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Hannah Molkenthin

Gefängnis der Engel

Kapitel 1

Ich war drei Jahre alt, als sie mich holen kamen.
Das ist jedes Jahr so. Jedes Jahr werden ein paar Kinder von zwei bis drei Jahren mitgenommen, um Engel zu werden. Die werden dann nie wieder in der anderen Hälfte gesehen.
Meine Eltern haben sich geweigert, mich rauszugeben. Sie schrien und weinten und schlugen um sich, aber die Arbeiter in den schneeweißen Anzügen hatten vorgesorgt.
Sie wurden einfach mithilfe von Strahlenpistolen eliminiert.
So hat man es mir erzählt.

Unsere Welt ist seit etwas mehr als hundert Jahren zerrissen.
Wir schreiben das Jahr 2207. Wir leben zwar immer noch auf der Erde, aber uns wurde gesagt, dass es sich nur noch um Jahrhunderte handeln kann, bis sie untergeht. Wir wissen nicht, was dann passieren wird. Wir sind uns nur sicher, dass wir dann alle sterben müssen, egal ob Engel oder Mensch. Wir alle werden sterben.

Und das hat einen simplen Grund: Wenn ein Engel seinen Menschen sterben lässt, dann muss auch der Engel sterben. Eigentlich sind Schutzengel unsterblich. Mit unserem Mikrochip, den wir ins Gehirn eingepflanzt bekommen, um immer mit unserem Menschen in Kontakt zu bleiben, ohne dass er es merkt, müssen wir Hormone nehmen, die bei uns den Stoffwechsel regulieren und unsere Körper erstarren lässt. Mit zwölf Jahren muss sich jeder Engel für ein Alter entscheiden, dessen Aussehen er behält. Für immer.

Bei mir ist das jetzt drei Jahre her. Ich habe 18 hingeschrieben, denn dann bin ich weder richtig erwachsen noch jugendlich. Ich bin in der Lage, als vollwertiger Engel anerkannt zu werden und nicht als der kleiner Junge, den sie jetzt in mir sehen. Ich merke schon, dass ich mehr Hormontabletten bekomme als vorher.

Mein Ausflug über die Mauer, die bis zum Mond geht, war wie ein Traum. Wir flogen in einer silbern glänzenden Maschine über den weißen Stein und den Stacheldraht hinweg. Überall sah ich Schilder. Mit drei Jahren konnte ich sie natürlich noch nicht entziffern, aber ich denke, auf der Seite der Menschen steht nur das Umgekehrte als auf unserer Seite.

Keinen Schritt weiter. Menschenseite. Überflüge nicht gestattet. Einzige Ausnahme: Ablieferung der Gefangenen und Abholung der jungen Engel.

Die Gefangenen. Das ist noch so ein Thema, das ich nicht wirklich verstehe. Wenn ein Mensch stirbt, kommt sein Schutzengel in das Gefängnis der Engel. Ich weiß nicht, was dort mit ihnen gemacht wird, aber wenn sie rauskommen, haben sie Flügel und eine Haut aus Stein. Sie sind Götzen geworden, die in der Menschenwelt aufgestellt werden, um zu zeigen, wie diejenigen aussehen, die ihnen all das ermöglichen, was sie jetzt haben.

Zu Engeln gehört natürlich auch ein Gott. Den haben wir auch. Keiner weiß, wie er aussieht und wo er ist, aber er macht alles, was es auf der Menschenseite gibt. Häuser. Kleidung. Nahrung. Baumaterial. Felder. Technik. Er hat eine riesige Fabrik nach der nächsten dort stehen. Ihre giftigen Dämpfe sind schädlich für die Luft und für die Ozonschicht, also beschleunigen sie – beschleunigt er – das Ende der Welt.

Auf unserer Seite gibt es dergleichen nicht. Wir kennen es nur von unseren Bildschirmen, die wenigstens ein bisschen von unserer ursprünglichen Heimat zeigen. Den Rest lernen wir durch unsere Mikrochips, die, wenn wir sie richtig programmieren, unsere Menschen steuern können.

Aber nur die einfachen Sachen: gehen, sehen, schmecken, fühlen, sagen, denken. Man kann nicht die Dinge um sie herum kontrollieren, das macht nur Gott, um uns auf die Probe zu stellen. Er lässt zum Beispiel um uns herum ein Feuer ausbrechen und schaut zu, wie wir daraus zu entkommen versuchen. Oder er lässt uns leben, wenn er uns für gut hält. Ich kann sagen, dass meinem Menschen noch nie etwas passiert ist, und darüber bin ich sehr froh.

Und dann gibt es noch die Engeljäger. Die Alten sprechen oft von ihnen und erzählen uns Geschichten. Sie geben ihr Wissen von Generation zu Generation weiter. Sie sind der Ansicht, dass die Menschen nur die Marionetten von den Engeln sind, versuchen, durch die Mauer zu gelangen und uns alle abzuschlachten. Einmal war auf dieser Seite so ein Aufruhr deswegen, dass Gott alle Engeljäger auf einmal getötet hat. Ich habe gesehen, wie sie ein paar Wochen später als Statuen über die Mauer geflogen wurden. Engeljäger faszinieren mich. Ich würde liebend gerne mal einem begegnen. Ich weiß, dass ich ihr ärgster Feind bin, aber es ist mein größter Wunsch, abgesehen davon, hier rauszukommen. Aber das ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Fast alle sind diese Seite satt.

Ich habe mal gelernt, dass die Engel das ehemalige Amerika besiedeln. Amerika. Es hört sich weit an. Weit weit weg. Nicht direkt vor der Tür. Es schmeckt nach Freiheit und Wildnis. Ich würde es gerne sehen. Das ECHTE Amerika. Nicht das Land der Engel. Die Menschenwelt kenne ich fast in und auswendig. Sie sollen in Afrika, Europa und Asien leben.

Die einzige Regel, die mich wirklich am Engeldasein stört, ist, dass nur die Menschen Engel bekommen, die genug Geld dafür bezahlen können. Die anderen, wie zum Beispiel meine Eltern und ich, stehen zur Auswahl, auch ein Engel zu werden.

Es ist wie ein Lottogewinn, nur, dass du nicht überglücklich bist, wenn du gezogen worden bist.
Dann kommen sie dich holen, bringen dich über die Mauer, spritzen dir einen Mikrochip durch die Nase ins Hirn und lassen dich nie wieder fort. Der einzige Ausweg ist es, darauf zu warten, dass dein Mensch stirbt. Dann musst du auch in das ewige Nichts und bist befreit. Irgendwann musst du es so oder so tun. Du kannst nicht ewig alles richtig machen. Und doch wird es von dir verlangt.

Ich wachte auf, als es in meinem Kopf anfing zu dröhnen. Der Chip meldete, dass mein Mensch aufgestanden war. Immer noch müde, aber bereit zu arbeiten schwang ich meine Beine aus dem Bett, fuhr mir mit der Hand durch die Haare und ging durch mein kleines Apartment zum Schreibtisch. Ich zog den weißen Plastikstuhl vor, setzte mich und schloss die Augen.

Catherine reckte sich noch. Gut. Im Moment konnte ihr also weder etwas auf den Kopf fallen, noch konnte sie ein Blitz treffen oder sie Opfer einer Atomexplosion werden. Sie band sich ihr langes dunkelbraunes Haar zusammen, schlug die Bettdecke zurück und gähnte. Wie war die Luft? Steril. Gut. Sonst wäre ich nämlich geliefert gewesen.

Sie stand auf und ging zu ihrem Kleiderschrank. Zum abertausendsten Male fragte ich mich, ob ich doch hinsehen sollte, wenn sie sich auszog. Schließlich konnte ja genau in diesem Moment die Decke einstürzen oder so was. Aber ich wollte ihr wenigstens ein wenig Privatsphäre gönnen.

Ich unterbrach kurz die Verbindung, um mir mein Frühstück an der Schleuse abzuholen. Die Schleuse befand sich vor der Apartmenttür und bestand aus einer Klappe neben den Türknauf, durch die die Arbeiter uns Essen und Hormonpillen durchschieben konnten. Diese rutschten dann über eine kurze Ablage direkt auf unseren Nachttisch.

Heute war mein Essen nichts als drei Tabletten und einem Toastbrot. Hatten die Arbeiter das Wasser vergessen oder wollten sie mich extra verdursten lassen? Ah, ich hörte einen dumpfen Schlag gegen die Schleuse. Kurz darauf kullerte ein mit Frischhaltefolie bedeckter Pappbecher mit lauwarmem Milchkaffee auf den Tisch. Weil der Becher auf der falschen Seite landete, rollte er auf den Boden. Wäre die Folie nicht dagewesen, hätte der Boden jetzt eine andere Farbe bekommen. Nicht, dass ich was dagegen gehabt hätte. Das ewige Weiß sah ziemlich kränklich aus.

Während ich kaute und die runden Pillen schluckte, war ich wieder bei Catherine. Ihr ganzer Name war Catherine Rockefellers. Sie lebte mit ihren Eltern und ihrem Bruder Charlie in einer überschaubaren Wohnung am Rande von Bristol. Jeder hatte sein eigenes Zimmer und Catherines gefiel mir bei weitem am besten. Das ihres Bruders hatte tiefschwarze Wände, rote Satinvorhänge und exzentrische Poster von toupierten, geschminkten Sängern überall. Außerdem lud er die scheußlichsten Leute ein.

Catherine summte vor sich hin. Ich kannte den Song, es war der neueste ihrer Lieblingsband. Ich hatte ihn mir dutzende Male anhören müssen, weil sie ihn so vergötterte. Der Mikrochip war heißgelaufen. Ich kniff vor Schmerz die Augen zusammen, schluckte den Bissen runter und fragte mich, ob das Ding defekt war. In letzter Zeit machte er nur seltsame Sachen. Zum Beispiel hatte er vor ein paar Tagen das falsche Mädchen gezeigt. Und vor zwei Wochen war ich ohne Absicht in die Frauenumkleide eines Sportclubs gelangt.

Sie zog sich ein orangefarbenes Kleid über den Kopf und schloss den roten Lackgürtel. Dann hörte sie auf zu summen und verließ ihr Zimmer. Hey, dachte ich, du musst noch deine Klamotten zurück in den Schrank legen, Catherine. Ich stoppte ihren Körper und legte Hand an ihren Geist. Hast du nicht was vergessen? Deine ganzen Sachen liegen kreuz und quer in deinem Zimmer verstreut. Es wird Zeit, dass du sie aufräumst. Dann kannst du frühstücken und in die Schule gehen, ja?

Catherine schien sich zu erinnern und machte sich auf den Rückweg. Dort sammelte sie hastig mit ein paar Handgriffen ihre Kleider auf und warf sie in den Schrank. Zufrieden lächelte ich. Wir dürfen außerdem noch etwas: unsere Menschen belohnen. Das geht ganz einfach. Entweder lassen wir sie in der Schule gute Noten kriegen, wir verständigen uns mit anderen Engeln, dass sie ihren Schützlingen einen guten Wink zu unserem geben oder wir lassen gute Gedanken in ihren Köpfen herumströmen. Heute entschied ich mich für ersteres.

Als Catherine aufgegessen hatte, nahm sie ihre Tasche, verabschiedete sich von ihrer Familie und ging nach draußen. Hier war es fast noch schöner als in ihrem Zimmer. Die Straße, in der sie lebte, war leicht gewunden und enthielt zwölf völlig unterschiedliche Einfamilienhäuser in Reih und Glied. Alle hatten gepflegte Vorgärten und manche hatten sich sogar Schaukeln oder Rutschen für ihre Kinder aufgestellt. Ich erinnere mich dunkel, dass mein Vater mir, als ich ganz klein war, auch einmal eine Schaukel gebaut hatte. Zwei Wochen war er jeden Tag draußen gewesen und hatte daran rumgeschraubt. Als er fertig gewesen war, hatte meine Mutter mich nach draußen getragen und mich darauf gesetzt. Ich war glaube ich ein oder zwei Jahre alt. Bei der leisesten Bewegung unter mir habe ich angefangen zu kreischen, zu lachen und zu strampeln. Mein Vater war stolz auf mich und hat meine Mutter geküsst. Sie haben sich oft geküsst.

Den ganzen Schulweg hatte ich nicht viel zu tun. Nur einmal war sie im Begriff, einen Schuh zu verlieren, und ich musste ihren Fuß so drehen, dass er dranblieb. In der Schule hielt ich mich raus. Ich ließ alles Wissen auf sie einströmen, das ich hatte, und dabei konnte ich mir sogar einen Kaffee vom Arbeiter bestellen und eine Tablette darin auflösen. Ich hatte ihn in einem Zug ausgetrunken. Der angenehm herbe Geschmack vermischte sich mit dem etwas Chlorigen der Pille. Während ich ab und zu wieder meinen Blick auf Catherine wandte, die im Moment im Englisch-Unterricht saß, verließ ich mein Apartment auf der Suche nach meiner Mutter.

Ich weiß, dass ich am Anfang schon erwähnt habe, dass meine eigentliche richtige Mutter tot ist, aber diese Mutter ist der Schutzengel der Mutter von Catherine und deshalb nenne ich sie Mom. Ich weiß auch, dass das nicht gerade intelligent ist, aber sie sagt, ich bräuchte eine Mutter, strenggenommen sei ich nämlich noch ein Kind. Und ich habe, wenn ich mal so darüber nachdenke, nichts dagegen.

Ich wohnte in einem riesigen Reihenhaus aus weißem Stein. Die Fenster waren mit Glas und dickerer Folie verkleidet, um keinen Wind oder Regen hineinzulassen, und die Flure hatten auch schon bessere Tage gesehen. Sie alle sahen aus wie eckige, langweilige weiße Schlangen aus Beton und Zement. Und die Häuser waren Grabsteinen nicht unähnlich.

Mit meiner Mutter und mir lebten ungefähr sechzig andere Engel in einem Haus. Es ist manchmal sehr unangenehm, aber manchmal kann man sich nur über die Gesellschaft freuen.

Ich fand sie in ihrem Apartment. Fast lief ich in einen Arbeiter hinein, der ihr gerade ein zerdrücktes, pappiges Zimthörnchen in die Schleuse schob. Sie hatte sich sicher wieder darüber beschwert, dass das Essen hier noch schlimmer war als Dreck. Ich hatte sie schon tausend Mal gewarnt, dass auch das mit dem Gefängnis der Engel bestraft werden kann. Aber sie sagt, lieber in Stein gegossen werden, als weiter diesen Fraß zu ertragen.

Ich klopfte und wartete. Als ich mir vor ihrer Tür die Beine in den Bauch stand, riskierte ich einen Blick zu Catherine. Sie las ein Kapitel über Pronomen. Gut. Darum musste ich mich jetzt also nicht kümmern.

„Ja?“, schnauzte eine Stimme und riss mich aus der Menschenwelt. Mom hatte die Tür geöffnet und schaute mich jetzt sauer an. Ich konnte nicht sagen, warum sie plötzlich so einen Gesichtsausdruck bekommen hatte, aber es war keine positive Überraschung.
„Äh… ich wollte…“
„Komm rein, aber bring mich nicht zu Weißglut. Ich bin grade damit beschäftigt, ein Bewerbungsgespräch zu halten.“

Ach ja! Catherines Mutter war ja arbeitslos! Kein Wunder, dass Mom jetzt so aufgebracht war.
„Es tut mir Leid“, brachte ich hervor, trat ein und schloss die Tür hinter mir. Mom saß jetzt wieder an ihrem Schreibtisch, hatte die Augen geschlossen und kaute auf ihrem Zimthörnchen herum. Auf ihrem Tisch lagen noch vier nicht eingenommene Tabletten.

Ungewollt suchte ich ihr Gesicht nach neuen Falten ab. Sie hatte schon vor zwanzig Jahren aufgehört zu altern, aber sie hasste es, die Hormone einzunehmen. Sie schlampte damit ziemlich herum. Und zu meinem Unglück musste ich erkennen, wie ausgeprägt ihre Tränensäcke geworden waren. Außerdem sah ich links und rechts neben ihren Augen leichte Hubbel. Vorzeichen von Lachfältchen. So etwas sollte eigentlich nicht vorkommen.

Ich setzte mich reichlich unwohl auf ihr quietschendes Bett. Sie jetzt zu stören, wäre vielleicht ihr Todesurteil. Also wartete ich, bis sie wieder die Augen öffnete und schaute inzwischen mal bei meinem Menschen vorbei. Physik. Darauf konnte ich verzichten. Catherine war so gut darin, dass selbst wenn irgendwas zischen und explodieren würde, sie sich nicht unter irgendeinem Tisch verstecken würde, der eh nachgeben würde, sondern eher über die Feuerleiter auf den Schulhof klettern würde. Aber wenn es Gas wäre, würde es schlimmer sein. Trotzdem wollte ich ein wenig Zeit für mich. Was sollte denn schon schlimmes geschehen?

„So, jetzt kannst du, mein Junge“, sagte Mom und öffnete die Augen. Sie war hübsch. Groß, schlank, sportlich, mit schönen blonden Haaren und großen braunen Augen. Leider wurde sie alt.
„Du hast deine Pillen nicht genommen“, sagte ich.
Traurig schaute sie mich an. „Ich weiß.“
„Du weißt, dass Gott dich ins Gefängnis schicken kann! Du weißt, dass du dann sterben musst! Du weißt, was Catherines Mutter dann passiert!“
Betreten sah sie zu Boden. „Ich weiß.“
„Wenn du es weißt, warum tust du es dann?“ Ich war außer mir. Alle Schreckensbilder, die ich mir nur vorstellen konnte, zogen vor meinem inneren Auge vorbei.
„Es tut mir Leid, mein Junge.“ Sie breitete die Arme aus und wartete, dass ich sie umarmte.
Widerstrebend stand ich auf. Ich konnte mich nicht dazu bringen, es zu tun. Ich drückte ihre Arme runter. „Ist schon gut. Eigentlich wollte ich dich nur fragen, wie es dir geht.“

Enttäuscht verschränkte sie die Finger ineinander. „Gut. Wie geht es Catherine? Sie redet in letzter Zeit nicht mehr so oft mit ihrer Mutter.“
„Sie ist in der Pubertät. Das ist normal“, beruhigte ich sie.
Ich machte einen Schritt nach hinten und setzte mich wieder.
„Ist das wirklich normal, Pubertät?“ Sie löcherte mich zweifelnd. „Und wenn ja, warum hast du es nicht?“
Ich seufzte. „Es ist keine Krankheit, Mom. Sie geht wieder vorbei. Vielleicht schon in den nächsten paar Jahren. Sie ist fünfzehn, es geht ihr gut!“
„Warum hast du es nicht?“, wiederholte sie nachdrücklicher.
„Du bist auch fünfzehn.“
Ich schwieg einen Moment und starrte auf die glatten weißen Wände. „Vielleicht hat man in dieser Welt keinen Grund dafür,
so zu werden.“

Jetzt sah sie ungeheuer traurig aus. Innerlich schalt ich mich wieder, dass ich so etwas gesagt hatte. Verlegen fuhr ich mir durch die Haare und nahm eine Strähne zwischen die Finger. Haselnussbraun. So nannte man die Farbe in der Menschenwelt. In der Menschenwelt war alles bunt, grell und albern. Hier war alles weiß, hässlich und ernst. Keine Liebe. Keine Freude. Nicht mal Leben konnte man hier. Man konnte nur Leben gestalten wie bei einem Computerspiel.
Ich schaute für ein paar Sekunden bei Catherine vorbei. Sie hatte immer noch Physik. Einem Schüler waren die Haarspitzen verbrannt. Weiter brauchte ich nicht zu sehen. Ich gestattete mir, Mom vorher zu warnen.
„Ohren zu.“

Ohne nachzufragen tat sie es. Selbst als ich meine Hände auf die Ohren gepresst hatte, hörte ich das Schreien und Schluchzen des Engels. Es war ein Mädchen. Als es von zwei Arbeitern zum großen Bildschirm gezerrt wurde, sah man durch Moms Schleuse sein Gesicht. Es hatte angefangen zu weinen und es wehrte sich gegen den stählernen Griff der weiß gekleideten Männer. Wir hatten Pech, dass wir auf demselben Stock wohnten, auf dem auch der große Bildschirm aufgebaut war.

Ich habe schon dutzend Mal miterlebt, wie jemand vor den großen Bildschirm kommt, doch ich kriege jedes Mal Angst. Der große Bildschirm ist ein Fernseher, an dem eine Stimme abgespielt wird, wenn man seinem Menschen etwas antut. Es ist so etwas wie eine Verwarnung. Ich kenne das, was die Stimme sagt, auswendig. Früher hielt ich sie für Gotts Stimme, aber jetzt weiß ich, dass sie künstlich ist. Der Grund ist, dass man weder Atempausen noch eine Veränderung der Tonlage hört. Wie bei einem GPS-Gerät.

„Sie haben gegen das Gesetz der Engel verstoßen und werden hiermit verwarnt. Wenn das, was Ihrem Menschen widerfahren ist, wiederholt oder gar verschlimmert wird, so werden Sie umgehend in das Gefängnis der Engel umgesiedelt. Beispiele dafür sind Verkehrsunfälle, Brände, Explosionen und durch Dummheit ausgelöste Unfälle. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Nein!“, schrie das Mädchen. „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Lasst mich los, ich will hier raus!“ Es schluchzte so heftig, dass ich befürchtete, dass es niemals aufhören könnte.

Als es zurück zu seinem Apartment geschleppt wurde, musste ich mir eingestehen, dass ich noch niemals gesehen hatte, was auf dem großen Bildschirm zu sehen war, während die Stimme sprach. Aber ich kannte das Mädchen. Es war in Catherines Klasse. Ich würde es darauf ansprechen. Das schwor ich mir.

Kapitel 2

Der Tag kam immer näher, an dem die neuen  Engel zu uns gelangen würden. Genauer gesagt: Es würde in drei Tagen losgehen. Letztes Jahr waren es viel zu viele gewesen. Die grauen Straßen außerhalb unseres Wohnblocks waren erfüllt gewesen vom Schreien, Weinen und Kreischen der Kleinkinder. Sie hatten nach ihren Müttern gerufen. Aber die gab es hier nirgendwo. Ich war der einzige, der hier jemanden Mom nennen konnte.

Ich war noch nicht dazu gekommen, mit dem Mädchen zu reden. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann hatte ich ein wenig Angst davor. Ich meine, was wäre, wenn sie mich angreifen würde? Wenn sie Catherine etwas antat? Zu sehr wollte ich sie schützen, denn sie war meine Altersversicherung.

Morgens wachte ich wie immer auf, als mein Mikrochip brummte. Mies gelaunt blieb ich gleich liegen und fuhr mir mit einer Hand über das müde Gesicht. Heute hatte ich überhaupt keine Lust aufzustehen. Schon gar nicht, wenn ich daran dachte, dass heute Catherines Mathearbeit geschrieben wurde und sie alles andere als gut in diesem Fach war.

Auch Catherine schien nicht besonders erfreut darüber zu sein. Sie war genau so schlecht drauf wie ich. Als sie frustriert aufstand und sich die Haare kämmte, nahm sie einen nassen Lappen aus dem Waschbecken und ließ ihn über die Tapete schmatzen.
Hey, ganz ruhig! Hastig griff ich ein, bevor sie die Wände ruinierte. Das bringt doch nichts, Catherine! Was wird deine Mutter dazu sagen? Sie wird nicht gerade erfreut darüber sein, dass du ihre Sachen schrottest! Mach dich lieber fertig – und schreib dir einen Spickzettel! Das letzte sagte ich so leise, dass sie es hoffentlich nicht gehört hatte. Ich hasste es zu schummeln, doch manchmal musste es sein.

Sie pfefferte den Lappen zurück ins Becken und ging im Laufschritt zurück in ihr Zimmer. Dort kritzelte sie auf einem Blatt Papier rum, das sie sich in die Hosentasche steckte. Man konnte fast sehen, wie ihr Kopf begann zu rauchen. So etwas hatte ich mal in einem Cartoon gesehen.

„Ich komme, Mom!“, rief Catherine, als sie von ihrer Mutter gerufen wurde. Sie sah recht unwohl aus bei dem Gedanken zu spicken. Aber solange es niemand merkte, würde es wohl gehen. Als sie aus dem Haus ging, musste ich erleichtert aufatmen. Selbst ihre Familie hatte den leichten Knubbel an ihrer Hose nicht bemerkt. Hoffentlich würde das so erfolgreich weitergehen.

Sie ging den Schulweg etwas zügiger als sonst. In ihrem Klassenraum sah ich, dass das Mädchen mit den angesengten Haaren fehlte. Es hatte sich wohl entschuldigen lassen. Catherine setzte sich und wartete nervös auf den Lehrer.

