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Miriam

I am a Guardian

Kapitel 1: Im Krankenhaus

Ich sitze auf einem dieser unbequemen Plastikstühle im Bezirkskrankenhaus von Berlin. Ich lasse alles im Kopf nochmal Revue passieren. Ich habe Zamia, einen meiner Schützlinge davor gerettet, sich vom 12. Stock eines Hochhauses zu stürzen.
Ich bin eine Guardian. Wir sind ähnlich, wie Schutzengel, aber wir werden nicht nach sieben Jahren ausgewechselt, wir bleiben bei unseren Schützlingen, bis zu ihrem hoffentlich späten und natürlichen Tod.

Wir werden gerufen, wenn sich Schutzengel nicht in der Lage sehen, sich dem Kind anzunehmen. Zamia ist jetzt sechzehn und sehr schwierig. Bevor ich zu ihr kam, hörte sie nicht auf ihren Schutzengel und begab sich und andere in Gefahr, wo sie nur konnte. Immerhin bereut sie es jetzt, wenn sie andere zu irgendwelchem Unsinn anstiftet. Ein guter Anfang. Früher tat sie das nie, freute sich, wenn andere zu Unrecht bestraft wurden und sie ohne eine Strafe davonkam. Aber ich weiß, dass sie nicht von dem zwölften Stock im Hochhaus springen wollte. Ich sah es in ihren Augen, die pure Verzweiflung spiegelte sich in ihnen, vermischt mit Angst. Ich redete auf sie ein, aber sie ging immer weiter. Ein paar Meter vor dem Fenster stoppte sie und nahm Anlauf. Ich breitete meine Flügel aus, aber da war es schon geschehen: Sie flog durch das Fenster. Ich schoss ihr nach und konnte ihre Hand erwischen bevor sie auf dem Boden aufprallte. Ich flog die paar Meter auf die Erde und legte sie sanft ins Gras. Es war stockdunkel, aber ich fühlte, wie das Blut, warm und schnell aus scheinbar jedem Zentimeter ihrer Haut floss.
Mein Entschluss war gefasst, ich würde sie zum Krankenhaus fliegen, aber die letzten Meter zu Fuß gehen, sodass meine Tarnung nicht aufflog.

Keiner sah mich, wie ich hinter einem Baum, dicht am Eingang des Krankenhauses landete. Zamia atmete noch, aber ich wusste nicht, ob sie noch lange durchhalten würde. Meine Flügel wurden auf meine Bitte immer kleiner und kleiner, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen waren. Aber ich spürte sie noch. Ich lief so schnell, wie ich konnte mit Zamia auf den Armen in den Raum der Notaufnahme. Ärzte und Schwestern sahen mich geschockt an, schossen aber dann auf mich zu. „Was ist passiert?!“,
„Gehört sie zu Ihnen?“ „Wo kommen Sie her?“
Ich wurde mit Fragen durchlöchert, geradezu bombardiert.
Aber beantworten konnte ich keine einzige. Zamia wurde auf eine Liege gelegt und sofort in einen OP-Saal geschoben.

Ich sah ihr lange nach, auch als die Tür schon längst geschlossen war. Eine Schwester kam auf mich zu und ich musste ihr alles erzählen. Ich sagte ihr, dass ich mich um sie kümmerte, weil ihre Eltern tot waren (was allerdings leider stimmte) und sie auf einmal  verschwunden gewesen war. Ich suchte sie und fand sie so auf der Wiese. Dann war ich mit ihr, so schnell ich konnte zum Krankenhaus gerannt. Dann fragte sie nach meinem Namen, nach meinem Alter und nach meiner Wohnadresse und meiner Handynummer.

Ich wohnte mit mehreren Guardians zusammen. Da wir dieselben Fälle betreuten, konnten wir uns gegenseitig helfen. Ein Vorteil war, dass wir erwachsen aussahen. Ich war also zwanzig Jahre alt, hatte braunes, mittellanges Haar und blau-grüne Augen. Die Schwester ging und sagte, dass sie bald wiederkommen und mir den aktuellen Gesundheitszustand von Zamia mitteilen würde. Ich zog mein Handy, ein iPhone 5 aus der Tasche und drückte auf die Kurzwahltaste 2. Sofort nach dem ersten Klingeln nahm Jacob ab. Er war auch ein Guardian und kannte Zamia auch. Er betreute sie vor mir, bis er ein anderes Mädchen zugeteilt bekam.

