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Charlotte Rohr

Fuchsfee - Finstere Seele

Prolog in dem zwei Fuchsfeen geboren werden

Der Wind strich mit unsichtbaren Fingern über das Wasser, sodass sich kleine Wellen bildeten. Die Nacht lag über dem Ort wie ein schwarzes Tuch. Nur die zwei Monde unterbrachen das dunkle Firmament wie zwei Silbermünzen. Das Wasser, das sich beständig kräuselte, befand sich in einem See. An seinem Ufer wuchsen mächtige Weiden, die sich darüber neigten. In der Dunkelheit wirkten sie wie uralte Wächter, die diesen Ort beschützten. Auf der Oberfläche des Sees schwammen weiße Lilien. Sie blühten nur wenn es dunkel wurde und hießen die Nacht willkommen. Die schönen Blumen trieben wie herab gefallene Sterne auf dem dunklen Wasser, das mit sachten Wellen die Insel umspülte, die in seiner Mitte schwamm.

Es war eine ganz besondere Nacht. Die Luft schien von Energie zu erzittern und die zwei Monde wurden immer heller, als würde eine geheimnisvolle Macht ihnen die Kraft zum Leuchten entziehen. Das ehemals schwarze Wasser begann sich zu verfärben. Es wurde rot, als hätte man dem See eine Wunde zugefügt, dessen Blut nun an die Oberfläche trieb. Die rote Flüssigkeit tanzte auf den Wellen, streckte ihre blutigen Finger nach allem aus. In dem roten Wasser bewegten sich zwei Gestalten. Sie waren so eng umschlungen, dass man sie kaum erkannte. Das Mondlicht fiel auf ihre geschlossenen Augen und die spitzen Schnau-zen. Mehrere Schweife umhüllten die Wesen, die langsam an die Oberfläche trieben. Dann teilte sich das Wasser und zwei Füchse kletterten auf die Insel. Sie wirkten merkwürdig erschöpft und benommen, als wären sie gerade erst aus einem Traum erwacht. Die beiden Füchse schüttelten sich das Wasser aus dem Fell, das in Strömen ihre wunderschönen Leiber hinab rann. Müde ließen sie sich ins Gras gleiten und musterten den Himmel über ihnen. Vor allem die zwei Monde wurden von ihren bernsteingoldenen Augen genau verfolgt.

Die eine Füchsin hatte ein orangerotes Fell wie die Morgendämmerung. Die Pfoten waren dunkelbraun, als hätte sie sie in flüssige Schokolade getaucht. Sechs Schweife wanden sich um ihren Leib wie feurige Schlangen. Ihre Schwester sah ganz anders aus. Das Fell war flammend rot, fast als hätte man Blut in Brand gesteckt. Die Pfoten waren schwarz wie die Nacht. Ihre neun Schweife schossen wild um sie herum. Während die Seele ihrer Schwester so hell wie Sonnenlicht war, war die ihre so dunkel wie die finsterste Nacht. Das Wasser hatte zwei Fuchsfeen geboren. Zwei Seelen, die unterschiedlicher nicht sein konnten.

Kapitel 1 in dem Doomoraga eine Fuchsfee aus Rinde sieht

Der Wind strich über Doomoragas Kopf und weckte sie mit einem leisen Wispern. Die Fuchsfee hob den Kopf und riss sich nur widerwillig aus dem Reich der Träume. Ich liebe es zu träumen. Die Träume waren Botschaften aus der Zukunft. Die Zukunft, die in der Vergangenheit beschlossen worden war. All die Dinge, die versteckt waren in den unergründlichen Falten der Zeit. Nur die Träume wussten von ihr und sie verrieten ihr so viel mehr als jedem Menschen oder anderen Wesen. Vielleicht weil Zeit nichts bedeutet, wenn man unsterblich ist. Doomoraga stand auf. Mit den Pfoten scharrte sie die Moosreste zusammen, die ihr Bett bildeten. Ihre Augen schweiften nachdenklich die Umgebung. Sie glaubte die beiden Personen immer noch vor sich zu sehen.

Zwei Mädchen. Die beiden hatten eine hellweiße Haut gehabt und grüne Augen. Magie floss wie kühles Wasser durch ihre Leiber und die Fuchsfee wusste nicht, was sie mit dem, was sie in ihrem Traum gesehen hatte, anfangen konnte. Darüber denke ich später nach. Doomoraga trat aus den Schatten der Bäume hervor. Die Blätter der herab hängenden Zweige waren so grün, als wären sie gerade erst aus der Knospe gesprossen. Tautropfen glitzerten wie flüssige Diamanten darauf. Das Gras war kühl und fühl-te sich wie feucht gesogenes Moos unter ihren Pfoten an. Dazwischen wuchsen Glockenblu-men, die so blau wie der Abendhimmel waren. Ihr Duft machte Doomoraga träge. Fast als spürten sie die Zeit nicht.

Wütend schüttelte Doomoraga den Kopf und nieste um den Duft aus ihrer Nase zu vertreiben. Fuchsfeenzauber. Es war eine schlichte Magie, die an den Blüten haftete wie Pollenstaub. Doch wenn man den Duft zu tief einatmete, so konnte man alles um sich herum vergessen. Wenn man ein Mensch ist. Doch die Fuchsfeen wurden allenfalls etwas träge. Doomoraga stolzierte durch das Blumenmeer. Ihre Schweife waren ruhig über ihren Rücken geringelt. Sie war die einzige Fuchsfee, die neun Schwänze hatte. Alle anderen hatten höchs-tens acht. Einige mögen das ja nicht sehr. Ein spöttisches, fast höhnisches Lächeln kräuselte Doomoragas Lippen. Die anderen Fuchsfeen fürchteten ihre Macht und machten einen riesigen Wirbel darum. Sie sind einfach nur neidisch.

Die Fuchsfee hielt inne. Sie hatte den Wald, der die Insel bedeckte, verlassen. Dicht vor ihr erstreckte sich der Strand. Der Sand sah aus wie pulverisiertes Elfenbein. So schön. Am Ufer hockte eine Person. Ihr Haar hatte die Farbe der Morgendämmerung und ihr Kleid schien aus demselben samtigen Pelz wie der von Doomoraga gewebt. Ihre Augen waren hellblau wie zwei Lapislazuli-Steine. Miranda, meine Schwester. Doomoraga lachte leise, weil es gar nicht stimmte. Sie bezeichne-te Miranda nur deshalb als Schwester, weil sie am selben Tag aus dem See gestiegen war. Doomoraga seufzte. Als sie ausatmete, lockerte sich das Fuchsfell um ihren Leib. Ihr Körper begann sich zu strecken. Das Fell passte sich der Bewegung an und versteifte sich zu einem Kleid. Die Schnauze und die spitzen Ohren wurden kleiner.

Schließlich hatte Doomoraga die Gestalt eines jungen Mädchens mit buschigem, rotem Haar und schwarzen Augen angenommen. Das Kleid, das ihre übernatürlich schöne Gestalt bedeck-te, schimmerte im Mondlicht wie das Fell der Füchsin und sein Stoff schien aus demselben samtigen Haar gewebt. Die Lippen der Fuchsfee verzogen sich zu einem heimtückischen Lächeln. Mit lautlosen, geschmeidigen Schritten schlich sie sich von hinten an Miranda heran, die nichts ahnend mit einer Hand im Wasser rührte. Nur der Fuchsschweif, der bei der Verwandlung dageblieben war, zuckte gelegentlich hin und her. Doomoraga stieß ein leises, knurrendes Geräusch aus. Dann riss sie die Arme ruckartig nach vorne. Miranda kreischte erschreckt auf, als eine geballte Welle aus Macht gegen ihren Rücken rauschte und sie ins Wasser katapultierte.

Ihre dunkle Schwester lachte auf und das Feuer in ihren schwarzen Augen tanzte in hämischer Freude. Das war lustig. Miranda wandte sich um. Das Wasser reichte ihr bis zur Brust und das Haar klebte nass in ihrer Stirn. "Sehr witzig, Schwester", knurrte sie und stieg nach drau-ßen. Doomoraga lachte leise. Miranda schnaubte genervt. Die hellhaarige Fuchsfee bewegte eine Hand und das Wasser, das ihre Arme und Beine hinunter rann, flog in hohen Bögen zurück in den See. Die ehemals feuchte Haut und das nasse Haar trockneten wie durch einen sanften Windhauch.

Doomoraga blickte ihre Schwester an. Ein spöttisches Grinsen ummalte ihre Züge. Miranda knurrte vor sich hin und warf den Kopf zurück, sodass ihr Haar wie eine Flut aus Feuer ihren Rücken hinab rann. Sie versteht einfach keinen Spaß. Die Empörung und Wut, die in den hellblauen Augen flackerten, ließ die blutrothaarige Fuchsfee kalt. Miranda stieß ihrer Schwester die Hände in die Brust. "Musst du mich ständig ärgern?", fragte sie zornig. Doomoraga zuckte die Schultern. "Das war doch nur ein kleines Spiel", war ihre Antwort, "Ich habe mich gelangweilt und wusste nicht, was ich tun sollte." Doch die Füchsin in ihr lachte leise und eine gewisse Genugtuung durchströmte Doomoraga angesichts der zornigen Miranda.

Ihr Gegenüber wischte sich Schlammreste von den Armen. "Das ist deshalb noch lange kein Grund mich hinterrücks zu überfallen", grummelte sie, "Was soll man nur mit dir machen? Du bist wild, ungestüm und unberechenbar. Du weißt, die anderen und ich auch hassen es, wenn du mit uns spielst wie mit einem Spielzeug." Doomoraga lächelte. Genau deswegen mache ich es doch. Doch sie verzichtete auf diesen Kommentar.
Miranda legte sich mit ausgestreckten Armen auf den Rücken. Doomoraga legte sich neben sie und die beiden starrten den Himmel an. Die Sterne schimmerten wie Frostspritzer am tintenschwarzen Firmament. Die zwei Monde leuchteten auf die beiden Fuchsfeen hinab. Doomoraga schloss die Augen. Das Licht des Mondes berührte ihre Wangen, ihre Stirn, die Lippen. Es glitt in ihren Körper und eine kalte, aber dennoch sanfte und milde Energie machte sich in ihr breit. Die Fuchsfee wusste, dass sie für sehr starke Zauber genügend Energie sammeln musste. Das Mondlicht war nur eine der vielen Quellen, die den Fuchsfeen zur Verfügung standen.

Nach einer Weile setzte Doomoraga sich auf. Sie blickte auf die andere Uferseite. Eine dünne, grüne Linie, die eingerahmt wurde von mächtigen Weiden, die sich dem Wasser zuneigten. Der Wind bewegte die herabhängenden Zweige und erzählte von Glück, Liebe, Angst und Tod. Von Dingen, die Doomoraga nur in ihren Träumen gesehen hatte. "Warst du jemals dort?", fragte die Fuchsfee. "Was?" Miranda setzte sich auf und blickte sie mit ihren blauen Augen an. Doomoraga zeigte auf die Uferseite. "Dort meine ich", sagte sie, "Auf der anderen Uferseite." Miranda schüttelte den Kopf. "Nein. Wozu auch?", murmelte sie.

Doomoraga schlang die Arme um ihre Knie und legte den Kopf auf die Handrücken. Ihre Augen hingen verträumt auf der anderen Uferseite. "Ich würde gerne mal auf der anderen Seite sein", meinte Doomoraga. Miranda starrte sie fassungslos an. "Schlag dir das lieber aus dem Kopf, Doomoraga!", stieß sie hervor, "Es ist verboten und das weißt du genau!" Doomoraga strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Warum ist es verboten?", verlang-te sie zu wissen. Miranda bleckte die Zähne. "Es ist verboten", knurrte sie, "Und zwar weil wir diesem Ort gehören. Fuchsfeen gehen nicht fort. Wir gehören zu dem Ort, der uns geboren hat." Ihre dunkle Schwester neigte nachdenklich den Kopf. "Ich würde diese Welt trotzdem gerne kennen lernen", meinte sie, "Die Anderswelt ist so groß. Und es ist langweilig für alle Ewigkeiten an einem Ort zu bleiben. Ich weiß, dass wir Dinge in unseren Träumen sehen und manchmal Menschen zu uns locken, aber das passiert so selten." Doomoraga rupfte ein paar Grashalme aus. "Und außerdem", fügte sie mit einem Grinsen hinzu, "wäre die Anderswelt doch der perfekte Spielplatz."