Als der reinkam, war es schon fünf nach acht. Besorgt wandte ich mich an den Stapel Hefte, den er auf dem Pult niederließ. Ich sah Catherines ganz oben liegen. Puh, sie hatte es abgegeben.
Während der Lehrer die Hefte verteilte und laut herunterleierte, was man alles nicht durfte (Spicken kam direkt hinter Trinken), fummelte Catherine an ihrer Hose herum und versuchte auf das Blatt zu schielen. Es klappte wunderbar. Das einzige Problem war der Mathelehrer.

„Catherine Rockefellers, was haben wir denn hier?“
Er langte unter den Tisch und schnappte ihr den Zettel weg.
„Ein Spicker? Dass dir das ja nicht noch einmal passiert, sonst geht es dir an den Kragen!“
Ich war so erschrocken, dass ich erstmal kein Wort herausbrachte. Wurde man fürs Spicken bestraft? Musste ich jetzt in das Gefängnis? Oder vor den Großen Bildschirm?
Beides wäre ein absoluter Fehltritt.

Der Lehrer steckte sich den Spicker in die Hemdtasche und ging weiter. Nur noch sein Blick verfolgte Catherine. Unfähig, mich zu bewegen, blieb ich sitzen. Als langsam meine Kräfte wiederkehrten und Catherine inzwischen büffelnd über ihrem Arbeitsblatt saß, schlug ich die Decke zurück und löste im Kopf komplizierte Brüche, um sie auf Trab zu halten. Ich ging mit schlurfenden Schritten zur Tür und lugte durch die Schleuse. Keine Arbeiter waren zu sehen. Es hatte mir nur jemand ein Tablett mit meinem Frühstück durchgeschoben. Heute war es ein unappetitlich aussehendes Trinkpäckchen, das auf der Serviette stand. Daneben lag ein in Frischhaltefolie eingepacktes Brötchen.

Erleichtert löste ich die Folie davon (deiviertel durch zwei fünf sechstel) und biss hinein. Dann nahm ich einen Schluck von dem Saft und ließ mich wieder auf mein Bett fallen. Noch eine halbe Stunde und dann war Catherine erlöst. Dann musste ich nicht mehr diese blöden Rechnungen machen und konnte ausspannen. Irgendwie hatte man Freizeit nicht für Engel einberechnet. Ein halb mal dreiundvierzig sechzigstel. Fünf drei siebtel plus acht sechstel…
Das war echt nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Genervt schloss ich die Augen und fing an, Catherines Lieblingssong zu summen. Ich darf nicht aufhören zu rechnen. Ich darf nicht...

Als Catherine die Arbeit abgeben musste, brach ich den Kontakt mit gemischten Gefühlen ab. Ich war mir sicher, dass sie es nicht geschafft hatte. Ich stand auf und tigerte in meinem Apartment auf und ab. Dann warf ich einen Blick aus dem Fenster auf den grauen Vorhof. Es regnete dicke Tropfen und ein bisschen Hagel. Er prasselte auf den ebenmäßigen Zement und ich wünschte mir, er würde ihn aufweichen und wegspülen. Ich würde zu gerne wissen, was darunter war. Ich war damit aufgewachsen, dass immer alles perfekt war. Kein Kreis, keine Ecke durfte unvollständig sein. Kein Blick abgewandt. Sonst war es zu Ende.

Während Catherine auf dem Schulhof herumstand, machte ich mich auf den Weg zum Saal. Ich schloss mein Apartment ab, ging den Flur entlang und sah hier und da durch die Essensschleusen. Ein alter Engel betete auf seinem Bett. Ein kleines Mädchen, höchstens fünf Jahre alt, sprang durch ihr Zimmer und lachte. Eine Frau weinte.

Schweigend schlug ich auf den Knopf des Aufzuges. Ich wollte ganz runter. Nach ein paar Sekunden ertönte das „Bing“, als er auf meiner Etage ankam. Ich trat ein und folgte mit den Augen den Kabeln, die aus einer kaputten Sicherung hingen und ziellos auf die graue Metallwand einschlugen, als der Aufzug sich bewegte. Seufzend wandte ich den Blick ab und betrachtete stattdessen mein Spiegelbild an der Wand. Hinter dem Spiegel waren, so munkelte man, Kameras angebracht, damit man selbst hier sehen konnte, was die Engel machten.

Ich war wieder etwas gewachsen. Letztens war ich genau so groß wie Mom gewesen, jetzt war ich wahrscheinlich größer. Meine braunen, verwuschelten Haare hingen mir wie immer ins Gesicht und verdeckten meine Augen. Als ich sie zurückstrich, erwiderte mein Spiegelbild meinen Blick mit jadegrünen Augen. Meine Klamotten waren einfach, weißer Pulli, Jeans und weiße Turnschuhe, und mehr brauchte ich auch nicht. Alle paar Wochen bekamen wir neue, wenn wir aus ihnen herauswuchsen oder sie kaputt waren.

Mein Gesicht war schmal, genau wie meine Hände. Im Gegensatz zu ihnen war es aber sehr fahl. Ich war seit Tagen nicht mehr draußen gewesen. Wie auch bei diesem Sauwetter? An den Wochenenden hatten wir eigentlich immer Ausgang, aber ich traute mich so gut wie nie raus. Meine Finger waren leicht gerötet. Ich wusste selber nicht, was ich gemacht hatte.

Wie allen Engeln fehlte mir der linke Nasenflügel. Sie schnitten ihn ab, damit man mit der Mikropistole besser die Mikrochips hineinschießen konnten. Es störte mich nicht, schließlich hatte auf dieser Seite keiner einen. Trotzdem wünschte ich mir manchmal, so auszusehen wie ein normaler Mensch, der keine Verantwortung für nichts hatte und sich nur darum kümmern musste, ob er attraktiv für das andere Geschlecht aussah.

Apropos. Für eine halbe Sekunde sah ich zu Catherine. Gut. Sie unterhielt sich mit ihren Freundinnen. Sie bekam von dem Regen nichts mit und selbst wenn hätte es ihr nicht geschadet.
Ich wusste, dass sie ihn liebte.

Der Aufzug „bing“te wieder, als er im Erdgeschoss angelangt war. Das einzige, das sich hier befand, war der Saal. Man kam direkt rein, wenn man durch die Tür oder aus dem Aufzug kam. Er war groß, leer und weiß. Acht Säulen hielten seine Decke hoch wie Arme. Hinten war ein bühnenähnliches Holzgestell, auf dem die kleinen Engel immer eingeweiht wurden. Ich erinnerte mich in diesem Moment nur an den Augenblick, als ich auf dieser Bühne gestanden war. Ich hatte geschrien. Um mich geschlagen. Und sie hatten mir einfach den Nasenflügel abgeschnitten und die Pistole in die noch blutende Nase gesteckt. Und dann hatten sie abgedrückt. Und ab da weiß ich nichts mehr.

Ich war steif wie ein Brett. Langsam lösten sich meine Finger von der Stange unter dem Spiegel und ich schlenderte den Saal entlang. Hätte man etwas gesagt, hätte es ein Echo gegeben.
Ich blickte mich um. Ich war allein.
„Hallo!“, schrie ich.
„Hallo, hallo, hall, ha, h…“, war die Antwort.
Grinsend legte ich einen Zahn zu und sprang zur Tür ins Freie. Ich stieß sie auf und machte einen Satz nach draußen.

Die kühlen Regentropfen fielen auf mich und durchnässten mein Haar. Mein Pulli saugte sich voll Wasser und auf meiner Hose bildeten sich kleine Flecken. Ich breitete übermütig die Arme aus und streckte die Zunge aus. Ein Hagelkörnchen fiel darauf und ich schmeckte Salz. Angewidert spuckte ich es aus und zog die Arme wieder an den Körper. Ich verschränkte sie fröstelnd und holperte in zwei Schritten die Eingangstreppe hinunter. Wo sollte ich hingehen? Es gab nur zwei Wege, die hier wegführten. Der eine war die Straße entlang und der andere über die Wiese zur Mauer. Mit langen Schritten preschte ich über das Gras und fühlte, wie das Wasser in meine Schuhe sickerte und meine Socken durchnässte. Aber es war mir egal. Es war so schön, wieder hier zu sein. Ich brauchte höchstens fünf Minuten, bis ich sie am Horizont sah. Ab und zu musste ich einem Haus ausweichen, aber sonst blieb die Graslandschaft konstant.

Die gerade weiße Linie verwandelte sich nach und nach in einen breiteren Strich, dann in einen dicken Streifen und dann stand ich direkt vor ihr und konnte den glatten Stein unter meinen Fingern fühlen, den ich am liebsten zermalmt hätte. Der Regen war in die winzigen Fugen und Risse gelangt, und als ich den Zeigefinger hineinsteckte, lief er meine Hand entlang. Irgendwo auf der anderen Seite musste Catherine sein. Und sie wusste nichts von mir. Ich hatte sie vor zwölf Jahren zugeteilt bekommen, weil ihre Eltern es so gewollt hatten, und sie hatte keine Ahnung, dass ich existierte. Dafür wusste ich alles über sie. Von ihrer Lieblingsfarbe bis hin zu ihren Angewohnheiten – alles.

Ich wusste nicht, was das war, was uns verband, aber es war nicht nur die Tatsache, dass ich ihr Schutzengel war. Ich war so etwas wie ihr Geist. Ich ließ mich auf das feuchte Gras sinken, lehnte mich zurück und blinzelte die Mauer empor. Wenn man sie so ansah, konnte man wirklich glauben, dass sie bis zum Mond ging, wenn man es nicht besser wusste. Sie war so hoch, dass die Arbeiter extra spezielle Flugzeuge hatten entwickeln müssen, um über sie zu gelangen.
Catherine… war… mein… Mensch.

Von ihren Freundinnen wurde sie Cat genannt. Doch ihr wirklicher Name gefiel mir so viel besser. Ich wollte sie nicht mit einer Katze vergleichen. Sie hatten so gar nichts gemeinsam.
Ich sah zu ihr rüber. Noch eine Stunde, dann hatte sie Schulschluss. Nur noch zehn Minuten, dann konnte ich endlich das machen, das ich schon seit Jahren hatte tun wollen. Ich lockerte mir mit der linken Hand die komplett nassen und am Kopf klebenden Haare auf. Als mir ein Regentropfen ins Auge fiel, wischte ich ihn weg und zog die Beine an den Körper. Ich umschlang sie mit den Armen und zitterte. Vielleicht war das mit dem Ausflug doch keine gute Idee gewesen.

Ich stand mit unterkühlten Gliedern auf und streckte mich. Dann ging ich ein wenig an der Mauer entlang. Ich sah wieder Warnschilder, ignorierte sie aber. Ich kannte sie auswendig. Doch plötzlich blieb ich stehen. Ich wäre fast gegen eine Statue gelaufen. Seit wann wurden sie hier aufgestellt? Das war mir neu. Aber da ich noch nie eine aus der Nähe gesehen hatte, näherte ich mich neugierig und fuhr mit der Hand über den kühlen Stein.

Der Engel war in einer ziemlich seltsamen Position. Er stand auf einem Sockel, hatte die Arme ausgestreckt und eine seltsame Leere in seinem Gesicht. Es handelte sich um ein Mädchen, kaum älter als ich es war, falls sie nicht schon mit Älterwerden aufgehört hatte. Seine Haare waren lang und lockig, sein Gesicht sehr hübsch und sein Körper schlank. Es trug ein faltiges langes Kleid mit Rüschensaum, das mich an ein Leichenhemd erinnerte. Es war ja auch in gewisser Weise eins. Die Flügel waren jeder so groß wie das Mädchen selbst. Die Federn waren einzeln dargestellt, so kunstvoll, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Verstohlen sah ich mich um. Es war niemand zu sehen. Warum lehnte eine so schöne Statue einfach unbenutzt hier an der Mauer? Warum war sie nicht in der Menschenwelt? Doch wo sie schon mal hier war, konnte ich mich ja auch darüber informieren. Wie kamen die Flügel an die Schultern? Ich trat einen Schritt näher und lugte hinter das Mädchen. Sie schienen nahtlos mit dem Körper verbunden zu sein. Das war für mich schwer vorstellbar. Resigniert seufzte ich, stellte mich direkt vor sie hin und fasste ihre Hand. Der Stein war kühl, feucht und glatt. Ich umschloss sie, als wolle ich sie wärmen. Es kam mir so vor, als würde sie mir dankend zuzwinkern. Doch nicht mal mehr eine Pupille hatte sie. Sie starrte nur auf einen Punkt hinter meinem Rücken. Ein Regentropfen lief ihr Gesicht herunter, wie eine einsame Träne.
Nach einer Weile wandte ich mich ab und ging zurück. Ich wollte das Mittagessen nicht verpassen. Ich war wie ausgehungert. Ich warf noch einen Blick zurück, merkte mir die Stelle und rannte dann nach Hause.

Keuchend schlug ich die Tür hinter mir zu, rubbelte mir durch die Haare und stampfte den Dreck von meinen Sohlen. Dann zog ich die Schuhe aus, stellte sie neben meine Tür und legte die Socken zum Trocknen auf die Heizung. Immer noch klatschnass ließ ich mich auf dem Stuhl nieder, langte nach dem Tablett auf meinem Nachttisch und machte mich über die kalten, pappigen Ravioli her. Währenddessen sah ich bei Catherine vorbei. Sie war auf dem Heimweg. Einsam spazierte sie eine leere Straße entlang, hatte die Hände in den Hosentaschen versenkt und kickte ab und zu gegen Steine am Wegesrand.

Hallo, Catherine.
Erschrocken blieb sie abrupt stehen und wirbelte herum. Doch da stand niemand.
Nein, da bin ich nicht. Ich bin hier, in deinem Kopf.
„Wer bist du?“, fragte Catherine entsetzt und tastete nach ihrer Wasserflasche.
Ich bin dein Schutzengel, Catherine. Ich weiß alles über dich, Rockefellers. Ich habe dir eben geholfen, deine Arbeit nicht zu versauen.
„Aber sie ist versaut!“
Stimmt auch wieder. So gut bin ich in Mathe nicht.
Schmunzelnd rückte ich meinen Pulli zurecht.
„Los, sag schon: Wer bist du?“
Meinen Namen habe ich schon vor zwölf Jahren verloren.
Nenn mich einfach wie du willst.
„Warum hast du ihn verloren? Jeder hat einen Namen.“
Ich habe ihn verloren, als ich ein Engel geworden bin. Du kennst doch sicher die Mauer. Ich lebe mit den anderen Engeln dahinter.
„Du WAS? Ich dachte immer, die Mauer ist gefährlich!“
Sie schmunzelte und hielt sich die Flasche wie ein Schwert vor den Körper. „Na ja, so abwegig ist das ja nicht mal.“
Wir tun euch nichts. Wir helfen euch nur. Ich will dir nur gerne zeigen, was sie mit uns angestellt haben, als wir noch unfähig waren uns zu wehren. In deiner Nähe leben die Promblairs.
Diese Familie war zu arm, um sich einen Engel zu finanzieren, und sie hatten einen dreijährigen Sohn.
In drei Tagen wird ihr Sohn abgeholt und zu uns gebracht. Sei dabei, wenn sie ihn sich schnappen.
„Wer, sie? Und warum? Geh nicht weg!“
Ich werde dich auf Lebenszeit begleiten, Catherine. Wenn dir etwas passiert und du stirbst, dann muss ich auch sterben. Du wirst mich wiedersehen. Ich werde als Statue drüben bei dir aufgestellt. Sie wich zwei Schritte zurück. „Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte sie.
Ich fürchte, doch.

Und dann zog ich mich aus ihren Gedanken zurück. Ich sah, wie sie perplex die Flasche zurücksteckte und dann enttäuscht die Straße weiter ging, und ich ließ eine Nudel in meinem Mund fallen und legte grinsend die Beine hoch. Ich hatte sie reichlich verwirrt. Vielleicht hatte ich jetzt mehr Zeit, wenn sie verstand, dass mir etwas angetan wurde, wenn ihr etwas passierte, und vielleicht würde sie ein wenig auf sich achtgeben.

Kapitel 3

Noch zwei Tage, erinnerte ich mich, als mein Mikrochip mich aus meinen Träumen riss. Stöhnend rieb ich mir die Augen und starrte an die Decke. Erst jetzt sah ich, dass da oben viele kleine Punkte waren. Oder waren es Sterne? Ich wandte meinen Blick nach rechts. Die Punkte folgten mir. Seufzend rubbelte ich mir über die Lider. Irgendwas hatte sich in meine Netzhaut eingebrannt.

Ich brauchte gar nicht aus dem Fenster zu sehen, um zu wissen, dass es noch tiefste Nacht war. Überrascht schaute ich zu Catherine. Sie war auf. Was suchte sie zu dieser Uhrzeit unter den Wachen? Warum bist du aufgestanden?

Erschrocken sog sie die Luft ein und öffnete ruckartig die Augen. Sie lag auf ihrem Bett und ein Unwissender hätte sie für eine Schlafende erklärt. „Bist du es wieder?“
Ja.
„Ich mache mir Sorgen um dich. Wo bist du denn genau?
Erzähl mir von dir.“
Ich bin in meinem Apartment. Jeder Engel hat seinen eigenen Raum mit Bett, Tisch und Schrank. Ich wohne sehr nah an der Mauer. Ich brauche gerade mal zehn Minuten, um dahin zu kommen. Seit zwölf Jahren lebe ich hier. Sie haben mich verschleppt – sie, die Arbeiter. Wir alle stehen unter der Hand und den wachsamen Augen von Gott. Kannst du etwas verschweigen? Ich hasse ihn.

Catherines empörten Gesichtsausdruck sah ich schon nicht mehr.
Plötzlich war da nur noch Leere.
Stille.
Schwarz.
Was war passiert? Hatte mir irgendjemand eine Spritze reingejagt? War ich endlich aus dem schrecklichen Albtraum aufgewacht? Hatte Catherine die Verbindung abgebrochen?
„Er wird wach.“
Ein weißes Licht blendete mich.
„Wie fühlen Sie sich? Haben Sie Schmerzen?“
Eine Hand hatte sich auf meine Stirn gelegt. Das verstärkte die schrecklichen Kopfschmerzen, die ich auf einmal hatte.
„Er hat kein Fieber, Sir.“
„Sehr gut. Sagen Sie etwas! Sind Sie in Ordnung?“

Ich starrte an eine Decke mit weißen Fliesen. Eine grelle Lampe schien direkt in meine Augen. Zum Glück schob sich ein Kopf davor. Ich erschrak. Der Kopf hatte ein Haarnetz auf und einen Mundschutz umgebunden. Auf der Nase hatte der Kopf eine Hornbrille. Ich machte den Mund auf, aber es wollte einfach nichts herauskommen. Mein ganzer Körper war so schwer geworden. Ich konnte nicht mal den Arm anheben. Ein zweites Gesicht kroch in mein Blickfeld. Es sah ähnlich aus wie das Brillengesicht, nur ohne das Nasenfahrrad.

„Wir haben Ihren Mikrochip repariert. Er“, das Gesicht lachte, „er hat uns sogar schon angezeigt, dass Sie mit Ihrem Menschen geredet haben. So kaputt war er. Sehen Sie? Jetzt ist er wieder ganz.“ Ich tastete meine Stirn ab. Ich spürte eine wulstige Narbe unter meinen Fingern. Ungewollt wurde ich wütend. Die hatten doch nicht zu entscheiden, was mit mir passierte, oder etwa nicht? Ich ließ die Hand sinken. Ich lag auf einer Liege, so viel hatte ich auch schon mitgekriegt. Doch was hatten die mit mir angestellt?

Unter mir bewegte sich etwas. Ich wurde durch eine Tür mit großen Angeln geschoben und dann durch einen dunklen Flur. Es roch nach Löse- und Desinfektionsmitteln. Ein Krankenhaus für Engel. Ich glaubte es nicht.

Die Männer ließen mich in einem Krankenzimmer allein. Sie drehten das Licht herunter, verließen es und wünschten mir gute Besserung. Ich sah ihnen verwundert nach. Sie waren bis jetzt die einzigen Arbeiter, die nett zu mir waren. Die meisten sprachen ja noch nicht mal mit mir. Der Raum war kahl, aber er hatte ein tolles Fenster. Es bestand aus drei Teilen, alle ungefähr mannshoch. Man hatte einen perfekten Ausblick auf die Mauer.

Ich versuchte, mich aufzusetzen, scheiterte aber schon beim Versuch. Ich hatte nicht einmal genug Kraft, um mich hochzustemmen. Also drehte ich mich einfach auf die Seite. In meinem Kopf wummerte es. Ich ließ die kalten Finger unter das Kopfkissen gleiten und den Blick über die Mauer schweifen. Mir war schwindlig, dennoch zwang ich mich, ganz genau hinzusehen.
Ich befand mich geschätzt im dritten oder vierten Stock. Die Wände waren nicht besonders dick, ich hörte jemanden im Nebenzimmer husten, und danach sahen sie auch aus.

Das spärliche Mobiliar bestand aus einem schmalen Metallschrank, in dem der Schlüssel bereits steckte, und einer winzigen Kommode. Der einzige Unterschied, den ich zu menschlichen Krankenhäusern erkennen konnte, war, dass dieses viel schäbiger und benutzter aussah. Selbst als ich an die Decke schaute, erkannte ich Schmutz-, Farb-, Staub- und Blutreste. Letzteres ließ mich würgen. Da fiel mir ein, dass die Männer mir nicht gesagt hatten, ob ich schon zu Catherine konnte. Was würde sie sich Gedanken machen...

Mist. Warum machte ich mir solche Sorgen? Sie war ein Mensch, genau genommen ein ziemlich normaler, ein durchschnittlicher, und ich glaubte daran, dass sie auf meiner Seite war. Das war naiv. Ich war nicht besser als die Menschen. Ich hustete mit vorgehaltener Hand. Als ich sie mit zusammengekniffenen Augen angestrengt betrachtete, sah ich kleine rote Flecken darauf.
Niedergeschlagen fuhr ich mir mit der sauberen Hand über das Gesicht, ächzte, als ich mich erneut aufzusetzen versuchte und schaffte es sogar, ohne dass mein Kopf zu vibrieren drohte.
Ich zwinkerte ein paar Mal und meine Kiefernmuskeln arbeiteten hart, um mich von dem Schmerz abzulenken, aber ich konnte meine Füße auf die Fliesen legen und dann sogar mit wackeligen Knien aufstehen.

Ich bewegte mich auf das Fenster zu. Das Glas spiegelte mein eigenes verwirrtes Gesicht. Ich sah leicht genervt zurück. Ich hasste es, wenn ich meine eigene Schwäche erkannte. Normalerweise preferierte ich die Pokerface-Variante. Ich steckte in einem seltsamen unförmigen Kittel, der hinten am Rücken zugebunden wurde. Meine Füße waren nackt, ebenso wie meine Arme, und ich verschränkte sie, weil mir kalt war. Ich schielte auf die Heizung. Sie knackte wie zur Bestätigung, dass sie nicht funktionierte. Es löste sich sogar schon der weiße Lack von ihr ab. Als ich mir wieder ins Gesicht schaute, war mir eine Haarsträhne aus meiner Frisur gerutscht und mir in die Augen gefallen. Ich fingerte sie mit einer Hand zurück und musste prompt auf die fingerdicke, etwa zehn Zentimeter lange Narbe gucken, die auf meiner Stirn prangte. Mit düsterem Gesichtsausdruck wuschelte ich mir wieder Haare darüber.
Jetzt war ich entstellt.

Ich schloss die Augen und seufzte. Ich suchte meinen Kopf nach irgendwas ab, was mich an den Eingriff erinnerte – aber ich fand nichts. Was war passiert? Hatten sie mich wie diese Tiere in dem Zoo in der Stadt von Catherine einen Beruhigungspfeil in den Nacken geschossen und mich dann hierher geschleift? Unwillkürlich fasste ich mir an den Hals und fühlte ihn nach einer Einstichstelle ab. Ich ertastete nichts, nur unberührte, glatte Haut. Aber in meiner Armbeuge kniff mich etwas und mein Unterarm fühlte sich taub an. Ich sah überrascht nach unten und sah einen winzigen rot verkrusteten Punkt an meiner Pulsschlagader. Ich drückte mit zwei Fingern um ihn herum die Haut herunter und ein Tropfen Blut bildete sich. Er floss langsam meinen Ellbogen hinab, um dann auf den Boden zu fallen. Dort sammelte er sich als glänzender Tropfen. Im ersten Moment sah er aus wie diese Edelsteine, die Catherine manchmal als Ohrringe trug. Dann jedoch, als ich verärgert den Fuß darüber schnellen ließ und ihn verwischte, hatte man den Eindruck, als hätte der Boden eine Wunde.

