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Büchermaus

Hexenblut

Kapitel 1

Gwendolyn Crown war ein hübsches Mädchen. Lockiges, rot-blondes Haar umrahmte ihr Gesicht. Sie hatte feingeschnittene Züge und hohe Wangenknochen. Volle rote Lippen und eisblaue Augen mit dichten, schwarzen Wimpern. Sie war schlank, hatte lange Beine und weiße Haut, die doch beim Bauernvolk so selten war. Doch, das alles nützte ihr nun nichts mehr.
Denn Gwendolyn war so gut wie tot. Sie sollte verbrannt werden, als Hexe, weil sie angeblich geflogen sein sollte. Sterben. Verbrennen. Vor den Augen anderer.

Erneut brach sie in Tränen aus. Der Gestank in ihrer engen Zelle war fast unerträglich.
Eine Maus raschelte im Stroh, Spinnenweben färbten die Decke weiß, es roch nach Urin. Sonnenstrahlen fielen durch ein Fensterchen herein, und in dem Licht konnte man eine zum schneiden dicke Staubwolke umherwirbeln sehen. Gwen richtete sich abrupt auf. Schritte. Schwere Schritte auf dem Gang draußen. Sie wusste was das bedeutete: Folter! Der letzte Hexentest! Panisch fuhr sie herum. Ihr Blick blieb an dem Fenster hängen. Sie hechtete davor,
sprang hoch und hielt sich an den Eisenstangen fest. Sie schaute auf hunderte von Füßen die vorbeiliefen. "Hilfe! Bitte helft mir! Hilfe!" schrie sie heraus. Ein paar Männer lachten.
Zwei Frauen rümpften die Nasen und eine Gruppe von Jungen begann nach ihr zu treten.
Vor Schmerz entfuhr Gwen ein Keuchen, doch sie klammerte sich weiter fest. Hinter ihr drehte sich der Schlüssel im Schloss. Einer der Jungs holte aus und trat, doch er traf nur eine der Gitterstangen am Rand. Es knackte, und Gwen wusste das das Eisen fast raus war. Sie zog von innen, während der Gefängniswächter hinter ihr die Tür aufschlug. Fast schon provozierend langsam. Die Gitterstange brach heraus, und gab eine Lücke frei, grade groß genug das Gwen es versuchen konnte.

Sie lag mit dem Oberkörper bereits auf dem Kopfsteinpflaster, strampelte mit den Beinen, streckte die Hände nach oben aus und flehte die Schaulustigen an sie herauszuziehen, als sie jemand am Knöchel packte. Es knackte, Gwen schrie auf, ein Junge traf sie ins Gesicht und das Mädchen ließ los. Krachend landete sie auf dem Kerkerboden.
"So so, wir wollten also abhauen, was?" Der Wächter klang nicht böse, eher belustigt, ja seine Stimme triefte gradezu vor Vorfreude. Sie würde dafür bestraft werden, bestraft dafür, das sie leben wollte. Der Mann trat ihr absichtlich auf die Finger als er zur Tür schritt, sie immer noch am Knöchel hinter sich herziehend.

Auf dem Korridor war es sauberer als in der Zelle, doch dafür roch es hier nach Blut, Krankeit und Tod. Der Folterknecht ging gradewegs auf die gegenüberliegende Tür zu. Gwen krallte ihre Finger in den Boden. Schlamm setzte sich unter ihren Nägeln ab. Die Tür schwang auf, Gwens Knöchel wurde losgelassen und als sie sich grade aufrappeln und weglaufen wollte, packte sie jemand an den Haaren und zerrte sie hoch. Gwen schrie gequält auf. Ein Tau wurde brutal um ihre Handgelenke festgezerrt. Eine Reihe Gefangener stand schon vor ihr. Sie jammerten und weinten, oder waren zu geschockt um auch nur einen Laut von sich zu geben. Auch der Richter, eine kleiner, dicker Mann mit Glatze war schon anwesend. Von einer Liste die er in Händen hielt las er ihre Namen ab, bestimmte wie lange sie noch Zeit hatten.