Miranda sprang auf. Sie stellte sich vor Doomoraga, sodass ihr Schatten drohend auf die Fuchsfee fiel. "Weißt du, was geschah, als eine Fuchsfee mit der Welt gespielt hat?", fragte sie eisig. Doomoraga musterte Miranda wie eine Fremde. Der Zornausbruch ihrer Schwester ließ sie kalt. "Nein", sagte sie und zuckte gleichgültig die Schultern, "Sollte ich es wissen?" Miranda zerrte Doomoraga hoch. "Dann zeig ich es dir", zischte sie.
Mit federnden Sätzen stürzten die beiden Fuchsfeen durch den Wald. Die Bäume standen dicht beieinander und ihre Schatten verdunkelten die Felle der Füchse. Der Boden fühlte sich wie mit Moos bewachsen an. Doomoraga huschte neben Miranda her. Ihre Atem vereinten sich zu weißen Wolkengebilden, die sofort vom Wind verweht wurden. Was ist damals geschehen? Doomoraga ließ ein leises Knurren hören. Sie fand es beleidigend, dass Miranda ihr nicht gesagt hatte, dass eine Fuchsfee schon mal die Insel verlassen hatte. Und sie fragte sich, was die anderen Fuchsfeen mit ihr gemacht hatten. Was es auch immer ist, es ist bestimmt schrecklich.

Miranda blieb endlich stehen. Sie kringelte ihre sechs Schweife über den Rücken. Doomoraga hielt ebenfalls an. Sie blickte sich um. Die beiden Fuchsfeen befanden sich auf einer Waldlichtung. Das Gras hatte die Farbe von heller Jade und die Blätter der Bäume die von dunklem Malachit. Zwischen den Stämmen wuchsen Brombeersträucher, die schwer an ihren Beeren trugen.
In der Mitte der Lichtung wuchs eine gewaltige Eiche. Ihr Stamm war dick und vernarbt. Ihre dicken Äste erstreckten sich weit über den Köpfen der beiden Füchse. Die Blätter raschelten im Wind. Bildete Doomoraga sich das nur ein oder klang das Geflüster wie ein stummes Klagen? Miranda trat vor den Baum. Sie drehte sich zu Doomoraga um. Ihr Fell war merkwürdig ge-sträubt und ihre Ohren zuckten nervös. Mit grimmiger Miene zeigte sie auf die Eiche und bellte: "Das hier war früher mal eine Fuchsfee. Sie hatte mit der Welt gespielt und wurde dann von ihresgleichen in eine Eiche verwandelt."

"Sieh sie dir an." Miranda trat hervor und berührte den Stamm mit der Schnauze. Der Baum begann zu schimmern und die Rinde flackerte merkwürdig. Vor Doomoragas erschreckten Augen wurde sie durchsichtig, allerdings konnte die Fuchsfee noch die Umrisse erkennen. Aber ihre Augen hatten ihre Aufmerksamkeit auf etwas ganz anders gerichtet. Mitten in der Eiche stand eine Fuchsfee. Ihre Augen waren geschlossen und das Gesicht vor Schmerz verzehrt. Ihre Füße hatten knorrige Wurzeln in die Erde gebohrt und die Finger wa-ren zu Ästen geworden. Ihr Haar war Laub und ihre Haut aus Rinde. Sie hatte eine merkwürdige Form wie ein leicht geneigtes 'S'. Es sah so aus, als würde sie schlafen, doch Doomoraga sah den Schmerz, der in ihrer gesamten Haltung lag.

Ihr Körper ist ein Baum geworden, doch ihr Geist ist sich der Verwandlung bewusst. Kein Wunder, dass sie Schmerzen hat. Miranda löste ihre Schnauze von der Rinde und der Geist der Fuchsfee verschwand wieder hinter dem dicken Stamm. Die hellrote Füchsin trat auf Doomoraga zu. "Betrachte dies als Warnung", knurrte sie ihr leise ins Ohr, "Die Fuchsfeen spielen nicht mehr mit der Welt. Die letzte, die das getan hat, trägt jetzt eine Haut aus Rinde." Doomoraga starrte ihr mit nachdenklich gerunzelter Stirn nach. Miranda hatte sich nie für die andere Uferseite interessiert. Sie mochte Doomoraga nicht sehr. Ich mag sie auch nicht. Warum also sollte sie die wilde Sehnsucht in ihrem Herzen verstehen? Die Fuchsfee starrte die Eiche an. Sie könnte einfach den Zauber lösen, doch ihre Schwester würde das nicht wollen. Doomoraga zuckte die Achseln. Es war nicht sie, die in der Eiche gefangen war, also musste sie sich darum keine Gedanken machen oder gar Mitleid empfinden.

Doomoraga lief mit leichten Sätzen durch den Wald. Als sie den Strand erreichte, lief sie über den weichen Sand. Mit Bewunderung in den Augen betrachtete sie die andere Uferseite. Die Sonne ging bereits wieder auf. Ihre Strahlen durchbrachen die Blätter der Weiden und zeichneten flüssiges Gold auf das Wasser. Die Lilien begannen sich bereits zu schließen. Doomoraga lächelte. Es sah so schön aus. Wie ein Versprechen. Eines Tages werde ich die Anderswelt erkunden.

Kapitel 2 in dem Doomoraga einen Ausflug macht

Doomoragas Schlaf war lebhaft und die Fuchsfee wälzte sich unruhig hin und her. Sie stand auf einer Lichtung. Das Gras war kühl unter ihren Pfoten. Die Bäume flüsterten, weil der Wind mit den Blättern spielte. Das Licht der zwei Monde färbte das rote Fell der Füchsin bleich. Doomoraga sah zwei Mädchen auf der Lichtung stehen. Ihre Haut war so hell, als hätte der Mond ihnen sein Licht geliehen. Die Kleider schienen aus Luft oder Spinnweben gemacht. Bei jeder Bewegung schimmerten die Fäden silbern. Die beiden Mädchen saßen nebeneinander, in ein vertrautes Gespräch vertieft.

Die Fuchsfee huschte auf sie zu. Eines der Mädchen hob den Kopf. Sein Haar war dunkel und die Augen jadegrün. Ein silbernes Schimmern lag darin, als hätte sie in ihren Augen gefallene Sterne. Das Mädchen half dem anderen auf die Beine. Unsicher starrten sie Doomoraga an. Die kleinere der beiden lächelte schüchtern, doch die größere stieß sie schnell auf den Wald zu, fast als hätte sie Angst. "Wartet!", bellte Doomoraga. Sie wollte zu ihnen laufen, doch sie rannte plötzlich im Leeren. "Wartet!", schrie die Fuchsfee erneut. Sie trat um sich und erwachte. Was für ein Traum! Doomoraga schüttelte Moosreste von ihrem Kopf. Sie hockte auf dem total verwüsteten Bett. Offenbar hatte sie im Traum um sich geschlagen.

Doomoraga legte den Kopf schief. Sie nieste leise und knurrte vor sich hin. Das war jetzt schon das zweite Mal, dass sie von diesen Mädchen geträumt hatte. Als wollten sie mich rufen. Doomoraga musterte ihre Fuchsschweife. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Sollte sie es wagen die Regeln zu brechen und die Fuchsfeeninsel zu verlassen? Und die beiden Mädchen suchen? Schließlich hatte sie das schon immer gewollt. "Die Fuchsfeen spielen nicht mehr mit der Welt. Die letzte, die das getan hat, trägt jetzt eine Haut aus Rinde." Doomoraga warf empört den Kopf herum. Ihre Schwester durfte sie nicht unterschätzen. Sie war die einzige Fuchsfee mit neun Schwänzen und deshalb die mächtigste von ihnen allen. Sie würde sich in der Anderswelt verteidigen können. Schließlich sind Fuchsfeen die mächtigsten Geschöpfe.

Doomoraga schlich aus dem Zelt, in dem ihr Moosbett war. Der Stoff war aus der Dunkelheit und den Schatten gewebt. So fein wie Libellenhaut. Die Fuchsfeen schliefen in ihnen nur tagsüber. Doomoraga blickte das Zelt an. Ich hoffe, ich schaffe es vor Sonnenaufgang zurück zu sein. Über der Insel ging die Sonne unter. Sie zeichnete flüssiges Gold auf die Wellen, die mit nassen Zungen an Doomoragas Pfoten leckten. Die Fuchsfee zuckte zusammen. Das kitzelt. Sie musste fast lachen. Doomoraga schlug mit einem Grinsen ins Wasser. Es spritzte zu ihr hoch und die Fuchsfee ließ es mit ihrer Magie eine Spirale drehen. Ein kleines Spiel, ein Zeitvertreib, mehr aber auch nicht.

Doomoraga warf einen scharfen Blick über ihre Schulter. Ihre Haltung entspannte sich, als ihr klar wurde, dass sie allein war. Die Fuchsfee schloss die Augen. Verlier das Fell, Doomoraga. Ein allzu vertrauter Ruck glitt durch ihren Körper. Doomoraga stemmte sich auf die Hinterbeine. Ihre Pfoten spreizten sich zu Händen mit sechs Fingern. Ihre Schnauze und die Ohren verkümmerten und das Fell verwandelte sich in Haare, die ihr bis zur Hüfte reichten. Doomoragas bernsteingoldene Augen weiteten sich und füllten sich mit schwarzen Flammen, die unruhig flackerten. Die Fuchsfee holte tief Luft, dann watete sie in den See hinein. Die Lilien öffneten sich bereits und streiften mit zarten Blütenspitzen ihre Arme. Doomoraga lächelte unwillkürlich. So schön. Das Wasser gluckste bei ihrer Bewegung und glitt in einer kühlen Umarmung um ihre Beine und Hüfte.

Doomoraga stieß sich von der weich lehmigen Erde ab und warf sich nach vorne. Das Wasser fauchte, als sie seine ehemals ruhige Oberfläche vernichtete. Die Fuchsfee ruderte mit den Armen und strampelte mit den Beinen. Wie eine Schlange glitt sie durch den See. Schließlich kletterte Doomoraga auf der anderen Uferseite raus. Sie bewegte die Hand. Ein warmer Luftstrom streifte ihr Gesicht, umhüllte ihren Leib, tastete ihre Haare ab. Das Wasser flog als Tropfenregen in den See zurück. Die Winde wirbelten etwas stärker um Doomoraga herum. Es tat nicht weh, aber ihre Haare wirbelten in ihr Gesicht. Der Wind trocknete sie mit seinem warmen Atem. Endlich hörte der Zauber auf.

Doomoraga blickte sich mit großen Augen um. Ich bin auf der anderen Seite. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Und aus dem Lächeln wurde ein Lachen. Die Fuchsfee warf den Kopf zurück und lachte auf vor Glück. Ihr Gelächter wurde von den Stämmen zurück gewor-fen und hallte wie ein Sturm aus Echos in ihren Ohren. Es war ein kaltes, grausames, gemeines und dunkles Lachen. Doomoragas Lachen. Die Fuchsfee stand da und wirbelte um die eigene Achse. Ihre Haare und der Fuchsschweif folgten ungestüm ihrer Bewegung. Doomoraga hörte auf ihrer Freude Luft zu machen. Während ihrer Drehung hatte sie genug Zeit gehabt um sich einen raschen Überblick zu verschaffen.

Sie stand in einem Wald. Die Weiden ragten groß über ihr auf. Ihre dicken Stämme waren dem Wasser zugeneigt und die tief herab hängenden Zweige streiften Doomoragas Schulter. Das Gras wuchs hoch und wellte sich wie ein grünes Meer. Es wurde durchstochen von weißen und roten Rosen. Die Luft war angenehm warm und roch nach dem Wald, den Rosen und dem Gras. Trotzdem ist es anders. Die Bäume und anderen Pflanzen waren nicht mehr durchtränkt von Fuchsfeenmagie, die sie so übernatürlich schön machten. Als Doomoraga in die Knie ging und eine der Rosen pflückte, stach sie sich in den Finger. Überrascht und fasziniert starrte sie den roten Bluttropfen an, der auf ihrem Zeigefinger tanzte. Es tut weh. Die gesamte Welt schien gewachsen zu sein. Wie konnte Miranda sich nur damit begnügen die Dinge in ihren Träumen zu sehen?