Als ich mich wieder meinem Spiegelbild im Fenster zuwandte, stahl sich eine Frage zwischen meine Gedanken. Ich schob mit zitternden Fingern meine Haare aus der Stirn und fuhr mit der anderen Hand die Narbe entlang. Sie war verheilt. Wie lange war ich schon hier?

Kapitel 4

Ich schreckte auf, als ich das Schloss klicken hörte. Ich wandte mich um und sah in das Gesicht von zwei jungen Männern, der eine mit Glatze, der andere mit einer langen Lockenpracht.
Sie hatten sich Stethoskope um den Hals gehängt, trugen weiße Kittel und hielten Klemmbretter in der Hand. Der Glatzköpfige seufzte, ohne von seinem Klemmbrett aufzusehen, stieß die Tür zu, rückte sich die Brille zurecht und schaute mich direkt an. Als mir klar wurde, was ich gerade im Begriff war zu tun, sprang ich so schnell ins Bett zurück, wie ich es mir nie zugetraut hätte. Als ich sah, wie die Blicke der Ärzte mir überrascht folgten und sich dann wieder ihren Unterlagen zuwandten, jubelte ich innerlich. Wow.

„So“, machte der Glatzkopf und hakte irgendwas auf seinen Papieren ab. „Wir brauchen noch Ihren Namen. Für die Formulare.“
Was? Das war’s? Kein „und wie geht es uns denn heute“?
Okay. Somit war bestätigt, dass wirklich kein einziger Engel an meinem Befinden interessiert war. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich nicht an meinen Namen erinnerte… meinen richtigen Namen. Den Namen, den ich als Baby getragen hatte… Was sollte ich sagen? Die Wahrheit? Oder einfach irgendeinen Namen? Mein Blick huschte zum Fenster. Wonach sah ich denn am ehesten aus?
„Ich… äh…“
„Wenn Sie keinen Namen haben, können wir auch einfach ihre Chipnummer nehmen.“
Meine WAS?
„Ähm, hören Sie… ich wollte…“
„Nun gut: Nummer 95274 Schrägstrich 459. Das… (intensives Kritzeln) sollte… (seine Zunge hängte angestrengt raus) genügen… (er legte den Stift weg).“

Der Kollege mit den Heavy-Metal-Haaren kam auf mich zu, fummelte sein Stethoskop über seinen Kopf, steckte sich die Enden in die Ohren und legte die eiskalte Metallplatte auf meine Brust. Sollte ich jetzt protestieren oder es über mich ergehen lassen? Ich entschied mich für Möglichkeit Nummer zwei, obwohl ich allen Grund zum Schreien gehabt hätte. Blicken wir ihnen mal ins Gesicht.

Ich war irgendwo in einem dreckigen Krankenhaus, wusste nicht, wie ich da hingekommen war, wollte unbedingt hier raus und hatte unglaublich Angst um Catherine. Ich vermochte mir gar nicht vorzustellen, was alles passiert war, wenn ich sie wieder besuchen wollte. Vielleicht war Mom tot. Oder Catherine selbst… oder Charlie… oder ihr Dad…

Ich kannte Krankenhäuser von den Wochen, in denen Catherines Großeltern mit einer unheilbaren Krankheit in einem abgewartet hatten, bis sie gestorben waren. Ich hatte mir aber noch nie vorgestellt, wie es war, selbst in einem zu sein und so bevormundet zu werden, dass man nicht mal allein atmen durfte. Man wurde über nichts informiert, durfte nichts fragen, man wurde behandelt wie ein kleines Kind und wie eine Maschine, die man zu jeder Zeit befummeln darf.

In diesem Moment wurde die Tür ein weiteres Mal geöffnet und eine junge Krankenschwester in weißem Kleid kam herein. Man konnte förmlich fühlen, dass die beiden Ärzte sich etwas anders fühlten, als sie mir ein Tablett mit meinen Pillen und eine Flasche Wasser auf die Beine stellte und mir zuzwinkerte. Sie war recht hübsch, hatte große grüne Augen, langes blondes Haar und eine gute Figur. SIE nahm ihre Hormone, das sah man ihr an. Das mit dem Zwinkern war wohl sympathisch gemeint, aber es verursachte nur, dass ich mich noch mehr durcheinander fühlte als ich ohnehin schon war. Als sie hinausging und die schwere Tür hinter sich mit Schwung zuknallte, stierten die Männer ihr hinterher. Der mit der Glatze hatte es allerdings nur auf ein bestimmtes Körperteil abgesehen, das er die ganze Zeit beäugte.

Zusehends wurde mir unwohler und ich spürte, wie ich in die unebene Matratze versank. Wurde ich auch so, wenn ich erwachsen war? Wenn ja, dann würde ich freiwillig ins Gefängnis gehen!
Als die Krankenschwester aus dem Zimmer verschwunden war, hörten die Ärzte merklich damit auf, wie die Erdhörnchen vor sich hin zu glotzen (einer wischte sich sogar betont gleichgültig das von Speichel feuchte Kinn ab) und widmeten sich wieder meinem Zustand, der, wie ich einige Sekunden später herausfand, sich in einem ziemlich kritischen Bereich befunden haben solle und das habe sich jetzt dank der herausragenden Einsetzung des Ärzteteams geändert.

Ja, dachte ich mit einem zugegeben unerwarteten Tick ins Ironische, jetzt ist er also noch schlechter, oder was? Offensichtlich waren die Männer angesichts des wartenden Drucks in den anderen Krankenzimmern nicht bereit, mir diese gedanklich gestellte Frage zu beantworten, denn sie verabschiedeten sich nur hastig und eilten dann auf den Flur. Dort hörte ich noch ein mit einem Echo verziertes „Caitlin, warte auf uns“, und dann war die Tür auch schon ins Schloss gefallen.

Etwas gereizt schraubte ich die Wasserflasche auf, ließ die Pillen alle auf einmal hineinfallen und wartete, bis sie sich auflösten. Dann setzte ich die Flasche an und nahm einen Schluck. Urks! Beinahe hätte ich alles wieder ausgespuckt. Igitt! Das war keine gute Idee gewesen. Ich verzog das Gesicht, schluckte widerwillig alles runter und spielte mit dem Gedanken, alles einfach runter aus dem Fenster zu schütten. Aber nach nur einem Augenblick verscheuchte ich ihn wieder aus meinem Kopf. Ich hatte keine Nerven mehr dafür, weiter zu altern. Vor allem wollte ich keinem dabei zuschauen. Ich sträubte mich schon bei dem Gedanken daran, Catherine irgendwann als alter Frau gegenüberstehen musste und sie dann auch noch davor bewahre sollte, nicht vor das nächstbeste Auto zu schlurfen mit dem Rollator, den sie bis dahin höchstwahrscheinlich haben würde. Aber wenn es dann dazu kommen würde, dass sie beerdigt wurde, würde auf der anderen Seite der Mauer ein ganz anderes Fest gefeiert werden: ich würde meinen neuen Menschen zugeteilt bekommen. Das heißt, ich käme wieder unters Messer und würde einen neuen Mikrochip bekommen. Oder waren die Arbeiter in den letzten Jahren etwas moderner geworden? Vielleicht brauchten sie ja nur noch einen Scanner, der die neue Persönlichkeit auf die Speicherkarte brannte und keinen geöffneten Schädel dafür benötigte. Jedenfalls konnte man das ja nur hoffen. Ein zweites Mal würde ich mich ganz bestimmt nicht wieder hier einschleusen lassen.

Auf einmal merkte ich, wie erschöpft ich war. Diese Operation hatte wahrscheinlich eine ganze Weile gedauert und außerdem hatten die letzten Minuten mein Gehirn richtig beansprucht und geradezu aufgeweicht. Ich lehnte mich stöhnend zurück und schloss die Augen. Ein paar Lichtblitze blinkten noch, wahrscheinlich hatten sich die Glühbirnen dieser Lampen in meine Netzhaut eingebrannt, doch nach ein paar Minuten erkannte ich, dass ich eingeschlafen sein musste, denn ich hatte noch nie ein langhaariges bebrilltes tanzendes Kaninchen im Arztkittel gesehen.

Kapitel 5

„So wie es aussieht, kommen Sie morgen raus.“
Ich starrte auf die Bettdecke. Das hörte sich ja wunderbar an. „Wann werde ich den Mikrochip wieder benutzen können?“, fragte ich und erinnerte mich sehnsüchtig an Catherine.
„Sie hätten ihn die ganze Zeit ausprobieren können.“ Vorwurfsvolle Blicke trafen mich. Die Ärzte durchlöcherten mich mit einer Art fälschlicher Erwartung.
Ich schwieg beharrlich. Das könnten die sich schenken. Ich hatte nicht vor, mich zu entschuldigen.
„Nun ja, wie gesagt, morgen können Sie wieder nach Hause. Packen Sie schon einmal Ihre Sachen.“
Welche Sachen bitteschön? Ich hatte hier nichts persönliches und diese Typen machten ja grade einen Staatsakt aus einer Zahnbürste und einem Paar Socken. Doch dann drehten sie sich auf dem Absatz um und verließen ohne ein Wort mein Zimmer.
Ich stand fluchend auf, warf mit zwei Handgriffen mein Zeug auf die Fensterbank und besuchte Catherine.

Sie aß gerade zu Mittag und ich atmete erleichtert auf, weil die Rockefellers am Tisch nämlich immer am meisten über ihre Erlebnisse sprachen und mir quasi die letzten zwei Tage fehlten, wenn nicht sogar noch mehr. Die Einweihung der neuen Engel hatte ich sicher schon verpasst.
„Willst du noch etwas Salat?“, fragte sie Charlie, der jedoch mit einem Grunzen ablehnte. Ich hatte seinen Schutzengel noch nie getroffen, aber ich glaube, ich will ihn auch nicht kennenlernen. Heute trug er einen langen abgewetzten Ledermantel, schwarze Springerstiefel, die selbst der Katze Angst machten (wahrscheinlich aus dem Grund, weil zu leicht ihr Schwanz unter der Sohle landen könnte) und er hatte seine Haare zu einem knallroten Irokesen frisiert. Ich wusste durch Catherine, dass er jeden Morgen mindestens zwei Stunden im Bad vor dem Spiegel hockte und niemanden reinließ, zu dem Verdruss von seinem Dad, der jede Stunde mindestens einmal aufs Klo rannte.

Jetzt seufzte Catherines Mom, fuhr sich durch die Haare und legte ihre Gabel weg. Sie hatte heute kaum einen Bissen vom Kartoffelauflauf angerührt. Sie tat mir Leid. Wahrscheinlich machte sie sich Sorgen um mich. Oder um Catherine, weil sie bis vor kurzem allem ausgeliefert gewesen war. Na ja. Dann wollte ich ihr mal zeigen, dass ich wieder da war.

Ungewollt schmunzelte ich, als ich sie aufstehen und zur Treppe in ihr Zimmer gehen ließ. Dort verlagerte ich ihr Gleichgewicht auf den linken Fuß, als sie eine Stufe erklimmen wollte, sodass sie beinahe hingefallen wäre (ich hörte unterdrückte Schreie, als sie mit den Armen rudernd auf einem Bein mitten auf der Treppe stand). Doch ich sorgte vor. Ihren Oberkörper nach vorne, die Arme an die Seiten, und jetzt den Fuß auf die Stufe. Perfekt. Jetzt war nur noch der Schreck von Catherine übriggeblieben, doch den beseitigte ich ebenfalls mit einem lässigen Schubs in ihrem mentalen Teil. Schon grinste sie, drehte sich zu ihrer Familie um, die immer noch fassungslos am Esstisch saß, und sagte: „Hey, war doch gar nicht so schlimm. Mir ist nichts passiert, regt euch ab.“

Und da lächelte ihre Mom von einem Ohr zum anderen und ich war zufrieden und konnte mich zurücklehnen. Catherine hingegen ging in ihr Zimmer, dicht gefolgt von Charlie, den sie aber an ihrer Tür abwimmeln konnte. Anscheinend wollte er mal wieder bei ihr schnorren. Aha. Er schien in letzter Zeit knapp bei Kasse zu sein. Innerlich machte ich mir schon mal eine Notiz auf einem unsichtbaren Block. Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu und ich konnte spüren, wie er bedröppelt vor ihr stehen blieb. Hm. Normalerweise war das doch eher andersrum.

Catherine ging zu ihrer Stereoanlage (sie musste dabei über Berge von nicht aufgeräumten Klamotten steigen, wurde Zeit, dass ich sie langsam mal in den Griff bekam), legte eine CD ein und drehte langsam den Lautstärkeregler bis auf Anschlag. Ich kniff die Augen zusammen, als das Bass unangenehm in meinem Trommelfell pulsierte, doch sie schien es ganz klasse zu finden, denn sie fing an, quer durch ihr Zimmer zu tanzen. Wehmütig dachte ich daran, dass ich jetzt nicht mehr mit ihr reden konnte. Die Ärzte hatten ihn repariert, und sie würden sicher nicht glauben, dass er jetzt schon wieder kaputt war. Mit Schrecken beobachtete ich aufmerksam, wie sie die Augen schloss, herumhüpfte, mit den Armen schlenkerte und im Takt zum Song sang: „Wo bist du? Wo bist du? Mhmmmm… Wo bist du, Schutzengel?“

Kapitel 6

Ich hatte noch nie einen schrecklicheren Tag erlebt als den, an dem ich wieder zurück nach Hause kam. Ich wurde in einem schäbigen weißen Bus mit zerfransten Reifen von einem Arzt,
den ich noch nie gesehen hatte, zu meinem Wohnblock gefahren, zusammen mit vier anderen Engeln mit Reisetaschen oder Koffern, die allesamt einen  ziemlich müden Eindruck machten. Es handelte sich um drei Frauen und einen Mann. Ich hatte sie noch nie im Leben getroffen, und dementsprechend verhielten sie sich auch. Obwohl die am jüngsten aussehende Frau unmittelbar neben mir saß, sah sie die ganze Fahrt lang stur nach vorne und ignorierte mich. Ich machte mir nicht die Mühe, Auf Wiedersehen zu sagen, als der Bus vor der Tür anhielt. Ich schulterte nur den Rucksack, den ich vom Krankenhaus hatte geliehen bekommen, und verließ das Fahrzeug.

Auf meinem Stock kam mir sofort Mom entgegen, und kaum war der Spalt zwischen den Flügeln des Aufzuges groß genug, quetschte sie sich mit Freudentränen zu mir rein und schnürte mir die Luft ab. „Oh Liebling! Ich hab dich ja so vermisst! Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Was ist denn bloß passiert?“
„Mein Mikrochip war kaputt“, würgte ich, „und bitte, Mom, du erwürgst mich noch.“ Mit sanfter Gewalt löste ich ihre Arme von meinem Hals und machte mich daran, aus dem Aufzug zu kommen, denn mit ihr bekam ich irgendwie Platzangst. Ich warf einen besorgten Blick in die anderen Apartments, um sicherzugehen, dass niemand bemerkt hatte, dass meine Mutter mehr oder weniger einen Anfall bekommen hatte, und scheuchte sie mit einem miesepetrigen Gesicht in meins. Dann zog ich bestimmt die Tür zu.

Auf meinem Tisch stapelten sich uneingenommene Tabletten und Dokumente. Ein paar Engel, die ich kannte, hatten mir Briefe geschrieben, ob es mir gut ginge und wann ich wieder aus dem Krankenhaus käme. Ich sah sie nur oberflächlich durch und ließ alles bis auf die Hormonpillen in den Müllkorb gleiten. So etwas brauchte ich im Moment nicht.

Ich sah hinter mich zu Mom, und aus Angst, sie würde wieder über mich herfallen wie über eine stinknormale, appetitliche Geburtstagstorte, gebot ich ihr, sich aufs Bett zu setzen. Ich für meinen Teil nahm auf meinem Stuhl Platz. So saßen wir da eine Weile schweigend, bis Mom fragte:
„Und? Wie war es?“
„Ganz gut“, sagte ich.
„Haben sie dich zu nichts gezwungen?“
„Es war okay.“
„Wie war das Essen?“
„Wie hier auch.“
Sie bemerkte, dass ich etwas wortkarger war und die Arme verschränkt hatte, ließ sich aber in ihrem Tonfall nicht beirren. „Ich hatte gehofft, dass sie wenigstens in den Krankenhäusern etwas grozügiger sind.“
„Hm.“
„Na ja. Schön, dass du wieder da bist. Ich muss mich jetzt um Catherines Mutter kümmern.“ Sie verließ den Raum und schloss die Tür, jedoch nicht, ohne mir vorher noch einmal zuzuzwinkern.
Ich seufzte und ließ den Kopf in die Hände sinken. Manchmal war ich wirklich ein Dummkopf.

In den zwei Tagen, die ich brauchte, um mich wieder zu Hause einzuleben, bemerkte ich, dass tatsächlich schon die Einweihung stattgefunden hatte. Ich glaubte sogar, den Sohn der Promblairs im ersten Stock gesehen zu haben, jedoch war ich mir nicht sicher, denn ohne linken Nasenflügel sahen die Leute schon ziemlich anders aus. Das Problem daran, dass so viele Neuankömmlinge da waren, war jenes: Jedes Mal, wenn man auf den Flur kam, wurde man vom Grölen und Kreischen der vielen Kinder begrüßt. Da fast alle von ihnen drei Jahre alt waren, wussten sie noch nicht, was richtig und was falsch war, und sie taten allerlei Sachen, die ein normal erzogener Mensch nie im Leben getan hätte. Wenn ich zu Catherine wollte, konnte ich mich oft überhaupt nicht konzentrieren, weil die Engelkinder die ganze Zeit auf dem Flur herumspielten.

Und dann, irgendwann im November, als die ersten Schneeflocken hier und in Bristol vom Himmel auf den Boden rieselte und sich dort zu einem glitschigen Matsch zusammenklumpte, gab es einen Tag, den ich am liebsten aus meinem Kopf gelöscht hätte.

Er fing eigentlich ganz gut an. Mein Frühstück kam pünktlich, und vielleicht war mein Kaffee heute etwas wärmer als sonst, was aber auch daran liegen konnte, dass das Thermometer in dieser Nacht den Gefrierpunkt mehr als überschritten hatte. Sage und schreibe minus zwölf Grad hatte es gegeben. Schon in den frühen Morgenstunden verteilten Arbeiter warme Winterjacken an alle Engel in unserem Haus, und unermüdlich kamen Autos mit Unmengen Nachschub von Decken und Klamotten. Sie mussten ausgewechselt werden. Normalerweise mochte ich den Trubel, doch mit den Kleinkindern hatte er etwas von einem Trauermarsch. Viele weinten und kreischten, weil die Sachen nicht ihrem Geschmack entsprachen, und Promblair brachte es sogar so weit, dass er seinen Anorak unter lautem Gezeterer aus dem Fenster in das graue, unappetitliche Gekröse, das sich unter anderem aus Regen, Hagel und Schnee gebildet hatte, warf. Vom Rest hatte ich (zum Glück) keinen blassen Schimmer.

Promblair wurde vor dem Großen Bildschirm gezerrt, doch offenbar reichte das ihm nicht. Ich erhaschte noch einen letzten Blick von ihm, wie die Arbeiter ihn in ein Auto stopften und mit ihm in Richtung Gefängnis fuhren. Von diesem Tag an schwor ich mir, niemals, niemals Catherine etwas zustoßen zu lassen. Doch alles kam ganz anders. Ich bin ehrlich zu mir, ich hätte es wissen sollen. Dennoch muss ich mich heute immer noch jedes Mal ohrfeigen, wenn ich daran denke, wie hirnlos ich doch in diesem Moment war. Ich war noch ein richtiges Kind. Doch ich sollte lieber erzählen.

Kapitel 7

„Die Bahnen haben heute gestreikt, bei diesem Glatteis fahren sie nicht. Ich fahre euch heute zur Schule.“ Catherines Vater nahm sich ein Stück Speck aus der Pfanne.
„Aber du willst doch nicht im Ernst da draußen rumkurven, wenn doch jeden Moment eine Schneewehe unser ganzes Auto in die Luft heben kann!“ Catherine verhackstückelte ihre Sauergurke mit dem Messer zu kleinen Stücken, jedes ungefähr in Größe eines Jelly Bean. Anscheinend sahen die für sie jetzt zu blöd aus, denn sie betrachtete sie angewidert und schob sie mit der Spitze ihrer Gabel ans Ende ihres Tellers.
„Was, ich finds cool“, sagte Charlie und schob sich ein Stück Baguette, dick bestrichen mit Pfirsichmarmelade, in den Mund, was den Gesichtszügen seiner Schwester nicht gerade zur Besserung verhalf.
„Du bist ja auch ein Goth. Ihr steht doch auf Harakiri.“

Charlie sah sie nach diesem Kommentar an, als wäre sie ein ekliges Insekt und nicht eine engere Verwandte. Er schien es in diesem Augenblick gut zu finden, siebzehn und zwanzig Zentimeter größer zu sein als sie, denn so konnte er auf sie runtersehen, auch wenn sie nur neben ihm saß.
Ich hatte die ganze Zeit laut lachen müssen. Ich liebte es, Catherine für so etwas auszunutzen. Das war wie einen Film zu drehen. Einen ziemlich witzigen Film.
„Ach was, Kinder, ich fahr euch, da könnt ihr maulen, was ihr wollt.“
„Aber ich maul doch gar nicht!“, sagte Charlie entrüstet.
„Dich hat Dad ja auch gar nicht gemeint“, erwiderte Mom streng und warf ihrer Tochter einen vielsagenden Blick zu. Ich wollte, dass sie unbeeindruckt zurücksah, doch ihr Willen war stärker und so zog sie den Kopf ein.

Nach dem Frühstück schlurfte Catherine aufgebracht in ihr Zimmer, holte ihre Schultasche und schlüpfte vor der Tür neben ihrem Vater und ihrem Bruder in ihre Stiefel und in ihre Jacke.
„Fahrt vorsichtig“, riet ihnen Mom und küsste sie, während sie sich zu ihren Füßen runterbückten, alle auf den Scheitel (im Falle ihres Mannes: auf die Glatze). Seufzend öffnete Catherine die Haustür und prompt schlug ihnen die Kälte entgegen. Rasch verwandelte sich die Fußmatte in eine Winterlandschaft, der gleich, die draußen vor ihnen wartete. „Macht hinne!“, rief sie aufgebracht, „Ich hab nicht vor, ewig hier rumzustehen!“

Und sie machten hinne. Innerhalb von weniger als fünf Minuten hatte Mr Rockefellers sie alle aus dem Haus gescheucht, den Schnee von der Windschutzscheibe und den Frost von fast allem abgekratzt und sie auf die hintere Sitzreihe gequetscht. Es schien Charlie gar nicht zu gefallen, neben Catherine zu sitzen, er verschränkte nämlich beleidigt die Arme und stopfte sich die Kopfhörer seines MP3-Players in die Ohren. Ich kannte das von ihm, also wunderte ich mich nicht sonderlich darüber.

„Festhalten! Ich muss irgendwie aus der Ausfahrt raus“, hörte man vom Fahrersitz und Mr Rockefellers legte ein gewandtes Wendemanöver hin, bei dem er nicht nur die aufgestellten Pappweihnachtsmänner seiner Frau, sondern auch so gut wie alles andere im Vorgarten mit Schnee vollschmierte. Doch schließlich fuhren sie unbeschadet und ruhig auf der Straße. Die ganze Zeit wurde nichts gesagt. Charlie sah hartnäckig aus dem Fenster (man konnte sogar in Catherines Position noch das dröhnende Qietschen der Gitarre in seinem Song hören), Mr Rockefellers konzentrierte sich auf den Verkehr und Catherine war mit den Gedanken bei ihre Englischaufsatz, den sie heute eigentlich abgeben müsste. Doch dann passierte es.

Ihr Dad passierte eine Kreuzung. Die Autos drängelten sich unhöflich weiter, ließen keinen Platz für andere und versuchten verzweifelt, aus diesem Kreisverkehr herauszukommen.
„Das darf doch nicht wahr sein“, röhrte Mr Rockefellers nach einer Viertelstunde, raufte sich die Glatze unter der Mütze und wandte sich an seine Kinder. „Wenn wir hier nicht bald rauskommen, kommt ihr zu spät zur Schule.“
„Yeah!“, sagte Charlie.
„Mist“, sagte Catherine.
„Ach was, ich fahr jetzt einfach rein“, schnaubte ihr Dad, wendete das Lenkrad ungefähr ein dutzend Mal und gab dann Gas.
Das hätte er nicht machen dürfen. Alles, was ich dann noch hörte, war ein Krachen, Schreie und das Bersten einer Stoßstange.

