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Novemberwind

Vergessen aus Porzellan

Er sitzt im Porzellanhaus.

Seine mit den Jahren müde gewordenen Hände ruhen auf der glatten Tischplatte, wirken zart, fast schon zu zart, wirken zerbrechlich wie das Material auf dem sie liegen.

Zerbrechlich wie Porzellan.

Sein Haar wird langsam zu lang, ist unordentlich, von der Zeit weiß gemalt.

Weiß wie Porzellan.

Sein fremder Blick verlässt seine Augen nicht, wirkt verloren, wirkt undurchdringlich.

Undurchdringlich wie Porzellan.

Vielleicht könnte die kleinste unbedachte Bewegung, ja, selbst die sanfteste Berührung ihn zerspringen lassen. So wie alles, das nur noch als Scherbenteppich den Boden bedeckt.
Weiße Scherben, bemalte Scherben, große Scherben, kleine Scherben, scharfkantige Scherben.

Scherben aus Porzellan.

Das Keramikzimmer scheint zu pulsieren. Unheilvoll. Zerstörerisch.

Unzählige Uhren an Wänden, auf Schränken, in Regalen, Kuckucksuhren, schlichte Uhren, bunte Uhren, antike Uhren folgen jeweils ihrer eigenen Zeit.

Sie ticken unaufhörlich, ticken gegeneinander, ticken zu allen Seiten.

Uhren aus Porzellan.

Tick Tack.

Tick Tick Tock.

Tack Tack.

Tick Tick Tock.

 

Jeder Zeigerschritt hinterlässt einen neuen Riss im Porzellan des Ziffernblatts. So fein, dass man ihn leicht übersehen könnte, feiner noch als eines der bereits schütter gewordenen Haare des Fremden und doch ist der Sprung, trotz geringer Größe, ein nicht zu ignorierender Vorbote des Verfalls. Er scheint mit allzu leiser Stimme den Lärm zu übertönen, flüsternd zu schreien:

 
Die Zeit läuft ab!

 

Läuft ab!

Läuft ab.

Ab.

Ab.

Ab. 

Doch der alte Mann bemerkt nichts davon. Nicht das Echo verstreichender Zeit, nicht die Relikte bereits vergangener Zeit, nicht die unzähligen Erinnerungen in diesem Raum.

Erinnerungen aus Porzellan.

Immer mehr von ihnen zerbrechen in seinen suchenden Händen, jedes Mal, wenn er nach ihnen greift.

Falls er nach ihnen greift.

Er versucht es nur noch selten.

Niemand sammelt die Scherben auf, niemand kommt an sie heran. Niemand, außer der alte Mann, der sie nicht mehr zusammensetzen kann.

Eine heiße Träne rinnt über Porzellan und ich traue mich nicht, sie von meiner Wange zu wischen. Ich habe Angst davor mich zu bewegen, mich zu beschädigen, mich zu zerstören.

Schon jeder einzelne Schlag meines Herzens malt neue Sprungmuster auf meine fragile Haut.

Meine Haut aus Porzellan.

Was würde dann erst eine einzelne Regung von mir verursachen?

Die Zeit hat sich einer grausamen Kunst verschrieben. Ohne jegliche Schönheit und Glanz, sobald man den Gedanken hinter dem Kunstwerk versteht, sobald man erfasst, was verloren geht.

Mein Denken wird beherrscht von ein und denselben Worten, die gleichzeitig Vorschlaghammer und Rettungsleine sind, die gleichzeitig versuchen mein Herz zu zertrümmern und es am Leben zu erhalten. Mein ach so stures Herz.

Mein Herz aus Porzellan.

Immer nur dieselben Worte.

Ich will nicht

in tausende von Scherben zerspringen,

bevor er mich nicht noch einmal

und dann noch einmal

und noch einmal

oder auch nur einmal

mit seinen vertrauten

braunen Augen angesehen hat.

Augen, die ich so sehr vermisse.

5 Kommentare

Fjalra am 19. März 2017

Ich habe das Gefühl, durch einen Nebelschleier zu lesen. Wunderschöne Geschichte.

Novemberwind am 6. Februar 2015

Danke Sonnenschein

Sonnenschein am 21. Oktober 2014

Richtig schöner Vergleich. Ich bin verliebt in deine Geschichte

Novemberwind am 9. September 2014

Vielen Dank, Saphir, für das nette Lob. Freut mich, dass dir meine Geschichte gefällt

Saphir am 8. September 2014

Wow... Das ist total schön und total gut geschrieben! Richtig toll!