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Thoössa

Herbstschatten

Kapitel 1

Judith ließ ihre Beine im Wasser baumeln und sah gedankenversunken der Strömung nach. In ihrer Fantasie konnte sie mit dieser Strömung fortreisen, einfach abhauen auf diesem kleinen, lebendigen Bach. Wenn sie hier saß, dann reiste sie zwischen majestätischen Bergen, bunten glitzernden Städten oder sah das nie gesehene Meer. Wenn sie hier saß konnte sie ihren Alltag vergessen. Das traurige, verhärmte Gesicht der Vaters, wenn die Mutter ihn wieder zur Schnecke machte, die Rufe der anderen Kinder auf der Straße, Hexe riefen sie ihr hinterher und sie wusste nicht warum und der ständige Geruch nach Kohl und Armut in ihrem kleinen Häuschen. Als Pastor verdiente man nicht viel, es reichte gerade zum Leben. Aber wenn sie hier saß, war sie glücklich.

Die goldenen Strahlen der Sonne tropften zähflüssig wie Honig durch das Blätterdach über ihr und verfingen sich in ihrem Haar, das leuchtete wie ein Rubin in der Mittagssonne. Irgendwo im Wald baute ein Specht sich und den Seinen ein Haus und der Bach floss leise plätschernd und in der Sonne glitzernd vorbei. Es war so friedlich. Dieser Ort ließ Judith vergessen, dass es auf der Welt nicht nur Schönes gab, dass auf jeden noch so friedlichen Spätsommer nun einmal der Herbst folgte und mit dem Herbst die Angst einherkam. In immer anderer Gestalt, aber sie kamen  jedes Jahr.

Im letzten Jahr war Esther verschwunden, die Tochter des Organisten Himmelfeld und Judiths beste Freundin. Niemand hatte das Schicksal aufhalten können. Noch nie.
Aber all das zählte hier nicht, hier gab es nur das Licht, den Bach und ihre Träume. Deshalb glaubte sie es auch nicht, wollte es nicht glauben, als ein rotverfärbtes Blatt neben ihr auf den Boden segelte. Rot wie ihr Haar, rot wie Feuer. Aber nicht das Feuer, das Licht ins Dunkel bringt, sondern das, das mit seiner Gier Häuser, Wälder, Leben vernichtete, so wie es den Frieden dieses Momentes vernichtete, auffraß. So saß sie eine Weile, eine kleine Ewigkeit, nur da und starrte es an, als wolle sie es nur mit den Augen wieder in die Baumkrone über ihrem Kopf zwingen, als wolle sie den Sommer mit ihrem Blick zwingen zu bleiben.
Doch dann raffte sie sich auf, steckte das Feuerblatt in ein Knopfloch ihres Kleides und hetzte durch den Wald zurück ins Dorf. Ein kurzer Weg, aber eine kleine Ewigkeit. Sie achtete nicht auf ihren Schritt, die Äste schlugen ihr ins Gesicht, aber sie merkte es nicht einmal. Erst kurz vor dem Dorf verlangsamte Judith ihren Lauf. Die Mutter sollte nicht sehen, dass sie Angst hatte. Sie sollte stolz auf sie sein.

Ihr Haus lag friedlich in der Mittagssonne. Die Spatzen spielten Fangen zwischen den Blättern ihres Weinstocks, auf den schon der Urgroßvater so stolz gewesen war und alles wirkte so normal, so wie an jedem anderen Sommertag auch. In der Küche ging ihre Mutter leise summend am Fenster vorbei. Wahrscheinlich buk sie gerade die Birnen-Hefe-Torte für den Besuch ihrer Eltern diesen Nachmittag. Niemand konnte die so gut wie sie.

Der Besuch der Großeltern war etwas ganz Besonderes. Sie kamen nur einmal im Jahr, weil der Weg von den Pyrenäen bis zu dem kleinen Dorf so weit war, aber sie blieben dann zwei ganze Wochen, bis sie sich wieder, gut gepolstert mit guten Wünschen, auf den Rückweg machten.
Judith hatte all das über die Aufregung ganz vergessen. Wieso musste auch ausgerechnet heute das erste Herbstblatt fallen? Wieso nicht in zwei Wochen? Oder überhaupt nie mehr? Sie hatten doch zusammen in der Heide wandern wollen und die Schafsfarm vom alten Moritz besuchen, sie hatte sich so darauf gefreut! Und nun wurde daraus nichts. Fast hätte Judith geweint, fast, aber dann riss sie sich zusammen. Sie war schließlich kein Kleinkind mehr und sie würden ja trotzdem viele schöne Dinge machen, es war albern sich so aufzuführen.

