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Annalina

Mondelben

"Schon seit der lange vergangenen Zeit der ersten Finsternis, in welcher alles begann, was beginnenswert erscheint, lebte im unendlichen Ostwald des Grundes, den wir heute das magische Land nennen, das Volk der Mondelben.

Die Legenden, welche sich um dieses rätselhafteste aller Völker ranken, sind so vielfältig wie falsch, doch das sollte man verzeihen können, denn nicht ein einziges zum Denken fähiges Wesen konnte seit eben jener Zeit von sich behaupten, einen Mondelben (oder eine Mondelbin, wie ich hinzufügen möchte) gesehen zu haben. Darum ist es nun an mir, ihre tragische Historie, ihre bedeutungsschweren Bräuche und ihre allzu strengen Erziehungsmaßnahmen..."

"Ich hatte dich gebeten, eine sachliche und historisch korrekte Aufreihung der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse in der Historie der Mondelben zu erstellen und nicht einen in Satzschnörkeln versteckten Vorwurf zu verfassen!"
Da habt ihr's! (Ich hielt eine Nutzung der unter Menschen gebräuchlichen Umgangssprache an dieser Stelle für angemessen.) Lehrerinnen neigen ja häufig dazu, einzelne Schüler zu benachteiligen, wie ich mir sagen lassen habe, und in diesem Fall war ich wohl Opfer dieses Brauches geworden - was mit höchster Wahrscheinlichkeit damit zusammenhing, das ich in dieser Klasse die einzige Schülerin war.

"Tut mir leid Madame, aber das habe ich schon getan. Wollen sie meinen Bericht der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Mondelben sehen? Lesen sie diese umfassende Schilderung sämtlicher fürchterlich wichtiger Vorfälle!"
Ich wies mit meinem rechten Arm bedeutungsvoll auf - nichts.
"Lass deinen zweifelhaften Humor in Zukunft in deinem wirren Kopf!", keifte die Madam. Ich zückte bei dieser für einen Mondelben, und dazu einem erwachsenen, schrecklichen Wortwahl unwillkürlich zusammen.
"Entschuldigung. Soll ich fortfahren?", fragte ich vorsichtig, aber nicht ohne den Anflug eines Lächelns. Wenn ich über etwas lachen konnte, dann war es Situationskomik. Und in dieser Situation war einfach gerade äußerst viel davon vorhanden.   
"Ja, bitte.", erwiderte meine Lehrerin, die sich inzwischen etwas beruhigt hatte. Ich überlegte kurz, ob ich nun wirklich ernsthaft fortfahren sollte, entschied mich aber schnell dagegen - viel zu langweilig!

"Nun, wie zuvor gesagt: Seit jeher lebt und stirbt in diesem unseren wunderbaren Wald unser sagenumwobenes Völkchen der Mondelben." Ich schielte kurz zu meiner Lehrerin hinüber, um mich zu vergewissern, dass sie sich ärgerte. Was sie durchaus tat. Zufrieden sprach ich weiter: "Zuletzt starben sie etwas zu ausgiebig, was zur Folge hatte, dass nur noch recht wenige leben." Das schien das Fass zum Überlaufen zu bringen. (Von Menschen verwendete Redewendung) "Nun ist es mir genug! Geh-weit-und denk über dein unangebrachtes Verhalten nach! Komm mir nicht wieder unter die Augen!" Meine Güte, das waren ganz schön viele Ausrufezeichen. Aber ich lies sie nur gelangweilt weiterschimpfen, während ich mich betont langsam entfernte.
So endete beinahe jede meiner Unterrichtsstunden.