Doomoraga wischte den Bluttropfen an der Weide ab. Sie blickte kurz zu dem See zurück. Dann lächelte die Fuchsfee und schritt durch die Schneise, die die Bäume bildeten. Der Wind flüsterte mit einer wispernden Stimme zwischen den Blättern. Doomoraga lauschte ohne die Worte genau zu deuten. Doch das störte sie nicht. Die Fuchsfee kletterte über ein paar Steine, die an einem Bach lagen. Sie blickte in das Wasser. Dann hob Doomoraga unwillkürlich einen Stein auf und schleuderte ihn ins Wasser. Der graue Kieselstein hüpfte ein, zwei Mal über das Wasser, bevor er versank. Und erneut brach das kalte Lachen aus Doomoragas Kehle, den sie freute sich, dass sie die Anderswelt endlich erkunden konnte.

Doomoraga setzte sich auf den großen Stein, auf dem sie gerade stand. Die Oberfläche fühlte sich glatt und angenehm warm an. Offenbar war er noch nicht ganz erkaltet. Die schwarz lodernden Augen der Fuchsfee schlossen sich entspannt. Für einen kurzen Moment genoss sie das Mondlicht und die kühle Energie, die in ihren Körper sickerte. Dann drängte sich ein neues Gefühl in ihr Bewusstsein. Es kniff unsanft wie eine kleine Bestie. Hunger? Doomoraga blinzelte. Normalerweise aßen die Fuchsfeen Glimmerbeeren. Diese Früchte wuchsen an Sträuchern mit dunkel gefiederten Blättern. Sie ähnelten Edelsteine und waren so rot wie Klatschmohn. Die Oberfläche fühlte sich an wie die von Brombeeren, doch sie waren extrem hart. Wenn man aber hinein biss, spritzte einem der dickflüssige, goldene, nach Honig und Zimt duftende Fruchtsaft direkt in die Kehle.

Doomoraga leckte sich die Lippen bei dem Gedanke an die Glimmerbeeren. Doch hier wuchsen diese Leckereien nicht. Egal. Ich finde etwas anderes. Die Fuchsfee musterte den Bach. Plötzlich hellte sich ihre Miene auf. Warum sollte sie an Glimmerbeeren denken, wenn sie sich doch einfach ein paar Fische fangen konnte? Doomoraga blickte den Bach an. Sie löste all ihre Gedanken und wartete darauf, dass sie wieder dieses Gefühl hatte, eine unsichtbare Mauer sei von ihr abgefallen und sie könnte ihren Geist auf Erkundungstour schicken. Kaum empfand sie es, ließ Doomoraga ihren Geist in den Bach gleiten.

Zuerst spürte sie nur Wasser. Kühles, klares Wasser, das sie mit triefenden Fingern kitzelte. Doomoraga ignorierte das Gefühl und konzentrierte sich. Langsam wurde ihr Geist feinfühliger. Da spürte sie einen Stein, dort mehrere glitschige Algen. Doomoraga ließ ihren Geist suchend umhertasten, bis sie auf das stieß, was sie gesucht hatte. Der Fisch schwamm mit der Strömung, schnell wie ein Pfeil. Doomoraga erkundete vorsichtig seine Oberfläche. Er hatte einen schuppigen Leib und war ziemlich groß. Fast so lang wie ihr Unterarm. Mmmh, das wird köstlich.

Doomoraga leckte sich die Lippen. Sie zog ihren Geist zum größten Teil zurück, doch mit einem schwachen Teil überprüfte sie, wo der Fisch war. Die Fuchsfee formte die Hand zu einer Kralle und zog sie langsam nach oben, als würde sie etwas magnetisch zu sich anziehen. Der Fisch zuckte zusammen, als eine unsichtbare, brutale Macht sich gewaltsam um ihn legte und er nach oben gezerrt wurde. Doomoraga spürte, wie er in ihrem Griff zappelte und ver-zweifelt versuchte zu entkommen. Ja, zappel du nur. Für einen kleinen Moment genoss sie das Angstgefühl, das den Fisch durchströmte, und seine verzweifelten Fluchtversuche. Er würde nicht entkommen. Sie aß nicht nur Beeren. Einen Fischfang hatte sie auch auf der Fuchsfeeninsel gemacht und deshalb kannte sie alle Kniffe, die sie für eine solche Jagd brauchte.

Dann riss Doomoraga den Arm schnell nach oben. Der Fisch wurde aus dem Wasser katapultiert und landete mit einem ekelhaft nassen Platsch auf ihrem Schoss. Doomoraga spürte, wie er hilflos zappelte und nach Luft schnappte. Die Fuchsfee schlug blitzschnell mit der flachen Hand auf den schuppigen Leib. Danach lag der Fisch still da und rührte sich nicht mehr. Doomoraga hob ihre Beute hoch und wog sie abschätzend in den Armen. Ziemlicher Brocken. Das würde eine gute Mahlzeit mit viel Fleisch sein. Die Fuchsfee hob den Fisch an ihre Lippen. Sie öffnete den Mund und biss herzhaft hinein. Der Fisch schmeckte ölig und ein bisschen salzig. Doch das Fleisch war zart und saftig. Mmmh. Nach der Mahlzeit war Doomoragas Bauch angenehm warm und voll.

Flügelschläge ließen Doomoraga den Kopf heben. Direkt über ihr kreisten drei Gestalten. Es waren schwarze Adler mit langen bronzefarbenen Krallen. Doch ihre Köpfe waren die von jungen Frauen mit kalten Falkenaugen. Das dunkle Haar flatterte im Wind. Ihre Augen loderten in der Nacht und als sie mit einem Kreischen die Münder öffneten, erblickte Doomoraga eine Reihe spitzer Zähne. Wilddruden. Was für hässliche Scheusale! Eine der Wilddruden kreischte: "Seht euch dieses Mädchen an! Komm, wir nehmen sie mit. Ho, ho, wir nehmen dich mit, kleines Menschenmädchen! Dann zerkratzen wir dich, dann zerreißen wir dich! Das Blut soll fließen! Ho, ho!"

Die Fuchsfee warf zornig den Kopf zurück. "Wisst ihr nicht, was ich bin?", schrie sie, "Was fällt euch ein, mich einfach zu stören, ihr Scheusale?" Die Wilddrude, die zuvor gesprochen hatte, schoss nach unten. Sie lachte höhnisch. "Ho, ho, wenn du kein Menschenmädchen bist, was bist du dann?", fauchte sie, "Ein Wasserkind, nass und feucht. Glitschig und schleimig." "Hört auf mich zu beleidigen!", schrie Doomoraga wütend, "Lasst mich in Ruhe!" Doch die Wilddrude beschleunigte nur ihre Flügelschläge. Sie verharrte vor der Fuchsfee und packte ihren Arm. Ihr Krallen schnitten tief in das weiße Fleisch. "Wir zerreißen dich!", fauchte sie und riss die Fuchsfee zu Boden, "Wir nehmen dich mit in unsere Berge! Dort wirst du für uns arbeiten! Bis das Blut fließt und du ganz geschwächt bist! Dann zerreißen wir dich, dann zerfetzen wir dich! Das Blut soll fließen!" Doomoraga trat nach der Wilddrude. Wut breitete sich in ihrem Körper aus, umspülte ihre Seele wie flüssiges Gift. Das werdet ihr so bereuen! Der Kratzer an ihrem Arm schmerzte und pochte unsanft. Wütend rang Doomoraga sich los. Sie starrte die Wilddruden an, die sie mit höhnischem Gelächter umkreisten. Respektlose, verdorbene Scheusale.

Die Fuchsfee seufzte. Sie spürte die vertraute Wärme des Pelzes, der durch ihre Haut stach. Ihre Finger kribbelten unsanft, als sie zusammenwuchsen und sich zu Pfoten wölbten. Ihre Ohren wurden immer länger, überzogen sich mit Fell und stießen schließlich aus ihrem Haar. Ein weiteres Kribbeln lief durch Doomoragas Gesicht, als es sich in die Länge zog. Wenn ich schon kämpfen muss, dann als Füchsin. Die Wilddruden blickten sie überrascht an. Doomoraga starrte zurück ohne zu blinzeln. Ihre Augen füllten sich mit schwarzen Flammen, die bedrohlich flackerten. "Ein Wechselbalg", heulte die Anführerin der Wilddruden, "Diese Göre ist ein Wechselbalg!" Doomoraga lächelte kalt. "Viel schlimmer", flüsterte sie drohend, "Ich bin eine Fuchsfee." Eine der Wilddruden - sie war klein und die Federn eher grau als schwarz - stieß auf Doomo-raga hinab. Komm nur! Die Fuchsfee empfand keine Angst. Warum auch? Sie war unsterblich und die stärkste ihrer Art. Niemand konnte es mit ihr aufnehmen. Doomoraga sprang und riss die Wilddrude zu Boden.

Krallen aus, die nach ihr schlugen. Eine gewisse Befriedigung erfüllte sie, als ihr der Angstgeruch in die Nase stieg. Mit gebleckten Zähnen schnappte sie nach dem Kopf ihres Opfers. Die Fänge fanden den Weg in das Fleisch und bohrten sich erbarmungslos hinein. Die Wilddrude kreischte auf vor Schmerz. Der bittere Angstgeruch stieg in Doomoragas Nase. Ja, jetzt ist dir das Lachen vergangen, was? Doomoraga ließ ihren Feind los. Die Wilddrude erhob sich in die Luft, doch sie blutete zu stark. Die rote Flüssigkeit floss aus einer Bisswunde an der Brust und lief die Beine hinab. Die Fuchsfee lachte, denn sie wusste, die Wilddrude würde nicht weit kommen. Irgendwann würde sie verbluten.

Doomoraga legte den Kopf in den Nacken. "Was ist?", heulte sie herausfordernd die zwei anderen Wilddruden an, "Traut ihr euch immer noch gegen mich zu kämpfen? Oder bin ich euch zerrupften Hühnern zu stark?" Sie lachte hämisch. Sie wollte die Raubvögel wütend machen, damit sie noch besser mit ihnen spielen konnte. Die kleinere der Wilddruden schien den Entschluss gefasst zu haben zu fliehen. Offenbar war Doomoraga ihr zu stark. Du kleiner Feigling! "Ja, lauf nur!", rief sie höhnisch ihr nach, "Flieg weg, so lange du noch kannst. Aber es gibt kein Entkommen. Nicht vor den anderen Fuchsfeen. Und schon gar nicht vor mir." Die letzte der Wilddruden war die Anführerin, die Doomoraga so rüde beschimpft hatte. Sie starrte auf die Fuchsfee hinab und Doomoraga sah, dass sie fast explodierte vor Zorn. "Du kleine, räudige Fuchsfee!", kreischte sie zornig, "Das wirst du mir büßen. Ich zerreiße dich, ich zerfetze dich, bis dein Blut fließt!"

Die Wilddruden-Anführerin entfaltete die nachtschwarzen Flügel. Wie ein abgeschossener Pfeil rauschte sie auf Doomoraga zu. Die Fuchsfee warf sich zur Seite. Krallen schnitten haarscharf an ihrem Ohr vorbei und der strenge Geruch der Wilddrude betäubte sie fast. Sie stank nach Vogelkot. Vielleicht sogar schlimmer. Grässlich, absolut grässlich. Doomoraga wandte sich um. Sie sah, wie die Wilddrude drehte. Als sie erneut auf die Fuchsfee zugeschossen kam, sprang diese in die Luft und warf sich ihr entgegen. Doomoraga zeigte Zähne, die sofort rot glühten. Flammen schossen aus ihren Schweifen. Diese Wilddrude ist zu weit gegangen.

Doomoraga stieß ein zorniges Heulen aus und prallte mitten im Sprung gegen die Wilddrude. Die Wucht warf ihren Feind zu Boden und sie kullerten in einem einzigen Knäuel durch das feuchte Gras. Die Fuchsfee presste ihre Pfoten gegen die Kehle ihrer Angreiferin. Ein Knur-ren vibrierte in ihrer Kehle. Die Wilddrude fauchte schrill und ein scharfer Schmerz schoss durch Doomoragas Vorderläufe, als die Krallen durch das blutrote Fell fuhren. Die Fuchsfee wimmerte und ihre Pfote zuckte durch die pochenden Blitze. Der Schmerz machte sie nur wütender. Sie sah alles durch einen dicken roten Schleier.