Er holte Luft und verkündete laut: "John Milington! Angeklagt wegen Folter und Missbrauch eines unschuldigen, blutjungen Mädchens!" Ein junger Mann löste sich schreiend aus der Kette, rannte ein Stück, stolperte dann und fiel hin, wo er wimmernd liegen blieb. Zwei Helfer packten ihn und schleiften ihn zu einem hölzernen Stuhl. Sie drückten ihn in eine sitzende Possition und schnallten seine Arme und Beine fest. Der Mann schüttelte weinend den Kopf und musste tatenlos zusehen wie sie mit einer Eisenmaske auf ihn zu kamen. Sie schnallten sie am Hinterkopf fest. Er war nun völlig bewegungsunfähig. "Neiiiiiiin!" dumpf drang seine Stimme unter der Maske hervor, als sie ihm die Daumenschrauben anlegten. Seine schmerzerfüllten Schreie klangen noch lange in Gwens Ohren nach. Erneut ertönte die Stimme des Richters: "Gwendola Kraun!"

Sie hatte sogar ihren Namen falsch notiert. Zitternd sank Gwen am Boden zusammen.
Stumm weinend. Es dröhnte in ihrem Kopf. Lichter flackerten auf. Jemand zerrte sie erneut an den Haaren. Sie knallte mit dem Kopf gegen etwas Hölzernes. Die Streckbank! Nein! Das kann nicht sein! Die wird mich doch töten! Ihre Gedanken überschlugen sich. Doch dann wurde ihr klar, das sie sie nur brauchten um sie zu fesseln. Sie wurde runtergedrückt, an Armen und Beinen festgemacht. Etwas silbernes blitzte auf. Ein Messer! Es landete in ihrer Schulter. Ein Schmerz, wie sie ihn nie gekannt hatte breitete sich in ihr aus. Er pulsierte und schwoll an, platzte aus ihrem Mund heraus. Gwen schrie als ob sie schon in Flammen stehen würde. Alles brannte.
Um ihre Schienbeine wurde etwas festgeschnallt, eine spitze Nadel bohrte sich in ihren Knochen. Gleich würde Gwen das Bewusstsein verlieren. Doch das durfte sie nicht! Dann wäre ihr Schicksal besiegelt.

Die Klinge, die immer noch in ihrem Arm steckte wurde gedreht, und riss ihre geschundene Haut immer weiter auf. Sie nahm nichts mehr um sich herum war, wollte allein gelassen werden. Als sie sie bewegten war es, als ob alles in ihr explodieren würde. Jede Zelle schrie nach Erlösung. Tötet mich! Nur noch an diese Worte konnte sie denken. Bitte, bitte tötet mich! Es war vorbei. Gwen sackte zusammen, sie konnte nicht mehr. Der Schmerz brach in einer roten Welle über sie herein. Sie konnte nicht mehr atmen. Der Richter rief: "HEXE!". Dann kam das lang ersehnte schwarz. Der Schmerz war verschwunden. Nur an ein Wort konnte Gwen noch denken. Es tanzte vor ihrem geistigen Auge auf und ab. Es bestand aus nicht mehr als vier Buchstaben,
und war doch schrecklich genug um tausende Leben zu fordern:
Hexe. Hexe. Hexe....

Kapitel 2

Anmerkung: Da Reden (wie ich gemerkt habe) nicht so meine Sache sind, habe ich mir eine Rede aus dem Buch "Spook-der Fluch des Geisterjägers" als Vorlage genommen. Die Rede des Priesters ist im vierten Absatz zu finden. Ich hoffe es gefällt trotzdem.

Es war zu spät. Zu spät. Der Schmerz wummerte noch durch ihre Venen. Zu spät! Sie würde brennen. Gwen war eine verurteilte Hexe. "Warum?", sie schrie es in die Dunkelheit hinaus.
Die Wunde in ihrem Arm entzündete sich bereits, doch was kümmerte es sie. Selbst wenn sie es gewollt hätte, verarzten konnte Gwen sich nicht. Man hatte die Seile nicht entfernt, die sie für die Folter so brutal gefesselt hatten. An einem Eisenring in der Wand, zwangen sie das Mädchen an Ort und Stelle zu bleiben, die tauben Arme nach oben ausgestreckt. Es war zu spät.
Nein, doch nicht!