Sie reckte sich zur alten Klingelschnur. Dieses Jahr musste sie sich zum ersten Mal nicht auf die Zehenspitzen stellen um sie zu erreichen. Trotzdem war sie für ihre zehn Jahre sehr klein.
Hinter der Tür erklang die schon flach und altersschwach klingende Glocke, nur einmal und nicht sehr laut. Trotzdem hatte ihre Mutter sie gehört. Durch die dünne Tür konnte das Mädchen ihre leisen und raschen Schritte hören, die nie wirklich den Boden zu berühren schienen. Sie sah sie schon vor sich, wie sie beschwingt durch die Vorfreude auf den Besuch ihrer Eltern auf die Tür zulief und im Vorbeigehen den Finger am Geländer zur Kellertreppe entlanggleiten ließ, wie es  ihre Gewohnheit war. Seit sie aus Frankreich auf der Suche nach ihrem Traum hierher gezogen war, fort von ihren geliebten Bergen, fort von dort, wo man ihre Sprache verstand, sah sie die Eltern nur noch bei diesen Besuchen und einmal im Jahr ist nicht sehr viel.

Als sich die Tür öffnete, stand Judith ihrer ziemlich verdutzten Mutter gegenüber: „Aber ich dachte, du wolltest noch spazieren gehen bis deine Mamie kommt, Judith? Es regnet doch gar nicht! Aber das ist sowieso ganz gut, da kannst du mir schon die Zuckerrüben pürieren und den Tisch decken.“ „Ja Maman, natürlich, aber sieh erst einmal, was ich dir mitgebracht habe.“, versuchte sie so ruhig wie möglich zu sagen, als würde es sie gar nichts angehen. Nur ein leichtes Zittern in der Stimme verriet sie. Als die Mutter das Feuerblatt sah, huschte etwas über ihr Gesicht wie eine Gewitterwolke die sich vor die Sonne schiebt, plötzlich schien sie weiter entfernt als Gott im Himmel oder Lucifer in seiner Hölle, dabei stand sie so dicht vor Judith, dass die ihren Atem spüren konnte. Aber so wie eine Gewitterwolke vorüber zieht und die Sonnenstrahlen sich wieder einen Pfad auf die Erde bahnen können, war es nach einem kurzen Augenblick vorbei und wie der Schatten einer Gewitterwolke auf der Erde, so hinterließ es keine Spuren.

Mit einem raschen Schritt war sie schon bei ihrer Tochter und schloss sie in die Arme:
,,Alles wird gut, ma petite, nichts passiert, was Gott so nicht möchte, denke immer daran, egal was passiert, es hat einen Sinn.“

3 Kommentare

Fjalra am 29. März 2017

Das ist sehr schön. Besonders die Beschreibung am Anfang gefällt mir.

Schimmerlicht am 28. August 2013

Ich sehe, du hast Talent! Also klitzeklitzekleiner Tipp, beim Anfang noch ein kleines Stück langsamer in die Welt der Erinnerungen reingehen, aber sonst wunderbar! Du hast eine sehr schöne Art die Sätze zu formulieren, ruhig, und auf eine spezielle Art und Weise gibt sie mir Wärme. Vielleicht aber auch wegen der Jahreszeit in der Geschichte, weil ich das Herbstlicht immer mit Wärme verbinde Ich würde mich riiiiiiiesig freuen wenn du weiterschreiben würdest! Lg Schimmerlicht

Ella am 25. August 2013

Schöööön. Nur kenne ich mich nicht ganz aus. Hat Judith zwei Mütter? Die die ihr aufmacht meint nämlich: " Ich dachte du wolltest noch spazieren gehen bis deine Mamie kommt." Und Judith sagt:"Ja, Maman. Natürlich . . . " Was hat es damit auf sich? Oder wird das noch erklärt? Lg Ella