X

Wespe

Mia und Despina

Hallo ihr alle, ich melde mich auch mal wieder zurück, allerdings nicht mit den Mondstundendieben, sondern mit dem Anfang einer neuen Geschichte. Ich werde sie wahrscheinlich nicht ganz hier reinstellen, aber ich habe mal versucht, aus der Ich-Perspektive zu schreiben, was für mich bei längeren Texten praktisch neu ist, und es wäre toll, wenn ihr mir vielleicht mal Rückmeldung geben könntet, ob das so okay ist oder ob es zu umgangssprachlich klingt, zu durcheinander etc. Danke schon mal!

Als ich aufwachte, weil die Leuchtanzeige meines Weckers 6:40 durch den Raum blinken ließ und das Radio aktivierte, spielte mein Lieblingssender „Back for good“. Ich liebte das Lied und hatte es schon unzählige Male mit meiner Freundin Prune Karaoke gesungen, aber es ist zugegebenermaßen nicht gerade das, wobei man hellwach aus dem Bett springt. Ich behielt die Augen lieber noch eine Weile geschlossen, während ich leise den Refrain mitsummte und mein Gehirn mühsam analysierte, was heute für ein Tag war (Montag – keine gute Sache). Schließlich war es das Zanken meiner kleinen Geschwister, das mich mit einem Ruck endgültig in die Wirklichkeit beförderte. „Ich will die Piratentasse haben! Die gehört mir!“, schrie Anni,
und „Die gehört nicht dir!“, brüllte Daniel zurück. „Und wenn du so schreist gebe ich sie dir sowieso nicht!“ Seufzend schwang ich die Beine aus dem Bett und tappte hinüber zum Spiegel.

Das Lied endete, als ich endlich meine Haarbürste gefunden hatte und versuchte, das braune Drahtlockenkissen auf meinem Kopf zu ordnen, und unter die Stimmen meiner Geschwister mischte sich nun auch noch die der Radiomoderatorin. Für kurz vor sieben beinahe ekelhaft gut gelaunt verkündete sie allen Morgenmuffeln im Land, dass das gerade ein Wunsch von Frühaufsteher Frank aus Devensruh gewesen war, der damit seine Freundin Jessica grüßen wollte.

Mein Gott, dieser Frank hatte aber auch wirklich nichts zu tun! Warum rief man bitte so früh morgens beim Radio an, um sich ein Lied zu wünschen? Vielleicht ist Jessica ja seine Freundin, überlegte ich, oder seine Ex-Freundin, vielleicht hat er sie verlassen oder sie ihn, und jetzt tut es ihm Leid und er will sie „back for good“. Vielleicht war er auch nur so früh wach, weil er die ganze Nacht nicht schlafen konnte und die vermisst hat. Vielleicht war ja „Back for good“ immer das Lied, dass sie sich gemeinsam angehört hatten oder das lief, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten. Falls das so war, hoffte ich, dass Jessica zu Frank zurückkommen würde, wie am Ende von dem Song.

Der Streit zwischen Daniel und Anni hatte sich inzwischen wieder einigermaßen gelegt, wahrscheinlich hatte Daniel aufgegeben, damit Anni nicht anfing, mit Marmelade zu werfen (was durchaus schon vorgekommen war. Anni war nicht so die Art Siebenjährige, die sich darüber Gedanken machte, dass sie sich so ihr T-Shirt versaute). Mein Bruder bemerkte mich als erster, er grinste mich an und verdrehte mit einem Blick auf Anni die Augen, bevor er sich wieder über seine Cornflakes hermachte. „Hallo Mia!“, begrüßte auch Anni mich fröhlich – nun, da sie Müsli aus ihrer Piratenschale löffelte, sah sie wieder aus wie das typische kleine Mädchen mit blonden Zöpfen, das kein Wässerchen trüben könnte.