Doomoraga beugte sich nach vorne, bis ihre Schnauze nur noch ein paar Zentimeter von der Nase der Wilddrude entfernt war. Sie knurrte und ließ ihre brennenden Zähne in die Schulter fahren. Der Geruch von schwellenden Federn und Asche füllte ihren Mund. Doomoraga spürte, wie ein qualvolles Zucken durch den Vogelleib lief. Doch anstatt ihren Feind gehen zu lassen, biss Doomoraga nur weiter zu. Die Fuchsfee riss der Wilddrude die Federn aus, ihre gezackten Zähne fuhren über das schwarze Fleisch. In ihrem Mund war der bittere Geschmack von Blut. Die Wilddrude wimmerte und kreischte. Wieder und wieder liefen Krämpfe durch ihren Körper. Jetzt töte ich dich. Bei dem Gedanken lachte Doomoraga leise. Sie wechselte die Gestalt. Die Wilddrude versuchte davon zu humpeln, doch der Blutverlust hatte sie bereits zu sehr ge-schwächt. Sie war der Fuchsfee auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Und Doomoraga genoss diese Tatsache. Die Wilddrude war hilflos, so klein und schwach wie ein neugeborenes Küken.

Doomoraga ergriff die Wilddrude. Sie schloss ihre hellen Arme um den schwarzen Leib. Langsam hob Doomoraga den Vogel hoch. Die Wilddrude kreischte wie eine Krähe und versuchte sich weg zu winden. Doch das Mädchen mit den flammenden Haaren hatte sie fest im Griff. Niemand kann mir entkommen. Die Fuchsfee legte eine Hand an die Wange der Wilddrude. Sie drehte sachte das Gesicht, bis zwei große, schwarze Augen sie ängstlich anblickten. Ein schwaches Lächeln kräuselte Doomoragas Lippen. Es war wie eine mit Honig bestrichene Klinge, süß und freundlich, doch zugleich war es kalt und scharf wie Eis.

Doomoraga flüsterte: "Wenn du gewusst hättest, mit wem du dich anlegst, hättest du einen Angriff nicht gewagt. Du kennst meinen Namen offenbar nicht. Ich will ihn dir nennen, bevor du stirbst." Dann senkte die Fuchsfee die Stimme zu einem so leisen Flüstern, dass nur die Wilddrude sie verstand. Als sie ihren Namen nannte, wurde die Wilddrude starrt vor Schreck. Doomoragas Hand glitt unter das Kinn der Wilddrude und hob es etwas an. Sie stieß ein leises Fauchen aus, dann nährte sie sich dem Gesicht des schwarzen Raubvogels. Doomoraga legte ihre Lippen auf die der Dämonin und küsste sie voller Leidenschaft.

Der Atem der Wilddrude streifte ihre Lippen. Er veränderte sich und wurde zu Wein. Bitter süß und erfrischend kühl. Doomoraga schoss die Augen und genoss das Getränk, das ihre Zunge liebkoste, bevor es in ihren Rachen glitt. Sie spürte wie eine köstliche Wärme sich in ihr breit machte. Als würde jemand die Glut eines Feuers anfassen, damit es brannte. Die Wilddrude jaulte auf und wand sich voller Schmerzen. Qualen erschütterten ihren Leib und Doomoraga wusste, dass diese Qualen so viel schlimmer waren als das Feuer, mit dem sie die Wilddrude so sehr verletzt hatte. Der Körper in ihren Armen erkaltete und die verzweifelten Fluchtversuche wurden immer schwächer. Doomoraga saugte voller Genuss der Wilddru-de ihre Seele und Lebensenergie aus. Es macht einen nur stärker.

Doomoraga ließ die Wilddrude fallen. Der Leib blieb lasch im Gras liegen. Doomoraga verpasste ihr einen leichten Tritt, sodass sie davon rollte. Die Fuchsfee warf einen Blick zum Himmel. Die Sonne stand schon sehr tief. Bald wird sie untergehen. Das Mädchen wandte sich um. Es wurde höchste Zeit zur Fuchsfeeninsel zurück zu kehren. Doch eine Sache hatte Doomoraga gelernt: Die Anderswelt ist voller Geheimnisse und Gefahren. Und gerade die Gefahren machen das Leben lebenswert.

Kapitel 3 in dem Doomoraga zwei neue Freunde findet

Niemand hatte Doomoragas Abwesenheit bemerkt. Die Insel lag so friedlich in der Abendsonne wie immer. Die Fuchsfee watete durch das kühle Wasser. Ihre Gedanken waren immer noch bei ihrem Ausflug. Es war so schön. Irgendwie fiel es Doomoraga jetzt schwerer wieder die Insel zu betreten. Die Sonne war inzwischen völlig untergegangen und die zwei Monde hingen bleich am dunklen Himmel. Doomoraga kletterte auf eine der Eichen, die in der Nähe des Strandes wuchsen. Sie setzte sich auf einen Ast und fuhr mit der Hand über das dichte Fell ihres Fuchsschweifes.
"Da bist du ja." Die Fuchsfee wandte sich um. Miranda zog sich auf den Ast, auf dem Doomoraga saß. Ihre helle Schwester blickte sie an. Ihre blauen Augen wirkten ungewöhnlich grell in all der Finsternis. Miranda hatte eine Hand voll Glimmerbeeren und steckte sich die Früchte einzeln in den Mund.

"Wollen wir teilen?", fragte sie zwischen zwei Beeren. Doomoraga blickte die Früchte fast verächtlich an. Sie wirkten so klein im Vergleich zu dem Fisch, den sie gefangen hatte. Bei dem Gedanken an das fette, ölige Fleisch fuhr Doomoraga sich unwillkürlich mit der Zunge über die Lippen. Ich habe eigentlich keinen großen Hunger, aber wenn sie sie mir schon anbietet, kann es ja nicht schaden. Doomoraga streckte die Hand aus und klaubte sich drei der Beeren. Sie wirkten wie kleine Jadestücke. Eins war sogar rot wie Karneol. Die Fuchsfee drehte die Früchte zwischen den Fingern, bevor sie sich die grünen in den Mund schob. Sie waren flaumig und als das Mädchen sie zerbiss, strömte eine dickflüssige Flüssigkeit wie Honig ihre Kehle hinab. "Was ist mit deinem Arm?" Miranda nickte auf ihren linken Oberarm. Doomoraga bemerkte die Kratzspuren, die schräg darüber liefen. Blut tropfte schwach zu Boden. Schimmerndes Rot in der Finsternis. Ihre helle Schwester fuhr mit den Fingern darüber und die Fuchsfee zuckte zusammen. Doomoraga erwiderte den fragenden Blick, doch sie sagte nichts. Was die Anderswelt ihr gezeigt hatte, gehörte ihr. Ihr allein.

Als sich Doomoraga zur Ruhe legte, musste sie nicht lange warten, um die beiden Mädchen wieder zu sehen. Inzwischen träumte immer sie von ihnen. Egal ob sie wach war oder schlief. Das Bild der beiden Personen war so deutlich, dass Doomoraga glaubte, sie brauche nur eine Hand auszustrecken um über die Mondscheinbleiche Haut zu streichen. Das Bild blitzte in Doomoragas Gedanken auf und lenkte sie ab von ihrem Tun. Es umkreiste sie wie eine nervige Fliege und ließ sich einfach nicht abschütteln. Doomoraga hockte auf der Wiese. Sie hielt eine der blauen Glockenblumen in der Hand. Die Blüte gab ein leises Klingeln von sich, wenn der Wind sie bewegte. Und in das Klingeln mischte sich das Bild der beiden Mädchen. Ihre Haut färbte die Nacht in Doomoragas Gedan-ken weiß und ihre Haare durchsetzten das Weiß mit hellbraun und schwarz. Warum träume ich nur so oft von ihnen?

Die Fuchsfee spürte ein merkwürdiges Verlangen in sich. Sie wollte diese beiden Mädchen nicht einfach nur in ihren Träumen sehen, als würde sie durch ein getöntes Glas blicken. Sie wollte sie wirklich kennen lernen. Ihre Namen erfahren. Was sie mochten und was nicht. Die Fuchsfee wollte alles über sie erfahren. Einfach alles. Doomoraga schritt erneut auf den Strand zu. Sie vergewisserte sich, dass die anderen Fuchsfeen sie nicht beobachteten. Dann stürzte das Mädchen sich in die Fluten. Das Wasser, das sie geboren hatte, schlug fauchend über ihrem Rücken zusammen und durchtränkte ihr Kleid. Doomoraga ruderte mit den Armen und rollte sich auf den Rücken. Mit einem Lächeln auf den Lippen ließ sie sich von den Wellen tragen, bis sie festes Ufer unter sich spürte. Doomoraga stand auf und schüttelte ihr nasses Haar. Es hing wirr in ihrem Gesicht. Die Fuchsfee blinzelte, dann hob sie eine Hand, ergriff die Haarsträhne mit den Fingern und schob sie sachte wieder zurück. Wind, komm her zu mir. Kaum hatte Doomoraga diesen Gedanken gefasst, erwachte Wind um sie herum zum Leben. Er wirbelte verspielt um sie herum, kitzelte sie mit unsichtbaren Fingern. Die Fuchsfee lächelte und drehte sich, sodass ihre Haare flogen. Als sie stehen blieb, war sie vollkommen trocken.

Mit schnellen Schritten lief sie über die Wiese. Die Fuchsfee hob eine der Rosen hoch und drehte sie Gedankenversunken zwischen den Fingern. Doomoragas Schritte machten kein Geräusch auf dem weichen Waldboden. Die Fuchsfee warf nach einer Weile die Rose in die Luft. Eine Windböe erfasste sie sachte und ließ sie dahin treiben. Doomoraga sah ihr nach. Flieg, wohin du willst. Die Fuchsfee schob sich zwischen zwei Stämmen hindurch, die nah beieinander standen. Der Wald umgab sie wie eine Festung. Das Licht der zwei Monde fiel sehr spärlich auf den Waldboden. Doomoraga huschte wie eine jagende Füchsin durch das Dickicht aus Brombeerzweigen und Disteln. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht, während sie die Disteln musterte. Männer, die dumm genug waren, einer Fuchsfee zu lange in die Augen zu blicken, wurden zu Disteln oder hilflos zappelnde Fische. Ich frage mich, wann ich auf die ersten Menschen treffe.

Der Wald hatte sich nach zwei Stunden verändert. Die Bäume standen weniger dicht und auf einmal trat Doomoraga auf eine Lichtung. Die Fuchsfee wirbelte herum, um sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Die Lichtung war geformt wie ein Oval. Moos wuchs zwischen dem Gras. Die Bäume waren jetzt zum größten Teil Eichen, Linden und Ahornbäu-me. Obwohl es noch nicht ganz dunkel war, erkannte Doomoraga den Ort. Die Lichtung aus meinem Traum. Die Fuchsfee setzte sich auf einen Ast des Ahornbaumes, der ihr am nächsten stand. Die beiden Mädchen werden kommen. Sie musste nur noch warten. Doomoraga fuhr sich mit der Hand durch ihr flammendes Haar und spielte mit einigen Haarsträhnen. Sie wartete. Wie lange? Eine Sekunde? Eine Minute? Eine Stunde? Doomoraga wusste es nicht. Normalerweise machte es ihr nichts aus zu warten, schließlich hatte die Zeit für sie keine Bedeutung. Doch nun konnte sie das Warten einfach nicht ertragen.

Zeigt euch, ihr Mädchen mit der Haut so weiß wie Mondlicht. Zeigt euch mir, bitte. Schritte ließen sie den Kopf wenden. Aus den Büschen lösten sich zwei Mädchen. Ihre Haut sah in der Dunkelheit aus wie fleischgewordenes Mondlicht. Das lange Haar wallte um ihre Schultern. Die größere der beiden hatte dunkel glänzende, schwarze Haare. Die andere hatte haselnuss-braune Haare, auf denen ein rostrotes Schimmern haftete. Die Augen waren genau gleich. Grün wie Jade durchsetzt von einem silbernen Schimmern. Doomoraga spürte, wie ein Lächeln ihre Lippen kräuselten. Die Mädchen aus meinem Traum. Ihre Haut juckte unangenehm, nun da sie sie wirklich sah. Die Fuchsfee blieb auf ihrem Ast sitzen und wartete. Die beiden Mädchen setzten sich auf das nachtkühle Gras und redeten flüsternd miteinander.

