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Fire

Never again

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Nie.
Nie wieder würde er es zulassen.
Der Himmel weinte mit ihm, die kalten Lichter der Stadt schienen ihn zu verfolgen und stachen in seinen Augen, ließen die Nacht verschwimmen.
Es war längst nicht so spät, dass die tausend hellen Punkte, Neonröhren und Straßenlampen der Nacht Platz gemacht hätten.
Es war fast so hell wie am Tag, und dieser Tag, dieser letzte, eben gestorbene Tag lief dick und ätzend seine Wangen hinunter.
Nie. Wieder.

Seine Kleider waren schon seit Stunden durchweicht, sein Körper von Gänsehaut überdeckt, doch es war ihm egal, der Schmerz fraß  von innen und war warm, so warm, heiß war er, verbrühend heiß. Verbrühte seine Brust und breitete sich aus wie ein Tropfen Tinte in einem Wasserglas.
Sie war weg.

Er erinnerte sich an ihre Tränen, bis auf den Boden waren sie getropft, doch dann waren die blauen Anzüge erschienen, in denen die Ungeheuer steckten, und hatten jede Sicht versperrt.
„Beschütze mich“, hatte sie geflüstert, er hatte es ihr versprochen.
Nie wieder würde er ein Versprechen geben.
Sie war weg, und einfach so, grundlos, herzlos, hatte man ihr jeden Abschied verwährt.

Es war Morgen gewesen, so früher Morgen, dass auch wirklich nur Menschen auf die Idee kamen, ihn als Morgen zu bezeichnen. Denn eigentlich was es Nacht.
Also, nachts um Drei Uhr hatte sein Handy geklingelt.
Und warum auch immer, statt es unwirsch auszuschalten, war er rangegangen.
„Flughafen. Zum Flughafen, schnell, in der Vorhalle, Schalter 3.“
Dann war aufgelegt worden.
Die Tränen ertränkten sein Schluchzen, und die Nacht erstickte seinen Schrei.

Er war zum Flughafen gefahren, verwirrt, müde, mitgenommen, wie in einer Trance. Und dort war sie gewesen, und was er immer befürchtet hatte, wovor sie zu beschützen er versprochen hatte,  und was er nie für möglich gehalten hätte, es war geschehen.
„Ich werde nicht zurückkehren. Sie haben meinen Vater gefoltert, meine Mutter missbraucht und nur darauf gewartet, dass ich alt genug bin für noch mehr schreckliche Dinge.“

Nein, sie würde nie zurückkehren. Bevor sie angelangt wäre, würde sie längst ihrem Leben ein Ende gesetzt haben.
Es war immer so unwahrscheinlich gewesen. Wäre, würde.
Das klang, als könnte es niemals geschehen. Als wäre es das Unwahrscheinlichste der Welt. Wenn du vom Blitz getroffen werden würdest, wenn morgen Weltkrieg wäre, wenn du im Lotto gewinnen würdest…
Wenn du abgeschoben werden würdest, wenn du zurück in die Hölle müsstest, aus der du nur knapp und mit lebenslänglichen Störungen fliehen konntest…

„Dann würde ich vorher sterben. Ich würde mich nicht foltern lassen.“ Ihre Worte.
Nein, sie würde nicht gefoltert werden. Vorher war sie tot.
Sie würde es tun.
Nie wieder würde er sie lebend sehen.
Nie wieder würde er sie lachen hören.
Nie wieder würde sie überhaupt lachen.

Seine Hände krallten sich um die kalte Mauer, suchten Halt dort, wo nichts war, seine Augen hörten nicht auf, auszulaufen.
Keine Gedanken mehr, nur noch Schmerz und Wut.
Es hatte keine Beweise gegeben, auf die Verlass gewesen wäre.
Sechs Jahre hatte sie in Deutschland gelebt, sie sprach normal Deutsch wie alle anderen, war gut in der Schule, besser als so manche Deutsche, und nichts war wahr gewesen von den Gerüchten und Geschichten über Zigeuner. Nein, es waren keine Zigeuner, es waren Sinti und Roma, ein Volk wie jedes andere, es verdiente Stolz und Ansehen. Doch wo sie herkam, misshandelte man sie, grenzte sie aus und nutze sie aus.

Ihr letzer Blick, das letzte, was er zu sehen bekommen hatte von ihr, war voller Stolz, Verzweiflung und Angst gewesen, doch am Schlimmsten war die Aussage gewesen. Ja, es war ein Abschied für immer gewesen, vielleicht lebte sie schon jetzt nicht mehr.
Er erschlaffte, sackte zusammen im Schluchzen und spürte, wie all seine Lebenskraft mit den Tränen in die Nacht aus ihm herauslief. Vielleicht hatte ja wenigstens ein anderes Lebewesen  etwas davon, fing sie auf, seine Kraft, und lebte glücklich.

Man hatte sie nachts um 1:30 Uhr abgeholt, war ohne Vorwarnung in ihre Wohnung gekommen, hatte sie Sachen packen lassen und sie mitgenommen.
Heinmlich hatte sie ihn noch anrufen können.
Nie wieder würde er sie sehen.
Nach sechs Jahren hatte man sie einfach abgeschoben, es gab angeblich keinen Grund, in Deutschland zu leben, und Tschüss.
Nie wieder würde er an Gerechtigkeit glauben.
Sein Schmerz war versiegt, seine Tränen auch, der Schwamm der Nacht hatte sich vollgesaugt, und was blieb, war Wut und Hilfslosigkeit und ein stummer, erstickter Schrei.

Nie wieder würde er sie sehen.
Nie wieder würde sie lachen.
Nie wieder würde er verzeihen können.
Nie wieder würde er hoffen, nie wieder träumen.

Nie wieder würde er lieben können.

Nie. Wieder.

7 Kommentare

Amalie am 22. Mai 2017

Wunderbar! So eine gute Geschichte habe ich schon lange nicht mehr gelesen! Ziemlich krass! LG Amalie

Fjalra am 19. März 2017

Wow. Wow, wow, wow. Typisch fire.

Sammy am 30. November 2014

Das ist sehr schön geschrieben. Bist du ein Junge oder ein Mädchen?

chillgirl am 11. August 2014

Sehr schön geschrieben. Auch sehr traurig. Chillgirl

Feli am 26. Januar 2014

Das ist echt traurig aber auch wunderschön!!!!

Jasmine am 20. Dezember 2013

Wooow! Richtig gut geschrieben

Ella am 17. September 2013

*schnief* das ist echt sooooo traurig!!!!! Aber einfach fantastisch geschrieben!! Magst du nicht mal ein Gedicht oder eine Story mit happy-end schreiben Lg Ella