Catherine versuchte, ihre Augen aufzubehalten, doch sie musste alle zwei Sekunden stöhnen. Ihr Bein war zwischen zwei Sitzen eingeklemmt und sie spürte Blut an ihrer Jeans. Sie zwang sich, nach rechts zu schauen, und ich konnte ihren Blick noch schnell genug abwenden, damit sie nicht sah, dass Charlie tot war. Einer der zwei Regenschirme, die die Rockefellers immer auf dem Autoboden liegen hatten, hatte sich quer durch seinen Kopf gebohrt.
„Iiiiiiiiiiiiiiih!“, schrie sie mit letzter Kraft und sah nur noch die Hand ihres Vaters, die kraftlos im zerstörten Innenraum des Fahrzeugs hin und her baumelte. Auch von ihr tropfte Blut.
Und dann war sie tot. Sie schloss die Augen und ich spürte ihren letzten Atemzug genau so deutlich wie ihren letzten Herzschlag. Und dann war es vorbei. Alles schwarz.

Ich spürte erst, dass ich weinte, als die Arbeiter das Schloss des Apartments aufbrachen und mich an der Schulter herauszogen. Es waren zwei Männer. Sie führten mich wortlos zum Aufzug, packten mich an den Oberarmen und als wir unten angekommen waren, schoben sie mich nach draußen (ich hatte meine Jacke nicht an – es war arschkalt), wo ein Auto wartete.
Ich kannte diese Autos. Ich hatte auch schon sowas gesehen. Doch ich wollte es nicht. Stumm, unfähig etwas zu sagen, schüttelte ich den Kopf, als sie mich auf den Sitz drückten und den Gurt zuklicken ließen. Ich wischte mir mit zitternden Händen die Tränen aus dem Gesicht, doch es war ein aussichtsloser Kampf. Sie strömten immer wieder nach.

Während der Fahrt holperten wir quer über eine Wiese. So grau wie der Himmel über uns war, so grau waren auch meine Gedanken. Ich würde sterben, das war klar. Aber ich hatte solche Angst.
Was würde passieren? Würde ich dann wirklich nie mehr da sein? Was war mit Mom? Würde sie mich vermissen? Die Schuldgefühle belasteten mich. Hätte ich eingreifen können? Hätte ich vorausahnen sollen, dass wir gegen irgendwas krachen? Hätte ich Catherine herausspringen lassen sollen, bevor sie starb?

Zum ersten Mal schluchzte ich auf. Meine Kehle war trocken, es tat im Hals weh, doch ich konnte nicht aufhören. Ich weinte die Ärmel meines Pullis voll, was ich jetzt schon zu bereuen begann, denn es begann zu gefrieren und steif zu werden. Schniefend versuchte ich es zu trocknen. Was hatte ich bloß getan? Ich sah, wie der Beifahrer – einer der Arbeiter – seinem fahrenden Kollegen leise etwas sagte und dann mit einem seltsamen Blick auf den Rücksitz sah. War es Mitleid?

Unsicher rutschte ich hin und her. Selbst hier war es wie in einem Kühlschrank. Ich schlang die Arme um den Oberkörper und ließ die Arbeiter nicht aus den Augen. Auch ihnen fehlte der linke Nasenflügel, doch sie hatten eine riesige Narbe auf der Stirn. Hatte man ihnen den Mikrochip wieder abgenommen?

Jetzt wusste ich auch, warum der eine so aufgebracht war. Ich hatte auch eine Narbe. Vorsichtig fuhr ich mit einem Finger darüber. Die komische Wulst war geblieben, dafür hatte es in letzter Zeit keine Wiederblutungen gegeben. Auf die Frage des Beifahrers blieb der andere kalt. Er lachte und antwortete etwas leicht Belustigtes. Warum konnte ich sie nicht verstehen? Sprachen sie nicht Englisch? Nein. Wäre es eine andere Sprache gewesen, dann hätte ich wenigstens gehört, dass sie irgendwas gesagt hätten. Doch hier war es wie im Stummfilm.

Ich schloss geschafft die Augen und versuchte, mich mit meiner Situation anzufreunden. Doch ich schaffte es nicht. Wie konnte es jemandem auch egal sein, dass er sterben musste?
Als wir an der Statue von dem Mädchen vorbeifuhren, musste ich schlucken. Auf einmal konnte ich mir ausmalen, auf was ich mich gefasst machen musste. Ich lehnte mich zurück und irgendwann übermannte mich das regelmäßige Knirschen des Schnees und das Tuckern des Motors. Ich schlief ein und wurde von schrecklichen Träumen empfangen. Ich träumte, ich spränge von einer Klippe. Ließe mich überfahren. Ertränke mich. Ließe mir die Kehle durchschneiden. Und alles nur, um die Statue zu erwecken. Und als all das getan war, berührte ich sie und sie erwachte zum Leben. Es war Catherine.

Kapitel 8

Ich wachte davon auf, dass es still war. Im ersten Moment erinnerte ich mich mit einem stillen Schmunzeln an meinen Traum. Catherine war darin doch tatsächlich tot gewesen. Wozu meine Fantasie nur fähig war! Doch als ich die Augen öffnete und die Decke von meinem Bett zurückschlagen wollte, gab es keine. Es gab nur den zerkratzten, abgewetzten Ledersitz unter mir und den Autogurt über meiner Schulter. Und ich erinnerte mich. Ich erinnerte mich, obwohl ich mich selber gerne erwürgt hätte, um mich nicht erinnern zu müssen. Catherine war  tot. Und ich konnte nichts dagegen tun. Ich versuchte, sie durch den Mikrochip zu sehen, aber es ging nicht. Wahrscheinlich hatten sie ihn schon gelöscht. Ich glaubte es nicht. Ich wollte es nicht glauben. Da saß ich hier, in einem Auto, mit zwei Arbeitern… Moment. Wo waren diese Typen? Ich lehnte mich vor, schnallte mich ab und lugte über die Kopfstütze des Fahrersitzes. Wirklich. Da saß niemand. Und der Schlüssel steckte...

Ich fackelte nicht lange. Innerhalb von wenigen Sekunden saß ich vorne, hatte den Schlüssel herumgedreht und den Motor gestartet. Es gab ein hässlich lautes Knattern, das sicher noch im Umkreis von zwei Kilometern zu hören war. Ich drückte das Gaspedal voll durch und fuhr mit quietschenden Reifen los. Erst jetzt begriff ich, wo ich war. Die Arbeiter waren ausgestiegen, weil sie mich ankündigen wollten. Ich befand mich vor dem Kapitol. Ich hatte nicht gewusst, dass es so etwas hier gab. Doch ich hatte es gehört. Und jetzt wusste ich, dass alles wahr war.
Das Kapitolgebäude lag sehr abseits von den Apartments der Engeln. Es stand auf einem einsamen Stück Land. Selbst am Horizont sah ich keine Häuser. Hier war nur graues, abgestorbenes Gras.

Es war ein riesiges Haus. Mindestens zwanzig Stockwerke. Keine Fenster. Ein grauer Grabstein mehr auf dieser Seite. Optisch unterschied sich fast nichts von unseren Häusern, doch ein Gebäude ohne Fenster hatte ich noch nie gesehen. Auf dem Flachdach lag etwas Schnee. Frost hatte sich in allen Ritzen der einzigen Straße, die von hier wegführte, sowie in dem gigantischen Backstein links von mir gebildet. Ich konnte nicht fahren. Das war ein Grund mehr, warum diese Aktion hier sinnfrei war. Erstens würden sie mich finden. Und zweitens würde ich mich noch vorher zu Tode fahren. Dennoch war mir das in diesem Moment egal. Meine eiskalten Finger schlossen sich um das Lenkrad. Ich fröstelte, als ich unsicher den Weg entlangschlingerte. Wo war denn diese verfluchte Sitzheizung?

Probeweise drückte ich auf ein paar Knöpfe. Beim ersten ertönte „I, I follow, I follow you“ aus den Lautsprechern (ich schlug erschrocken noch einmal darauf), beim zweiten machte es „sssssiep“ und mein Sitz ruckte zwei Etagen tiefer, aber der dritte war es schließlich. Erleichtert seufzend fühlte ich die warme Luft auf meiner Haut und sah im eingeschlagenen Rückspiegel, dass sich kleine Eisklümpchen in meinen Haaren gebildet hatten. Und ich sah, wie das Kapitol langsam, aber ohne Pause immer kleiner wurde und schließlich gänzlich verschwand.

Wo war ich? Stirnrunzelnd kniff ich die Augen zusammen und sah in die Ferne. Es gab nur eine Straße hier, und deshalb dürfte es hier ziemlich schwer sein, sich zu verfahren, besonders, weil es sonst fast gar keine Autos gab. Doch nach geschätzten zwanzig Minuten Geradeausfahren, in denen ich bemerkt hatte, dass das Auto eine Hupe besaß, die sich anhörte wie ein recht verschnupfter Elefant, kam mir ein weißer Bus entgegen. Es war der Bus, in dem ich auch schon gesessen hatte. Der Bus des Krankenhauses.

Aus Reflex duckte ich mich (das Auto kommentierte dies mit einem Schmatzen vom Motorraum her und einem Schwanken auf den Rädern) und hoffte innig, dass dieser Wagen hier getönte Scheiben besaß. Doch der Fahrer des anderen Fahrzeugs beachtete mich nicht. Er hatte seinen Blick in Fahrtrichtung geklebt und fuhr einfach an mir vorbei. Ich atmete auf, während ich mir innerlich die Haare raufte. Hastig richtete ich mich auf, umschloss so schnell wie möglich das Lenkrad und riss es herum. Fast wäre ich über das mit Raureif überzogene Gras geholpert, nur, weil ich nicht mal Augen im Kopf hatte.

Inzwischen wurde ich echt hibbelig. Sollte ich hier den ganzen Tag irgendwo rumkurven? Sicher würde der Sprit nicht reichen! Falls ich das nicht schaffen würde, würde ich mich selber umbringen. Ich wollte wenigstens selber entscheiden, wie ich sterben würde. Ich hielt an und sah mich um. Ich war irgendwo im Nirgendwo. Ich sah immer noch nirgendwo Wohnblöcke. Wo hatten die mich bloß hingefahren?

Ich zog den Schlüssel raus, öffnete die Tür, stieg aus und knallte sie wieder zu. Ich machte einen Schritt aufs Gras, das unter meinen Sohlen knackte. Ich atmete geräuschvoll aus und vor meinem Mund bildete sich weißer Nebel. Wie kalt es wohl war? Ich hielt inne. Ich hatte was vergessen – bei meinem Gedanken. Ich drehte mich um, stieß den Schlüssel wieder ins Türschloss und drehte ihn herum. Ich lehnte mich tief über den Fahrersitz und wühlte auf dem Autoboden nach irgendwas, was ich gebrauchen konnte. Ich fand eine angebrochene Tüte Kekse (was diese Arbeiter nicht alles hatten), einen Comic-Handyanhänger und eine Glasscherbe. Zwei Sachen davon waren nicht so ganz nützlich, aber die Ingwerkekse rollte ich zusammen und steckte sie mir in die Hintertasche. Ich versuchte wirklich alles, ich schloss sogar das Handschuhfach, in dem ich einen Kugelschreiber und einen karierten Notizblock fand, auf, die ich ebenfalls einsteckte, aber etwas anderes gab es hier nicht.

Aufgebracht schlug ich die Autotür wieder zu und joggte über das Gras. Ich kann nicht sagen, wie lange ich das tat, aber als ich erschöpft gegen die Mauer sank, die ich endlich erreicht hatte, und mich in das nasse Gras setzte, keuchte ich so heftig, als wäre ich fünf Mal hintereinander den Marathon gelaufen. Müde wandte ich den Kopf nach rechts und sah am Stein vorbei. Das weiße Licht verlor sich am Horizont. Das Haar klebte mir vor Schweiß an der Stirn. Als ich es zurückpappen wollte, fuhren meine Finger über die Narbe und ich musste ungewollt stöhnen. Warum? Warum hatte Gott mir das angetan? Ich bereute, dass ich gerannt war. Ich war nun total durchgeschwitzt und alles an mir begann, steifzufrieren. Konnte man davon sterben, wenn man sich mit Wasser überschüttete und sich in die Kälte stellte? Nein. So wollte ich nicht sterben. Das war ja fast so, als würde man eine von diesen Statuen werden. Ich zog den Notizblock und den Kuli hervor und ließ den Stift in der Hand klicken. Dann hielt ich unschlüssig inne. Was sollte ich schreiben? An wen sollte es sein? Catherine war tot. Ich würde bald tot sein. Catherines Bruder und ihr Vater sowohl deren Engel waren tot. Nur Mom war noch da. Mom. Würden sie sie vor den Großen Bildschirm schleifen, weil ihre Familie gestorben war? Was würde mit ihr passieren?

Mom.
Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird, aber ich habe solche Angst. Ich bin vor den Arbeitern geflohen, nachdem sie mich abgeholt haben.
Catherine ist tot. Hat man dir erzählt, wie es passierte? Egal, was sie dir aufgetischt haben, hier ist die wahre Geschichte.
Da war ein Kreisverkehr und er wollte nicht aufhören. Irgendwann ist ihr Dad ausgerastet und ist mitten reingerast.
Von diesem Moment an haben sie alle nur noch ein paar Sekunden gelebt. Ich mache mir Vorwürfe. Bin ich Schuld an all dem? Ich hätte besser auf sie acht geben sollen!
Bitte mach dir keine Sorgen um mich. Sie werden mich nicht in Stein gießen, das verspreche ich dir. Ich werde alles dagegen tun, auch wenn ich dabei umkommen sollte. Und sollte das der Fall sein, dann sollst du wissen, dass du für mich immer wie eine Mutter warst. Ich liebe dich, Mom.

Meine Hand zitterte, als ich fertig geschrieben hatte, und das nicht nur wegen der Kälte. Das war das erste, was ich jemals in meinem Leben geschrieben hatte. Ich konnte zwar schon seit neun Jahren schreiben, aber ich hatte es noch nie gebraucht. Catherine hatte es auch gekonnt. In der Menschenwelt musste man es lernen, und da schnappt man als Engel schon das eine oder andere auf. Ich blickte über die Lettern. Meine Schrift war eine einfache Blockschrift, weder recht schön noch geübt, aber man konnte sie lesen. Und das war doch schon mal was. Ich riss das Blatt ab, faltete es zu einem briefmarkengroßen Schnipsel, warf ihn hoch und fing ihn geschickt auf. Er kam zu den Keksen in meine Hosentasche.

Ich stand auf und stützte mich mit einer Hand an der Mauer. Meine Beine wollten mich nicht tragen und meine Knie gaben nach. Ich fühlte den Hunger gleichsam der Angst an mir nagen, und fragte mich, wie lange ich das noch durchstehen sollte. Die Kekse waren meine absolute Notversorgung, ich durfte mir nicht einfach alle paar Minuten einen nehmen. Ich wusste ja noch nicht mal, wie viele noch in der Packung waren. Ich bibberte und zog mich an der Mauer weiter nach vorn. Ich gebrauchte beide Hände, weil ich fürchtete, jeden Moment zusammen zu brechen. Meine Zähne klapperten aufeinander und ich fühlte die ersten Frostspuren an meinen Haaren bei jedem Schritt knirschen.

Sollte ich nicht lieber das Auto nehmen? Nein. Das war zu auffällig. Ich sollte zu Fuß gehen, auch wenn meine Füße im Moment alles andere als dazu bereit waren. Plötzlich fing es an zu schneien. Die kleinen, leichten Schneeflocken tanzten vom Himmel, verfingen sich in meinem Haaren, flogen mir in die Augen und machten, dass ich mich wenigstens ein bisschen besser fühlte. Sie waren so schön. Und dennoch war es so kalt hier. Mich verließ der Ehrgeiz so ruckartig, als wäre er einfach verploppt. Mit einem Male gingen mir fürchterliche Dinge durch den Kopf.

Ich würde es eh nicht schaffen, dazu war ich nicht stark genug. Ich gab mir einen Kilometer, und dann würde ich sicherlich zusammenklappen. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Mauer und die Beine fielen mir weg. Ich merkte halb, wie ich am glatten Stein hinunterrutschte und im Gras landete. Meine Jeans hatte nasse Flecken vom Schnee, mein Pullover war vollkommen durchweicht und ich tat einfach die Augen zu. Ich war müde. Ich musste schlafen.
Nein, sagte der Schutzengel in mir, du darfst nicht schlafen! Wenn du jetzt einschläfst, wachst du wahrscheinlich nie wieder auf! Willst du das?
Ist doch egal, sagte der andere Teil. Alles ist besser als von Gott bloßgestellt zu werden. Und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Kapitel 9

Ein Eimer Wasser wurde über meinem Kopf ausgeleert und ich machte prustend die Augen auf. Ich wollte mir die Flüssigkeit aus den Haaren schütteln, merkte aber, dass meine Arme mit unebenen, schneidenden Seilen an den Handgelenken an den Sitzstützen eines Stuhles geknebelt waren. Dasselbe war auch mit meinen Knöcheln passiert. Das Material ratschte an meiner Haut, als ich vergeblich versuchte, mich durch Rütteln los zu machen.

Ein belustigtes Lachen. Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Das wirst du eh nicht schaffen.“
Ich klappte den Mund auf, um etwas anderes zu erwidern, aber in diesem Moment hätte genau so gut mein Unterkiefer in meinen Schoß fallen können – ich hätte es nicht gemerkt.

Ich hatte noch nie so einen Mann in Echt gesehen. Er saß mir gegenüber in einem breiten, mit Polstern überdeckten Lehnstuhl, beide Hände ineinandergesteckt, ein schmieriges Lächeln im Gesicht. Er trug einen schwarzen, glänzenden Anzug ohne jegliche Anzeichen von Flusen (ich dachte an meine durchgeschwitzten und durchnässten Kleider und musste unwillkürlich rot werden), dunkle Lackschuhe, die besonders dadurch gut zur Geltung kamen, dass er die Beine übereinander geschlagen hatte, und seine tiefrote Krawatte stach mir ins Auge wie eine Nadel. Das Gesicht war weder hübsch noch hässlich, es war so blass und rund wie der Mond und ebenso kahl, eben so gut hätten Mund, Nase, Augen und Ohren auch seltsam geformte Krater sein können. Insgesamt ähnelte der Kopf einem angedetschten Ei.

Ohne irgendeinen Namen zu wissen, wusste ich, wer das war. Ich musste mich stark zurückhalten, um nicht samt an mich gebundenen Stuhl aufzuspringen und diesen Mann umzubringen. Ich knirschte mit den Zähnen. Meine Augen glühten. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden.
Gott.
„Du bist ganz schön schwer zu finden, weißt du?“
Gott pulte gelangweilt an seinen Fingernägeln herum und warf mir ein Grinsen zu, das all seine schneeweißen Zähne zeigte. Er besaß noch seinen linken Nasenflügel. Er hatte auch keine Narbe. „Für einen so jungen Gesellen wie dich ist das eine ganz schöne Leistung.“
Er sprach mit mir, als sei ich ein Kleinkind. Ich hielt das nicht aus. „Sagen Sie mir, was Sie vorhaben!“, schrie ich wütend. Ah. Meine Stimme war wieder da. Sie hatte ja nicht auf sich warten lassen.

Das Grinsen wurde breiter. Mir fiel auf, dass nur wir im Raum waren. Das Licht war spärlich, es reichte gerade einmal aus, um das nötigste zu erkennen. Der Boden war aus schiefen Dielen gehämmert, die Wände hatten dieselbe Farbe wie der Boden. Da war weder eine Tür noch ein Fenster.

„Aber weißt du es denn nicht?“ Gott hörte damit auf, seine Nägel zu bearbeiten, und holte einen langen Gegenstand von unter seinem Stuhl. Ich erkannte erst, dass es ein Gehstock war, als er sich in meiner Augenhöhe befand. Er war einfach gearbeitet, nur ein rund geschliffenes Stück Holz mit Griff am Ende. So… rustikal für so jemanden wie ihn.
„Na ja, wir müssen dich leider verhaften. Aber du kennst das ja sicher.“
„Und warum sprechen Sie mit mir?“
Gott lehnte sich ruckartig nach vorne und sah mir direkt in die Augen. Ich erschrak, konnte es aber verstecken. Er sollte nicht denken, ich sei eine Memme. „Ich will dir nutzlosem Gesindel eine Chance geben.“ Ich schwieg eine Weile und starrte zurück. Eine Chance?
„W-Was meinen Sie damit?“
Nun wieder betont gelangweilt, schwenkte sein Kopf zurück und er ächzte, als er sich richtig hinsetzte: „Ich habe dich gesehen. Du warst von Anfang an offen gestanden ein Dorn in meinem Auge, aber irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass die Reife und die Weisheit, die du an den Tag legtest, mir vielleicht behilflich sein könnten.“ Wollte er damit sagen, dass ich einer seiner Sklaven werden sollte?

Der Mann, ich konnte mich immer noch nicht recht dazu durchringen, ihn Gott zu nennen, schien den Ausdruck auf meinem Gesicht deuten zu können. „Ich will damit nur sagen, Junge, dass du eine Waffe an meiner Seite sein könntest. Gemeinsam könnten wir viel erreichen! Stell dir das nur vor! Vielleicht werden wir in einem unbestimmten Zeitraum so weit sein, deine Eltern wieder zum Leben zu erwecken.“ Er sah mich triumphierend an, während ich nach Luft schnappte – oder es zumindest versuchte, denn das eben hatte so ziemlich mit einem heftigen Schlag in den Bauch verglichen werden können. Er hatte mich. Er wusste genau, was mich schwach machte.

Eine Weile schwieg ich unschlüssig, ließ meinen Blick unsicher durch den leeren Raum gleiten und spürte, wie meine Finger zuckten. Wenn es wirklich Gott war, dem ich da gegenübersaß, dann sprach er möglicherweise die Wahrheit. Ein Teil in mir wandte sich um und glaubte ihm aufs Wort. Doch der andere Teil zog sich krampfhaft zusammen. Das verwischte Bild einer brünetten, lachenden Frau. Der Geruch nach Laub und Sägespänen. Eine hohe Kiefer, an der ein Vogelhaus befestigt war. Das Bellen eines Hundes. Und dann – diese hypnotisierenden, hellblauen Augen, die meinen Blick an seinen hefteten.

Schau mir in die Augen.
Nein, ich will nicht, wollte ich schreien, doch zeitgleich bemerkte ich, dass mir dazu jegliche Kraft fehlte.
Du gehörst mir.
Lassen Sie mich in Ruhe, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht…
Die Stimme war in meinem Kopf und hörte sich genau so an wie die vom Großen Bildschirm.
Warum stellst du dich gegen mich, Ian?
Es klang fast belustigt.
Ich nahm wahr, dass ich die Augen fest geschlossen hielt und dass mir der Schweiß bächeweise die Stirn hinunterlief.
Ian.
„Pass auf, Schatz! Lass Ian bloß nicht fallen!“ Ein glückliches Lachen. „Was denkst du eigentlich von mir, Josephine?“
Die Stimme war dunkler, aber genau so fröhlich. Ich wurde auf und ab geschaukelt. Ich lachte, aus meinem Mund kamen die Laute eines glucksenden Babys. Meine linke Hand krallte sich in das T-Shirt eines Mannes mit roten, im Wind fliegenden Haaren. Ich war mit dem Bauch an seinen Oberkörper gepresst und konnte über seine muskulöse Schulter sehen. Eine hübsche, schlanke Frau mit einem weißen Rock und einer hellgelben Bluse lief uns hinterher. Wir waren auf einer Wiese. Ihre Füße waren nackt, ihre Sandalen hielt sie in der Hand. Mit der anderen winkte sie uns zu. Ein heißer Schmerz an meiner Schläfe, der mich zusammenzucken ließ, und die Erinnerung war vorbei.

Ich hielt noch eine Weile die Augen zu und lauschte meinem eigenen keuchenden Atem. Jetzt sah ich nur noch schwarz.
„Wie gesagt, überleg es dir, Ian.“
Die Stimme des Mannes vermischte sich mit dem Geräusch eines regelmäßig auf den Boden aufprallenden Gehstocks und entfernte sich mehr und mehr von mir.
Ich beugte mich erschöpft nach vorne, soweit es die Fesseln erlaubten, und röchelte nach Luft. Ich schaffte es nicht mehr, die Lider hochzuziehen. Nur meine Schultern strafften sich nach einiger Zeit von selbst.
Hallo. Mein Name ist Ian.
Es klang fremd, als es in meinem Schädel widerhallte.
So fremd.

