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PulliKind

Kurzgeschichte

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Es war immer wieder das Gleiche.

Mein Wecker klingelte und ich stand auf. Ich nahm mir ein Shirt, eine Jeans und eine Jacke aus dem Kleiderschrank und zog mich an. Ich putzte mir meine schiefen Zähne, die bald eine Klammer bekommen sollten und ging nach unten in die Küche, wo auch schon meine Eltern auf mich warteten. Lächeln aufsetzen und auf gute Laune machen, wie jedes Mal. Trotz fehlendem Hunger ein wenig Essen, damit sie nicht auf die Idee kamen, ich würde Diät machen.
Versuchen ihrem Gerede zuzuhören und dann 'samt Tasche in Dad's Auto einsteigen. Mich zur Schule fahren lassen und vorgeben, dass die Müdigkeit der Grund für die Schweigsamkeit sei.

Aus dem Fenster lugen und die weiten Felder und Wiesen in Richtung Schule betrachten. Betrachten und Nachdenken, wie immer. Und wie immer war es ein Tag, an dem ich viel zu viel nachdachte.

Denn das mit dem Denken, das war so eine Sache bei mir... Ständig bekam ich Angst, dass ich etwas falsch mache in meinem Leben. Ständig dachte ich darüber nach, was wohl geschieht, wenn ich dies und jenes tue, was geschieht, wenn ich diese und jene Entscheidung treffe.

Verpasste ich gerade etwas? War ich kurz vor etwas großem in meinen Leben, was meine gesamte Weltansicht verändern würde? War ich gerade kurz davor, treffe eine falsche Entscheidung, wodurch es doch nicht mehr eintrifft und ich mir, ohne es zu wissen mein Leben ruiniere? Oder bin ich im falschen Freundeskreis? Sollte ich mir mehr Gedanken um meine Klamotten machen, um mein Aussehen? Würde ich als Model entdeckt werden, wenn ich mit einem anderen Style eines Tages in der Innenstadt shoppen ging? Würde ich ein riesiges Talent entdecken und der nächste Star werden, dessen Lieder im Radio gespielt werden, wenn ich anfange auf YouTube Videos hoch zu laden? Würde ich eine der gefragtesten Autoren werden, wenn ich mich endlich einmal zusammen riss und jeden Tag an einem Buch weiterschrieb? Würde ich Weltklasse Tänzerin sein, wenn ich anfinge, bei top Schulen Unterricht zu nehmen? Würde ich meine Idole kennen lernen, wenn ich anfinge zu LetsPlayen? Oder würde ich nicht ernstgenommen werden, da ich als Mädchen im Teenageralter wohl kaum Publikum hätte...
Oder würde ich in den größten Blockbustern mitspielen, wenn ich zu einem Casting, hier ganz in der Nähe ginge? Oder würde ich der nächste Paganini werden, wenn ich mich mehr reinhängen würde, Geige und Klavier zu lernen? Oder würde ich meine Idole auf der Straße treffen, wenn ich des Öfteren auf die Straße ginge? Oder würde ich eine berühmte Modedesignerin werden, wenn ich es studieren würde? Oder setzte ich mir etwa zu große Ziele? Immerhin kann nicht jeder ein Ausnahmetalent in etwas sein... Aber ich wollte doch so gerne etwas aus meinem Leben machen! Und auch, wenn ich erst 13 war... Das musste doch machbar sein! Je früher ich mich mit solchen Dingen beschäftige, desto früher konnte ich etwas aus mir machen! Oder etwa nicht? Waren meine Gedanken vollkommen sinnlos? War ich nun einmal niemand, der es schaffen würde, seine Träume wahr werden zu lassen? Aber wieso sollte ausgerechnet ich nicht die Chance dazu kriegen? War ich etwa etwas Schlechteres als andere? Aber wenn ich doch ganz viel Fleiß und Ehrgeiz mit mir brachte, musste das doch funktionieren!

Immerhin fielen die ganzen Stars und Sternchen auch nicht einfach so vom Himmel! Sie alle waren einmal so unbedeutsam wie ich es bin... Oder? War das etwa eingebildet von mir? Sah ich mich mit falschen Augen?

Nein, das konnte nicht sein! Ich wollte einfach, dass die Menschen sich eines Tages an mich erinnern! Dass meine Familie stolz auf mich sein kann! Dass meine zukünftigen Kinder sich an mich erinnern werden! Aber war das zu viel verlangt…?

Ich spürte wie eine kleine Träne meine Wange hinab rollte. Noch ehe mein Vater es sehen konnte, wischte ich mir sie weg. Wir waren mittlerweile fast an der Schule.

Er hielt den Wagen, ich stieg aus und lächelte ihn an, sodass er gar nicht erst auf die Idee kommen konnte, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Aber wieso sollte er es auch jetzt bemerken? Es ging mir schon seit Monaten so. Und keiner schien es zu merken.

Meine Eltern verstanden sich schon seit Jahren nicht mehr. Sie waren nur wegen mir noch zusammen. Ich war nur knapp über 1,50 Meter und so ziemlich jeder spürte das Verlangen mich tagtäglich drauf ansprechen zu müssen. Sie meinten es nicht böse, nur nicht. Ihnen schien es nicht einmal mehr aufzufallen und auch egal, wie oft ich es ihnen sagte, sie machten weiter.