Der Karren mit den Verurteilten ratterte laut durch die Gosse. Glasige Augen schauten auf die Schaulustigen links und rechts, die vergammeltes Essen, Steine und Fäkalien auf sie warfen. Gwens Haut war von roten Striemen gezeichnet. Die Strafe für den Fluchtversuch. Der junge Mann aus der Folterkammer, John, saß neben ihr. Auch er wirkte betäubt. Seine rechte Hand war in ein blutiges Tuch geschlungen. Verstümmelt. Gwen wandte den Blick ab. Stumme Tränen rannen ihr über die Wangen, doch sie genoss es. Ein letztes Mal weinen.

Die Scheiterhaufen standen am Rande der Stadt auf einem Hügel. Sonne beschien das taufeuchte Gras, es war ein rundum schöner Tag. In besseren Zeiten wäre Gwen schwimmen gegangen, oder hätte im Wald mit den anderen Mädchen Wildblumen gesucht, um daraus Ketten zu flechten. Doch das ging jetzt nicht mehr. Das ganze Dorf hatte sich hier oben versammelt, um dem Verbrennen ihrer Nachbarn, Freunde und Verwandten beizuwohnen. Ein gleichmäßiger Trommelschlag hob an. Die Menge passte sich dem Rhythmus an: "Brenn, Hexe, brenn"!
Die Soldaten ritten gegen die Menge an und trieben sie zurück. Der Karren fuhr nun langsamer. "Brenn, Hexe, brenn!"
Auf dem Wagen brach plötzlich Panik aus. Eine junge Frau schrie nach ihrem Mann und ihren Kindern, die sie in der Menge entdeckt hatte. Man brachte sie mit einem Peitschenhieb zum Schweigen. "Brenn, Hexe, brenn..."-"Ruhe!" Die Menge verstummte. Der Priester war vorgetreten. Allem Anschein nach wollte er eine Rede halten.

"Bürger, Bauern, Kaufleute", er machte eine Pause und schaute in die Runde. "Wir haben uns heute hier zusammen eingefunden, um der rechmäßigen Bestrafung von fünf Hexen und drei Hexern beizuwohnen. Betet für ihre Seelen auf das diese Bestrafung ihre Wirkung hat, denn die Qualen des Scheiterhaufens sind nichts gegen die des ewigen Fegefeuers, das ihre unsterblichen Seelen eintausend Jahre lang verbrennen wird. Sehen wir zu, auf das ihre Schreie eine Warnung für all jene unter euch sein mögen, die ebenfalls den Pfad der Dunkelheit gewählt haben.
Seht wie ihre Knochen brechen wie verkohltes Holz und ihre Haut schmilzt gleich dem Wachs einer Kerze. Auf das Gott der Allmächtige uns schützt vor jener Verderbtheit. Amen!"

Der Priester bekreuzigte sich und verließ das Podium, auf dem schon die acht Verurteilten standen. Die Menge war ruhig geworden. Nun hatten sie Angst vor dem, dessen Zeuge sie gleich werden würden. Der Richter trat vor und las aus einer Liste Namen vor: Harriet Hill, angeklagt da sie nachts auf einem Besen geritten ist, ein neugeborenes Kind gefressen hat und mit dem Teufel im Bunde steht." Harriet wurde von dem Henker an den ersten Pfahl gebunden.
"Letzte Worte?" Harriet, eine alte Nonne, schüttelte den Kopf, rief dann aber:"Schande über den, der das Blut Unschuldiger vergießt! Schande! Schande über ihn!"
Und die Massen wiederholten ihre Worte:"Schande! Schande über ihn!" Für sie alle war es nur ein Spiel. Sie wollten sehen, wie weit sie gehen konnten.
"Amber Gladstone. Angeklagt, da sie einen Bauern durch einen Fluch um die wohlverdiente Ernte gebracht hat." Amber war die Frau, die grade noch nach ihrer Familie geschrien hatte. Bleich und zitternd stand sie da und rührte sich kein Stück, bis man sie zum zweiten Scheiterhaufen schleifte.
"Letzte Worte?", fragte sie der Richter mit gelangweilter Stimme. "Ja! Ich.. ich möchte noch einmal.." Ihre Stimme ertrank in ihren Tränen. "...noch einmal meine Kinder sehen."
Der Richter wandte sich zum Volk, das rufend da stand: "Ja, lasst die Kinder zu ihr!" - "Genehmigt! Die Kinder von Amber Gladstone dürfen sie besuchen."
Während sich die beiden Mädchen weinend an ihre Mutter klammerten, machte der Richter weiter: "Matthew Gaunt, angeklagt wegen Hexerei in der Kirche, die diese entweihte!"
Matthew wurde festgebunden. Einfach so. Ohne Widerspruch und Weinen.
"Letzte Worte?" - "Nein." Der Mann schüttelte müde den Kopf.
"Gut. Machen wir weiter: Gwendolyn Crown!"

