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Verena Freund

Vom alten Mann, der auszog, das Kind-Sein zu lehren

Es war einmal ein alter Mann, der herumtollte wie ein junges Kind. Er lief den Schmetterlingen hinterher und beobachtete das Gras beim Wachsen. Jeden Tag fielen ihm neue Fragen ein, auf die er Antworten suchte.

Eines Morgens begegnete ihm im Wald eine alte Bärin. „Warum rennst du wie ein junges Reh umher, alter Mensch? Willst du dich nicht lieber zur Ruh legen und schlafen?“ Der Greis starrte die Bärin entgeistert an. „Warum sollte ich das tun, gutes Tier? Ich will doch noch so viel wissen!“
Die Bärin schüttelte verzweifelt den Kopf. „Alter Mann, weißt du denn nicht schon alles? Du hast doch schon so viel erlebt in deinem langen Leben!“ Der Greis lachte laut auf. „Liebe Bärin, wie kann man denn bloß alles wissen? Lernst nicht auch du jeden Tag etwas dazu?“ Das Tier verstand nicht recht. „Was meinst du? Ich weiß, wie und wo ich satt werden und mich schlafen legen kann. Das reicht mir“, antwortete die Bärin.

Das machte den Alten sehr traurig, denn für ihn gab es nichts Schöneres, als mit offenen Augen die Welt zu erkunden. Alles Neue bereitete ihm große Freude, und seine Neugierde war so groß wie die höchsten Tannen und Eichen im Bärenwald.

„Gute, alte, sture Bärin. Wie gerne würde ich dir helfen“, sagte der alte Mann und streichelte das graubraune Fell des zotteligen Tieres. „Aber ich sehe, du willst lieber so weiter machen wie bisher. Viel Glück dabei.“ Die Bärin verstand die Welt nicht mehr. Was war das bloß für ein merkwürdiger Mann, der sich wie ein Kind benahm? „Du bist ein komischer Genosse“, brummte sie und stampfte von dannen.

„Komisch? Das mag sein“, rief ihr der Alte hinterher. „Aber so lass‘ mich doch Kind sein! Mehr will ich gar nicht.“ Noch einmal drehte sich die Bärin um und schnaufte: „Na gut, ich kann’s dir nicht verübeln. Wenn’s dich glücklich macht, so kann ich gut damit leben.“ Ein Lächeln huschte über die Lippen der alten Bärendame. Für einen kurzen Moment hielt sie inne. Und da stellte sie mit Erschrecken fest, dass sie diesen fröhlichen Greis beneidete. Denn sie hatte in all den Jahren völlig vergessen, wie es war, ein Kind zu sein. Wie frei und unbeschwert sie sich als junge Bärin gefühlt hatte, wie viel Vergnügen es ihr bereitet hatte, den Wald zu durchkämmen und die anderen Tiere zu beobachten. All das hatte sie einfach vergessen. Und tief in ihrem Herzen bereute sie es.

Der alte Mann ließ sich von den Worten der Bärin nicht beirren. Er lebte so weiter, wie er es immer schon getan hatte. Und weil er so wissbegierig und neugierig war, kam ihm eines Tages eine Geschichte zu Ohren. Eine Geschichte, die er so sonderbar und herrlich fand, dass er sich niedersetzte und sie aufschrieb. Seine Worte waren leicht wie eine Feder, denn er verachtete die schweren Worte der großen Männer, die glaubten, klüger als Kinder zu sein.

Die Geschichte gefiel dem Alten so gut, weil sie vom Kind-Sein handelte. Er fragte sich oft, ob sie wahr oder erfunden war. Aber im Grunde genommen war das nicht wichtig. Für ihn zählte nur die Botschaft, die er darin entdeckte: Höre nie auf zu träumen! Schon bald entwickelte sich seine Erzählung zu einem Lehrstück. Nicht nur für die alte Bärin, sondern für alle Bewohner des großen Waldes. Alle Tiere erfreuten sich der sanften Worte des greisen Mannes. Sie erinnerten sich ihrer Kindheit und sehnten sich die Zeit der Unbeschwertheit zurück. Die Geschichte gab ihnen neue Hoffnung und öffnete ihnen die Augen.

„Es ist nie zu spät. Denn es ist gut, zuweilen Kind zu sein“, brummte die alte Bärin in die Runde. Die übrigen Tiere nickten zustimmend. Der Greis lächelte sie an. Und zufrieden stellte er fest, dass die zottelige Bärendame des Kind-Seins noch mächtig war.

Kommentar

Jin am 23. September 2016

Es ist eine so schöne Geschichte. Mach weiter so, Jin