. Wenn es doch nur so leicht wäre, wie es in seinem Kopf klang. Julius streckte sich, die Lippen fest zusammengepresst, damit ihnen auch ja kein Geräusch entwich, bis seine Hände sich um einen höhergelegenen Ast schlossen. Dann zog er sich nach oben. Von hier aus konnte er das Nest gut sehen, das auf der anderen Seite des Stammes ausgebaut war. Er schaute sich weiter um, versuchte vergeblich zu erkennen, wo der Anführer der Wurzelwichtel sein könnte. Plötzlich erspähte er ein kleines Nest, das ganz alleine an einem Ast in seiner Nähe hing. Stöcker waren in einem Kreis darum befestigt, die gefährlich aussehenden Spitzen zum Eingang gerichtet, so dass jeder, der nach draußen auf den Ast klettern wollte, unweigerlich aufgespießt werden würde. Da muss es sein, war Julius‘ erster Gedanke. Da halten sie ihn gefangen! Vorsichtig, ganz vorsichtig, nahm er die Laterne, die Noralf ihm gegeben hatte und hielt sie vor das Einstiegsloch im Nest. Und wirklich, da hockte ein Wichtel, sein runzliges Gesicht umrandet von einem langen, weißen Bart.

„Hey!“, wisperte Julius. „Hey du! Noralf hat mich geschickt. Er sagt, ich soll dich zurück nach Hause bringen.“ Für ein paar ewige, quälende Sekunden geschah nichts, dann nickte der Wichtel und krabbelte auf ihn zu. Glück gehabt. Ihm wäre nichts eingefallen, wie er ihn sonst hätte überzeugen können. Mit den Beinen den Ast umklammernd, auf dem er saß, die Laterne wieder sicher am Pyjama festgebunden, hielt Julius beide Hände nach oben. Der Wichtel kniff die Augen fest zusammen, dann ließ er sich in seine wartenden Hände fallen. Gerade wollte er dem Wichtel zeigen, dass er auf seine Schulter klettern sollte, da ertönte ein schriller Pfiff und erweckte den Baum zu wuselndem Leben. Man hatte sie entdeckt. Ein weiterer Pfiff und tausend kleine Laternen erhellten die grimmigen Gesichter von unzähligen Wipfelhörnchen.

Es waren kleine, grau bepelzte Tierchen, die spitze Stöcker und eichelgeladene Schleudern in ihren Pfoten hielten. Ein weiterer, letzter Pfiff, das Zeichen zum Angriff. Zuerst trafen ihn die Eicheln, sie prasselten auf ihn ein, hart und gnadenlos, bis er fiel. Er hörte sich selbst schreien, dachte an nichts und gleichzeitig an alles, während grüne Blätter und harte Äste an ihm vorbeirauschten. Der Fall endete abrupt, aber es tat nicht weh, ganz im Gegenteil. Unter seinem Rücken spürte Julius das weiche Material einer Matratze, seine Füße landeten auf wundervoll seidigem Gras und für einen Moment lauschte er dem rasenden Bum-Bum-Bum seines Herzens. Er lebte. In seinen Händen regte sich der Wichtel, den Julius mit in die Tiefe gerissen hatte. Richtig. Der Grund, warum er hier lag.
„Alfan! Bruder, du lebst!“ Es war Noralfs Stimme. Julius rappelte sich auf. Der Wichtel war aus seinen Händen verschwunden und Julius, noch etwas wacklig auf den Beinen, sah, wie er Noralf überglücklich umarmte. Jetzt machte er auch die anderen Wichtel aus, die in kleinen Gruppen um das fröhliche Paar herumstanden. Die ersten Strahlen der Morgensonne schimmerten blass über das Dach des Hauses und war das etwa Blumenerde, die er roch? Julius drehte sich um. Da lag seine Matratze, mitten auf einem Haufen von Stiefmutter Gertruds feinster Blumenerde, das Laken in kleine Stränge gerissen, an denen die Wichtel das schwere Objekt gezogen haben mussten.

Es war sein schallendes Lachen, das schließlich die Aufmerksamkeit der Wurzelwichtel von ihrem Freudenfest weglenkte. „Blumenerde!“, japste Julius grinsend. Er wandte sich an Noralf. „Woher wusstest du eigentlich, dass ich fallen würde?“
„Ganz einfach“, sagte der Wichtel. „Ich wusste es nicht. Ich habe geraten. Und ein bisschen Wichtelmagie muss wohl auch mit im Spiel gewesen sein.“
„Wichtelmagie?“, hakte Julius verwirrt nach. „Hättet ihr euren Anführer – ich meine, Alfan – dann nicht einfach herbeizaubern können?“
Noralf schüttelte den Kopf. „So leicht geht das nicht. Dass mein Bruder am Leben ist, haben wir allein dir zu verdanken.“
Nun trat auch Alfan vor. Das erste Mal in dieser Nacht sprach er zu Julius. „Noralf hat recht“, sagte er. „Du hast mich gerettet.“
„Äh...“, stammelte Julius, aus der Bahn geworfen von der ernsten Richtung, die das Gespräch eingeschlagen hatte. „Ja. Ähm, gern geschehen. Aber was wollt ihr jetzt tun? Ihr könnt doch nicht ewig fliehen!“
„Das stimmt“, sagte Alfan. „Ich weiß eine Stelle, an der uns keine Wipfelhörnchen belästigen werden. Der alte Walnussbaum neben dem Weiher, den vor einer Weile ein Blitz in zwei Hälften gespalten hat. Dort werden wir hingehen. Ohne Wipfel keine Wipfelhörnchen.“ Er lachte und die Wichtel lachten mit ihm.

Julius musste ein Gähnen unterdrücken. Jetzt, wo die ganze Aufregung vorbei war, spürte er die durchwachte Nacht nur zu deutlich. „Das ist schön“, murmelte er. „Leider muss ich jetzt zurück nach Hause. Sonst schlafe ich noch im Stehen ein.“
Ein nachsichtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Wichtels. „Natürlich. Ich vergaß, dass du noch sehr jung bist, trotz deiner Größe.“ Er verbeugte sich. „Es war mir eine Ehre, dich kennengelernt zu haben, Julius Falter. Du hast mir und meinem Volk sehr geholfen. Möge dein Leben lang und erfüllt sein.“
Bevor Julius die Chance hatte, etwas zu erwidern, verschwanden die Wichtel einer nach dem anderen ins hohe Gras. Er schüttelte den Kopf. Noch immer konnte er nicht ganz glauben, was passiert war. An seinem Pyjama hing eine winzige Laterne, neben ihm lag seine Matratze auf einem Haufen Blumenerde und Stiefmutter Gertruds Tulpenbeet würde wohl kaum besser aussehen. Es war die beste Nacht seines Lebens gewesen.

2 Kommentare

Feuerelfe am 25. August 2015

da kann ich Ella nur zustimmen. Es macht richtig Spaß das zu lesen. Ein klitzekleiner Tipp - die Mehrzahl von Stock ist Stöcke. sonst aber wirklich gut. Wäre jederzeit bereit, einen kleinen Wurzelwichtel aus meiner Steckdose in Empfang zu nehmen Lg Feuerelfe

Ella am 1. September 2013

Ein wirklich süße und gut geschriebene Kurzgeschichte. Lg Ella