Kapitel 3

Gwens Erinnerung

Gwens Finger waren wund vom Schrubben des Steinbodens der Schankstube. Sie lutschte an ihnen, während sie zum Stadtbrunnen lief, um den alten Wassereimer aufzufüllen.
Wie erwartet, standen schon einige Frauen Schlange, um ihre Töpfe und Kannen mit Grundwasser zu füllen. Gwen stellte sich hinten an und wartete. Der Himmel war wolkenverhangen und diesig. Es würde heute nocheinmal regnen, dessen war das Mädchen sich gewiss. Die Weiber vor ihr redeten. Eine davon kannte Gwen. Es war die Mutter ihrer besten Freundin Angie. Sie mochten sich nicht besonders, was man daran merkte, dass sie sich nicht grüßten. Auch hier am Brunnen nicht. Die Schlange verkürzte sich, eine alte Dame ließ Gwen vor und nun stand sie direkt hinter Angies Mutter. Als diese sich umdrehte, um wegzugehen, stießen sie zusammen. "Verdammt! Mädchen! Was soll das denn!" - "Es tut mir leid." -
"Das hoffe ich doch! Wegen dir Dreckstück ist mir der Eimer runter gefallen" -  "Ich fülle es sofort nach!" Gwen bückte sich und hob den Wassereimer auf, den Angies Mutter hatte fallen gelassen. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sie hätte diese dumme Frau ihr Wasser selbst nachfüllen lassen sollen. Gwen beeilte sich und zog kräftig an dem Tau. Langsam und bedacht, um ja nichts davon zu vergießen füllte sie das Wasser um und reichte den Eimer Angies Mutter. Diese schnaubte ein missbilligendes "Na, endlich!", das eher wie eine Drohung klang und stakste davon. Die Frauen hinter Gwen begannen zu tuscheln und das Mädchen machte, dass es weg kam.

Leise summend schlenderte sie zurück. Sie arbeitete im Pub "Die Nachtschwalbe" als Kellnerin und Putzweib. Tagsüber war sie immer sehr damit beschäftigt die Überbleibsel der vergangenen Nacht zu beseitigen und abends dann verbrachte sie die meiste Zeit damit, den grabschenden Händen betrunkener Männer auszuweichen, wenn sie die Getränke zu den Tischen brachte.
Hier hatte sie auch Angie kennengelernt, die zweite Kellnerin. Angies Hochzeit stand kurz bevor und dann konnten sie natürlich nicht mehr zusammen arbeiten. Gwen war, wie ihre Freundin, schon drieizehn und so langsam musste sie auch unter die Haube, aber eine Vermählung war vereitelt worden, da die Mutter ihres einundzwanzigjährigen Verlobten sich für die Tochter des Schmieds entschieden hatte, weil es dort mehr Mitgift gab.

Gwen stieß die Tür auf. Angie saß am Boden inmitten einer Pfütze und zog sich einen langen Splitter aus dem Finger, den sie sich wohl am Holzzuber zugezogen hatte. "Hallo, Gwen! Warum hast du denn so lange gebraucht?" Gwen gab keine Antwort, sondern ging ins Hinterzimmer von wo sie eine Flasche Alkohol mitbrachte, um Angies Wunde zu reinigen. Den Rest des Tages verbrachten die Mädchen in aller Eintracht damit zu putzen und zu tratschen, über Angies Hochzeit, über die Gäste der Nachtschwalbe, über die Hexenverbrennungen und deren Sinnlosigkeit und als Angie Gwen grade darüber aufklärte, dass sie gerne ein Hochzeitskleid mit Spitze haben würde, aber das alte ihrer Mutter nehmen müsse, platzte jemand mit lauten Karacho durch die Tür, überhörte Gwens "Geschlossen!" und brach an einem der Tische zusammen, die an der gesamten Wand verteilt waren.