Die Fuchsfee spannte die Muskeln an und glitt geschmeidig wie eine Katze von dem Baum. Als sie aus ihrem Versteck trat, hielten die beiden Mädchen erschreckt inne. Die schwarzhaarige stellte sich schützend vor die kleinere. Ihre weißen Finger flogen durch die Luft und silbriges Licht tanzte dazwischen. Es trieb Faser um Faser, fein wie die Fäden einer Spinne, und wurde immer länger. Zuerst war das Gebilde ganz gerade, dann bekam es die Form eines Halbmondes. Zuletzt bildete sich eine Sehne dazwischen.
Das Mädchen hob drohend seinen Bogen. Es hatte einen Pfeil in die Sehne eingelegt und starrte Doomoraga an, als warte es nur auf eine Gelegenheit diesen Pfeil abzuschießen. Die Fuchsfee lächelte und blickte ihrem Gegenüber freundlich in die Augen. "Lass den Bogen sinken", sagte sie.

Das Mädchen schüttelte trotzig den Kopf. Doomoraga bewegte eine Hand und das schwarze Feuer erwachte in ihren Augen. Ich will keine Auseinandersetzung. "Lass den Bogen sinken", wiederholte sie. Das Mädchen starrte sie an. Ihre Augen waren merkwürdig getrübt, fast schleierhaft. Dann ließ sie langsam die Hand sinken und schulterte den Bogen über ihren Rücken. "Na also", säuselte Doomoraga, "Es geht doch." Das schwarzhaarige Mädchen schloss schützend die Arme um die kleinere. Offenbar sind sie Geschwister. Den Augen nach zu urteilen ja. "Wer bist du?", fragte das ältere Mädchen, "Und was willst du von mir und meiner Schwester?"

Doomoraga setzte sich. Sie lud die beiden Mädchen mit einer Handbewegung ein dasselbe zu machen. Zögernd gehorchten die beiden. "Ich bin eine Fuchsfee", begann Doomoraga, "und mein Name ist Doomoraga. Ich will euch nichts Böses. Ich wollte euch kennen lernen. Mit euch sprechen." Das kleinere Mädchen fragte: "Bist du die Doomoraga? Die, die diese drei Wilddruden besiegt hat?" Die Fuchsfee blinzelte. "Ja, die bin ich. Woher wisst ihr das?" Die ältere der beiden Geschwister sagte: "Diese Kunde hat sich in diesem Wald so schnell verbreitet wie der Wind. Die meisten waren sehr geschockt, denn einige behaupteten, dass die Wilddruden die gefährlichsten Wesen in diesem Wald seien." Doomoraga schüttelte den Kopf und lachte: "Nein. Wir Fuchsfeen sind viel schlimmer. Doch wer seid ihr beide eigentlich?" Die schwarzhaarige sagte: "Mein Name ist Mondmädchen, aber alle sagen zu mir Mo. Und das " - sie nickte auf das zimthaarige Mädchen, das auf ihrem Schoss hockte - "ist meine Schwester Cinnamon, genannt Cinna. Wir sind Mondmädchen."

Doomoraga nickte. Mo spielte ein wenig mit Cinnas Haar und fragte: "Woher wusstest du, dass wir hier waren? Hast du uns beobachtet?" Die Fuchsfee neigte den Kopf auf die eine Seite, dann auf die andere. "Ja und nein", antwortete sie, "Es ist das allererste Mal, dass ich diese Lichtung wirklich betrete. Doch ich habe euch und die Lichtung schon öfter gesehen. In meinen Träumen." Cinna kniff ihre jadegrünen Augen zusammen. "Ich hatte manchmal das Gefühl, dass uns jemand beobachtet", sagte sie nachdenklich, "Jetzt verstehe ich warum." Mo kaute auf ihrer Unterlippe herum. Ihre grünen Augen musterten Doomoraga von Kopf bis Fuß. "Wie kommt es, dass du nicht auf der Insel bist?", fragte sie, "Es gibt doch diese Insel, die deinesgleichen als ihr Reich bezeichnet, nicht wahr?"

Doomoraga nickte schwach. "Ja, es gibt diesen Ort wirklich", antwortete sie, "Ich habe ihn verlassen, weil ich die Anderswelt kennen lernen wollte. Ich war es so leid, immer auf derselben Insel zu bleiben. Ich mag so etwas nicht. Eigentlich ist das, was ich getan habe, verboten." "Und trotzdem hast du es getan?", fragte Cinna entsetzt. Die Fuchsfee stieß ein kaltes, scharfes Lachen aus. "Ja, genau deswegen", antwortete sie, "Ich habe mich schon immer über die Regeln hinweg gesetzt. Ja sogar über die Moral unseres Volkes. Die anderen Fuchsfeen sehen das nicht so gerne. Sie fürchten meine Macht und meine Zwielichtigkeit. Ich bin die stärkste von ihnen allen."

Mo legte jetzt ebenfalls den Kopf schief. "Warum hast du von uns geträumt?", fragte sie. Doomoraga fuhr sich durch das flammenrote Haar. "Ich weiß es nicht", gestand sie, "Aber ich spüre eine merkwürdige Verbundenheit zu euch. Etwas, das ich bisher noch nie gespürt habe. Normalerweise träume ich von den Menschen, die ich auf die Insel locke und dann töte." Cinna stieß einen Schreckensschrei bei ihren Worten aus. "Keine Sorge!", versicherte ihr Doomoraga, "Euch werde ich nicht töten." "Stimmt", sagte Mo und reichte ihr die Hand, "Weil wir dich als unsere Freundin betrachten."

 

 

Kapitel 4 in dem die Elfen eine Lektion erteilt bekommen

Doomoraga hatte schon immer kein wirkliches Gespür für die Zeit gehabt, doch noch nie war das so stark wie jetzt. Die Tage und Nächte zerschmolzen miteinander und verschwammen in dem unergründlichen Gewand der Zeit. Die Fuchsfee spürte, wie die Tage dahin flogen, als würde irgendetwas sie jagen. Sie vor sich hertreiben wie ein Hund einen Hasen. Die Fuchsfee verbrachte fast jeden Tag mit Mo und Cinna. Die drei wanderten stundenlang durch den Wald und erkundeten die finstersten Winkel. Doomoraga sammelte mit jedem Tag neue Eindrücke und Erfahrungen, die sie niemals in ihren Träumen hätte bekommen können. Vor allem die gemeinsame Jagd genoss sie. Mo übte mit Cinna das Bogenschießen, während Doomoraga den Wald durchstreunte auf der Suche nach Wild. Hatte sie einen Hirsch, ein Wildschwein oder einfach nur einen Hasen gefunden, schoss die Fuchsfee aus den Büschen und trieb die Beute unter Knurren und dem geringen Einsatz von Magie auf Mo und Cinna zu. Die beiden Mondmädchen schossen dann mit ihren Bögen auf das Wild, bis es zusammenbrach. Die Beute teilten sie dann miteinander.

Doomoraga spürte, dass sie sich veränderte. Ihre Sinne waren schärfer und ihr Körper kräftiger geworden. Schon bald konnte sie mühelos längere Strecken rennen ohne aus der Puste zu kommen. Selbst in der Nacht sah sie jetzt besser als jede andere Fuchsfee. Manchmal kämpften sie und Mo aus Spaß gegeneinander und Doomoraga lernte sehr schnell ihre Kraft und Wildheit zu kontrollieren. Mo hatte schon bald gesagt, dass Doomoraga eine ernst zu nehmende Gegnerin war, trotz der Tatsache, dass sie als Füchsin wesentlich kleiner war. Doch nicht nur körperlich veränderte Doomoraga sich. Das merkwürdige Band, das die Fuchsfee bei ihrer ersten Begegnung mit den Mondmädchen geknüpft hatte, wurde stärker. Es festigte sich von einem dünnen Faden zu einem reißfesten Strang. Schon bald konnte Doomoraga sich nicht mehr vorstellen, wie die Zeit ohne ihre Freunde gewesen wäre, die die einzi-gen Personen waren, die ihr etwas bedeuteten.

An einem Abend, der nach Herbst und welkenden Blättern roch, saßen Doomoraga und Mo auf einer Wiese. Sie beobachteten den Himmel. Die Sonne ging gerade unter und ihr Licht färbte den Himmel rot. Die Fuchsfee freute sich auf die Nacht. Sie liebte die Finsternis und die zwei Monde. Auch Mo schauderte in einer stillen Vorfreude. Sie kann es nicht erwarten die Monde zu sehen, dessen Licht sie auf die Welt gebracht hatte. Schon mehrere Male hatte Mo ihr davon erzählt. In einer stillen Vollmondnacht hatten die zwei Monde auf eben diese Lichtung geschienen, auf der sie gerade saßen. Dann hatte das Licht sich zu verfestigen begonnen und eine Gestalt zu formen. Es war Mo gewesen, die sich aus den Lichtstrahlen gelöst hatte wie ein Schmetterling, der aus dem Kokon klettert. Wenig später hatte sich auch Cinna aus dem Licht gelöst. Sie war kleiner als Mo gewesen und Mo hatte sie sofort als Schwester aufgenommen.

"Wie ist das mit dir und Miranda?", fragte Mo, während sie beobachteten, wie der Himmel erst lila und dann schwarz wurde, "Ihr seid doch auch Schwestern, oder?" Doomoraga zog die Augenbrauen hoch. Ich habe nie das empfunden, was Mo für Cinna empfindet. Was habe ich dann empfunden? Verachtung? Hass? Liebe? Freundschaft? Vielleicht von allem etwas. "Nein", sagte Doomoraga verächtlich, "Ich habe sie nur Schwester genannt, weil sie am selben Tag wie ich aus dem See gestiegen bin. Ich habe mich auch nie so um sie gekümmert wie du um Cinna." Die Fuchsfee blinzelte. "Dabei fällt mir ein: Wo ist Cinna eigentlich?", fragte sie. Mo erwiderte: "Sie spielt im Wald. Ich nehme an, sie ist gleich..." Weiter kam das Mondmädchen nicht. Es stand auf und starrte zum Wald. Die Füchsin presste sich an ihre Seite und starrte mit aufgestellten Ohren in dieselbe Richtung. Schritte. Schnell und panisch. Sie kamen genau auf sie zu. Und mit den Schritten trug der Wind den Duft nach Zimt, Rosen und Liebe herbei. Cinnas Duft.

Wenige Minuten später stürzte Cinna weinend aus dem Wald. Ihr Haar stand ab, als wären ihr ganze Büschel ausgerissen worden und an einigen Stellen war ihre Haut gerötet, als hätte sie sich dort gekratzt. "Mo!", schrie das Mondmädchen, "Das war so gemein!" Das kleine Mäd-chen warf sich ihrer Schwester in die Arme und schluchzte. "Ganz ruhig", flüsterte Mo und fuhr ihr durch das Haar, "Beruhig dich erstmal. Was ist denn passiert?" Cinna stieß schluchzend hervor: "Ich habe im Wald gespielt. Ich bin zwischen den Bäumen hindurch gerannt, den Vögeln hinterher. Plötzlich bin ich mit den Fingern gegen ein merkwürdig weißes Gebilde gestoßen. Es sah aus wie eine Brücke aus Spinnweben. Meine Hand hat die Brücke zerrissen. Kaum ist das passiert, sind mehrere Elfen aus den nah gelegenen Büschen aufgetaucht. Sie haben mich beschimpft und mich fortgescheucht. Dabei haben mir ein paar von ihnen an den Haaren gezogen und mich mit Juckpfeilen beschossen." Doomoraga legte ihr die Schnauze an eine der geröteten Stellen. Sie fühlte sich heiß an und der Geruch von Blut stieg davon aus. Offenbar hatte Cinna sich blutig gekratzt. Das erklärt, warum sie so mitgenommen aussieht. Während Mo ihre Schwester weiterhin tröstete und beruhigte, starrte die Fuchsfee auf den Wald.

Elende Elfen. Doomoraga knurrte leise. Das war nicht sehr nett von ihnen gewesen. Na wartet! Die Fuchsfee würde diesem aufgeblasenen Pack einen Besuch abstatten. Dann sollten die Elfen sich für ihr Verhalten entschuldigen und schwören, dass sie Cinna nie wieder anrührten oder ärgerten. Und wehe sie halten sich nicht dran, dann haben sie einen Fehler gemacht. Mit schnellen Schritten stürzte Doomoraga durch den Wald. Ihre Pfoten raschelten im Laub und ihr Atem verwehte als weiße Dunstwolke. Hoffentlich finde ich diese Elfen. Die Fuchsfee wurde langsamer. Witternd hielt sie die Nase in die Luft. Zuerst roch sie nur Blätter und Rinde, dann erhob sich ein Duft, der die anderen überlagerte. Er roch wie eine Kreuzung aus Moschus, Orangenschalen und Rosenblättern. Elfenduft.