Ich konnte hier nicht allein sein. Wer hatte das Wasser über meinem Kopf ausgeschüttet? „Gott“ hatte zu dieser Zeit schon vor mir gesessen. Ich bekam es nicht auf die Reihe, den Kopf oben zu behalten, und er landete dumpf auf der Stuhllehne. Ich atmete geräuschvoll aus und hörte der Stille zu, wie sie mir eine Geschichte zuflüsterte.
Warum stellst du dich gegen mich?
Hallo. Mein Name ist Ian. Kennst du mich schon?
Lass Ian nicht fallen.
Josephine.

Ich fragte mich in langsamen Gedankenfetzen, ob meine Mutter wirklich so hieß. Wenn ja, dann hatte ich jetzt eine wirkliche Mutter. Keine, die nur um die Ecke gedacht als solche fungierte.
Ich hatte das Bild von meiner Mom komplett. Und es war wundervoll, das zu wissen. Ich habe eine Mutter, ja… aber sie ist tot… dennoch kann ich mich an sie erinnern.
Ich lächelte müde. Ich hatte mich das noch nie denken gehört.
„Hallo… mein Name… ist Ian“, brachte ich leise heraus.
Meine Lider hoben sich ein wenig, flatterten ein bisschen und fielen dann wieder herab. Das einzige, was mich nun umgab, war Dunkelheit. Und zwar so rein wie ein Nachthimmel ohne Sterne. So rein wie die ebenso große Einsamkeit, die mir hier an diesem trostlosen Ort Gesellschaft leistete. Was war dieses Gefühl? Als Langeweile konnte man es nicht beschreiben. Eher als Ungewissheit. Wenn ich nun einschlief, wo würde ich aufwachen? Würde ich überhaupt aufwachen?

Kapitel 10

„Hihihihi. Noch so ein Milchbubi. Aber du scheinst jünger zu sein als dein Vorgänger. Hihihi. Weißt du was? Ich nenne dich Dave. Dave, Dave, Dave – das hört sich doch gut an, oder?“
Jemand klopfte mir recht stark gegen die linke Wange.
„Jaah, das gefällt dir, Kleiner, nicht wahr?“ Zwei Finger gruben sich in mein Fleisch und rüttelten wie eine liebevolle Großmutter daran. Es tat höllisch weh. „So wach doch auf, Dave!“
„Ich – heiß Ian“, murmelte ich und öffnete blinzelnd die Augen. Vor Schreck hätte ich sie fast wieder zugemacht. Ich sah in das fürchterlichste Gesicht, das ich jemals gesehen hatte.
Fettige lange graue Haare fielen mir auf die Stirn, weil sich der alte Mann zu mir heruntergebeugt hatte. Er hatte ein zahnloses, dreckiges Grinsen und sein Mund schien nichts als ein langer Riss auf seiner unteren Gesichtshälfte zu sein. Er besaß nur noch einen Schneidezahn. Seine Haut war eine Furchenlandschaft, selbst die stumpfen grauen Augen zeigten kleinere Netzhautverletzungen auf. Rote Adern durchzogen das Weiße um die Iris herum.

Der Mann trug nichts weiter als einen schmutzigen Kittel, der einem Kartoffelsack nicht unähnlich war, und seine dürren Arme stützten ihn zirka zwanzig Zentimeter über mich. Er sah glücklich aus, besonders die ruinierten Augen zeigten die pure Erleichterung. „Ian also?“ Seine Stimme war kratzig und heiser, als hätte er schon seit langem nichts mehr gesagt.
„Sei mir nicht bös‘, Jung, aber ich mag Dave lieber.“

Ich schwieg mit halb geöffnetem Mund. Während ich versuchte, mich aufzusetzen und den Mann sanft von mir wegzuschieben, sah ich die grauen Steinwände um mich herum. Der Raum, in dem ich mich befand, hatte die Größe einer Tischtennisplatte und dennoch hatten zwei schmale, unbezogene Metallbetten darin Platz gefunden. Ich lag auf einem davon. Auf dem anderen war eine zerschlissene Ledermappe, aus der vergilbte Blätter herausragten. Sie war lediglich mit einem aufgefriemelten Geschenkband zusammengehalten und sah sehr zerbrechlich aus. Es gab eine Hochsicherheitstür mit einem winzigen Schnarnierfenster, das aber im Moment geschlossen war, und durch ein mit Gitterstäben gesäumtes Fenster, das so hoch war, dass man mit einem umgestülpten Eimer gut und gerne hindurchsehen konnte, fiel ein Streifen spärliches Licht hinein. Ansonsten gab es hier eher einen dämmrigen Flair.

Der Mann wandte sich, nun auf einmal mit einem plötzlichen Desinteresse, von mir ab und humpelte zu seinem eigenen Bett hinüber. Ich beobachtete, wie er dabei die Arme ausstreckte und sich vorantastete. Anscheinend war er fast blind. Ich ließ mich wie eine leere Hülle wieder rückwärts auf das Bett fallen und starrte an eine übel mit Einkerbungen und Sprüchen zugerichtete Decke aus Beton. Ich hatte immer noch die Klamotten an, die ich schon seit mindestens zwei Tagen trug, so langsam begannen sie zu stinken, doch das war nichts im Vergleich zu dem Geruch, der mir hier entgegenschlug. Es roch nach Schweiß, toten Fliegen, Staub, Angst und noch viel ekelerregenderen Dingen, aber ich war unfähig, sie aufzuzählen. Das war das Gefängnis der Engel. Und ich war schon so gut wie tot.

„So, Dave“, meinte der alte Mann und ließ sich ächzend auf sein Bett fallen, „ich heiße Thomas – aber nenn mich ruhig Tom, hihi – und muss dir noch Willkommen sagen.“ Er breitete die Arme aus und streckte den Riss auf seinem Gesicht zu einem breiten, zahnlosen Lächeln. „Willkommen, Dave!“
Mich beschlich das Gefühl, dass Tom schon seeeehr lang hier war.
Während ich das dachte, nahm Thomas seine Mappe, legte sie sich auf den ausgemergelten Schoß und schlug sie auf. Prompt rutschte ein Schwall Papier zu Boden. „Huch!“, gluckste er und schlug sich die Hand vor den Mund. „Hoppala.“
Ich setzte mich auf und sammelte alles auf, um ihn daran zu hindern, sich womöglich noch den Rücken zu verknacksen. Während ich die Hand danach ausstreckte, hielt ich überrascht inne. Es waren Zeichnungen.

Ein Bild von einem kleinen Jungen mit Pausbacken und einer Narbe am Kinn, eins von einer schönen Frau mit langen Haaren und riesigen, angstvoll geweiteten Augen und eins von einem Mann, wahrscheinlich Mittvierziger, mit einer Brille auf der Nase, der am ernstesten von allen aussah. Staunend hielt ich sie hoch und betrachtete sie. Doch bevor ich alle durchgesehen hatte, hatte Tom sie mir schon mit einem kräftigen Ruck aus den Händen gerissen.

„Gib das her! Das ist nicht deins, Junge.“ Auf einmal hörte er sich furchtbar alt an. Mit einem düsteren Gesichtsausdruck stopfte er alles wieder in seine Mappe und pfefferte sie hinter sich.
Nur einen kümmerlicher Bleistift, den man kaum als solchen erkennen konnte, und ein weiteres Blatt Papier behielt er. Fasziniert beobachtete ich, wie er seine Knie als Unterlage benutzte und anfing, mit schnellen Strichen etwas zu skizzieren. Es handelte sich, wie ich schon von Anfang an erkannte, um ein neues Gesicht. Ab und zu sah er zwischen zwei Kurven auf, um zu mir rüber zu sehen. Nach einiger Zeit war er fertig und schob es mir rüber.
„Hier bitte, Dave.“ Es war ein Abbild von mir.

Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich es anschaute. Es war genau getroffen. Mein undurchdringbares Pokerface, meine widerspenstigen Haare, die im Moment eher aussahen wie ein Krähennest, und die Narbe auf meiner Stirn, die ein ziemlicher Eyecatcher war. Ich musste die ganze Zeit darauf sehen. Kein Wunder, dass sie die meisten Leute permanent angestarrt hatten. Sie war wirklich riesig.
„Das… ist wirklich klasse geworden, Tom.“ Der alte Mann schwieg und lächelte mich nur geschmeichelt an. Doch ich war noch nicht fertig. „Ähm… wie – wie schaffen Sie das, wo Sie doch…“ Ich deutete vielsagend auf mein Auge.

Tom sah zuerst von mir weg nach links, und als ich seinem Blick folgte, erkannte ich in einer Ecke der mickrigen Zelle ein Waschbecken. Es war umsäumt von abbröckelnden Kacheln,
die die gegenüberliegende Wand spiegelten. Im metallenen Wasserhahn waren einige Dellen, und die gesamte Konstruktion sah aus, als würde sie nicht mehr lange halten. Ich zuckte zusammen, als er mit überraschend weicher Stimme antwortete: „Ich muss es gar nicht erkennen können, Dave.“ Ich schaute wieder zu ihm. Seine Miene war sanft, fast fürsorglich. Aber auch ein wenig gedankenversunken. „Ich brauche es nicht zu sehen“, fuhr er fort, „Ich fühle bloß, wie jemand aussieht, und danach richte ich mich auch.“

Meine Hand zuckte zu den roten Stellen auf meiner Backe, an denen er mich vorhin angefasst hatte, doch Thomas lachte nur belustig. „Nein, das meine ich nicht, Dave.“
Gerade wollte ich ihm entnervt widersprechen, dass ich Ian hieß, doch da hörten wir ein Klappern an der Tür und mein Kopf schnellte in diese Richtung. Die Klinke wurde von außen heruntergedrückt und mit einem markerschütternden Qietschen die dicke Metallplatte nach innen aufgeschwungen. Vor uns stand ein in weiß gekleideter Arbeiter, von denen es anscheinend auch im Gefängnis nicht fehlen durfte (aber hier erschienen sie mir größer und kräftiger gebaut), mit dem üblichen unergründlichen Gesichtsausdruck. Er hielt zwei graue Plastikteller mit jeweils einem Löffel in der Hand. Sonst nichts. Keine Tabletten.

Da fiel es mir wieder ein. Du bist hier im Gefängnis, Ian. Es fiel mir immer noch schwer, mich an diesen Namen zu gewöhnen. Es war nicht leicht, ihn zu gebrauchen. Sie wollen, dass du alterst. Sieh dir nur mal Thomas an. Was glaubst du, wie lange er schon hier ist? Die Zeichnungen zeigen wahrscheinlich all seine Zimmergenossen, du bist einer davon  – und es sind so schrecklich viele. Allesamt sind sie jetzt tot. Der Arbeiter stellte die Teller auf den Boden, als ob er sich die Hände schmutzig machen würde, wenn er sie uns in die Hand geben würde, und zog die Tür wieder zu. Ich hörte das Schloss klicken. Ich konnte gar nicht so schnell schalten, so hastig hatte ich meinen Teller aufgehoben und angefangen, den widerlichen Haferschleim in mich reinzuschaufeln. Ich hatte so unglaublichen Hunger.

Es vergingen kaum zwei Minuten, schon hatte ich aufgegessen. Immer noch hungrig, massierte ich mir die von den Seilen wunden Handgelenke. Sie waren leicht aufgescheuert und rötlich. Ich konnte die ganze Zeit den Blick kaum von Toms Portion in seinen Händen wenden. Er hatte sie noch nicht angerührt. Er beobachtete mich eine Weile kritisch, dann schob er mir seinen Teller zu und lächelte milde, als ich auch dessen Inhalt dankbar hinunterschlang.
„Na, du scheinst aber ausgehungert zu sein, Dave, Junge, Junge. Wo hast du dich bloß rumgetrieben?“ Ich wischte mir mit dem Ärmel über den Mund – und schwieg hartnäckig.
„Du willst wohl nicht reden, hm?“ Der alte Mann kicherte vergnügt gegen seinen Handrücken. „Na gut. Dann erzähl ich dir halt ein wenig von mir.“ Er setzte sich richtig hin, verschränkte die Arme und sann einen Moment mit geschlossenen Augen vor sich hin, bevor er erneut anfing zu sprechen.

Kapitel 11

„Ich bin hundertvierundzwanzig Jahre alt“, sagte Tom.
Ich musste innerlich unwillkürlich durch die Zähne pfeifen. Ich hatte es doch gewusst.
„Ich hatte bereits zwei Menschen, einen Mann und eine Frau. Der Mann führte ein ganz normales Leben, er starb in Frieden und im Kreis seiner Familie. Er war ein netter und angenehmer Mensch. Nicht so wie die Leute, die sich sogar gegen ihren eigenen Engel wehren.“ Eine Weile schwieg er unschlüssig, dann fuhr er fort. „Die Frau hatte einen rebellischen Charakter. Auch sie war mir lieb und teuer. Sie war wirklich sehr schön, sie schien innerlich überhaupt nicht zu altern. Ein hübsches Ding. Leider starb sie zu früh.“ Sein Blick wurde stumpf. Leise fügte er hinzu: „Ich merkte erst nach ihrem Tod, dass ich mich in sie verliebt hatte, nämlich hier. Und doch wusste ich, dass es unmöglich war, sie wieder zum Leben zu erwecken. Schließlich war sie wegen der Liebe gestorben. Sie hatte einen Freund, und der verließ sie, als sie von ihm schwanger war. Sie stürzte sich aus Sehnsucht nach ihm von einer Klippe.“ Eine Träne löste sich aus seine Augenwinkeln und rann die unzähligen Fugen und Falten hinunter in seinen Kragen. „Ich konnte sie nicht aufhalten. Ihr Willen war zu stark.“
Ich merkte, dass er jetzt wahrscheinlich zu Ende erzählt hatte, und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Doch ich wusste nicht, was. Und so verharrte ich einen schier unendlichen Augenblick. Mit geöffnetem Mund und fragenden Augen und einem erschütterten Ausdruck auf dem Gesicht.

Bis ich merkte, wie meine Gesichtsmuskeln nicht mehr mitmachten. Sie fingen an zu schmerzen und zu verkrampfen und ich musste wohl oder übel schweigen.
„Und was ist jetzt mit dir, Dave? Willst du mir nicht auch von dir erzäh…“
In diesem Moment wurde die Tür ein weiteres Mal aufgeschlossen. Diesmal waren es drei Arbeiter, die den Raum betraten (oder besser: sich reinzuzwängen versuchten), Tom auf die Füße zogen und rausschleiften. Er warf mir einen letzten, schmerzvollen Blick zu, der mir die Tränen kommen ließ, und dann war die Tür wieder zu. Zehn Sekunden, in denen mein Körper vollkommen versteifte. Zehn Sekunden, in denen ein Leben seine Ende gesehen hatte. Zehn Sekunden, nach denen ich mit einer Zeichnung von mir in der Hand ganz allein in einer dunklen Zelle saß und weiter auf meinen Tod wartete. Zehn Sekunden, in denen mein Leben so gut wie keinen Sinn mehr bekommen hatte. Tränen benetzten das zerknitterte Blatt Papier zwischen meinen Fingern, als ich schluchzend in mich zusammensackte.

Kapitel 12

Ich aß nichts mehr, obwohl mir schlecht vor Hunger war. Ich konnte kaum schlafen, obwohl mir vor Müdigkeit schwerfiel, die Augen offen zu halten. Ich lag die ganze Zeit wie ein Brett auf meinem spärlichen Schlafplatz, Toms Zeichenmappe an meine Brust gepresst, und starrte auf das nun freie Bett neben mir. Ich wünschte mir so sehr, dass jemand kommen würde, dass ich sogar nichts dagegen hätte, wenn es ein Zwei-Meter-Schrank mit muskelbepackten Armen und einem Zwei-Zentimeter-Hirn wäre. Ich las die verzweifelten Hilferufe an den Wänden.
Wenn ich es schaffe, hier raus zu kommen, spucke ich auf Gott und kletter über diese Scheißmauer.
Mathilda, wo bist du?
Gleich bin ich tot.
Mein Bettnachbar stinkt und schwätzt. Aber er ist besser als gar nichts.
Und etwa mittig auf der Decke, größer als alles andere drumherum:
Gott kann mich mal am Arsch lecken.

Ich überlegte mir ernsthaft, auch etwas mit dem stumpfen Ende des zurückgelassenen Bleistiftes hineinzuritzen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Ich hatte keine Lust, dass die letzten Überbleibsel von mir in Stein endeten, ob nun so oder so. Aber ich führte eine Strichliste der Anzahl der Tage, die ich schon hier war. Jeden Morgen, wenn mich nicht der Mikrochip durch sein Brummen, sondern ein Arbeiter durch das Klicken des Schlosses weckte, um mir Essen zu bringen, das immer spärlich ausfiel, hieb ich mit dem Stift ein Stück aus der Wand. Und wenn der dadurch erzeugte Staub in mein kaum angerührtes Frühstück fiel, wusste ich bereits, wie trostlos der Tag sein würde. Er bestand meistens aus Inneren-Schweinehund-zum-essen-auffordern und Mir-überlegen-wie-man-durch-das-Fenster-sehen-kann. Als Tag zwölf anbrach, schluckte ich widerwillig einen Löffel voller unappetitlichem Milchreis runter und fragte mich zum abertausendsten Mal, wie lange es noch dauern würde, bis ich sterben müsste.

Ich fuhr mit dem Finger die zwölf Kerben im Beton entlang, fühlte jede Unebenheit auf der Haut und schloss die Augen. Wenigstens war diese Nacht nicht auch noch zum reinsten Horror geworden. Ich hatte es geschafft, zwei-drei Stunden zu schlafen, und fühlte mich fitter als vorher, was ich jedoch jetzt bedauerte, denn mein Körper verlangte Bewegung und ich konnte ja schlecht die Wände hoch und runter rennen. Stattdessen hatte ich endlich eine Idee fürs Fenster.
Da die beiden Kopfteile der Betten ziemlich nah aneinander waren und nur ein paar Zentimeter Mittelgang freiließen, konnte ich mich leicht mit einem Fuß auf das eine und mit dem anderen Fuß auf das andere stellen. Dann war ich ungefähr so groß wie das Fenster hoch war und konnte bequem hindurchsehen.

Nachdem ein Arbeiter meinen Teller abholen kam und ich so getan hatte, als sei ich deprimiert hoch drei (was ja auch gar nicht so schwer zu verstellen war), probierte ich es gleich aus. Das mit den Füßen klappte reibungslos. Meine Schuhe standen zwar etwas wackelig auf den kaputten Matratzen, aber stehen konnte man allemal. Meine zusammengezogenen Muskeln dehnten sich und ich musste vor Entspannung seufzen. Mit beiden Händen klammerte ich mich an die verrosteten Gitterstäbe, die in das Fenster eingelassen waren. Sie lösten sich unter meinen Fingern quasi schon in Staub auf, so krümelig waren sie, und bei dem unerwartet atemberaubenden Anblick quollen mir fast die Augen aus dem Kopf. Ich gab einen überraschten Laut von mir, vielleicht etwas zu dröhnend, aber das war mir in dem Moment egal.

Ich hätte nur den Arm aus dem Fenster strecken müssen, schon hätte ich das Ende der Mauer berührt. Ich befand mich in einer schwindellerregenden Höhe, mindestens zweihundert Meter über dem Boden, und ich konnte hinter die Mauer sehen.
Ich schaute auf ein Meer hinter einem Wald. Fichten und Tannen versperrten die Sicht auf einen weißen Strand, der in babyblaues Wasser überging. Die Wellen schlugen unermüdlich auf den Sand ein und man hörte ein fernes Rauschen. Das Meer erstreckte sich bis zum Horizont und es wurde, je weiter es weg war, immer dunkler. Auf den Bäumen lag ein dünner Schneefilm. Eine Fichte bewegte sich, ich hielt die Luft an, und ein paar Flocken rieselten zu Boden. Sie hatte sich bewegt.

Wie konnte das sein? Da draußen waren keine Tiere. Es war Winter. Sie hielten Winterschlaf.
War es möglich, dass da draußen jemand war?
Ich überlegte, ob ich rufen sollte. Nein. Das war zu gefährlich. Zu riskant. Was, wenn mich die Arbeiter erwischen würden? Hätten sie dann keine Skrupel, mich auf der Stelle zu versteinern? Ich ließ es lieber bleiben, versuchte, nicht mehr daran zu denken und kletterte von den Bettgestellen runter. Ich war vielleicht naiv. Ich sah ja schon bei jeder Gelegenheit Hoffnung.
Aber was war so falsch daran?

Ich ließ mich wieder auf mein Bett sinken, schob Thomas‘ Mappe zur Seite und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht und in einem Rutsch durchs Haar. Ich wollte lieber gar nicht wissen,
wie ich aussah. Wahrscheinlich waren meine Haare fettig wie die von Tom und ich war blasser als ein Laken. Ich sah auf meine Hände. Sie zitterten. Ich drehte sie um und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Knöchel an der linken Hand. Sie waren aufgerissen, als hätte ich dort Blasen gehabt, und schmerzten, sobald ich eine Faust ballte. Konnte es sein, dass ich nicht durch den Stein, sondern durch so was sterben würde? Vielleicht ließen die Arbeiter uns so lange hier verrotten, bis wir durch das Versagen unseres eigenen Körpers abkratzten. Dann konnten sie uns immer noch eingießen. Aber nein. Was war dann mit Tom? Er war auch abgeholt worden.
Mein Blick huschte zur Tür und auf einmal bekam ich Angst. Wie lange hatte ich noch zu leben?

Kapitel 13

Kaum drei Tage nach meinem ersten physischen Blick hinter die Mauer war einer der wichtigsten Tage im Gefängnis – jedenfalls für mich. Er fing – wie immer bei außergewöhnlichen Tagen – normal an. Ich fühlte mich miserabel, rührte das Essen kaum an und fristete meine elende Zeit auf meinem Bett mit Toms Bildern. Doch da wurde die Tür aufgeschlossen. Da ich eben bereits das Frühstück erhalten hatte, zuckte ich natürlich zusammen und fand nur eine Möglichkeit für das Anliegen der Arbeiter. Jetzt war es vorbei.
Einen Moment dachte ich noch daran, mich unter dem Bett zu verstecken, aber da war auch schon ein Luftzug durchs Zimmer gefegt und jemand stand vor mir. Es war ein Arbeiter mit einem Mädchen am Arm. Das Mädchen schien in etwa so alt wie ich und sah ziemlich erledigt aus. Seine langen dunklen Haare waren schmutzdurchzogen, sein blasses, aber hübsches Gesicht müde und seine Glieder kraftlos. Es ließ sich von dem Mann in die Zelle stoßen, wo es wackelig stehenblieb. Ich starrte es an.

Unfähig, irgendwas zu tun, musste ich mit ansehen, wie das Mädchen sich, nachdem die Tür wieder zugefallen war, am Waschbecken festkrallte und sich heftig übergab. Sein schmaler Körper zuckte füchterlich, seine Haare fielen nach vorne und als es fertig war und sich mit zitternden Fingern den Mund abwusch, erkannte ich lange rote Striemen daran. Das war meine neue Zellengenossin. Sie trug eine rote Tunika aus Leinen, eine vorne zugebundene Lederweste und braune hohe Stiefel voller Schlamm. Als es sich erschöpft auf das andere Bett fallen ließ, sah ich, dass sie einen linken Nasenflügel besaß, und dass sie anstelle davon die ganze Zeit auf die Stelle in meinem Gesicht schaute, wo sich meiner hätte befinden müssen. Sie war kein Engel.
„H-Hallo“, brachte sie heiser heraus und schwankte ein wenig auf der Matratze. Verbissen klammerte sie sich mit beiden Händen fest, konnte aber nicht verhindern, dass sie weiterhin sehr unsicher saß. Und dann fiel sie einfach seitlich weg, ihre Augen kippten nach innen und so blieb sie liegen, ohne dass ich erkennen konnte, ob sie atmete. Ich sprang entsetzt auf, stürzte zu ihr rüber und hob ihren Kopf hoch, sodass ich ihren Puls fühlen konnte. Meine Finger vibrierten langsam auf ihrer Haut an ihrem Hals. Sie lebte. Aber vielleicht nicht mehr lange. Irgendwo in meinem Chip-verseuchten Hirn klickte es.

Aufgeregt, dieser Gedanke könnte stimmen, setzte ich mich an die Kante ihres Bettes und legte ihren Kopf auf meinen Schoß. Wäre ihr Gesicht nicht so bleich und kränklich, hätte sie wirklich sehr schön ausgesehen. Jetzt, wo sie die Augen geschlossen hielt, konnte ich deren Farbe nicht erkennen, aber auch so bildeten die trotz mangelnden gesundheitlichen Verhältnissen ziemlich vollen und roten Lippen einen perfekten Kontrast zu den fast schwarzen Haaren. Auch im Gesicht hatte sie ein paar Kratzer und ihre linke Wange schien wund, ihre Unterlippe war aufgesprungen, als hätte sie zu fest darauf herumgekaut, und ihr Kinn stach ungewollt frech heraus. Mein Blick wanderte weiter, über den langen, schneeweißen Hals, den zierlichen Oberkörper, die schmale Taille, die durch einen abgewetzten Gürtel gut zur Geltung kam (ich kannte mich in solchen Dingen nicht gut aus, aber – er sah aus, als hätte etwas spitzes und scharfes daringesteckt), die langen, in einer dunkelblauen Stoffhose steckenden Beine und die dreckigen Stiefel.