Fröhlich vor mich hinpfeifend schlenderte ich durch den perfekten Blumengarten, in dem der Unterrichtspavillon stand. Doch ich achtete nicht auf die überirdische Schönheit um mich herum. Symmetrie hatte mich schon gelangweilt, seit ich denken kann und Superlative können mich schon längst nicht mehr beeindrucken. Das älteste, klügste, erhabendste und natürlich schönste Volk, das es angeblich im magischen Land gab, war ja nur meine Familie. Ich scheuchte einen buntschillernden Schmetterling weg, der es sich auf meiner Schulter bequem machen wollte. "Na, hast du mal wieder Fräulein Sapia zur Weißglut getrieben? Bald kriegt sie wegen dir eine acute mokadyal infarction!

Dann gäbe es nur noch zehn Mondelben. Du wirst noch mal unser gesamtes Volk auslöschen!" Luminia, meine Schwester stand vor mir. "Wie...", wollte ich zur Frage ansetzen, doch sie unterbrach mich, ehe ich sie im Kopf fertig formuliert hatte. (Das "wie" ist der Anfang jeder Frage, die die Art und Weise von etwas-hier von dem unerwarteten und nicht mit Logik zu erklärenden Auftauchen meiner Schwester direkt vor meiner Nase-klären sollte. Also stellte ich das wie an den Anfang des Satzes, ohne mir über die weitere Formulierung der Frage Gedanken zu machen. Was auch unnötige Anstrengung gewesen wäre, denn Luminia hatte-aus ebenso unerfindlichen Gründen-meine Frage schon erraten, bevor ein zweites wohl gewähltes Wort meinen Mund verlassen konnte.)

"Ich habe so eben gelernt, mich zu Teleportieren. Gedanken am Mienenspiel des Gegenübers erkennen kann ich schon seit letzter Woche-aber was lernst du eigentlich so?" Das war mal wieder typisch. Sie war zwar nur hundert Jahre älter als ich, aber sie wusste ganz genau, womit sie mich ärgern konnte. Zum Beispiel damit, dass sie eindeutig mehr wusste als ich. Sehr viel mehr. "Nun ja, ", begann ich, fieberhaft nach den besten Worten suchend. Was eine akute mokadyale infarction war, wagte ich nicht zu fragen. Und ehrlich gesagt lag mir nicht viel daran, es zu erfahren. Der große, bunte Schmetterling kam wieder und nahm Anmutig auf dem Kopf meiner Schwester Platz. Ich verdrehte die Augen und fuhr fort: "Heute habe ich einiges über die sich dem Ende zu neigende Geschichte unseres Volkes erfahren." "Wie kannst du es wagen? Unser Volk hat Jahrmillionen überdauert! Und es wird weitere Millionen Jahre Bestand haben, falls du nicht bei allen Verbliebenen durch deine Unverschämtheit einen Herzstillstand hervorrufst!", begann sie zu schimpfen, wobei ihr makelloses Gesicht sich zu einer Einzigen Maske der Empörung verzog. Sogar der Schmetterling, der noch immer auf ihrem Kopf saß, flatterte kurz auf, um seine Empörung zum Ausdruck zu bringen. Oder, weil die Haare meiner Schwester so schrecklich intensiv nach Mondelbenparfüm rochen- der reizendste Duft der Welt, auf die Dauer mit Sicherheit der nervtötendste. Diesmal gab ich mir keine Mühe, das Grinsen zu verbergen. Da war sie wieder, meine geliebte Situationskomik. Luminia musste meine Gedanken schon wieder erraten haben, denn die Empörung auf ihrem Gesicht wich augenblicklich einem äußerst gekränkten Ausdruck. Wenn sie etwas nicht Leiden konnte, dann, das jemand sich über sie lustig machte. Eine Schwäche, die ich selbstverständlich gnadenlos ausnutzte.

2 Kommentare

AnnaLina am 18. September 2014

Dankeschön Ich weiß, die Antwort kommt extrem spät...ich hab total vergessen, dass ich die Geschichte hierher geschickt hatte. Aber ja, es gibt eine Fortsetzung und sie wurde soeben abgeschickt

fire am 20. September 2013

der anfang ist auf jeden fall cool, du lässt viele fragen offen. gibts denn eine vortsetzung? ^^