Die Fuchsfee kniff die Augen zusammen und sah sich um. Dicht vor ihr stand eine große Eiche. Der Stamm war nass von Regen und mit Moos bewachsen. Die Blätter wurden bereits golden. Doch Doomoraga hatte auf etwas anderes den Blick gerichtet. Zwischen den Zweigen schimmerten wie gefangenes Mondlicht mehrere hauchdünne Fäden. Sie waren kunstvoll zu mehreren Brücken verwebt worden, die sich kreuz und quer zwischen den Ästen spannten. Das ist genau das, was ich gesucht habe. Doomoraga wusste, dass Elfen mit Vorlieben solche Brücken webten, um von einem Ast zum nächsten zu gelangen. Sie lebten in den Baumhöhlen und hatten nicht immer Lust von einem Ort zum nächsten zu fliegen. Doomoraga wechselte die Gestalt. Sie klaubte sich ein Blatt aus dem Haar, das sich dahin verirrt hatte. Die Fuchsfee blickte zu der Brücke. Sie konnte den Wind rufen, selbst das Meer. Und sie konnte jedes magische Wesen rufen. Es musste ihrem Ruf gehorchen, ob es wollte oder nicht.

Doomoraga flüsterte: "Komm kleine Elfe, flieg durch die Nacht. Musst dich beugen meiner Macht. Komm zu mir, denn ich befehle es dir." Die Fuchsfee wartete, während ihre Augen die Finsternis absuchten. Schon bald erblickte sie eine winzige Gestalt, die durch die Äste auf sie zugeschossen kam. Es war ein Mädchen, zart gliedrig und so klein, dass es sich auf ihrer Hand zusammenrollen konnte. Ihre Flügel waren die eines Schmetterlings. Sie schimmerten, als wäre ihre Oberfläche aus Seifenblasen gemacht. Die kleine Elfe flog aus dem Gewirr aus Zweigen und Blättern. Sie verharrte in der Luft und sah sich suchend nach einer Landefläche um. Doomoraga hob die Hand und nickte auf ihre Handfläche. Die Elfe wirbelte in einer eleganten Spirale durch die Luft und ließ sich auf der hellen Haut nieder. "Ihr habt mich gestört, als ich mich schön gemacht habe", sagte die Elfe und rümpfte die spitze Nase. Doomoraga schnitt eine Grimasse. Eitles, kleines Ding. "Ich finde kaum eine Möglichkeit einen von deinen zu rufen", antwortete Doomoraga, "Ihr tut ja kaum was anderes außer euch schön machen."

Die Elfe strich sich durch das grün schillernde, blauschwarze Haar. "Was wollt Ihr?", fragte sie, "Die Nacht ist kurz und ich will diese Strecke nicht umsonst geflogen sein." Doomoraga ging nicht auf ihre Bemerkung ein. Stattdessen entgegnete sie: "Du weißt, wer ich bin?" Ihr Gegenüber warf den Kopf hoch. "Natürlich", sagte sie mit glockenheller Stimme, "Ihr seid die Fuchsfee Doomoraga. Dass Ihr hier seid, hat sich so schnell verbreitet wie eine Krähe fliegt." Die Elfe neigte den schmalen Kopf und fragte erneut: "Was wollt Ihr?" Doomoraga strich über das Fell ihres Fuchsschweif und erwiderte: "Du und dein Volk, ihr habt vor kurzem ein junges Mondmädchen aus dem Wald gejagt, es mit Juckpfeilen beschossen und ihr Haare ausgerissen." "Na und?", näselte die Elfe und rümpfte die Nase, "Sie hatte eine unserer Brücken zerstört. Ihr habt keine Ahnung, was für eine Arbeit es ist, eine solche Brücke zu bauen." "Deswegen bin ich hier", meinte Doomoraga und hob die Elfe auf Augenhöhe, "Ich will, dass ihr dieses Mondmädchen in Ruhe lasst. Sie ist ein Kind, sie wusste nicht, dass ihr so zornig sein würdet. Und entschuldigt euch für euer Verhalten." Ihr Gegenüber verengte die goldenen Augen. "Wieso sollten wir das tun?", zischte sie, "Wir Elfen nehmen keine Befehle von anderen an. Und es ist halt die Schuld dieses tollpatschigen Mondmädchens, dass es unseren Zorn gereizt hat."

Doomoragas Augen flackerten zornig. Das schwarze Feuer darin schien alles um sie herum zu versengen. Die Fuchsfee nahm die Elfe zwischen Daumen und Zeigefinger. "Es ist weitaus gefährlicher mich zu reizen", zischte Doomoraga und begann ihre Finger aneinander zu rei-ben. Es war eine sachte, fast vorsichtige Bewegung, doch die Elfe wimmerte und ihre Augen traten hervor.
"Werdet ihr euch entschuldigen?", fragte Doomoraga. Die Elfe schien ziemlich stur zu sein, denn sie schüttelte trotzig den Kopf. Die Finger der Fuchsfee machten immer noch die reibende Bewegung, doch jetzt war sie etwas schärfer geworden. "Vorsicht", säuselte Doomoraga und lächelte genüsslich, "Wenn du dich weiterhin weigerst, werde ich dich zerreiben wie ein Blütenblatt." Die Elfe stieß hervor: "Na gut. Es tut uns leid. Wir lassen das Mondmädchen in Ruhe." Na bitte, geht doch. Doomoraga lockerte ihren Griff und ließ die Elfe in ihre andere Hand purzeln. Sie sah belustigt zu, wie sich ihr Gegenüber aufrappelte. "Warte!", zischte Doomoraga, als die Elfe wegfliegen wollte, "Was bekomme ich dafür, dass ich dich aus meiner Macht lasse?"

Die Kleine kniff die Augen zusammen. Dann schlug sie vor: "Ich werde dir ein Reagenzglas mit meinem Staub geben." Elfenstaub. Ein einfaches Schlafmittel. Einfach, aber sehr stark. Doomoraga nickte zustimmend. "Einverstanden." Die Elfe spreizte die Flügel und zitterte etwas, als sich Doomoragas Finger um den gertenschlanken Leib schlossen. Die Fuchsfee schüttelte die Elfe sachte und silberner Staub rieselte aus den Flügeln. Nach einer Weile ließ sie sie los. Die Elfe schüttelte sich, als versuche sie den Druck von Doomoragas Fingern loszuwerden. Dann schnippte die Kleine mit den Fingern und auf einmal hielt Doomoraga ein Reagenzglas in der Hand, es war mit dem silbernen Elfenstaub gefüllt. "Danke", sagte Doomoraga und lächelte. Sie hauchte der Elfe ihren Atem ins Gesicht. Diese stieß ein erschrecktes Kreischen aus, als sie herumgeschleudert wurde wie ein Blatt im Wind und verschwand. Doomoraga ließ das Reagenzglas in ihrem Gewand verschwinden. Mit einem Lächeln machte sie sich auf den Rückweg zu den Mondmädchen. Keine Sorge, Cinna. Jetzt werden dich die Elfen nicht mehr ärgern.

Kapitel 5 in dem Doomoraga verbannt wird

Etwas stimmte nicht. Doomoraga hatte ein merkwürdiges Gefühl, während sie die Fuchsfeeninsel betrat. Nebel hing zwischen den Bäumen, so weiß und feucht, als würde die Erde ihn ausatmen. Eine bedrohliche Stille lastete auf der Insel. Kein Vogel sang. Doomoraga hatte das Gefühl, sie wäre eine Maus, die gerade in eine Falle getappt war und hörte, wie sie hinter ihr zuschnappte. Warum komme ich mir wie ein Verstoßener vor? Die Fuchsfee schüttelte zornig den Kopf, um ihre aufkeimende Furcht loszuwerden. Mit leisen Schritten lief sie zwischen den Bäumen hindurch. Jede Faser ihres Körpers war angespannt und die Füchsin, die in ihr schlummerte, war voller Wachsamkeit.

Kam jemand ihr nach? Doomoraga ging langsam, damit der Jäger ohne Namen ihr folgen konnte. Doch alles, was sie hörte, war das Rascheln des Grases, wenn ihre Beine dagegen schlugen, das Wispern der Blätter. Wo war derjenige, der sie suchte? Komm raus. Komm raus, wer immer du auch bist. Die Fuchsfee hielt inne und lauschte mit schief gelegtem Kopf. Grrr. Das Geräusch ließ sie zusammen zucken. Grrr. Ein leises Knurren. Es kam aus den Büschen. Das Grrr klang wütend und drohend. Doomoraga verengte die Augen und starrte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Sie knurrte zurück. Los! Komm raus, wenn du dich traust. Blätter bewegten sich, als sich mehrere Gestalten aus den Büschen schoben. Es waren fünf Fuchsfeen in ihrer Fuchsgestalt. Die Ohren hatten sie an den Kopf gepresst und ihre gebleckten Zähne glitzerten im Mondlicht. Langsam schlichen sie auf Doomoraga zu, wobei sie begannen die Fuchsfee einzukesseln.

"Was soll das?", zischte Doomoraga. Eine der Fuchsfeen hob den Kopf. Ihr Fell war weiß wie Schnee und sie besaß drei Schwänze. Asena. Die Füchsin bellte: "Wir sollen dich zur Eichenpfote bringen, Doomoraga. Wir müssen dich einkesseln, weil du nicht freiwillig hingehen wirst." Die Eichenpfote. Sie befand sich genau in der Mitte der Fuchsfeeninsel. Es waren vier Eichen, die in einem Halbkreis in der Lichtung standen. Die Eichenpfote hatte ihre Namen deshalb bekommen, weil auf dem Gras unzählige Pfotenspuren zu sehen waren. Sie stammten von den Fuchsfeen, die sich hier versammelten und über Probleme und Streitereien diskutierten. Sie wissen es. Nur deshalb wollten die Füchse Doomoraga zur Eichenpfote bringen. "In einer Sache habt ihr Recht", knurrte Doomoraga leise, "Ich werde nicht freiwillig zur Eichenpfote gehen. Niemals." Die Füchse bellten und stürzten nach vorne, als hätten sie auf diese Worte nur gewartet. Doomoraga kreuzte die Arme über der Brust und wartete. Als die Fuchsfeen nur noch etwas von ihr entfernt waren, breitete sie die Arme aus. Ein kraftvoller Windstoß fuhr über die Lichtung und zwang die Füchse dazu zurück zu weichen. Asena wechselte die Gestalt. Sie war etwas kleiner als Doomoraga und hatte weißblonde Locken. Ihr Schweif war kurz und buschig, das Fell so weiß wie frisch gefallener Schnee. "Stell dich nicht so an, Doomoraga", knurrte Asena und schlug mit der Faust in ihre offene Handfläche.

Ein scharfer Schmerz blendete Doomoraga und ließ sie taumeln. Sie hatte das Gefühl, jemand hätte ihr soeben gegen den Hinterkopf geschlagen und gleich darauf in die Augen gestochen. Nicht gut, gar nicht gut. Die Fuchsfee schlingerte benommen hin und her. Ihre Knie schienen plötzlich kraftlos zu sein und sie sackte benommen zur Seite. Dann verlor Doomoraga das Bewusstsein. Die Fuchsfee schlug die Augen auf. Ihr Kopf dröhnte und ihre Augen tränten. Ein keuchendes Geräusch entwich ihren Lippen und Doomoraga brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es ihr Atem war. Ihre Kehle fühlte sich trocken an, als hätte sie versehentlich Sand geschluckt. Ihre Arme und Beine schmerzten.

Wo bin ich? Doomoraga starrte die Decke an. Es war eine zerklüftete Kalksteindecke und zwischen den Tropfsteinen, die wie Eiszähne daran herunter hingen, bildeten sich Pfade aus blauen und hellroten Linien. Die Fuchsfee spürte Stein unter sich. Nass und kühl. Doomoraga schaffte es den Kopf zu drehen. Durch den Höhleneingang fiel grelles Sonnenlicht und die Eichenpfote zeichnete sich schräg davon ab. Sie versuchte aufzustehen, doch sie war zu schwach. Zu müde. Doomoragas Gedanken waren so zähflüssig wie Sirup. Ihre Kraft schien in Watte zu ertrinken. Die Fuchsfee sah alles durch einen dicken, bleigrauen Schleier. Doomoraga konnte sich nicht konzentrieren, es bereitete ihr Kopfschmerzen über etwas zu sehr nachzudenken. Sie müssen mir eine Droge verabreicht haben. Irgendetwas, das mich schwächt.