Ich ließ mich auf meinen Stuhl gleiten und griff nach der Kaffeekanne. Die erste Tasse trank ich immer schwarz, was zwar furchtbar bitter, aber dringend notwendig war.
„Und, was steht heute so an bei euch?“
„Heute werde ich es Marlon zeigen!“, sagte Anni grimmig und voller Vorfreude.
„Aaah.“, sagte ich, was sich sowohl auf diese unheilvolle Ankündigung als auch auf den ersten Schluck Kaffee bezog.
„Und warum?“
„Weil er Matildas Schleichpferd ganz oben auf das Klettergerüst gelegt hat, obwohl er weiß, dass sie sich da nicht hochtraut. Außerdem macht er immer ihr ausländisches Reden nach.“, erklärte sie ernsthaft. „Und er ist sowieso ein Blödmann.“
Da Anni fast nie auf irgendwen hörte – nicht auf Mama, nicht auf mich und schon gar nicht auf ihre Lehrerin-, verzichtete ich auf den Hinweis, dass sie andere nicht beschimpfen sollte, und brummte nur: „Na, dann…“ Und nach zwei weiteren Schlucken Kaffee fügte ich noch hinzu: „Hau aber nicht zu fest zu.“

Das war gar nicht mal ironisch gemeint, denn meine liebe kleine Schwester war ziemlich stark für ihr Alter, und wenn sie mal wirklich wütend auf jemanden war – und über diesen Marlon hatte ich schon einige nicht besonders nette Sachen gehört – konnte unter Umständen schon mal eine ordentliche Sammlung blauer Flecken zusammenkommen. Eine Garantie dagegen bekam ich heute auch nicht, denn Anni machte sich wieder über ihr Müsli her und beachtete meine Ermahnung nicht weiter.
„Und was ist bei dir los?“, fragte ich diesmal Daniel, der deutlich weniger begeistert seine inzwischen aufgeweichten Cornflakes anstarrte.
Er zögerte kurz, dann murmelte er: „Mathearbeit…“
„Was?“ Ich ließ meine Kaffeetasse sinken und sah ihn entgeistert an. „Davon hast du ja noch gar nichts erzählt! Hätten wir noch üben sollen?“
„Nee, nee, schon okay.“, brummte er, noch immer ohne mich anzusehen, und rührte mit dem Löffel in der Matsche auf seinem Teller.
Ich beobachtete ihn noch einen Moment lang forschend, falls ihn „ganz plötzlich“ doch noch eine Frage zur schriftlichen Addition oder so einfiel, doch mein kleiner Bruder schwieg nur und so gab ich schließlich auf und angelte mir die Marmelade.

Es war die Idee von seiner Lehrerin gewesen, dass ich Daniel in Mathe helfen sollte, besonders vor Arbeiten, die bei ihm vorher regelmäßig mit Noten unter vier geendet hatten. Sie war in der Grundschule auch meine Mathelehrerin gewesen, und obwohl die vierte Klasse bei mir schon mehr als fünf Jahre zurücklag, erinnerte sie sich wohl noch daran, dass ich damals nie etwas Schlechteres als eine Zwei geschrieben hatte. Daniel und ich hatten also immer eine Woche vor dem Prüfungstermin die Harry-Potter-Sammelkarten und zerbrochenen Carrera-Schienen von seinem Schreibtisch geräumt  und täglich eine Stunde lang geübt. Mir hatte das immer richtig Spaß gemacht -  manchmal hatte Mama mich sogar mit einer Musical-CD oder neuer Wimperntusche entlohnt – und auch bei Daniels Noten waren Erfolge sichtbar geworden.
Umso weniger konnte ich verstehen, dass er mir diesmal nichts gesagt hatte, zumal wir kurz vor den Halbjahreszeugnissen standen und von seiner Mathenote abhängen könnte, ob er eine Gymnasialempfehlung bekam oder nicht. Und trotzdem tat er mir irgendwie Leid, wie mit seinen verstrubbelten Haaren dasaß und bedrückt in seinem Müsli herumrührte.

Prune stand noch nicht an der Kreuzung, an der wir uns immer trafen, um zusammen zur Schule zu fahren. Meine Kringellocken spritzen nach allen Seiten, als ich den blöden Fahrradhelm abnahm, den ich nur noch auf das Drängen meiner Mutter hin für die ersten paar hundert Meter trug. Ich hatte jetzt vielleicht keinen Afro, aber schon eine ziemliche Menge an nicht zu ordnenden Miniluftschlangen auf dem Kopf. Auf den alten Fotos, auf denen ich erst fünf Jahre alt bin, sah das wirklich umwerfend niedlich aus, aber im Alter von fünfzehn Jahren war es einfach nur noch anstrengend. Endlich entdeckte ich, etwa hundert Meter weiter die Straße runter, einen Arm, der so ausladend winkte, als wäre die dazugehörige Person im Strom der morgendlichen Fahrradfahrer in Seenot geraten. Zwei Sekunden später erkannte ich auch grinsend Prunes blonden Wuschelkopf zwischen all den unmotivierten Gesichtern, und kurz darauf stoppte sie mit ihrem alten Fahrrad neben mir.