Zudem hatte ich da noch einen besten Freund... Nennen wir ihn mal Nick.

Jetzt kommt nicht das, was viele wahrscheinlich denken werden: Nein, ich bin nicht in ihn verliebt.

Sondern er ärgerte mich. Jeden einzelnen, verfickten Tag. Entschuldigt diesen Ausdruck, aber es machte mich einfach fertig! Er wusste ganz genau, wie sehr ich seine Tritte unterm Tisch, oder seine dummen Bemerkungen hasste! Immer wieder Anspielungen auf meine Größe, meine schüchterne Stimme oder mein Gewicht!

Immerhin wog ich mittlerweile doch nur noch 44 Kilo! War das etwa immer noch zu viel?

Aber das Schlimmste von Allem war das, was als nächstes kommen würde:

Ich lief über die Straße, weg vom Parkplatz, Richtung Schule. Meine Schritte beschleunigten sich immer weiter, während ich an dutzenden von Schülern vorbei lief. Sie lachten, redeten, stritten, oder waren mit ihren Handys beschäftigt. Aber immer, wenn man diese Strecke hinter sich gelassen hatte, kam man durch die Tür, ins Foyer.

Es war ja nicht so, als hätte ich Angst vor Menschenmassen, nein wirklich nicht. Aber ich hasste ihre Blicke. Ich hasste es einfach angegafft zu werden, von irgendwelchen daher gelaufenen Tussis, die sich für etwas Besseres hielten. Von all den älteren Schülern in deren Augen man ein kleines, dummes Kind war. Von all den Lehrern, die versuchten dich und deinen Charakter einzuschätzen. Von all den Jungs, die meinten, jede rumzukriegen.

Und obwohl ich auf den Boden starrte und keinen einzigen Blick nach oben wagte, wusste ich, dass sie mich anstarrten. Ich spürte ihre Blicke, so wie jeden Tag.

Nein, ich will nach Hause. Weg hier. Weg. Weg. Weg. Weg. Weg. Nach Hause. Hause. Hause. Ich will hier WEG! Allein sein! Ohne Menschen, die dich nur auf dein äußerliches reduzieren und deine Inneren Werte nicht wahrnehmen wollen und es auch gar nicht schätzen können!
Weg von den Leuten, die sich nur mit "Problemen" beschäftigen, die beinhalten, wer wohl auf wen steht und ob Chantal nun die Nacht mit oder bei Niko verbracht hat. Und ob Celina oder Leah nun die größte Oberweite haben und ob nun Person A, oder Person B DSDS gewinnt.
Oder, oder, oder...

All diese Kindergarten-"Beziehungen", bei denen nach einer Woche Händchen halten wieder Schluss ist. All diese leeren Versprechen von Liebe, all diese Möchtegern Erwachsenen, die ganz tief innen drin, wenn sie sich es eingestehen, noch gar nicht bereit für das ECHTE Leben sind! All diese Menschen, die über mich urteilten, obwohl sie mich nicht kannten! All diese Menschen, die ohne einen Grund etwas gegen mich hatten, mich als verwöhnt, dumm oder gar als Freak einstuften! Obwohl... Was die Intelligenz betraf, war ich mir sicher, dass ihnen herzlich egal war, wie schlau oder dumm ich war.

Ich weiß, das mag eingebildet und selbstherrlich klingen, aber ich hielt mich für reifer als die anderen. Ich dachte über andere Dinge nach und beschäftigte mich nicht so sehr mit Oberflächlichkeiten. Keiner schien mich zu verstehen.

Ich beschleunigte meinen Schritt abermals und stieß fast mit einem anderen Schüler zusammen. Für einen ganz kurzen Augenblick sah ich hoch. Aber das genügte, es gab mir den Rest:
ich fühlte mich dumm. Unnütz. Unbedeutsam. Was bildete ich mir eigentlich ein? Ich war ein Niemand! Nicht so gut aussehend, nicht so talentiert wie die anderen! Aus mir würde nie etwas werden!

Ich sah es schon vor mir... Keinen Lebenspartner, keine vernünftige Arbeit, das Abi nicht bestanden... Und noch viel schlimmer: Einsam. Vielleicht nicht unbedingt allein, aber auf jeden Fall einsam.

Ich fing an zu weinen und rannte wie vom Blitz getroffen Richtung Mädchenklo, wo ich mich in einer Kabine einschloss. Ich setzte mich mit angewinkelten Beinen auf den Klodeckel und hielt mir meine Hände vors Gesicht.

Womit hatte ich diese Empfindsamkeit nur verdient? Es war doch gar nichts Schlimmes geschehen! Was war nur los mit mir?!

2 Kommentare

Saphir am 24. November 2014

Wow, das ist toll! Ich kenne diese Gedanken und Gefühle total, wenn wahrscheinlich auch nicht so extrem wie das Mädchen in der Geschichte... Ich finde, du hast das super beschrieben!

Mary am 16. Mai 2014

Mir fehlen die Worte!!! Echt super!!! Klingt alles ziemlich echt!?