Als ich ihre Haare zurückstrich, sah ich Ohrringe in Form von zwei silbernen Blumen und am linken Ohr einen schimmernden Piercing oben an der Kante. Eine Engeljägerin. Ich schrak auf, als sich eine eiskalte Hand um meine schloss.
„Was… machst du da?“, fragte eine scharfe Stimme. Das Mädchen hatte die Augen aufgeschlagen und sah mich nun von unten aus giftgrünen Augen ärgerlich an. Ich löste meine Finger atemlos von ihren Haaren und rutschte so weit von ihr weg, dass ihr Kopf dumpf auf der Matratze landete.

„Was soll das?“ Trotz anfänglicher Schwäche richtete sie sich jetzt erstaunlich schnell auf. Fast hätte ich aufgelacht; sie hatte einen Wirbel am Hinterkopf und sah damit alles andere als angsteinflößend aus. Trotzdem blieb mir das Lachen im Halse stecken, als ich wieder in ihre Augen sah. Auf einmal wusste ich, dass dieses Mädchen vor nichts Halt machen würde.
Engeljägerin.
„Es… tut mir leid“, fing ich vorsichtig an und fuhr mir verlegen mit der vorhin benutzten Hand durchs Haar. Ihr Blick galt nur für einen kurzen Moment dieser Bewegung und wandte sich dann wieder meinem unsicheren Gesicht zu. Sie wollte wahrscheinlich erst etwas giftiges zurückgeben, als plötzlich wieder ihre Finger anfingen zu zittern. Sie ballte sie zur Faust, vielleicht, um zu verhindern, dass ich es sah, aber es war schon zu spät. Stumm sahen wir uns in die Augen.

Nach ein paar Sekunden brach sie das Schweigen. Ihre Stimme war nun wieder erschöpft, es war offensichtlich, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Sie lehnte sich mit faltiger Stirn und kurz geschlossenen Augen an die Wand hinter sich und verschränkte dann die Arme. „Ich wollte nicht hier landen.“ Ich erwiderte nichts, auch wenn mir der Sinn nach „Ich auch nicht“ stand. Sie fuhr fort, nun mit Tränen in den Augen. „Du musst es nicht wissen wollen, aber wenn wir eh beide sterben…“  Schniefend wandte sie sich ab, sprach aber weiter. „Mein Großvater hat mich gewarnt. Er hat es mir tausend Mal gesagt, aber jetzt… ich hab nicht auf ihn gehört. Bin einfach losgegangen. Ich hatte einen Plan“, sie schnaubte, „einen ach so tollen Plan. Ich dachte, ich schaffe es wirklich, die Engelwelt zu zerstören. Meine Idee war einfach, aber genial… aber mit diesen weißen Typen hab ich nicht gerechnet.“ Nun sah sie an die Decke. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und floss die zerkratzte Backe hinunter. „Sie brachten mich hierher, schnallten mich auf einen Stuhl. Schrien mich an, wo die anderen Jäger sind, aber ich hab es nicht gesagt. Jedes Mal, wenn ich ihnen keine Antwort gab, haben sie mich geschlagen. Als es keinen Sinn mehr machte, mir Fragen zu stellen, brachten sie mich hierher. Um zu sterben. Um in Stein gegossen zu werden  wie all die anderen Torfköpfe, die so dumm waren, zu glauben, sie wären stark genug.“

Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in ihren zerschundenen Händen. „Ich war so dämlich! Ich bin ja nicht mal alt genug!“ Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wenn ich nichts tat, hielt sie mich möglicherweise für einen Idioten – auch wenn ich eh schon einer war. Aber wenn ich zu ihr gehen würde, würde sie mich umbringen. Trotzdem rutschte ich langsam zu ihr rüber und legte ihr unsicher einen Arm um die Schulter. Sie war eine Engeljägerin, ich war ein Engel, aber trotzdem gab es immer noch die Rolle der Geschlechter – und, Herrgott noch mal, auf die konnte ich jetzt wirklich verzichten. Ich zog sie zu mir rüber und sie wehrte sich nicht. Entweder war sie nicht imstande dazu oder sie wollte es nicht. Aber ich ging aufs ganze.

Ich legte mein Kinn auf ihren Scheitel – sie roch für meinen vom Gefängnis beinahe umgebrachten Geruchssinn unheimlich gut – und schaukelte sie langsam hin und her. Ich streichelte ihr übers Haar, bemüht, das Quietschen des Bettes unter uns zu ignorieren, und machte beruhigend: „Schschh. Es ist alles gut. Es ist alles gut.“ Sie hörte erstaunlich schnell auf zu weinen, blieb aber noch in meiner Umklammerung. Ich hörte sie nasal atmen, strich ihr, nun gewöhnt an diese zugegeben nicht typisch für mich seiende Situation, sanft über den Arm und sie schlang mir diesen um den Hals. Ich spürte ihr Herz gegen meine Brust schlagen und errötete. Als ich merkte, was wir da gerade machten und dass es ein Eingriff in Intimität war, fing sie auch schon wieder an zu reden. Das war wohl normal für Mädchen.

„Ich heiße Lynn“, ließ sie mich wissen.
„Ich bin Ian“, murmelte ich gegen ihre Kopfhaut.
„Erzähl mir was von dir, Ian“, verlangte sie.
Ich erinnerte mich an Tom und musste laut aufseufzen. Warum hatte ich jetzt kein schlechtes Gewissen, wenn ich ihr diesen Gefallen tat und ihm nicht?
„Du bist eine Engeljägerin, stimmts?“, fragte ich vorher noch und sie nickte, wobei ihr Schädel fast meinen Unterkiefer brach. Dann atmete ich tief durch. Was solls? Wir würden eh noch vor Weihnachten abkratzen, also warum sträubte ich mich so?

Kapitel 14

„Als ich drei war, sind die Arbeiter gekommen, um mich abzuholen. Meine Eltern töteten sie, weil sie sich dagegenstellten. Ohne irgendwelche Reue zu zeigen, flogen sie mich über die Mauer und teilten mir einen zu beschützenden Engel zu: Catherine Rockefellers. Sie spritzten mir einen Mikrochip ins Gehirn und machten mich somit zum Schutzengel.“
„Warum?“, hauchte Lynn. Ihre Augen waren abwechselnd auf meine Nase und meine Stirn gerichtet.
„Das darfst du mich nicht fragen. Die Grundidee kapier nicht mal ich.“ Ich machte ein grimmiges Gesicht und versuchte, so zu tun, als würde ich nicht mitkriegen, dass sie einen Finger ausgestreckt hatte und mir über die Narbe strich. Ich unterdrückte die Folgen von einem elektrischen Schlag. „Aber sie suchen sich nur Kinder aus armen Familien aus, die sich keine Engel leisten können.“
„Schrecklich“, bekräftigte sie leise, zog endlich die Hand ein und spielte stattdessen gedankenversunken an ihrem Piercing.
„Jedenfalls war Catherine ein sehr guter Mensch“, fuhr ich fort, „in einer sehr netten Familie. Ich kannte den Engel ihrer Mutter, sie wohnte bei mir im Haus. Für mich war sie meine eigene Mutter.“ Meine Hand verkrampfte sich beim Gedanken an sie. „Sie war einfach nur klasse. Sie hatte einen starken Charakter, sie hatte noch nicht einmal Angst, die Arbeiter anzuschreien. Doch dann starb Catherine bei einem Autounfall – und ich entkam den Arbeitern, die mich hierherbringen wollten. Ein paar Stunden war ich ganz allein irgendwo da draußen in der Kälte,
ich muss zusammengebrochen sein, und dann wachte ich auf.“

Ich hielt inne. So weit war ich also schon gekommen. Aber ich hatte Angst davor, weiter zu erzählen. Was war, wenn Gott mithörte? Er fände es wohl nicht so toll, wenn sein „weiser“ und „kluger“ Junge einfach mal so einer Engeljägerin sein Herz ausschüttete.
„Was ist los? Bitte, erzähl weiter.“ Lynn tastete nach meiner Hand – ich zuckte zusammen.
„Tut mir leid. Es macht keinen Sinn“, presste ich hervor, löste sie von mir und setzte mich so schnell wie möglich auf mein eigenes Bett. Ich bereute es sofort. Lynn sah ungeheuer enttäuscht aus.

„Ich hab gedacht, du wärst anders.“
„Was verstehst du unter anders?“, wollte ich wissen, verärgert über meine eigene viel zu durchdringbare Schale. Sie strich sich das Haar zurück und mied verschämt meinen Blick. „Wenn wir schon zusammen sterben, dann will ich auch wissen, an wessen Seite ich mich befinde.“
„Du hast echt keine Ahnung über die Engelwelt, oder?“, schnauzte ich. „Wenn du wirklich etwas wüsstest, würdest du mich nicht so ausquetschen!“
„Ich quetsche dich gar nicht…“
„Wenn du wirklich nicht so dämlich wärst, hättest du nicht damit angefangen! Wir leben härter als ihr, aber das hast du ja einfach nicht verstanden!“
Das war zu viel. Lynn sprang auf, baute sich breitbeinig vor mir auf und hatte beide Fäuste erhoben. Über ihr verzogenes Gesicht liefen Tränen. „Mir scheint, du kannst mir auch gar nichts von MEINER Seite sagen!“, schrie sie. „Weißt du, dass wir in Bäumen wohnen? In BÄUMEN?! Und dass wir uns, jedes Mal, wenn deine verschissenen Arbeiter die Kinder abholen, in dreckigen unterirdischen Tunneln verstecken müssen, bis sie weg sind? Dass unsere Frauen sich davor FÜRCHTEN, Kinder zu bekommen, nur, weil die Sterbensrate im Wald bei zwei Dritteln steht? Dass neunzig Prozent unserer Väter nach der Jagd TOT AUFGEFUNDEN WERDEN?! Dass man bei uns schon glücklich ist, wenn man vierzig Jahre alt wird? Nein, das weißt du natürlich nicht!“ Sie wurde immer hysterischer. „Aber WIR wissen, dass euch Scheiß-Engeln nur so der ARSCH nachgetragen wird, weil ja sonst eure hirnamputierten Menschen wegsterben wie die Fliegen!“

Ich fand mich wieder, wie sich beide meiner Hände um ihren Hals geschlossen hatten und ihre Finger sich erschrocken in mein Fleisch bohrten, um nicht zu ersticken. Sie rang nach Luft. Ihre Augen wurden immer größer, sie quollen förmlich heraus, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, meinen Griff zu lockern. Schwer atmend stand ich vor ihr, kurz davor, sie zu töten – und wir beide waren schlohweiß im Gesicht. Lynn lief der Schweiß die Stirn hinunter. Sie versuchte, etwas mit ihren spröden Lippen zu formen, aber ich drückte nur noch fester zu.

„Sag das nie wieder“, zischte ich mit einer Stimme, die so gar nicht nach mir klang. Drohend knirschte ich mit den Zähnen. „Nenn sie nie wieder hirnamputierter Mensch. Sie ist tot, checkst du das nicht? Tot!“ Ich zog sie Hände so hastig von ihr weg, als würde mich die bloße Berührung ihrer Haut bei lebendigem Leibe verbrennen. Sie fiel japsend vor mir auf die Knie und hielt sich den Hals. Sie tastete hinter sich nach dem Bettpfosten, zog sich daran hoch und krümmte sich. Hustend und würgend stand sie vor mir, den Kopf zum Boden geneigt, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Ich hatte Macht über sie. Mit dem vielen Adrenalin, das nun auf einmal meinen Körper durchströmte, könnte ich sie einfach packen und aus dem Fenster werfen. Was redete ich denn da?

Angeekelt vor mir selbst drehte ich mich auf dem Absatz um und massierte mir die Schläfen. Stand ich unter Gottes Einfluss? War er etwa hier, stand womöglich vor der Tür, und ließ mich mit Lynn raufen? Sie umbringen? „Lynn“, keuchte ich, wirbelte herum und packte sie an beiden Oberarmen. Sie bemerkte das beinahe irre Funkeln in meinen Augen und starrte mich entsetzt an. „Gib mir eine richtig feste Ohrfeige. Bitte.“ Und das tat sie, ohne nachzufragen. In meinen Ohren klingelte es, vor meinen Augen funkelten Sterne und ich spürte, wie mein Kopf dumpf auf den Boden aufschlug. Autsch.

Kapitel 15

„Ach komm, sooo fest hab ich jetzt auch nicht zugeschlagen.“
„W-Was?“ Ich schlug irritiert die Augen auf und sah in Lynns schief lächelndes Gesicht. Ich lag zwischen den Betten und meine linke Gesichtshälfte pochte unangenehm.
„Komm hoch, Ian“, ächzte sie, nahm meine Hand und zog mich auf die Füße. Als ich wieder vor ihr stand, fiel mir alles wieder ein und mir schoss das Blut in den Kopf. „S-Sorry wegen vorhin“, brachte ich heraus und schüttelte verlegen mein Haar auf. Es fühlte sich verschwitzt an und auch meine Klamotten hatten sowohl in der Optik als auch im Geruch schon vor mehreren Tagen die Schmerzensgrenze überschritten. Ich verschränkte die Arme vor dem Pulli, erstens, weil mir übel war, und zweitens, um den unübersehbaren Fleck von der Größe einer Fingerkuppe zu überdecken, den ich nach einem verunglückten Mittagessen da hatte. Apropos. Mein Blick huschte zu meinem Bett. Der Milchreis war leer geputzt. Lynn hielt den Plastiklöffel in der Hand. Das war klar gewesen. Sie war sicher hungrig.

„Schon okay“, erwiderte sie und rieb sich den hoffentlich nicht mehr schmerzenden Hals. Mich überkam noch ein bisschen Scham, als ich sah, dass er total rot war. „Tut’s noch weh?“
Sie zuckte mit den Schultern und wich meinem besorgten Blick aus. „Es geht.“
„Lass mal sehen.“ Ohne zu fragen nahm ich ihre Hand, drückte sie weg und fuhr die Maserungen meiner Finger entlang, die ich dort hinterlassen hatte. „Das ist ja sogar schon angeschwollen“, stellte ich fest.
„Es ist nicht so schlimm“, wiederholte Lynn, schlug mir auf die Hand und sah mich böse an. „Ich bin außerdem kein Kleinkind mehr.“
Ich schmunzelte und versenkte meine Hände in den Hosentaschen. „Das ist mir aufgefallen.“
„Du bist blöd.“ Sie wandte sich ab und setzte sich auf ihr Bett. „Was ist das überhaupt für ein Hefter, den du da liegen hast?“ Sie zeigte auf Toms Zeichenmappe.
Ich stürzte mich perplex darauf, packte die Mappe und hielt sie mir hinter den Rücken. „Das geht dich gar nichts an.“ Zu meiner Überraschung reagierte sie nicht aggressiv. Sie fing an zu lächeln, schlug die Beine übereinander und starrte aus dem Fenster. „Du bist seltsam, Ian.“

Ich schwieg. Was sollte das denn jetzt bitteschön heißen? Ich pfefferte die Mappe unter mein Bett und blieb im Mittelgang stehen. Ich folgte ihrem Blick und mir kam ein Geistesblitz. Ohne Vorwarnung zog ich sie hoch, fasste ihr an die Taille, ohne auf ihre erschrockenen Proteste zu achten, und stellte sie auf die Betten, sodass sie aus dem Fenster sehen konnte. Sie krallte sich in die Gitterstäbe, die unter ihren Fingern knirschten, und starrte atemlos nach draußen. Ich stand hinter ihr, beide Hände an ihren Hüften, und fragte: „Du lebst da unten, hab ich recht?“
Sie antwortete nicht.
„Du warst das letzte Nacht, die gegen die Fichte gestoßen ist.“
Nichts.
„Und deine Familie ist da immer noch. Dein Großvater ist genau da – richtig?“
„Ja!“ Ihre Stimme klang gepresst. Sie senkte den Kopf, mied den Blick nach draußen und schluchzte. „Ja.“ Ihre Schultern bebten gleichsam ihrer Unterlippe, in die sie ihre Schneidezähne grub. „Jahaha.“

Ich spürte, dass es sie zu sehr aufwühlte, und hob sie lieber wieder runter. Ohne Vorwarnung fiel sie mir auf dem Boden um den Hals und heulte meinen Pullover voll. Ich drückte sie fest an mich, streichelte ihren Rücken und schloss ebenfalls die Augen. Ich taumelte zunächst etwas, doch dann stellte ich mich breiter hin. Sie war etwas kleiner als ich. Ihr Alter konnte alles sein, von zwölf bis zwanzig, es machte im Moment keinen Unterschied. Ich fühlte mich auf einmal wieder wie der kleine Junge, dem das Formular mit dem Frühstück durch die Schleuse geschoben wurde und der somit gezwungen war, sich für ein ewiges Alter zu entscheiden. Aber man alterte trotzdem. Das hatte ich jetzt begriffen. Trotz der Hormontabletten, die die Engel bekamen. Man alterte innerlich. Jeden Fehler, den man beging, jede noch so kleine Erfahrung machte uns älter und klüger, sodass wir solche Fehler nicht wieder machten oder zumindest versuchten, sie zu vermeiden, egal, wie wir aussahen. Wäre ich ein ganz normaler Engel geblieben, so hätte ich schon bald keine Altersangabe mehr machen müssen. Und Lynn wäre immer älter geworden, immer älter, immer grauer, immer näher am Tod. Vielleicht hätte sie es geschafft, uns alle zu abzuschlachten. Vielleicht nicht. Vielleicht wäre sie beim Versucht gestorben. So wie jetzt.

Ich versuchte mir auszumalen, wie Catherine als alte Frau ausgesehen hätte. Lynn hatte aufgehört zu schluchzen. Sie rieb ihren Kopf an meiner Brust wie eine Katze. Cat. Catherine. Du bist so ein Idiot, Ian. „Hast du was dagegen, wenn ich heute Nacht bei dir schlafe?“
Was meinte sie mit bei mir? Meinte sie, wir sollten Bettentausch machen, oder, dass wir uns mein Bett teilten? Diese Frage beantwortete sich am Abend. Wir hatten den ganzen Tag hindurch nur noch geschwiegen. Ich hatte Lynn mein Mittagessen überlassen, wie Tom es gemacht hatte, nur um dessen Andenken zu bewahren. Beim Abendessen jedoch, als es harte Brotscheiben und Wasser gab (es erinnerte jetzt wirklich langsam an ein Bilderbuch-Gefängnis), bestand sie durch einfache Gesten darauf, dass ich selbst etwas essen musste. Sie schlief neben mir ein. Ich hatte unwillentlich einen Arm um sie gelegt, um sie zu wärmen. Das Bett war kaum groß genug für uns beide und ich rutschte alle paar Sekunden fast herunter, sodass ich unmöglich einschlafen konnte, und irgendwann mitten in der Nacht stand ich fluchend auf, um unsere beiden Betten lückenlos zusammen zu schieben. Nach getaner Arbeit legte ich mich wieder hin und beobachtete müde lächelnd, wie Lynn im Schlaf an einer ihrer Haarsträhnen spielte. Ich streckte die Hand aus und umschloss ihre Finger. Sie erwiderte, einen leisen Laut ausstoßend, die Berührung wie ein kleines schlafendes Baby und hielt mich so fest, dass ich so einschlafen musste. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben träumte ich etwas.

Früher konnte ich durch den Mikrochip keine Träume haben. Das ist eine Art „Nebenwirkung“ davon. An die Träume in meiner frühesten Kindheit, also vor der Verwandlung in einen Schutzengel, erinnere ich mich kaum. Und die einzelnen Traumfetzen, die ich in meinem verdammten Dasein als Engel gehabt hatte, konnte man kaum als ausgereiften Traum bezeichnen. Nie waren sie vollständig gewesen, selbst das bebrillte Kaninchen hatte sich nach ein paar Sekunden sofort in Luft aufgelöst und eine schwarze Leere hinterlassen, die ich wohl oder übel durchschlafen musste. Also war ich umso überraschter, als ich plötzlich nicht mehr in der Zelle, sondern in einem Haus war und vor meiner Mutter stand.

Sie war wunderschön. Ihre langen braunen Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, ihr bis zu den Knien gehender Rock hatte die gleiche bläuliche Farbe wie ihre Augen und ihre weiße Bluse hob ihren schmalen Oberkörper hervor. Ihre Füße waren nach wie vor nackt. Der Raum, in dem wir waren, war ein Wohnzimmer. In einer Ecke war ein Sofa mit zerschlissenem Blumenaufdruck, gleich daneben ein völlig anderer Sessel in dunkelgrau und unter unseren Sohlen befand sich ein weinroter Teppich. Die Wände waren gelb, die Dielen aus Buchebrettern. Ein Esstisch aus schief gehauenem Holz war umsäumt von unterschiedlichen Stühlen. Einer davon war ein Babyhochstuhl. Dort stand ein schöner Jagdschrank aus dunkler Eiche mit Vitrinenfenstern, die den Blick auf ein weißes Service und, im Regalbrett darunter, ein Gewehr freigab. Meine Mutter legte den Kopf schief und lächelte mich an. Sie streckte beide Arme nach mir aus, machte einen Schritt nach vorn – und der Traum war wieder weg. Mist! Nicht schon wieder! Enttäuscht merkte ich, dass ich wach war, und drehte mich auf die andere Seite. Lynns Arm rutschte von mir runter. Überrascht sah ich mir über die Schulter. Sie hatte immer noch meine Hand gehalten.

Kapitel 16

Ich war glücklicherweise noch einmal eingeschlafen, diesmal aber traumlos. Als mich ein Rucken der Matratze aus dem Schlaf riss, war ich sogar fast froh darüber. Immerhin hatte das Kaninchen nicht mehr zu tanzen angefangen. Aber ich hatte meine Mom auch nicht gesehen.
Lynn hatte sich neben mir aufgesetzt und gegähnt. Ich blinzelte gegen die Sonnenstrahlen, die bereits durch das Fenster schienen, an. Sie sah zwar etwas überrascht auf die zusammengeschobenen Betten, ließ es aber auf sich beruhen, ohne irgendwas zu sagen.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte ich. Lynn stützte ihren Kopf in ihre Handfläche und sah mich an. Mir fiel auf, wie dicht ihre Wimpern waren. Vorher hatte ich das nicht gesehen, aber nun im intensiven Morgenlicht stachen die langen Haare, die ihre schönen Augen umrahmten, hervor.
„Es war okay.“ Ich nickte und drehte mich um, um Toms Mappe hervor zu holen. Ich wollte sie ihr zeigen. Doch mitten in der Bewegung hielt ich inne, als ihre sanfte Stimme hinter mir sagte: „Du hast im Schlaf geredet.“ Ich setzte mich ebenfalls auf und ließ sie nicht aus den Augen. „So? Was hab ich denn gesagt?“ Ich hoffte, es klang nicht zu aus dem Konzept gebracht. Sie zog beide Mundwinkel hoch – und schüttelte den Kopf. Schnaubend drehte ich mich wieder um. Das war ja klar gewesen.

