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Lollypop

Porzellan

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Man nennt es Dishophobie.

Die Angst vor Porzellan.

Es ist nicht nur das Angemalte Weiße. Es sind nicht nur die Verzierungen, die Puppen,
das Geschirr. Der Geruch. Ja, das ist es, was ich am meisten fürchtete. Der Geruch vom Porzellan. Künstlich. Künstlich wie Plastik, so glatt wie Seide, so bleich wie Milch.

Meine Freunde hatten mich ausgelacht, als ich letzte Woche den Porzellanteller vor mir anstarrte, natürlich wussten sie Bescheid. Sie taten es oft, und ich hatte es ihnen nie heimzahlen wollen. Wieso auch? Ich wusste selbst dass das komisch war.

Ich hatte oft versucht, es irgendwie auszulöschen. Diese Angst. Diesen Ekel. Das Ganze.
Einfach keine Angst vor so etwas Harmlosem zu haben. Einfach wie die anderen zu sein.

 

Dann war da noch diese Puppe am Schaufenster. Meine Mutter ging mit mir einkaufen, sie ist immer Porzellangeschäften ausgewichen, sie beschützte mich und lachte auch nicht. Sie umarmte mich immer ganz fest, wenn ich Porzellan sah. Oder sie sah mich mitfühlend an.

Aber das brauchte ich einfach nicht. Dieses Mitleid war zum Kotzen.

Jedenfalls sah ich auf einmal diese Porzellanpuppe, die mich anglotzte. Fast bedrohlich.
Ihre schwarzen Pupillen, ihre gezeichneten blonden Haare. Ihre verzierte Kleidung – sie waren typisch französisch, mit Spitzen und alldem. Und einem kleinen Hütchen, die sie schräg trug.

Diese Augen. Dieser harmlose Gesichtsausdruck.

Ich stolperte einige Schritte nach hinten und knallte gegen einen alten Mann, der mich jedoch reflexartig auffing. „Es tut mir so leid“, murmelte ich und rappelte mich wieder auf, um ihn in die Augen zu sehen – und ich könnte schwören, für einen Moment diese dunklen, ausdruckslosen Porzellanaugen gesehen zu haben. Der Mann starrte eine Weile zurück, dann richtete er sich wieder nach vorne und lief weiter, ließ mich alleine stehen. Dann kam meine Mutter zu mir, sie hatte endlich bemerkt, dass ich nicht mehr neben ihr lief. „Geht es dir gut, Liebes?“, fragte sie und berührte sanft meinen Arm, beängstigt, sie könnte es brechen.

Wie eine Porzellanpuppe.

Ich starrte auf den Punkt, wo eben noch der alte Mann gestanden hatte. „Geht es dir gut?“, wiederholte meine Mutter, mit diesmal kräftigerer Stimme.

Ich habe eine Phobie gegen Porzellan, habe eine hässliche Puppe gesehen die aus Porzellan bestand, und traf auf einen Mann der Porzellanaugen hatte.

Mir geht es wunderbar. Aber trotzdem nickte ich und lief weiter.

4 Kommentare

Naemi am 31. Januar 2017

Uuuhhhhh! Das ist seeeehr gruselig, dass es diese Angst gibt! Ich bete für deine Freundin!

Fuchs am 18. November 2015

Das ist eine sehr schöne Geschichte!!!

Lollypop am 29. Juni 2015

Danke! Ja, Dishophobie gibt es wirklich. Meine Freundin hat das (wurde psychologisch bestätigt), eine ziemlich seltsame und seltene Phobie, aber die gibt es wirklich. LG Lollypop

Sammy am 24. Juni 2015

Tolle Geschichte. Gibt es Dishophobie echt?