"Oh, man, John! Was machst du denn hier? Hilfst du um diese Zeit nicht beim Bäcker aus?" fragte Angie, erhob sich und lief auf den Jungen zu. Die beiden hätten praktisch Geschwister sein können. Das gleiche strohblonde glatte Haar und die gleichen eisigblauen Augen, doch John beachtete Angie gar nicht. "Gwen!", keuchte er. "Gwen, etwas schreckliches ist passiert!" - "Was?", Gwen rappelte sich auf und ging ebenfalls auf John zu. Er zitterte am ganzen Körper und sein Gesicht war bleich und grünlich. "Ich..", begann er, musste schlucken, setzte neu an. "Ich... war grade an der Theke... habe verkauft, da....", er schluckte "da kam die alte Mrs. Lancy und  hat erzählt... und hat erzählt... Nun, ja, sie weiß es von der Ladenhilfe von Mrs. Schmied und die weiß es von deiner Mutter, Angie..." - "Was?", unterbrach ihn Angie, "Geht es meiner Mutter gut?" - "Jaaa!", schrie John gequält.
"Was soll das heißen?", Gwens Herz schlug schneller.
"Das heißt, Angie's Vater hat dich der Hexerei beschuldigt!", brüllte John und Gwens Herz setzte einen Schlag lang aus.

Ihr wurde erst heiß, dann eiskalt. Zitternd sank sie zu Boden. Sie hörte kaum noch das Angie John verzweifelt anbrüllte: "Warum? Warum? Warum?", und die Frage hallte in ihrem Kopf wieder, dort für immer eingebrannt. Was hatte sie bloss getan? Was? Sie merkte erst das Angie mit ihr redete, als diese ihr eine Ohrfeige gab. "..musst verschwinden! Immerhin weiß jeder,
dass du hier arbeitest! Sie werden gleich hier sein, um dich zum Prozess abzuholen, den jeder verliert. Bitte, beeil dich! Schnell!" Gwens Beine zitterten als sie hinter ihren Freunden her aus der Tür stolperte. Jeder Blick mit dem man sie bedachte schien etwas zu wissen. Jeder etwas anderes. Auf der Hauptstraße, die zum Haupttor führte, begann Gwens Verstand wieder zu funktionieren. "Halt! Ich muss mich noch von Mum und Dad verabschieden."
Sie blieb stehen. John und Angie tauschten einen Blick. "Wir haben keine Zeit mehr!" zischte Angie. "Wir können ihnen sagen, was passiert ist und-", sie schrie entsetzt auf. "Was?", fragte John schneidend. "Ich muss zurück zur Nachtigall! Wenn sie dort ankommen und dort niemanden antreffen, werden sie wissen, dass ich dir helfe, Gwen!"

Blankes Entsetzen spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder.
"Dann lauf!" riefen Gwen und John gleichzeitig. Dankbar drehte Angie sich um und rannte zurück in die Richtung aus der sie gekommen waren. "Los jetzt!" John Mimik war wie versteinert. Ihnen beiden wurde nun klar worum es ging, was auf dem Spiel stand. John würde auch brennen, wenn er Gwen half. Sie schaute zu ihm hoch, in sein von Angst verzerrtes Gesicht und der Schmerz zerriss ihr das Herz, doch sie nahm seine Hand, drückte sie und flüsterte:
"Du darfst gehen. Ich würde es dir niemals übel nehmen!", doch er schüttelte störrisch den Kopf. "Nein, ich helfe dir trotzdem!" Und sie rannten Hand in Hand weiter, die Ellenbogen im Anschlag.