Ich hielt die Mappe noch nicht mal ganz in der Hand, als Lynn sie mir schon wegschnappte. Sie machte sie auf und sah erstaunt auf die Zeichnung von mir, die obenauf lag. „Wow, wie schön!“, hauchte sie. „Hast du das gezeichnet?“
„Nein“, sagte ich. „Das war Thomas.“ Ich nahm mir den Bleistift, um eben den neuen Strich in die Wand zu ritzen. Sprachlos beobachtete Lynn mich dabei.
„War Thomas dein ehemaliger – Nachbar?“
Ich wusste sofort, was sie mit diesem Begriff meinte. „Ja.“
„Er ist schon tot, oder?“
„Ja.“
„Seit wann?“
Das Reden tat gut, aber auch nur, wenn ich so tat, als würde es stören. Also seufzte ich. „Seit dreizehn Tagen“, sagte ich mit einem Blick auf die Strichliste.
„Ich nerve dich.“ Sie sah verschämt auf ihre Fingernägel.
„Nein.“ Ich schüttelte langsam den Kopf und sah sie an.
Selbst jetzt war sie unglaublich hübsch. „Nein, du nervst nicht.“
„Ach, echt nicht?“ Mit einem sauren Gesicht starrte sie zurück. „Warum hab ich den Eindruck, dass du mich nur duldest, weil es nicht anders geht?“
„Sag mal, bekommst du eigentlich gar nichts mit?“
Ich nahm ihr entrüstet die Mappe aus der Hand.
„Ich mag dich echt gern, Lynn!“
„Das sagst du nur, damit ich dich nicht umbringe!“
Oh mein lieber Gott. Das konnte ja was werden. „Lynn, hör zu“, versuchte ich so verständlich wie möglich.
„Mir macht es gar nichts, dass du Engeljägerin bist.“
„Jetzt widersprichst du dir selber!“
Schon wieder liefen ihr die Tränen übers Gesicht.
„Davon war doch noch überhaupt nicht die Rede!“
„Ja, aber es ist deswegen, oder nicht?!“

Sie schwieg beklommen und las für fünf Sekunden stumm die Sätze an den Wänden. „Es tut mir leid.“ Ich schwang die Beine aus dem Bett, gerade rechtzeitig, als ein Arbeiter die Tür aufschloss und das Essen auf den Boden stellte. Er guckte ziemlich komisch beim Anblick unserer Betten, sagte aber wie sonst auch überhaupt nichts. Ich reichte Lynn ihr trockenes Käsebrot.
„Guten Appetit.“
„Danke gleichfalls.“ Lustlos biss sie hinein.
Nach einer Weile holte der selbe Arbeiter die leeren Teller wieder ab und Lynn sah sehnsüchtig hinter ihn in den grauen Gefängnisflur, den er aber blöderweise von uns abschirmte. Als er weg war, hatten wir unsere Sprache wiedergefunden.
„Das hier ist nichts für Leute mit Platzangst, nicht?“, fragte sie und zog die Beine an den Körper.
„Hm“, war meine Antwort. Sie sah mich von der Seite an.
„Kann ich heute wieder durchs Fenster gucken?“
Ich machte eine einladende Handbewegung. „Nur zu.“
Sie stand auf den Betten auf, was unter uns ziemlich schaukelte, und lehnte sich gegen die Wand. Ihr Kopf malte einen Schatten auf die Tür. „Das ist wirklich schön von hier.“
„Hier ist es nicht schön“, widersprach ich, ohne recht zugehört zu haben. Mir war einfach nicht danach. „Das hab ich doch auch gar nicht gesagt.“ Seufzend ließ ich mich nach hinten fallen.
Lynn hockte sich wieder neben mich. „Ist alles in Ordnung?“ Ich nickte, kniff die Augen zusammen und fuhr mir mit beiden Händen über das steife Gesicht. „Ja. Ja. Ja, verdammt.“
„Ian.“
„Was?!“
Ihr Blick war schon wieder so sanft. „Nichts.“
Eine Weile sagte niemand von uns etwas. „Willst du… willst du jetzt meine Geschichte zu Ende hören?“, fragte ich leise. Lynn nickte.

Kapitel 17

Lynn hatte meinen Erzählungen mit großen Augen gelauscht und die ganze Zeit an ihren Fingernägeln gekaut. Als ich schließlich fertig war, hatte ein Arbeiter schon längst unser Mittagessen gebracht und die Teller abgeholt (zu diesen Zeitpunkten hatte ich natürlich eine kurze Pause gemacht, damit er es nicht mitbekam) und mir tat vor lauter Reden die Kehle weh. „Und?“, krächzte ich. „Was meinst du?“
„Ich meine“, begann sie langsam, „dass wir uns jetzt nur noch mehr beeilen sollten, hier rauszukommen.“ Ich schwieg überrascht.

Als sie mein Gesicht sah, versuchte sie zu erläutern, was jedoch auch total schief ging. „Du hast die ganze Zeit mit dem Wissen, dass Gott ein Auge auf dich hat, hier rumgesessen und nichts getan, als ob du sonst nichts zu tun hättest! Ich dachte, du willst ihm auch eins auswischen! Und du willst den Engel von Mrs. Rockefellers wiedersehen, oder nicht?“ Es klang fast vorwurfsvoll.
„Lynn, entschuldige mal.“ Ich setzte mich beleidigt auf.  „Wie hätte ich bitteschön hier rauskommen können? Diese Türen sind sicher dreimal mit verschiedenen Schlüsseln abgeschlossen und durch das mickrige Fenster da kriegst du nicht mal deinen Kopf durchgesteckt!“ Lynn biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Dann musste sie lächeln. „Dann hast du ja Glück gehabt, dass du jetzt mich hast.“
„Sag bloß, du hast eine Idee.“
„Soll ich dir es sagen oder soll ich dir es nicht sagen?“ Ich seufzte auf. „Ich glaube, ich lasse mich einfach überraschen. Aber du musst mir versprechen, dass dein Plan besser ist als der, der dich hier rein gebracht hat.“
„So etwas kann ich nicht versprechen, Ian. Aber du musst mir vertrauen.“ Sie stand schwungvoll auf, angelte sich Toms Mappe und öffnete sie. Sie blätterte sie durch, bis sie drei leere Seiten gefunden hatte. Über eine davon strich sie sorgfältig mit dem Ärmel und griff dann zum Bleistift.

Ich betrachtete sie argwöhnisch. Ich war, offen gestanden, nicht davon überzeugt, dass es klappte. Ich versuchte schon, mich darauf vorzubereiten, gleich ein Bad aus flüssigem Stein zu nehmen. Doch unbeeindruckt fuhr Lynn fort. Sie schrieb hastig etwas auf das Papier, faltete es dann zusammen und schob es sich in die Tasche. Die Mappe legte sie mir grinsend auf den Bauch. „Jetzt müssen wir nur noch auf das Abendessen warten.“ Ich stöhnte und schob das Ding von mir runter. „Was hast du bitteschön vor?“ Sie zwinkerte. „Das wirst du sehen, wenn es geklappt hat. Wenn nicht, dann begegnen wir uns im Himmel, okay?“
„Ich vertraue dir voll und ganz“, leierte ich im Singsang, verhakte die Hände hinter meinem Kopf und wippte mit dem Fuß auf und ab. „Das ist ja schön für dich.“ Sie beäugte mich eine Weile misstrauisch. Dann ließ sie sich nach hinten fallen und legte die Hand unter die Wange.
Unsere Gesichter waren höchstens zehn Zentimeter voneinander entfernt. Ich spürte sie atmen. Ich konnte jede einzelne ihrer Poren sehen, auch das Muttermal, das sie unten am Kinn hatte. Wenn ich überhaupt dahin schaute. Denn eigentlich hatte ich es eher auf ihre Augen abgesehen. Ich fragte mich, ob die Farbe echt war. Es gab ja solche Kontaktlinsen, die diese beliebig änderten. Aber sie war eine Engeljägerin. Ihre Familie hatte sicher kein Geld dafür. Eigentlich – hatten sie ja überhaupt kein Geld.

Sie fuhr schon wieder mit ihrem Zeigefinger meine Narbe nach. „Hat das eigentlich weh getan?“, flüsterte sie. „Nicht wirklich“, murmelte ich und versuchte, mich nicht irritieren zu lassen. „Es hat schon seit Wochen nicht mehr geschmerzt.“
„Hast du es gespürt?“
„Nein. Ich war betäubt.“ Sie verzog das Gesicht.
„Wie ein tollwütiges Tier. Es gefällt mir nicht.“
„Mir hat es auch nicht unbedingt gefallen.“
„Warum hast du dich nicht gewehrt?“
„Es ging zu schnell. Ich habe nicht mal gemerkt, dass da jemand war, der mich zum Krankenhaus bringen wollte.“
„Mit einer gigantischen Betäubungsspritze.“
„Es muss nicht unbedingt eine Spritze gewesen sein.
Sie konnten auch ein Gas ablassen, das…“
Sie kicherte.
„… das mich schläfrig machte, oder so.“
„Klar, sicher, und dann bist du einfach auf einen Schlag umgekippt.“ Sie schnaubte verächtlich. Dann jedoch wurde ihr Gesichtsausdruck zärtlich und sie nahm meine Hand.
„Aber es ist mir auch egal. Hauptsache, du bist nicht gestorben. Dann hätte ich dich nie als Zellennachbarn bekommen.“
„Und darüber bist du glücklich? Jemanden abgekriegt zu haben, der dich nur unnötig in Gefahr bringt?“, zweifelte ich und schielte zu unseren verankerten Fingern rüber. Mir brach vor Überraschung der Schweiß aus.

„Es ist mir egal“, und sie wurde jetzt noch leiser, „es ist mir egal, wohin du mich bringst, mir ist nur wichtig, dass du dabei bist.“ Ich sagte nichts. Wir waren uns in den letzten paar Sätzen noch näher gekommen und unsere Nasenspitzen stießen jetzt fast aneinander. „Tut es weh, den Nasenflügel abgeschnitten zu bekommen?“
„Ich – ich kann mich kaum daran erinnern“, gab ich zu und bemühte mich, einen klaren Kopf zu bewahren. „Es muss doch bluten wie Sau.“ Ich grinste aufgrund ihrer derben Ausdrucksweise.
„Ja. Mit Sicherheit hat es geblutet wie Sau.“ Ihre Finger verhakten sich in meine. Ihre andere Hand versuchte vergeblich, sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, und ich nahm ihr Haar und legte es ihr hinter das Ohr. Dann schloss ich die Augen und legte meine Lippen auf ihre. Ich umfasste ihren ganzen Kopf, streichelte ihre Wange und spürte, wie sie über meinen Hals strich. Ich hatte mich in Lynn verliebt. Und es war toll, zu wissen, dass ich noch so etwas menschliches vor meinem Tod machen konnte.

Kapitel 18

Ich weiß immer noch nicht so recht, was mich damals dazu gebracht hat, zuerst mit dem Kuss aufzuhören. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass Lynn und ich uns in einem Gefängnis befanden, vielleicht küsste sie aber einfach nicht gut oder ich war derjenige, der hier zu dem Thema noch was zu lernen hatte. Jedenfalls war ich mit einem Satz von unseren Betten runter und hatte mich in eine Ecke gedrückt. Mein Blick lag auf Lynn, wie sie sich, ebenfalls rot angelaufen, die Haare aus der Stirn strich und sich aufsetzte.

Unwillkürlich musste ich auflachen. „Wenn Gott das wüsste.“
„Nenn ihn nicht Gott“, ermahnte sie mich und schabte, wie als wenn sie normal wirken wollte, etwas Schmutz von ihren Nägeln.
„Warum nicht?“, wollte ich wissen.
„Es ist nicht Gott, deshalb.“ Ihre leuchtend grünen Augen streiften meine. „Wenn es wirklich Gott wäre, dann…“
Doch ich erfuhr nie, was dann wäre, denn im selben Moment ging die Tür auf.
Ich hatte dieses Geräusch schon so oft gehört, doch nie kam es mir lauter und unheilvoller vor als jetzt. Wir beide zuckten zusammen und konnten uns nicht mehr rühren. Ich spürte, wie meine Augen immer größer wurden, meine Hände immer schwitziger, mein Kopf immer leerer.
Es war zu Ende mit uns.

Vor uns standen zwei muskelbepackte Arbeiter. Die Uniformen spannten sich über ihren breiten Oberkörpern, ihre Köpfe war kahlrasiert und nur einzelne Haarstummel ragten heraus.
Einer von ihnen hatte eine lange Narbe auf der Kopfhaut. Dieser sprang auf mich zu, bevor ich irgendetwas unternehmen konnte, packte mich an beiden Armen und verrenkte sie auf meinem Rücken. Der andere hatte Lynn am Haarschopf vom Bett gerissen und sie stießen uns jetzt, während wir uns bemühten, nicht laut los zu schreien, den Gefängnisgang entlang. Links und rechts von uns huschten graue Türen vorbei. Von manchen her drangen schauerliche Laute, es war tausendmal schlimmer als in den Wohnblocks. Ich hätte sie jetzt für mein Leben gern eingetauscht.

Ich wurde vor Lynn eine abgeschabte Steintreppe ohne Geländer hinuntergestoßen. Ich stolperte über meine eigenen Füße, fragte mich mit tränenden Augen, ob meine Arme inzwischen gebrochen waren, und als ich von dem Arbeiter, der mich voranschob, mit dem Knie einen Stoß zwischen die Rippen bekam, als ich mich kurz weigerte, weiter zu gehen, unterdrückte ich ein Stöhnen. Wo war Lynn? Ich hörte ihre Schritte nicht mehr. Doch, da war sie. Kurz hinter mir rang sie nach Luft, weil ihr Arbeiter immer noch an ihren langen Haaren zog. Ich wollte fragen, ob alles okay sei, aber ich brachte nichts heraus. In meinem Mund war zu viel Spucke, die ich durch die Hektik nicht runter geschluckt hatte, und das einzige, was ich herausbekam, war ein heiseres Gurgeln. Doch dann stoppten wir ruckartig.

Ich konnte nicht sehen, wo wir waren. Ich starrte nur auf den steinernen Boden, auf dem vereinzelt sogar Löwenzahn in den Ritzen wuchs, weil das Muskelpaket mich am Nacken festhielt und nach unten drückte. Ein Schaben auf Stein, ein Quietschen und Lynns erstauntes Aufkeuchen. Ein erneuter Schritt, diesmal aber in komplette Dunkelheit. Man hörte unsere Bewegungen mehrfach. Ein Echo. Am liebsten hätte ich mich übergeben.

Irgendwo ging ein grünliches Licht an. Es roch ekelhaft, nach Lösemitteln, Blut und… Verwesung. Ich wurde weiter geschubst, mehrere Hände griffen nach mir und zogen mir den Pullover über den Kopf. Ich versuchte, nach ihnen zu beißen, scheiterte aber. Als ich hochgehoben wurde, trat ich um mich und traf sogar irgendein Körperteil. Die Hysterie und die Angst hatten mich blind gemacht, nur ein grüner Schleier lag vor meinen Augen. Ein dumpfes „Uuumpf“, ein Aufschlagen auf den Boden, ein empörter Aufschrei.

Man setzte mich auf irgendwas, drückte meine Glieder runter und drehte mich auf den Bauch. Das Etwas, auf dem ich lag, war eiskalt und ich schlotterte. Mein nackter Oberkörper fühlte sich schwer wie ein Betonblock an, ich war nicht mehr imstande, irgendetwas zu machen und blieb einfach keuchend liegen. Meine rechte Wange war auf dem eisigen Material, und ich musste einfach hinnehmen, dass man mich mit bombenfesten Fesseln dort festmachte.

Ein Zischen. Lynn kreischte.
Das könnt ihr doch nicht machen! Das könnt ihr nicht machen! Er wird sterben!“
Das wollen sie doch auch, Lynn.
Schritte näherten sich mir. Lynns Rufe wurden lauter und verzweifelter. Und dann berührte das Höllenfeuer meine Schultern. Ich brüllte vor Schmerz, zog an den Fesseln, doch sie gaben nicht nach, hörte Lynn meinen Namen schreien, einmal, zweimal, tausendmal, ich spürte gar nichts mehr, mein Körper war erfüllt mit Flammen.

Kochende Eisenstäbe brannten sich in mein Kreuz. Der Schmerz war unberechenbar und kaum mit Schreien zu mildern. Es tat einfach zu weh. Ich riss mir die Haut auf, als ich mir die Fingernägel in die Handfläche bohrte. Mein eigenes Blut troff auf den Boden, meine Zähne wollten bersten, als ich mit aller Kraft auf sie biss. Ich schmeckte Blut. Mein Rücken hatte Brandflecken. Meine Schulterblätter waren durch und durch aufgerissen, die Haut drumherum verkohlt. Doch das schlimmste war: Sie hörten nicht auf.

Lynn hatte inzwischen angefangen zu weinen. Ihr Kreischen war ein armseliges Röcheln, ich nahm wahr, dass sie dem Tod näher war als ich. Gestorben durch Angst. Das war schlimmer als das, was ich gerade durchmachte. Was auch immer das war. Sie setzten das Metall wieder an. Ich war kurz davor, die Stimme zu verlieren, ich brüllte aus Leibeskräften gegen diese Mauer aus purem Schmerz an. Mein Fleisch lag frei, sie hatten sich fast bis zu den Knochen durchgebrannt.
Und endlich – war es vorbei.Vor meinen Augen war alles schwarz. Ich war froh über die Kälte unter mir, denn mein Rücken war ein einziger Feuerball. Aber ich war nicht tot. Was war mit Lynn? Ich konnte sie nicht sehen. Ich konnte gar nichts sehen. Ich war mit meinem Schmerz allein. Und als die Arbeiter irgendetwas auf die offenen Wunden stülpten und Nadeln zum Nähen ansetzten, war ich geistig nicht mehr anwesend. Mir kam es so vor, als sei ich noch in letzter Sekunde gestorben. Aber das stimmte nicht. Ich war einfach nur ohnmächtig.

Kapitel 19

Um mich herum war Stille. Meine Hände griffen ins Leere, als ich die Arme ausstreckte.
Der Schmerz war weg. Nur ein seltsames Gefühl erfüllte mich. Da war etwas unter mir, ich lag auf einem Bett aus Federn. Ich war noch zu erschöpft, um mehr zu erfahren. Ich schlief wieder ein.

Ich erwachte durch einen Druck auf meiner Brust. Bevor ich die Augen aufschlug, hörte ich ein Schluchzen. Etwas nasses floss meine Haut hinunter, ich hatte meinen Pullover immer noch nicht zurückbekommen, und meine Finger berührten einen Ellbogen, als ich sie probeweise krümmte.
Das Schluchzen erstarb mit einem erschrockenen Japsen. Vor meinen Augen flimmerte es. Ich stöhnte, als ich die Lider hochzog, die auf einmal gefühlte zehn Zentner wogen. Eine Hand fuhr über mein Gesicht. Ein Tropfen landete in meinem Mundwinkel und rann meine Kehle herunter.
Es schmeckte salzig. Ich sah zuerst nur verschwommen. Dann klarte es auf und ich erkannte Lynns tränenüberströmtes Gesicht. Auf ihm spiegelte sich erst Abstoßen, dann die pure Erleichterung. Die schlang mir beide Arme um den Hals – ich musste unwillkürlich würgen – und fing wieder an zu heulen. „Ian! Du bist nicht tot!“

Ich wusste zuerst gar nicht, was sie damit meinte. Dann fiel mir wieder alles ein. Wie hatte ich diesen Schmerz vergessen können, diese Krallen, die sich in mein Fleisch bohrten, diese Schreie im Hintergrund. „Was ist passiert?“, reagierte ich perplex. Ich zuckte zusammen, als ich etwas anderes fühlte. Lynns Hand streichelte etwas, auf dem ich lag. Und ich fühlte es. Mit einem Satz stieß ich sie von mir runter, richtete mich auf und spannte die Schultern an. Hinter mir raschelte es. „Nein!“
Ich kam stolpernd auf die Füße.
„Nein!“
Wir waren in demselben Raum, in dem ich Gott getroffen hatte. Nur waren die Stühle nicht mehr hier. Dennoch war er genau so leer und lückenlos. Kein Ausgang.
„Nein!“
Ich schlug gegen die Holzwand, die mir am nächsten war. Sie gab kein bisschen nach. Nur ein wenig wackeln tat sie.
„Nein! Nein! Nein!“
Bei jedem Schlag ein Wort. Ich verschluckte mich an meinen eigenen Tränen. Ein Gewicht an meinem Körper hinderte mich etwas daran, gerade zu stehen. Als ich mich schlagartig umdrehte, fegte etwas schmerzhaft gegen die Wand. Die Flügel.
„Lynn, sag mir, dass das nicht wahr ist!“
Sie hockte auf dem Boden. Ihr Mund öffnete und schloss sich. Ihre Augen glänzten.
„Lynn! Bitte! Sag mir, dass ich das nur träume!“
Ich sank auf die Knie, fiel nach vorne und stützte mich mit den Armen vom Boden weg. Ich schluchzte trocken, beobachtete, wie meine Tränen sich in den Holzboden saugten.

Wir waren schon wieder ohne Hoffnung. Die Flügel drückten mich mit ihrem unheimlichen Gewicht nach unten. Sie waren so schwer. Warum hatte ich noch keine Haut aus Stein?
Wollte Gott mich noch einmal sehen?
„Ich hatte gehofft, dass du, falls du noch lebst, wenigstens so bleiben würdest wie vorher.“
„Lass mich mit dieser Kacke in Ruhe, Lynn! Wir haben grad echt andere Probleme!“
„Und die wären?“
Ich sah auf. Mein Gesicht musste ungefähr so aussehen wie ein Monster, und dementsprechend reagierte auch Lynn. Sie zeigte zwar keine Regung, aber in ihren Augen glimmerte es erschreckt. „Hier habe ich Gott gesehen, Lynn. Das kann nur schlechtes bedeuten. Sie haben uns hierhin gebracht, weil er mit uns reden will.“ Meine Stimme zitterte.

Ich konnte nicht verhindern, dass mein Kinn die ganze Zeit vor sich hin bebte. Ich setzte mich auf den Boden, zog die Beine an und schlang die Arme darum. Mir war kalt. „Wie sehe ich aus?“, fragte ich leise, als würde ich wenig positives erwarten. Einen Moment zögerte Lynn, doch dann antwortete sie, während sie mich musterte. „Du siehst müde aus. Du musst noch ein wenig schlafen, glaube ich.“
„Das hab ich doch nicht gemeint“, erwiderte ich und rang die Hände. „Was mit den Flügeln ist, wollte ich wissen!“ Schon wieder betroffenes Schweigen. Dann fing sie wieder an. „Sie sind wunderschön, Ian.“ Ihr Blick wanderte über meinen Oberkörper und ich verdeckte ihn leicht ärgerlich noch mehr. Seufzend fuhr sie fort. „Sie sind wunderschön, aber sie machen mir Angst. Du siehst aus wie die Statuen. Nur eben am Leben.“
„Du bist sicher, dass ich noch lebe?“, zweifelte ich. „Ich fühle mich ziemlich tot an. So etwas kann man nicht lebendig nennen.“
„Darf… darf ich sie anfassen?“, wisperte Lynn ehrfürchtig.

Sie rutschte langsam auf den Knien zu mir rüber. Ich wandte mich ab und schloss mit gemischten Gefühlen die Augen, als sie begann, sanft über die Federn zu streichen. Es kitzelte, aber für mich war das, als würde es einfach nur schmerzen. Ich fuhr mir durch die Haare, damit sie nicht sah, wie meine Hände zitterten. Ich konnte es nicht ertragen, dass sie das mitansehen musste. Dass sie sehen musste, wie ich starb. Stück für Stück – bis nichts mehr von mir übrig war. „Tut es sehr weh?“ Ich spürte ihren Atem auf der Haut. Ich schüttelte ruckartig den Kopf, weiterhin ohne sie anzusehen. „Die Haut unter den Federn ist ja ganz rot. Du hättest nicht auf den Flügeln liegen sollen.“ Lynn legte ihre Hand unter mein Kinn und drehte meinen Kopf zu sich, sodass ich ihr wohl oder übel in das besorgte Gesicht sehen musste. „Es muss dich viel Kraft kosten“, hauchte sie. „Ich würde das nicht durchstehen. Wirklich nicht. Du bist stärker, als ich dachte.“ Sie knickte meinen rechten Flügel ab und ich gab einen unterdrückten Schmerzenslaut von mir. „Ich mach dir das. Warte.“

Sie küsste mich flüchtig auf die Wange und griff dann in ihre Tasche. Ich schielte hinunter. Sie holte eine unscheinbare Dose heraus. Diese schraubte sie auf und ein ekelhafter Geruch stieg mir in die Nase. „Püah“, machte ich. „Was zum Teufel ist das denn?“
„Hör auf zu reden.“ Sie tat ein wenig von der glibbrigen Konsistenz auf meine Flügel. Es war angenehm kühl. „Das ist schmerzlindernd. Ich wusste nicht, dass ich das noch brauchen würde. Die Arbeiter haben es mir seltsamerweise nicht abgenommen. Dafür haben sie aber mein Messer und meinen Bogen. Es… es war so schrecklich eben… da war überall Blut… ich war mir sicher, dass du stirbst.“ Sie verstrich das ganze bis in die letzte Fuge und ließ die Dose dann wieder in ihren Rock fallen.

Eine Weile starrten wir uns an. Ich wusste nicht, ob ich ihr nun danken sollte oder nicht, und sie erwartete es wohl. Doch ich kam nicht dazu, irgendetwas zu sagen. Von irgendwoher kam ein Beifallklatschen. Lynn wirbelte herum – und wurde wie von Geisterhand von den Füßen gerissen. Sie schrie auf, wand sich in einem unsichtbaren Griff. Sie schwebte unmittelbar vor mir in der Luft, fasste sich an die Kehle und bekam keine Luft mehr. Entsetzt sprang ich auf, fand überraschend schnell meinen Gleichgewichtssinn und wollte nach ihr greifen, doch ihr Körper schwenkte nach hinten, von mir weg, und ich wäre fast gefallen. Aus dem Schatten löste sich die Gestalt eines Mannes.