„Louise! Was ist passiert?“ fragte er sofort, ohne dass ich ein Wort gesagt hatte. Eilig erklärte ich ihm die Geschichte. Wir müssen nicht immer bei den Kindern sein, Guardians spüren es, wenn ihre Schützlinge in Gefahr sind und können dann per Gedanken helfen. Aber das klappt nur bis zur Pubertät, dann müssen wir ganzen Körpereinsatz geben. Jacobs Schützling ist noch ein Baby, ein süßer, kleiner Junge, der von seinen Eltern heiß und innig geliebt wird. Yannik war so gut wie nie in Gefahr, trotzdem war Jacob bei ihm, wenn Yannik im Kindergarten war und passte dort auf ihn auf. Jacob hatte einen Job in Yanniks Kindergartengruppe angenommen und arbeitete sozusagen verdeckt. Ich schilderte ihm die Geschichte und er saß schon bald neben mir und wartete.

Kapitel 2: Wirklich?

Ich bin noch immer hier. Im Krankenhaus. Aber erst jetzt fordert der Rettungseinsatz seinen Tribut. Ich werde immer müder und schlafe erschöpft, gegen Jakes Schulter gelehnt ein. Geweckt werde ich davon, dass ich mit dem Kopf auf die harte Lehne knalle.
Müde setze ich mich wieder auf. Von Jake ist weit und breit nichts zu sehen. Ich spreche die nächste Krankenschwester an, die mir über den Weg läuft. Aber sie sieht mich nur irritiert an, als wäre ich verrückt. „Was ist denn?“ frage ich und sie sieht mich verwundert an. Das Mädchen hat eine Stimme. „Es gibt hier keine Patientin mit dem Namen Zamia Berger und es hat auch noch nie eine gegeben.“ Sagt sie betont ruhig. Sie hält mich wirklich für verrückt. „Aber… Aber ich bin mir doch sicher!“ beharre ich. „Ich hab sie doch selber hergebracht! Vor vier Stunden!“
Die Schwester schüttelt bedauernd den Kopf. Eine andere Krankenschwester läuft mit eiligen Schritten an mir vorbei.
Ich erinnere mich an sie. „Fragen Sie sie doch! Sie hat das Formular ausgefüllt!“ rufe ich und die Schwester bleibt abrupt stehen. „Ich hab gar nichts.“ Sagt sie mit zittriger Stimme.
Sie sah mich besorgt an. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“ fragt sie leise. Ich beginne an mir selber zu zweifeln.
Träume ich das alles hier nur?

„Ich… Mir geht’s super! Ich muss nach dem Mädchen sehen! Sofort!“
Ich will zu den OP-Sälen, aber ich komme nicht weit.
Drei Ärzte versperren mir den Weg und lassen mich nicht durch. Sie schieben eine Liege vor sich her, auf der ein Mädchen liegt. Ihre Augen sind offen und starren leblos zur Decke. Das Haar ist noch unter einer blau-grünen OP-Haube verborgen, aber man kann erkennen, dass es die Farbe von Honig hat.
„Zamia!“ Ich brülle so laut, dass die drei Ärzte und die beiden Schwestern vor Schreck zusammenzucken.
„Was ist passiert?!“ fahre ich einen Arzt an. Er sieht mich mit müdem und abgekämpftem Gesichtsausdruck an. Auf seinem Namensschild steht: „Dr. Lukas Anderson“, Chirurg. Er spricht leise, aber ich kann ihn noch gerade so verstehen.
„Wir hatten Probleme, die Wunden… sie hat viel Blut verloren,
wir haben alles getan.“ Versucht er zu erklären. Ich knicke ein. Eigentlich hätte ich es merken müssen. Deshalb war ich so müde gewesen. In der Zeit war sie gestorben. Ich lasse meinen Tränen freien Lauf, schlage blindlings auf Dinge ein, die mir in die Quere kommen. Irgendwann wird es dunkel und ich versinke in Dunkelheit.

2 Kommentare

fire am 1. September 2013

oh, das ist echt gut! spannend, und am ende sehr verwirrend, sodass man ins spekulieren gerät ich hoffe, es geht noch weiter...? lob und glg, fire

Ella am 1. September 2013

Das ist traurig. Gibt es noch eine Fortsetzung? Ich hoffe sehr. Und ein kleinen bisschen kenne ich mich auch nicht aus Lg Ella