Kurz vor dem Tor hielten sie inne. Zwei Wachen standen da und unterhielten sich mit ernster Miene. "Mist, Mist, Mist!" stieß John zwischen zusammen gepressten Zähnen hervor.
Natürlich schickten sie die Nachricht von einer neuen Hexe zuerst zu den Toren, damit sie nicht fliehen konnte. Doch, noch während sie da standen, hin und her gerissen zwischen Aufgeben und einfach Drauflosstürmen, hörten sie Hufgetrappel und wandten sich um. Drei Soldaten auf Pferden kamen auf sie zu und einer hatte Angie hinter sich sitzen. Sie klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring. Die Wahrheit durchfuhr Gwen wie ein Dolch. Ihre beste Freundin hatte sie verraten, war zurückgerannt, um ihrem Verlobten ins Ohr zu flüstern, wohin sie fliehen wollte und eine Welle des Hasses überströmte sie, dass sie dem schuldbewusst dreinschauenden Geschöpf, das immer noch auf dem Pferd saß, als ob der Zorn der beiden Freunde sie dort oben nicht erreichen könnte, am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre. Fünfundzwanzig Goldstücke auf die Ergreifung einer Hexe. Ein hübsches Sümmchen.
Vielleicht reichte es, um in den Flitterwochen bis ans Meer zu kommen. Als John losrannte, zog er Gwen mit Leichtigkeit mit sich. Er rannte auf die beiden Wachen am Tor zu, die ihn verdutzt angafften und sich ihnen dann in den Weg stellten. John schlug dem einen so heftig gegen den Kiefer, dass es knackte.

Die Wache ging zu Boden und die beiden Kinder rannten aus der Deckung der Stadtmauern heraus auf die Brücke zu, die über den nahen Fluss verlief. Auf der Hälfte hörten die beiden Hufgetrappel und Rufe hinter sich. Zur gleichen Zeit bog auf der anderen Seite ein alter Händler auf die Brücke ein. Sie saßen in der Falle. John wehrte sich mit Zähnen und Krallen, als ihn ein Reiter auf sein Pferd hieven wollte. Es half nichts. Gwen hatte der dritte Soldat vom Brückengeländer gepflückt. Sie hatte sich, leider zu spät, dazu entschlossen zu springen. Der Ritt zurück zur Stadt wurde sehr unangenehm für Angie. Als die Pferde vorm Gerichtshof hielten, kam sie mit flehentlicher Miene auf Gwen zu. "Gwen, ich...", hob sie an, doch Gwen unterbrach sie. "Verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen!"

Die Entäuschung und die Wut über den Verrat brannten in ihr, ertränkten sogar die Angst vor dem, was kommen sollte. Sie wollte sie rauslassen und Angie so viele Schmerzen zufügen, wie sie nur konnte, wollte sie schreien sehen, wollte sehen wie sich ihr Körper vor Reue krümmte. Gwen riss sich mit einem Ruck los und stürzte sich auf ihre ehemals beste Freundin. Sie hörte den überraschten und entsetzten Aufschrei ihres Bewachers und John, wie er sie anfeuerte.
Sie grub die Fingernägel tief in Angies Kehle. Die Mädchen gingen zu Boden. Angie zog an Gwens Haaren bis diese ihren Hals losließ, doch sie saß über ihr und drosch nun mit der Faust auf Angies Gesicht ein. Sie hörte erst damit auf, als jemand sie grob in den Haaren packte und hochzerrte. Angies Verlobter stieß sie weg und beugte sich besorgt über seine zukünftige Braut. Gwen wurde von ihrem Wächter aufgefangen und mitgeschleift. Sie warf noch einen letzten Blick zurück. Angie saß auf dem Boden, weinend, die Arme um die Beine geschlungen. Ihre Stirn blutete, sie hatte zahlreiche Kratzer im Gesicht, ein blaues Auge und andere Prellungen, doch sie blickte Gwen an. "Hexe!" stieß sie heraus. Dann schlug die Tür des Gerichtshauses zu.

Kapitel 4

"Angeklagt wegen Pakt mit dem Teufel, Ketzerei und, da sie nachts auf einem Besen über die Stadt geflogen ist und jeden von euch, der ihren Weg kreuzte, verflucht hat!". Gwen blieb die Luft weg. Zum anfänglichen Grund für ihre Gefangennahme waren tausend Lügen hinzugefügt worden. Doch das Volk war zufrieden. "Brenn, Hexe, brenn!", schallte der Singsang lauter denn je zu ihr hoch. Gwen wurde wieder panisch als die Henker auf sie zukamen. Wie unten im Verlies. Und dann kam ihr die rettende Idee! Um sie zum Scheiterhaufen zu führen, würden die beiden Männer sie erst losbinden müssen. In diesem kurzen Zeitraum konnte sie die beiden überraschen und sich losreißen. Zugegeben, es war ein nahezu aussichtsloser Plan, doch er war ihre letzte Hoffnung. Was hatte sie schon zu verlieren. Sterben würde sie so oder so. Still stand sie da, während die groben Hände die Ketten aufschlossen. Und dann, bevor sie nach ihren Handgelenken greifen konnten, stieß Gwen einem die Finger in die Schlitze der schwarzen Haube, dem anderen wich sie unter Schwierigkeiten aus.