„Buongiorno, la Mia Signorina!“, sagte sie überschwänglich.
Prune liebte dieses Wortspiel mit meinem Namen, obwohl sie sich nicht einmal sicher war, ob das überhaupt grammatikalisch richtig war. „Welch wunderschöner Frühlingstag!“
„Ja, aber leider ein Montag.“, brummte ich, „Ein Montag mit Französischtest.“
„Du verstehst es wirklich, einen gut gelaunten Menschen morgens wieder runterzuholen.“, sagte sie, während sie mich zur Begrüßung umarmte. „Aber so gesehen brauche ich mir auch gar keinen Stress machen. Ich habe gar nicht gelernt und könnte selbst mit einem großen Schluck Glückstrank nur höchstens auf eine Drei hoffen.“
Wir fuhren auf den breiten Gehweg, dort war mehr Platz als auf dem überfüllten Radweg und wir konnten nebeneinander fahren.
„Freu dich doch!“, sagte ich, „Ich werde garantiert eine Fünf schreiben.“
„Quatsch nicht.“ Prune verdrehte die Augen. „Du schreibst doch sowieso eine Zwei, wie immer.“
„Prune, ich hab mir die Vokabeln nur einmal durchgelesen!“
„Also, entweder hast du ein fotografisches Gedächtnis oder „einmal durchlesen“ ist für dich gleichbedeutend mit „eine Dreiviertelstunde lernen“.“ Sie seufzte und musste gleich darauf kichern. „Wetten, unter meinem Test steht wieder so ein intellektuell formulierter Kommentar? „Deine schriftliche Leistung lässt im Vergleich zu deinen mündlichen Beiträgen noch deutlich zu wünschen übrig, Ella“?“ Hier sollte ich vielleicht mal die Sache mit Prunes Namen erklären, weil das sonst wirklich verwirrend werden könnte.

Also, Prunes richtiger Name ist Prunella, keine Ahnung, was ihre Eltern auf die Idee gebracht hat, ihr diesen Namen zu geben. Mir tut sie immer noch Leid deswegen, und weil die meisten Leute das offenbar genau so sahen wie ich, bekam sie schon ziemlich schnell den Spitznamen Ella, eben einfach als Abkürzung, und die Lehrer nannten sie noch immer so. Aber irgendwie hatte vor etwa einem Jahr irgendjemand die Idee gehabt, dass man doch auch den ersten Teil ihres Namens benutzen könnte, deshalb nannten sie inzwischen fast alle ihre Freunde Prune. Und sie selbst war auch ganz begeistert von dem Namen, seit sie ihn im Wörterbuch nachgeschlagen und herausgefunden hatte, dass Prune auf Englisch so viel bedeutet wie Backpflaume.

4 Kommentare

Feuerelfe am 8. März 2015

Wow! Richtig gut geschrieben! Ich habe die Mondstundendiebe auch schon gelesen, die ich fast noch besser fand, aber auch in dieser Geschichte muss ich zugeben, dass dein Schreibstil einfach umwerfend ist. Beneidenswert!

Aralc am 23. Juli 2014

Die Geschichte ist echt gut geworden Wespe. Es gibt nichts zu meckern. Meinst du das ist eher ein Roman oder eine Kurzgeschichte? Ich freue mich auf deine Antwort und weitere Kapitel, Bücher LG Clara

Schneewittchen am 31. Oktober 2013

Oh jaaaa ich liebe deinen Schreibstil auch*-* Mir gefällt Mondstundendiebe persönlich besser, vielleicht, weil das mehr so die Art Bücher ist, die ich selbst lese. Es war lustig mit dir gestern im Chat LG Schneewittchen.

Ella am 4. September 2013

Also ich finde die Story einfach toll!!!! Vorallem weil prune auch ella genannt wird Nein ernsthaft. Da gibt's nichts zu mäkeln Biiiitte überleg dir das mit dem weiterschreiben/schicken noch. Ich lese so gerne deine Geschichten. Und ich will unbedingt wissen, wie's weiter geht!!! ( auch wenn bis jetzt noch nicht viel passiert ist. )Ich liebe deinen Schreibstil, Wespe!!! Lg Ella