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Fabienne

Tochter der Nacht

Kapitel 1

„Du bist doch völlig verrückt! Du liest viel zu viele Bücher, das setzt langsam deinem Gehirn zu. Vielleicht solltest du mal eine Pause einlegen, ich sehe dich ja sonst nichts anderes mehr machen.“

„Aber ich schwöre dir, er steht da schon wieder! Da draußen auf dem Dach des Hauses gegenüber. Jedes mal steht er dort und starrt zu mir herüber! Du kannst mir doch nicht sagen, dass du ihn nicht siehst!“

Sie verdreht schon wieder die Augen. Sie glaubt mir kein Wort! Aber ich weiß ganz genau was ich gesehen habe, dieser Mann, oder dieses „es“, beobachtet mich. Ich kann die ganze Nacht kein Auge mehr zu machen, weil ich Angst habe, dass er auf einmal vor meinem Bett steht.

„Er steht da also. Und was macht er?“

„Na... garnichts.“

„Garnichts?“

„Ja. Er steht einfach nur regungslos da und beobachtet mich. Das - das ist doch nicht dein Ernst! Du kannst mir ja wohl nicht erzählen, dass dort niemand ist. Ich sehe ihn doch!“

„Du siehst Geister!“

„Ich bin nicht verrückt!“

Wie sie mich ansieht. So hat sie mich noch nie angesehen. Als wäre ich geisteskrank.

Kein Wunder, wenn mir ein 14-jähriges Mädchen, mit Augenringen die schon bis zum Boden hängen, erzählen würde, dass sie gegenüber einen Mann sieht, der sie wahrscheinlich umbringen will, würde ich ihr auch kein Wort glauben. Aber dass ich dieses etwas sehe liegt nicht an meinem Schlafmangel.

„Das wird mir alles zu viel. Seit Tagen erzählst du mir jemand verfolgt dich, aber da ist niemand. Ich weiß nicht, ob das dein Ernst ist oder du mich nur auf den Arm nehmen willst. Wenn es letzteres ist, hör auf damit, das ist wirklich nicht mehr lustig!“

„Das soll es ja auch nicht sein, ich mache keine Späße! Warum glaubst du mir denn nicht einfach? Es kann doch nicht sein, dass nur ich ihn sehe.“

„So ist es aber.“

Und mit diesen Worten verschwindet sie aus meinem Zimmer und knallt die Tür lautstark zu. Ich kann es einfach nicht glauben. Warum sieht sie ihn denn nicht?

Wie soll ich jemandem etwas zeigen, an das diese Person nicht glaubt? Ich muss sie dazu bringen zu glauben. Aber wie? Von selbst wird sie das sowieso nie tun.

Ich schaue aus dem Fenster. Er steht immer noch da.

Schwarze Stiefel, schwarzer Umhang der fast bis zum Boden reicht, und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Jedes mal sieht er genau gleich aus. Alles schwarz. Ich erkenne keine Haut und auch kein Gesicht. Ich würde es so gerne mal sehen! Egal durch welches Fernglas ich auch sehe, ich kann kein Gesicht erkennen.Vielleicht hat er ja garkeins, vielleicht ist er ja doch ein Geist. Das würde zwar erklären warum meine Mutter ihn nicht sieht, aber noch lange nicht warum ich ihn sehe. Ach quatsch, Geister existieren garnicht!

Ich habe eine Idee!

Ich gehe an das Ende meines Zimmers und schalte das Licht aus. Er soll ja nicht sehen was ich vorhabe sonst steht er am Ende wirklich noch in diesem Raum. Nun hole ich mein Handy aus der Tasche die unter meinem Schreibtisch liegt, halte es in die Richtung des „Stalkers“ und schieße ein Foto.

Da ist es. Mein Beweismaterial. Auf diesem Bild kann man deutlich erkennen, dass da jemand steht. Es ist zwar nur ein Schatten, aber das wird genügen. Diesmal muss sie mir einfach glauben!

Ich renne aus meinem Zimmer und springe breitgrinsend drei Treppenstufen auf einmal runter. Eigentlich sollte ich vor Angst in ein anderes Land ziehen, weil mich wirklich jemand Tag und Nacht beobachtet, aber ich habe nur das Eine im Kopf! Dass ich Recht habe und nicht verrückt bin!

„Mom? Mom! Ich muss dir unbedingt was zeigen!“

„Mom, wo bist du?“

Keine Antwort. Ich gehe durch den Flur und werfe einen kurzen Blick in das Schlafzimmer meiner Mutter. Dort ist sie nicht. In der Küche und im Wohnzimmer ist sie auch nicht.

Obwohl das Licht im Bad ausgeschaltet ist und meine Mutter normalerweise nicht im Dunkeln dort ist, sehe ich trotzdem nach. Auch hier keine Spur von ihr. Ich wüsste nicht wo sie sonst sein könnte. Unten ist sie nicht, und oben kann sie nicht sein, sonst hätte sie an mir vorbeilaufen müssen. Wo ist sie nur?

Ich schalte mein Handy nochmal ein und will sie anrufen, bis ich sehe, dass alle Dateien gelöscht wurden. Alles ist weg. Meine Kontakte, meine Bilder… Meine Bilder! Das Bild von dem Mann auf dem Dach ist weg! Das ist unmöglich! Ich hoffe das, an was ich gerade denke, ist nicht wirklich passiert.

„Mama!“

Ich renne durch die Küche und den Flur die Treppen hoch zu meinem Zimmer. Vor der Tür halte ich kurz inne. Das Licht ist eingeschaltet. Kurz zögere ich noch, bis ich endlich die Tür aufmache.

Mein Fenster ist auf. Wieso ist mein Fenster auf? Ich sehe einmal schnell durch das ganze Zimmer und kann nicht glauben was ich da entdeckt habe!

Das was ich gerade sehe, wird mich noch das ganze Leben in meinen Träumen verfolgen! In meinen Albträumen.

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