Was würde nun geschehen? Doomoraga befeuchtete mit ihrer Zunge ihre Lippen, während sie vor sich hin grübelte. Die anderen Fuchsfeen würden wissen wollen, warum sie die Fuchsfeeninsel verlassen hatte. Sie würden sie bestrafen. Vielleicht würden sie Doomoraga wie ihre Vorgängerin in eine Eiche verwandeln. Aber wer würde über die Strafe entscheiden? Sie alle zusammen? Einer allein? Die Ungewissheit raubte Doomoraga die Nerven und sie versank in wilde, düstere Träume voller Blut und Zorn, der sich in ihren Leib brannte. Das Geräusch von Schritten ließ sie aufschrecken. Die Schritte kamen auf sie zu. Langsam und zielstrebig. Doomoraga fühlte Furcht und Wut darüber, dass sie so hilflos war. Wer kam da? Die Schritte wurden langsamer und blieben schließlich stehen. Asena beugte sich über sie. "Was willst du?", fragte Doomoraga missmutig. Asena entgegnete: "Ich soll dich zur Baumpfote bringen. Deine Schwester will dich sehen. Und zwar jetzt!" Die dunkle Fuchsfee kam taumelnd auf die Füße. Ihr fiel auf, dass sie wieder klar denken konnte. Okay, das ist schon mal gut.  Asena, die in der menschlichen Gestalt war, packte unsanft ihren Arm, damit sie nicht erneut stürzte.

"Los, komm!", sagte die weiße Fuchsfee. Doomoragas Füße sackten unter ihr weg und sie fühlte sich hilflos und schwach. So schwach und hilflos wie ein verletztes Tier. Nie wieder. Nie wieder will ich diese Schwäche erleiden müssen. Die Baumpfote öffnete sich vor ihnen. Doomoraga blickte sich um. Das Holz der mächtigen Eichen glänzte in der Sonne und ihre Kronen bildeten ein Dach aus Blättern. Alle Fuchsfeen, die der See jemals geboren hatte, hatten sich versammelt. Sie ruhten in den Schatten der Büsche und einige saßen in menschlicher Gestalt im Geäst. Doomoraga sah unzählige Augenpaare auf sich gerichtet und spürte eine schmutzige Welle aus Verachtung und Zorn, die ge-gen sie schlug.

Asena schubste sie in die Mitte der Eichenpfote. Doomoraga straffte die Schultern. Irgendwie fanden ihre geschwächten Beine die Kraft ohne Hilfe zu stehen. Die Fuchsfee musterte die anderen um sich herum und ihre Augen waren zornig zusammen gezogen. Ich weiß jetzt schon, dass das schlecht für mich ausgeht. Auf Hilfe konnte sie nicht hoffen. Miranda löste sich aus den Schatten, die die Eichen warfen. Sie war in ihrer menschlichen Gestalt und ihre Gesichtszüge waren gnadenlos. Das rote Haar hatte sie sich hochgesteckt und das Fell ihres Fuchsschweifes war aufgeplustert, sodass er viel dicker und voller erschien, als er es war.

Doomoraga verschränkte die Arme vor der Brust und schob das Kinn vor. Trotz lag in ihrer Haltung und wilder Zorn. Ihre Haare hingen wild in ihrer Stirn und ihr Schweif schnippte energisch hin und her. Die Füchsin in ihr schien zu fauchen und zu schreien, als wollte sie Doomoraga dazu bewegen ihre Schwester in Fetzen zu reißen. Doch die Fuchsfee blieb ruhig stehen. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen. "Du weißt, warum du hier bist, nehme ich an?", meinte Miranda und neigte etwas den Kopf. "Ja", erwiderte Doomoraga kühl. Ihre Schwester blinzelte verwirrt. Meine Ruhe irritiert sie. Doch die hellhaarige Fuchsfee fasste sich schnell: "Dann weißt du auch, dass du das Gesetz gebrochen hast?" Erneut nickte Doomoraga.

Eine der anderen Fuchsfeen sprang auf. "Gebrochen ist gut", grollte sie, "Sie hat sich über jegliche Moral unseres und aller anderen Völker hinweg gesetzt!" Doomoraga neigte den Kopf und fragte scharf: "Ist es falsch, wenn ich mich gegen Feinde verteidige?" "Feinde?", spuckte die Fuchsfee aus, "Wir haben keine Feinde. Unser Volk ist das mächtigste der Anderswelt. Wir brauchen niemanden zu fürchten." Das ist vollkommen falsch!
Miranda bewegte eine Hand. "Das reicht", sagte sie streng, "Doomoraga, hast du irgendetwas zu sagen, mit dem du dein Verhalten rechtfertigen kannst?" Ihre dunkle Schwester strich sich das lange Haar zurück. "Ich musste fort. Ich konnte nicht für alle Ewigkeit hier bleiben", rief Doomoraga, "Ihr wart noch nie in der Anderswelt. Ihr habt die Dinge nur in euren Träumen gesehen. Aber es ist etwas ganz anderes sie mit eigenen Augen zu sehen. Während meiner Reisen habe ich Erfahrungen gesammelt, die ich in meinen Träumen niemals hätte erlangen können."

Miranda und die anderen Fuchsfeen flüsterten miteinander. Dann sagte ihre helle Schwester: "Mit deiner Tat hast du nicht nur die Regeln gebrochen, sondern auch uns verraten. Du ge-hörst nicht mehr zu uns." Doomoraga fiel ihr ins Wort: "Ach, ja? Und was wollt ihr nun tun? Wollt ihr mich in einen Baum verwandeln so wie meine Vorgängerin?" Miranda schüttelte den Kopf. "Nein", sagte sie und ihre Stimme bebte, als würde jedes Wort ihre Kehle verbren-nen, "Du gehörst nicht mehr zu uns. Dieser Ort ist nicht länger dein Zuhause. Geh, Doomoraga! Geh, meine schwarze Schwester, und komm nicht zurück!" Doomoraga stand einfach nur da. Ihr Atem kam schwer. Sie senkte den Blick, während ihr Zorn in ihrem Leib brannte. Wut ist so leicht zu wecken. Sie brannte gleich unter ihrer hellen Haut. "Du begehst einen großen Fehler, Schwester", zischte die Fuchsfee eisig und ihre Miene wurde gefühllos, "Aber wenn du mich nicht mehr haben willst, gut! Trotzdem wird deine Tat große Konsequenzen haben und die gesamte Anderswelt wird darunter leiden. Das schwöre ich!"

Noch bevor Miranda etwas entgegnen konnte, wandte Doomoraga sich um und schritt davon. Ihr Kopf war zornig zurück geworfen und ihr Schweif peitschte hin und her. Ihre Wut umgab die Fuchsfee wie ein Gewitter. Ich nenne dich immer noch Schwester, flüsterte Doomoraga in Mirandas Gedanken. Aber nur noch weil wir am selben Tag aus dem See gestiegen sind. Liebe empfinde ich nicht mehr für dich. Nur noch Hass.

Kapitel 6 in dem wir lernen, wie weh Ungewissheit tut

Mo hatte den Blick nicht ein einziges Mal von der Insel abgewandt. Es tat Cinna weh, die Furcht auf ihrem Gesicht zu sehen. Furcht vor der Sorge, Furcht vor dem, was Doomoraga auf der Insel erwarten würde, aber vor allem Furcht davor, dass die Fuchsfee nicht zurück kommen und sie allein bleiben würde. Sie schien sie vergessen zu haben, aber Cinna ging trotzdem zu ihr. Sie spürte dieselbe Ungewissheit und Sorge an ihrem Körper nagen, scharf und brennend wie mit ätzendem Gift bedeckte Zähne und es war so viel leichter die Furcht und Angst mit jemandem zu teilen, als in ihr zu versinken. Mo war so allein.

"Doomoraga ist bald zurück, Mo", sagte Cinna. Ihre Schwester wandte sich nicht um. Die grünen Augen hingen immer noch an der Insel. Endlich antwortete sie mit brüchiger Stimme: "Bei Doomoraga weiß man nie, ob sie zurück kommt. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede." "Du vermisst sie, nicht wahr?", fragte Cinna. Sie berührte ihre Schwester sachte an der Schulter und sang. Sie mischte in ihren Gesang Dinge, die Mo liebte. Den Duft von Minze und das Licht des Mondes, doch Mo hob warnend die Hand und sie verstummte. "Ja, Cinna, ich vermisse sie", sagte Mo, "Doomoraga ist für mich wie eine Schwester geworden. Eine ältere, nicht eine jüngere wie du." Sie wird zurück kommen.
Die Elfen füllten die Luft mit ihrem Gesang wie das Summen von Bienen. Sie flogen wie glitzernde Pfeile durch die Nacht, doch sie mischten sich nicht ein. Vielleicht spüren sie unsere Sorge. Auf jeden Fall hatte Doomoraga ihr Versprechen gehalten und die Elfen ließen Cinna in Ruhe.

Mo wandte den Blick von dem See ab, als wäre sie es leid ihr Spiegelbild im Wasser zu sehen. Ihr Gesicht war verdunkelt von Trauer und wirkte eingesunken wie das eines Toten. Doch Cinna sah sie nicht. Es war immer noch das Gesicht, das sie liebte. Die Lippen, von denen immer wieder beruhigende Worte gekommen waren. Selbst die Augen waren noch ihre eigenen, obwohl die Trauer und Angst das Grün ganz trübe gemacht hatte. Mo. Sie vermisste sie so sehr. "Doomoraga wird bald zurück kommen", wiederholte Cinna bekräftigend. Mo gab mit ihrer matten Stimme zurück: "Aber was ist, wenn sie sie wie ihre Vorgängerin in einen Baum verwandeln?" Das zimthaarige Mondmädchen schüttelte den Kopf. "Sie wird zurück kommen", erwiderte sie strikt, "Ich weiß es. Sie liebt dich und mich. Auch wenn sie es nicht sehr gut zeigen kann."

Mo antwortete nicht. Das schwarzhaarige Mädchen schob sich an ihrer Schwester vorbei. Sie verschwand zwischen den Weiden und lehnte sich mit traurig geschlossenen Augen gegen einen Stamm. Cinna starrte ihr nach. Sie wusste nicht, was sie noch sagen konnte. Also blieb das Mondmädchen am Ufer stehen und starrte auf die Insel. Komm zurück, Doomoraga. Bitte. Die zwei Monde standen schon hoch am Himmel, als sich in der Ferne etwas regte. Cinna hob den Kopf. Sie konnte die Silhouette einer Gestalt erkennen. Es war eine Füchsin. Ihr Fell war gesträubt und die bernsteingoldenen Augen schmal vor Zorn. Neun Schweife zuckten hin und her. Mo und Cinna liefen zu Doomoraga. Die Fuchsfee starrte hinüber zur Insel. "Was ist passiert?", wollte Mo wissen, "Sag schon." Doch Doomoraga antwortete nicht. Sie starrte auf ihr Zuhause, als hätte sie Cinna und ihre Schwester vergessen. Sie waren beide da: die Füchsin mit den boshaft funkelnden Augen und dem schelmischen Lächeln, die Cinna so liebte. Und die Fremde, deren Zorn ihre Haut versengte und deren Kaltherzigkeit wie Gift auf ihrer Zunge schmeckte. Es war, als wäre Doomoraga vollkommen verändert. Sie ist nicht mehr dieselbe. Sie ist kalt wie Eis und genauso schön.