Als Gwen vom Podium sprang, dachte sie, sie würde träumen. So einfach war es gewesen. "Nein!", heulte der Priester auf. "Lasst sie nicht entkommen! Der Teufel hat ihr Kräfte verliehen! Lasset euch davon nicht blenden, fangt sie!" Doch er hatte seine Rechnung ohne das Volk gemacht. Sie liebten die Skandale, die Show und nun begann eine regelrechte Revolte.
Die Massen stürmten gegen das Podium und die Reiter an, überschwemmten den Platz und die Scheiterhaufen. Ambers Mann hatte ein Messer in der Hand. Gemeinsam mit Freunden befreite er seine weinende Frau. Gwendolyn war vom Podium gesprungen, versucht, nicht auf die um Hilfe flehenden Rufe der restlichen Verurteilten zu hören. Hier war sie selbst wichtiger. Auf dem Boden angekommen schaute sie sich um. Die Zeit wurde knapp, denn nach und nach trieben die Soldaten die Männer und Frauen gewaltsam zurück. Gwen stützte los, rannte direkt an einem der Scheiterhaufen vorbei und hörte jemanden rufen.

Es war Harriet, die alte Kräuterfrau. "Mädchen, Gwen oder wie du auch immer heißen magst, binde mich los, schnell!" Gwen sah zu der Alten hoch. Sie hatte kaum noch Zeit. Sie besaß kein Messer wie der Mann von Amber und sie konnte auch nicht jedes einzelne Seil allein mit ihren Fingern aufknüpfen. Es tat ihr in der Seele weh, doch sie rief nach oben "Es tut mir leid! Es geht nicht! Keine Zeit!" Gwen ging ein paar Schritte rückwärts, dann wandte sie sich um und rannte. Und prallte prompt gegen einen der Fackelhalter, die das Feuer hielten, das für Harriets Scheiterhaufen vorgesehen war. Gwen ging mit ihm zu Boden. Die Flammen machten sich los von ihrer Halterung und schlängelten sich über den Boden zu Harriet hin. Das trockene Holz nahm das Feuer auf wie einen alten Freund.
"Gwendolyn, hilf mir doch!" Gwen hatte sich aufgerappelt, stürzte nun wieder auf Harriet zu, doch die züngelnden Flammen hatten sie komplett eingefangen. Über ihren verzweifelten Schreien nach Hilfe war der Tumult verstummt. Von Grauen gepackt scharrten sich alle um den Scheiterhaufen. Harriets Rocksaum begann zu brennen. Vor Gwens Augen verwandelte sich ein Mensch, eine alte Bekannte, in eine lebendige Fackel.

"Gwendolyn!", schrie die Alte, sich voller Schmerz krümmend. Ihre Augen waren glasig, doch ihr Blick fand Gwendolyns in der weinenden und johlenden Menge. Ihre Stimme war leise und gebrochen, doch ihre Worte hallten in Gwens Kopf wider, obwohl sich die rußigen Hände auf die Ohren presste: "Das Feuer wird dich für immer verfolgen. Bis in alle Ewigkeit. Du kannst ihm nicht entkommen." Die Welt färbte sich weiß. Dann loderten Flammen vor Gwens Augen auf. Als sie sie wieder öffnete war Harriet verstummt. Ihr dürrer Körper hing schlaff in den Seilen. Das Feuer hatte ihre Kleider und Haare vollends aufgefressen. Es verbrannte sie von innen, loderte aus ihrem Mund und ihren Augen, während ihre Haut zerlief. Wie das Wachs einer Kerze.

2 Kommentare

Mirjam am 16. Januar 2015

Echt toll. Total lebendig, ich fühl mich grad wie eine Hexe Schade dass die Geschichte schon aus ist!

Ella am 25. Januar 2014

Oh. Mein. Gott. Das ist echt wahnsinnig gut!!!! Man wird richtig in diese zeit des Hexenwahnsinns hinein katapultiert Ich bin begeistert! Gehts noch weiter? Lg Ella