Eines in die Hände klatschenden, selbstgefälligen Mannes, der ein entzücktes Gesicht machte und einen makellosen Anzug trug. Eines Mannes mit starrend blauen Augen.
„Bravo. Bravo.“ Seine Stimme verursachte eine Gehirnkälte. „Ich wusste gar nicht, dass du auch Talent zum Schauspielern hast, Ian.“
„Was wollen Sie damit sagen, Sie dreckige Missgeburt, Sie…“
„Schweig!“ Meine Kehle zog sich zusammen, ich bekam keinen Ton mehr heraus. Gott wandte sich wieder Lynn zu, die hilflos in der Luft zappelte. „Armes Mädchen. Warum bist du nur auf so einen billigen Trick hereingefallen?“ Obwohl sie gerade um ihr Leben kämpfte, warf sie mir einen fragenden Blick zu und strampelte weiter. „Ian hat dich belogen, Mädchen. Siehst du – wir haben dich belogen.“ Nein, wollte ich schreien, nein, er lügt, glaub ihm kein Wort...

Doch Gott fuhr unbeeindruckt fort und sah mich triumphierend an. „Er war die ganze Zeit mein Diener, dein Ian. Er tat, was ich von ihm verlangte – er sollte dich einlullen, damit ich dich ohne Sorge töten kann – und mit dir deine verabscheuungswürdige Bande.“ Ich wollte einen Schritt auf ihn zu machen, ihm den Kopf abreißen, diesen ekelerregenden, hässlichen, entsetzlichen Kopf, der ihr Lügen erzählte – doch er hatte mich gelähmt. Ich konnte mich nicht bewegen. Gott reckte den Arm nach oben Richtung Lynn und ballte die Hand zur Faust. Sie schrie auf, anscheinend zog sich auch ihr Hals enger. Sie wand sich und ich hatte solche Panik, dass ich fast umkam. Nun wandte er sich an mich, mit einer Stimme zischend wie eine Schlange.
„Entweder du schließt dich mir an, als eine Waffe…“, erneut kreischte Lynn, „ …oder sie stirbt.“ Ich überlegte fieberhaft. Natürlich hatte ich meine Entscheidung längst getroffen, aber damit machte ich alles kaputt, was ich versucht hatte mir aufzubauen.

Ich merkte, wie er meine Stimme freigab. Ich musste mich jetzt nur noch äußern… Doch es dauerte ihm anscheinend zu lange. Er ließ Lynn wie eine gekappte Marionette auf den Boden knallen, wo sie mit einer blutenden Unterlippe versuchte aufzustehen, war mit zwei Schritten bei ihr und hatte sie in einem Würgegriff gepackt. Ich sah, wie ihr Kopf immer röter anlief und sie vergeblich versuchte, sich von ihm zu lösen. Er nahm ihren Piercing zwischen zwei Finger und riss ihn mit einem Ruck von ihrem Ohr.

Sie jaulte vor Schmerz auf. Blut lief ihr Ohr hinunter und auf seinen Anzug, aber es störte ihn herzlich wenig. Ganz ruhig hielt er den blutigen Piercing in der Hand und beobachtete fasziniert, wie die roten Tropfen von seinen Fingern fielen. Dann schaute er mich wieder mit einem wahnsinnigen Ausdruck in seinen Augen an – und grinste. „Du hast es gesehen. Entscheide dich.“
„Ich – ich bin dabei!“, keuchte ich und rannte zu Lynn, als er sie zufrieden losließ – keinen Moment zu spät. Ich presste sie fest an mich und sie klammerte sich an meine Arme, als würde sie jeden Moment bewusstlos werden. Irre lachend drehte er sich im Kreis und streckte die Arme aus wie ein kleines Kind. Er legte so etwas wie einen Freudentanz hin. „Ich hab ihn! Ich hab ihn! Ich hab ihn!“, sang er.

Ich versuchte, nicht auf ihn zu achten, und hielt Lynn weiterhin an mich gedrückt. Sie schluchzte ungehemmt auf mich ein. „Sei ganz ruhig“, beruhigte ich sie, während sie immer noch leise vor sich hin wimmerte. „Der Schmerz geht vorbei. Er hat dir Lügenmärchen erzählt. Es ist alles Dreck, was aus seinem Mund kommt, hörst du? Nichts ist wahr. Ich liebe dich.“ Sie schluckte schwer – und nickte. Doch mit Gott hatte ich nicht gerechnet. Er warf den Piercing in einer Ecke, kam auf uns zugeschlendert und riss uns mit ungeahnter Kraft auseinander.
„Du kommst mit“, sagte er gelassen und nahm mich am Arm. „Aber mit dir kann ich nichts mehr anfangen.“ Er legte einen Zeigefinger auf Lynns Stirn. Von der Stelle, wo er sie berührte, flossen schlagartig graue Adern über ihr Gesicht – und sie glitt reglos zu Boden.
„LYNN!“, schrie ich entsetzt und versuchte, mich von ihm loszueisen. Doch es war natürlich unmöglich. „LYNN! LYNN!“
„Ruhig, Junge. Deine kleine Freundin hat es nicht anders verdient.“
Mein Blick verschwamm. Sie war tot. Das konnte doch einfach nicht wahr sein.
Lynn.

Kapitel 20

Mir ist nicht ganz klar, wie wir aus dem Raum ohne Tür gelangten. Vielleicht setzte er seine Tricks ein, vielleicht war dort doch irgendwo ein Ausgang. Mir fällt grade auf, wie viele Vielleichts ich schon benutzt habe. Ganz recht, meiner eigenen Geschichte traue ich nicht.
Vielleicht bin ich zu dumm dafür. Ha. Schon wieder. Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, befanden wir uns auf einer Wiese vor einem Wald. Gott hielt immer noch meinen Arm, aber ich versuchte schon gar nicht mehr, ihn loszuwerden. Ich wusste, dass es ein aussichtsloser Kampf war. Stattdessen schabte ich mit dem Fuß über das vereiste und zugeschneite Gras und fröstelte. Mit Pullover war es schon mehr als kalt gewesen, aber ohne raubte mir fast den Verstand. Ich sah auf und schlagartig wurde mir bewusst, wo ich war. Das war mein Zuhause. Hier war ich geboren.

Vor dem Fichtenwald stand ein kleines Häuschen mit halb getrocknetem Schnee auf dem Dach.
Ich schlang die Arme um den  freien Oberkörper, bibberte und meine Zähne klapperten. Ich hätte vielleicht geweint, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es eh nichts bringt. Das Häuschen war ziemlich eingefallen. Recht windschief stand es da, mit einem zerbröckelten Schornstein und vermoderten Holzstücken. Die Dachziegel lösten sich langsam, ebenso wie die rote Farbe an der Tür. Ein Rauschen ging durch die Bäume und etwas klimperte. Als ich meinen Kopf in diese Richtung wandte, sah ich ein gelbes Vogelhaus, das an einem Ast vor sich hin baumelte. Daran war eine kleine Messingglocke befestigt. Der Schnee knirschte, als Gott, der anscheinend nicht frierte, ein wenig umherstapfte, ohne wirklich wegzugehen. Er reckte den Hals und blinzelte in die Wintersonne, die zwischen den vereisten Blättern auf uns herunterschien. Er schien sich zu amüsieren wie ein Schulkind.

Mein Gesicht wurde wutrot, ohne dass ich es merkte. Inzwischen schlotterte ich so heftig, dass man mich für jemanden hätte halten können, der Ganzkörper-Parkinson hatte. Er sollte erfahren, was es bedeutete, Reue zu zeigen. „Schön, nicht?“ Gott bückte sich, löste etwas Schnee vom Gras und zerrieb ihn zwischen den Fingern. Ihm hing wie mir der Atem in weißen Nebelwolken vor dem Gesicht. Während der feine Schneezucker von seiner Hand hinunterrieselte, ließ er mich nicht aus den Augen. Eine Art von Herausforderung spiegelte sich darin. Als ich nichts sagte, sprach er einfach weiter. „Leider ist hier seit dreizehn Jahrend niemand mehr…
Lebendes. Niemand lebendes.“

Sind die Leichen meiner Eltern etwa noch da? Meine Flügel waren unglaublich schwer.
Gerade jetzt, wo es auch so unglaublich kalt war. Ich wusste weiterhin nicht, was ich sagen sollte. Nicht nur, weil sich meine Zunge anfühlte, als sei sie eingefroren. Immer wieder hörte ich in meinem Hinterkopf den Satz, den Lynn nie zu Ende geführt hatte.  Wenn es wirklich Gott wäre, dann...

„So, Ian.“ Er seufzte und sah mich grinsend an. „Wir arbeiten also jetzt zusammen.“ Es war eine Feststellung. „Doch es gibt einige Regeln, die du beachten musst. Keine Fragen.“
Unmerklich ruckte ich mit dem Kopf, es hätte auch zum Zittern gehören können. Doch er nahm es als Nicken. „Du lässt alles zurück.“ Was habe ich zurück zu lassen, das nicht schon weg wäre?
„Du machst nichts hinter meinem Rücken.“ Er kam mir näher. Ich schlotterte stärker.
„Du wendest dich nicht mehr gegen mich.“ Seine Augen waren ein unüberwindliches Hindernis.
„Du tust, was ich dir sage – zieh das an.“ Achtlos warf er von irgendwoher ein weißes Hemd in den Schnee und sah mir belustigt zu, wie ich es hastig aufhob und versuchte, es anzuziehen. Die Fügel waren im Weg. Ich starrte ihn an, das Hemd halb in meiner Hand aufgeknöpft, eine Seite halbwegs ordentlich um meinen Bauch geschlungen. Es passte nicht.

„Och, hab ich dir was falsches gegeben?“ Er gluckste amüsiert und schien nicht daran zu denken, wie ich mich jetzt fühlte. Er blieb einfach da stehen. Und mir waren die Flügel im Weg. Ich spürte die Scham in mir aufkriechen, die Erkenntnis, dass ich halbnackt im Schnee stand, mit einem Kleidungsstück in der Hand, das mir nicht passte. Und vor mir stand Gott und suhlte sich in Schadenfreude. Ich wurde sauer. Immer mehr. Ich schaffte es kaum noch, dies zurückzuhalten.
Und wie wütend ich war.  Er hatte Catherine umgebracht, er hatte Lynn getötet und auch fast mich. Er verdiente es zu sterben. Ich fühlte meine Fingerspitzen kribbeln. Ich konnte auch ihn töten. Es wäre ganz einfach. Kracks, Hals umdrehen, und zack,  er liegt tot im Schnee. Aber es war Gott.

Wäre es Gott, dann… Ich machte einen Satz auf ihn zu und er wich überrascht zurück. Auf meinem Gesicht spiegelte sich nun pure Mordlust, meine Augen funkelten, in meinen Wangen pulsierte es und in meinen Ohren rauschte das Blut. Ich wollte weg hier. Ich wollte ihn hier sterben sehen. Hier, wo er meine Eltern hatte ermorden lassen. Ich ignorierte die Kälte, streckte die Arme aus und schlug nach ihm aus. Er duckte sich mit dem blanken Entsetzen auf dem Gesicht. Ich trat nach seinen Knien, zwischen seine Knie und nach allem, was ich von ihm erreichen konnte. Es dauerte nicht lange, schon lagen wir unten auf dem weißen Teppich und wälzten uns angestrengt. Mal war er oben, mal ich.

Immer, wenn ich unten lag, tat es weh. Meine Flügel wurden eingequetscht, mein ganzes Gewicht war auf ihnen drauf und ich biss die Zähne zusammen und befahl mir, nach oben zu sehen. Von einer Sekunde zur anderen war er nicht mehr schlohweiß, sondern rot angelaufen. Er war kein guter Ringer, und das nutzte ich aus. Als er sich jedoch in meinen Haaren festkrallte und einen erquicklichen Büschel ausriss, schrie ich vor Schmerz auf. Aber es waren nur Haare.
Blöd war nur, dass er keine besaß… Haare machten mir nichts aus. Sie wuchsen eh wieder nach.
Nur der Mann, der seine Kräfte mit mir maß, war das Problem.

Ich hatte Angst, er könnte seine Tricks einsetzen, um zu gewinnen, doch das erwies sich als falsch. Er schien wie leergepumpt. Das einzige, was er mir bescherte, war eine kahle Stelle am Kopf. Ich kratzte ihm über das Gesicht und versuchte, so oft wie möglich an seinen Hals zu kommen. Bald waren wir beide voller Schnee, der langsam an unseren Körpern schmolz. Er war nicht zu unterscheiden von dem Schweiß, der sich auf meinem Oberkörper sammelte. Ich presste ihn an einen Baum und ließ seinen Kragen nicht los. Ich war größer und kräftiger als er. Er sah mich an wie jemand, der bevorsieht, dass er stirbt.

Und dann wusste ich es. Wenn es wirklich Gott wäre, dann könnte er nicht sterben. Meine Finger schlossen sich um seine Kehle und drückten so fest zu, dass nur noch ein leises Gurgeln aus seinem Mund kam. Er rutschte den Baumstamm hinunter und blieb auf den Wurzeln liegen. Die Schultern eingezogen, die Augen weit aufgerissen, beide Beine von sich gestreckt. In seinem geöffneten Mund landete etwas Schnee, als ich mich an einem Ast festhielt, von dem ein bisschen herunterfiel. Ich habe Gott getötet. Aber es ist nicht Gott. Ich lächelte, kickte gegen seine Schuhe und beobachtete zwei Raben, die auf seiner Glatze landeten. Dann drehte ich mich torkelnd um und schlurfte über den aufgewühlten Schnee. Ich wollte nicht in das Haus. Ich wollte es einfach nicht mehr sehen. So gut wie blind irrte ich durch die Gegend. Es gab einen Trampelpfad, der durch zwei kahle Felder führte. Ich bin in der Menschenwelt. Laut lachend fing ich an zu rennen, obwohl die kalte Luft mir umso mehr entgegenschlug.

Kapitel 21

Er hielt sich für Gott, Ian. Er hatte Helfer, die alles so aussehen ließen, als wenn er allmächtig war. Er ist wahrscheinlich nur ein Mensch, der seine Arbeit zu ernst genommen hat.
Ich war in der Stadt angekommen. Die Leute sahen mich ungläubig an, nahmen ihre Handys raus und machten Fotos von mir, doch ich schlang nur am Ende meiner Kräfte die Arme um den Oberkörper und tastete mich mit den Füßen vor. Ich spannte die Flügel an, sobald es zwischen den Menschen etwas enger wurde, was erneut immer wieder zu „Oooh“s und „Aaaah“s führte.

Kleine Kinder versteckten sich vor mir hinter ihren Müttern, die sie wegzogen. Alle starrten entweder auf meine Nase, meine Stirn, meine nackte Haut oder die Flügel, die aus meinen Schultern herausbrachen und wirklich, wirklich riesig waren. Auf einem Marktplatz mit einer Kirche, dem Rathaus und einem zugeschneiten Brunnen in der Mitte klappte ich schließlich zusammen.

Um mich herum sammelten sich die Leute, riefen aufgeregt einen Krankenwagen an oder machten erneut Bilder. Mir war schwindlig, schlecht, übel. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich spürte nur noch das Gefühl auf meinen Händen, wie sein Genick gebrochen war. Dieses scheußliche, fürchterliche Knacken. Und dann hatte er aufgehört zu atmen. Ich hörte die Sirene des Wagens – und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Kapitel 22

Ich wusste, dass ich starb.
Doch ich bin immer noch nicht tot.
Mein Leben zieht an mir vorbei – und ich ziehe mit.
Ich habe keine andere Wahl.
Während ich dir diese letzten 195 Seiten erzählt habe, hast du wahrscheinlich gedacht, der Autor dieses Buches hätte eine Schraube locker.
Doch alles ist wahr.
Ich bin gespannt, wann diese Idioten erfahren, dass ihr Führer tot ist.
Vielleicht wussten sie nicht einmal, dass er nicht wirklich Gott ist.
Und so kann ich getrost mein letztes Gebet sprechen, und wissen, dass es nicht zu einem wahnsinnigen Glatzkopf kommt.
Irgendwo da draußen ist er.
Der Herr.
Und ich bin hier, an eine Infusion angeschlossen, höre das Piepsen einer Krankenhausmaschine und besorgte Stimmen,
die Theorien über meine Flügel anstellen.
Gleich bin ich tot.

Ich muss entschuldigen, dass das jetzt das letzte Kapitel meines Lebens ist.
Ich sterbe mit fünfzehn Jahren, und weiß noch nicht einmal,
ob das der letzte Abschnitt der Mauer ist.
Sie wird fallen.
Irgendwann.
So wie alles irgendwann fällt.
Wenn die Welt untergeht.
Aber wie kann das sein? Für mich ging sie unter, als Lynn starb.
Wenn der Himmel existiert, werde ich sie sehen.
Nicht als Engel.
Sondern als Mensch.
Ich war immer einer.
Ich habe es nur nie gewusst.
Alles war nur eine richtig fette Lüge.
Jetzt weiß ich also, wie sie sich gefühlt haben.
Meine Eltern. Lynn. Catherine.
Ich werde alle sehen, kann mit Catherine reden, Lynn küssen und Mom und Dad umarmen.
Da oben im Himmel.
Piep.
Piep.
Piep.
Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeep.
Ich sehe sie.

Epilog

„Die Flügel sind angenäht!“
„Wie, angenäht?“
„Na, angenäht eben!“
Sie sah ihn ungläubig an. „Ist das Ihr Ernst?!“
Er starrte belustigt zurück. „Sie haben doch wohl selbst nicht geglaubt, die seien nur eine Karnevalsverkleidung, oder?“
„N-Nein, natürlich nicht, aber…“
„Na also.“ Dr. Thompson rückte sich den weißen Kittel zurecht und kräuselte seinen Mund zu einem überlegenen Lächeln. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf seiner Glatze, seine Brille baumelte ihm von einem Band auf die füllige Brust.

Ihr Blick glitt zu der jugendlichen Leiche auf dem Krankenbett. Sie hatten kaum geschafft, dem Jungen etwas in der Richtung von einem Totenhemd anzuziehen, aber nur, weil sie die Flügel so oder so nicht abnehmen wollten.
„U-Und sonst noch?“
„Ein seltsamer Mikrochip im Großhirn. Rechte Seite.
Etwas oberhalb vom Kleinhirn. Verbunden mit Nasenscheidewand und ein paar Nerven. Wir sind gerade dabei, ihn zu analysieren. Oder besser: Wir werden einfach nicht schlau aus dem, was der Computer uns ausspuckt.“
Dr. Thompson hielt ihr einen schweren Stapel Kopierpapier hin, den er vom Nachttisch wuchtete.

Mit gerunzelter Stirn ging sie ihn durch. Die Lehramtstelle im Krankenhaus hatte schon viele Vorteile mit sich gebracht, einschließlich des fotografischen Gedächtnisses, das sie schon bald bekommen hatte. Sie stutzte.
„Das ist ja fast wie ein Tagebuch.“
„Stimmt.“ Er setzte sich die Brille auf. Ein scheußliches Teil war es, rot gemustert, wie ein Frauenmodell.
„Doch warum hat der Chip es aufgezeichnet?“
„Und wie kam der Chip überhaupt da rein?“, setzte sie hinzu und blätterte weiter. Der ganze Packen wog mindestens drei Kilo, wenn nicht sogar mehr.
„Das wissen wir inzwischen. Dem Kleinen fehlte ja der Nasenflügel. Es wurde ihm in den Kopf ge…spritzt.“
Entsetzt sah sie ihn an.
„Oh Gott! Wie lang ist der denn schon da drin?!“
„Circa zwölf Jahre, so, wie er reingewachsen ist.“

Es fehlte nicht viel, und sie hätte sich übergeben können.
Um dem zu entgehen, schaute sie dem Jungen wieder sprachlos in das starre Gesicht. Hübsch war es eigentlich. Bis auf die zwei Narben. Die eine an der Nase, die andere auf der Stirn.
„Ich hätte gedacht, ihm hätte jemand das Ding durch diese Narbe da…“
„Nein, falsch.“ Er unterbrach sie schon das sechzehnte Mal an diesem Tag. Sie hatte sich angewöhnt, mitzuzählen.
„Die Narbe kommt von etwas anderem. Er hatte Spuren von Metall in der Wunde, anscheinend hat man ihn vorher schon mal operiert.“
„An was denn?“
„An dem Mikrochip.“ Und er hielt den blutverschmierten Chip fachmännisch mit einer Pinzette hoch. Er lag auf einem Tablett, ebenfalls auf dem Tisch.

Sie musste würgen. „Und… und war das hier alles, was der Chip aufgezeichnet hat?“
„Ja. Es ist sein ganzes Leben. Alles, was er je gesagt und gedacht hat. Eigentlich geht es noch ein bisschen weiter, wir haben noch einen dicken Stapel im Büro liegen. Das hier sind die Jahre drei bis acht.“
„S-Sein Alter?“
„Na aber sicher doch. Komischerweise haben wir vor Jahr drei gar nichts. Nada. Niet.“ Er schüttelte betrübt den Kopf.
„Der arme Kerl tut mir so Leid, obwohl ich nicht mal weiß, was ihm zugestoßen ist. Fünfzehn Jahre Leben – und dann so etwas? Nein. Ich finde es ja schon schlimm, wenn Menschen in diesem Alter sterben. Aber wenn sie auf diese Weise sterben, ist es ja gleich noch schlimmer.“
„Wie starb er noch mal?“, fragte sie konfus.
„Er hatte einen Nervenzusammenbruch. Wenn man es so nennen kann. War wohl wahnsinnig, der Junge. Hat irgendwas schlimmes erlebt, irgendeinen Schlag, und dann… puff.“
Sie fand, dass Puff nicht das beste Wort war, um so etwas zu beschreiben, hielt aber vorbildlich den Mund.  Gestorben durch Angst? Unvorstellbar.

Als Dr. Thompson aus dem Krankenzimmer trat, er hatte schließlich noch andere Patienten, zog sie einen Stuhl vor und setzte sich vor das Bett. Eine Weile sah sie nur den toten Jungen mit den Flügeln an, die sie umständlich an beide Seiten des Bettes hatten binden müssen, damit sie nicht zu sehr abstanden, doch dann legte sie die erste Druckerseite um und begann, ihm vorzulesen.
Ich lese ihm etwas aus seinem Leben vor, dachte sie und wischte sich die Tränen weg.
Wo sind Mummy und Daddy? Ich will hier weg. Es rumpelt so sehr, ich bekomme Bauchschmerzen. Wo bringt er mich hin?
Ich bin noch nie geflogen. Wo bringst du mich hin?
Ich will da nicht hin, Mister! Hallo! Hallo! Hallo!
Ich weine. Hallo!
Er hört nicht.
[…]

Da steht er schon wieder. Ich habe Angst vor dem Messer.
Ich schreie. Weine. Schlage ein bisschen. Er ist stärker.
Ich komme auf seinen Schoß, kühles Metall an meiner Nase,
doch es ist so scharf. Schmerz. Ebenso kalt wie das Messer.
Ich schreie noch lauter. Ich spüre, wie das nutzlose Stück Fleisch aus meinem Gesicht fällt, fühle, wie mein Blut rinnt. Mamaaaaa! Papaaaa! Will nich, will nich, will nich, Mama! Papaaaaa!
Wo seid ihr? Warum seid ihr umgefallen? Neeiiiiin! Aaaaah!
Das tut weh! Das brennt! Irgendetwas ätzt sich in meine Nase. Ein Summen, ein Klacken, ein Stück Plastik in der neuen Lücke. Tick.
Pom. Pom. Pom. Pom.

Herzschlag, dachte sie.

Ein Stück weiße Wand. Ich liege. Ich lebe.
Ich will mit Mama spielen.
Aber sie ist weg.
[…]

3 Kommentare

Schneewittchen am 31. März 2014

Hannahhh) Ich liebe deine Story noch genauso wie am ersten Tag! So schön, dass wir uns mal wieder begegnet sind hahah Man läuft sich immer zwei mal im Leben über den Weg Glg Schneewittchen Man hört bestimmt noch mal von sich

Schneewittchen am 29. Oktober 2013

@fire: Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass man das Buch noch nicht irgendwo veröffentlicht haben darf, um es in einem Verlag zu veröffentlichen. Keine Ahnung, ob das stimmt Liebe Grüße!

fire am 9. Oktober 2013

ach hannah, WIE ICH ES LIEBE!!! ich könnte das noch so oft lesen; bitte bitte, bitte, finde endlich einen verlag, ich will das ganze endlich gebunden in den händen halten können ^^