Endlich wandte die Fuchsfee sich zu ihnen um. Zorn lag in ihren Augen und ein schwarzes Feuer tanzte darin. "Lasst uns gehen", sagte Doomoraga gefühllos, "Wir haben hier nichts mehr verloren. Ich bin nicht mehr eine von ihnen." Sie wechselte die Gestalt. Dann klatschte die Fuchsfee in die Hände. Zwei Messer tauchten auf. Die Klingen schimmerten, als wären sie aus Mondlicht gemacht. Doomoraga hielt den beiden Mondmädchen die Waffen hin. "Hier", sagte sie, "Ihr werdet sie vielleicht brauchen, falls meine Wut mich nicht verlässt und ich morgen eure Namen nicht mehr weiß. Falls ihr sie angreifen müsst - die andere mit der schwarzen Seele -, sagt euch einfach, dass sie dasselbe mit mir getan hat." Cinna wollte zurück weichen, doch Doomoraga packte ihren Arm. Sie drückte ihr die Waffe in die Hand. Die Augen der Fuchsfee waren kühl und abweisend und die Nacht zwischen ihnen wie ein schwarzer Fluss. Doomoraga fuhr Cinna mit ihren sechs Fingern durch das zimtfarbene Haar. "Es tut mir so leid", flüsterte die Fuchsfee. Dann wandte sie sich um und schritt davon. Ihre Schritte waren energisch und voller Wut. Sie verschwand unter den Weiden, als wären die finsteren Schatten darunter genau das, was sie suchte. Und Cinna stand da und starrte den Dolch in ihrer Hand an. Bis sie schließlich an den See trat und ihn in das dunkle Wasser warf.

Kapitel sieben in dem ein Bauer ein Problem mit bestialischen Pferden hat

Die zwei Monde hatten ihren höchsten Stand erreicht, als die drei Freunde den Wald verließen. Doomoraga blickte sehnsüchtig zurück. Es war ein merkwürdiges Gefühl die Fuchsfeeninsel nie wieder zu sehen. Der Wald wirkte dunkler als sonst und viele Elfen saßen zwischen den Ästen. Waren sie froh, dass die Fuchsfee ging? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doomoraga erblickte die kleine Elfe, mit der sie damals geredet hatte. Sie saß auf den Zweigen einer Tanne und spann Spinnwebfaden zu einem Netz. Doch sie schien sich nicht sonderlich konzentrieren zu können. Immer wieder zerriss ein Teil und sie musste von vorne anfangen. Na, wenigstens eine Person, die es schlecht findet.
"Komm!", meinte Mo. Das Mondmädchen wandte sich zu Doomoraga um. "Wir sollten aufbrechen. Du kommst bestimmt irgendwann zurück." Zurück? Wohin? Es gab kein Zurück mehr und Doomoraga wusste das genau. Doch sie hatte es nicht über das Herz gebracht ihren Freundinnen das zu sagen.

Mit langsamen Schritten folgte die Fuchsfee den beiden Mondmädchen. Der Pfad, über den ihre Füße glitten, war schlammig und braun. Er schien aus nichts weiter als Lehm und Erde gemacht zu sein. Der Weg war eine dünne Narbe in einem grünen Meer aus Gras, Kräutern und Blumen, das durchbrochen wurde von Linden und Eschen. Direkt über ihnen war wie ein schwarzes Tuch der Himmel. Die Sterne wirkten wie kalte Frostspritzer und als Doomoraga den Mond anblickte, hatte sie das Gefühl in das Auge eines toten Fuchses zu sehen. Was war das nur? Dieses Gefühl, das in ihr mit scharfen Krallen riss und schmerzte wie Hunger oder Durst? Nicht Zorn. Zorn war heiß und wild wie ein Feuer. Aber das hier war so dunkel wie die Schatten unter einem Giftbusch - und hungrig. So hungrig.

Es musste etwas anderes sein. Es brauchte einen anderen Namen. Zorn konnte nicht das rich-tige Wort sein, denn es gab auch nicht denselben Namen für Leben und Tod oder Mond und Sonne. Es ist schlimmer als Zorn. Viel schlimmer. Wie Gift, das man in ihren Körper geschüttet hatte und das sie nun von innen heraus verätzte. Und es tat weh. So sehr weh, dass sie weinen musste. Ihre herzlose Brust schien sich mit Eis zu füllen. Mit tintenschwarzem Eis, das nicht schmelzen würde. Kälte und Zorn flossen durch ihren Körper und vereinigten sich zu einem viel tiefer greifenden und brutaleren Gefühl. Hass. Ein Hass, den Doomoraga noch nie gespürt hatte. Dunkel, schwer und erdrückend wie eine Bestie. Der Hass war aber nicht nur das. Zugleich war er heiß wie flüssiges Feuer und so hart wie Stein. Doomoraga schien sich in eine Fremde zu verwandeln. Es war das erste Mal, dass sie so unverstellt die Lust empfand jemanden zu verletzen, Blut fließen zu sehen und zu töten. Hass, Zorn, Bosheit, Wahnsinn. Dieses Gefühl hatte so viele Worte, doch kein einziges Wort konnte es auch nur annährend beschreiben.

"Wir kommen bald zu den Bauernhöfen." Doomoraga blinzelte. Mo wandte sich zu ihr um. Das Mondmädchen meinte: "Wir könnten einen Bauern fragen, ob wir bei ihm übernachten dürfen. Und vielleicht bekommen wir etwas zu essen." Erst jetzt bemerkte die Fuchsfee das Loch in ihrem Bauch. Ihre Gefühle hatten ihren Hunger zum größten Teil verdrängt. "Wenn du meinst", murmelte Doomoraga. Ihre Stimme war so emotionslos wie immer. Mo und Cinna sahen sie voller Furcht an. Kein Herz, keine Gefühle. Die Fuchsfee kringelte ihre Schweife über ihren Rücken. Sie knurrte: "Macht euch nichts draus. Ich werd mich schon daran gewöhnen." Der Weg verlief jetzt durch ein Meer aus Weizenfeldern. Die goldenen Halme wiegten sich im Wind. Dazwischen standen Apfel-, Kirsch- und Birnenbäume. Doomoraga musterte die Früchte. Sie sahen appetitlich aus und für einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken sich einfach zu bedienen. Doch dann schüttelte die Fuchsfee den Kopf. Es war nur eine kleine Mahlzeit und die würde sie kaum satt machen.

An die Weizenfelder grenzte eine umzäumte Koppel. Das Gras war grün und der Geruch von Wiesenkräutern wehte in Doomoragas Nase. Die Pferde, die auf der Koppel grasten, waren bildschön. Sie waren wohlgenährt, hatten ein sauberes Fell und glänzende Augen. Die Mähne und der Schweif wirkten wie aus Seide gemacht. Ihre Hufe sahen so aus, als hätte jemand sie poliert. Es war eine große Herde. Mindestens zehn bis zwanzig Tiere. "Was für schöne Pferde", meinte Mo, "Sie sehen prachtvoll aus. Richtig stattlich." Doomoraga nickte. "Dieser Bauer muss sehr reich sein", stellte sie fest und ihre Augen funkelten nachdenklich, "Ich möchte wissen, wie dieser Mann lebt. Seine Äcker tragen viele Früchte und die Tiere sind gesund. Bestimmt ist dieser Bauer sehr gastfreundlich und teilt, was er hat, mit uns."

Auch der Hof zeugte von dem Reichtum des Bauern. Er war sehr groß. Das Haus war aus Stein und besaß ein rotes Ziegeldach. An den Fenstersimsen hingen Blumenkästen, in denen Narzissen blühten. Die Fenster hatten rote Vorhänge, deren Stoff fein gewebt worden war. Die Balken, die das Haus umfassten, waren aus dunkel glänzendem Holz gemacht. Direkt neben das Haus schmiegte sich ein großer Stall. Das Holz war dunkel und durch die offenen Fenster konnte Doomoraga Kühe und Schweine erkennen. Doch ein Großteil der geräumigen Boxen war leer es waren offensichtlich die Pferdeboxen. Aus einer Tränke, die schräg vor dem Stall stand, sprudelte klares Wasser. Als die Füchsin und die Mondmädchen den Hof betraten, scholl lautes Bellen ihnen entgegen. Ein großer, schwarzbrauner, struppiger Hund stürzte auf sie zu. Er hatte die Ohren angelegt und die Zähne gezeigt. Mit gesträubtem Fell stellte er sich vor die Neuankömmling und bellte und knurrte sie wütend an.

Oh, Mann! Kann dieser Hund mal bitte aufhören wie ein Verrückter Alarm zu schlagen? Doomoraga rollte die Augen. Der Rüde verteidigte sein Revier und versuchte sie zu verbellen. Die Füchsin wechselte die Gestalt. Das Fell lockerte sich und machte ihrer Menschenhaut Platz. Die bernsteinfarbenen Augen wurden oval und das schwarze Feuer erwachte darin. Das fuchsrote Haar umrahmte ihr schmales Gesicht mit den kalten Gesichtszügen.
Als der Rüde das Mädchen erblickte, wurde er keineswegs still. Er bellte, heulte und knurrte nur noch lauter. Mit weiten Sätzen schoss er um die Fuchsfee und die Mondmädchen herum. Er bellte und schnappte mit gebleckten Zähnen in die Luft. Cinna schrie erschreckt auf und versteckte sich hinter Mo.
Doomoraga wurde die Sache langsam zu bunt. Sie trat dem Mischlingsrüden in den Weg. Als der Hund mit wildem Gebell sie anspringen wollte, stieß sie ihn zur Seite. "Hör auf dich so aufzuführen", sagte Doomoraga mit leiser verhallender Stimme, "Setz dich und gib keinen Laut mehr von dir."

Der Mischling starrte sie an. Dann blinzelte er und seine Augen wurden glasig, als hätte jemand eine dünne, graue Schicht darüber gezogen. Der Hund senkte die Schultern, seine Hinterbeine klappten ein, dann ließ er sich mit einem gedämpften Schnaufen auf dem Boden nieder. Er blickte die Fuchsfee an, doch er schien sie nicht wirklich zu sehen. So willenlos ist er. Wie ein kleines Spielzeug. Ein hämisches Lächeln kräuselte Doomoragas Lippen. Das Knarren einer Tür ließ sie aufblicken. Ein Mann schob sich durch die Öffnung und trat auf den Hof. Er war groß und stämmig. Seine Arme und Hände waren fleischig und von der Arbeit ganz rau geworden. Er trug eine blass braune Schürze und schwarze Stiefel. Das spärliche, schwarze Haar hatte er sich sorgsam auf den platten Schädel gekämmt, als würde es ihn irgendwie hübscher machen.

"Heh, ihr da!", blaffte der Bauer, "Was fällt euch ein hier herumzuschnüffeln, Man o? Und was habt ihr mit meinem Hund angestellt? Erst kläfft er wie ein Wilder, dann ist er mucks-mäuschenstill!" Doomoraga spürte, wie der Zorn in ihr aufwallte. Ehrlich. So einen unhöflichen Mann hab ich noch nie gesehen! Der ist ja noch schlimmer als die Elfen. Der Mann blickte seinen Hund an. Der Rüde hockte immer noch auf dem Boden und hatte sich keinen Zentimeter gerührt. Auf das Gepolter seines Herrn hatte er nicht reagiert, noch nicht einmal mit den Ohren gezuckt. Der Hund saß da wie eine Statur und starrte an ihnen allen vorbei wie in einer Trance.

"Was habt ihr mit meinem Hund angestellt, Man o?", fauchte der Bauer, "Er rührt sich nicht und seine Augen sind ganz komisch." Der Mann stapfte ein paar Schritte auf Doomoraga zu. "Hat einer von euch Gören ihn verhext? Was wollt ihr hier, Man o? Ich kann Hexenbräute hier nicht gebrauchen!" Das Feuer in Doomoragas Augen wurde noch finsterer. Hexenbraut. Dies war ein widerwärtiges Schimpfwort für eine Frau, der man nachsagte mit mehreren Männern zu schlafen, zu stehlen und böse Zauber zu wirken. Kurz: Die alles tat, was weder nett, noch niedlich, noch freundlich, noch irgendwie gesellschaftlich war. Doomoraga gab zurück: "Euer Hund befindet sich so lange in dieser Starre, wie ich das entscheide. Keine Sorge. Er lebt noch. Doch er wird fürs Erste eine hübsche Statur abgegeben." Mo trat an ihre Seite und sagte freundlich: "Wir sind Reisende und suchen eine Bleibe für die Nacht. Würdet Ihr uns wohl Herberge gewähren und etwas zu essen geben?" Der Bauer lief zornrot an. Seine Schweinsaugen wurden schmal und schienen aus den Höhlen zu quellen. "Euch eine Herberge zu gewähren?", polterte er los, "Für wen haltet ihr mich, Man o? Ihr, Hexenbräute, würdet mir doch nur die Pferde verhexen und die Speisen vergiften." Der Mann griff eine Heugabel. "Mach meinen Hund wieder normal, Man o!", fuhr er Doomoraga an, "Und dann verschwindet von hier!"

Die Fuchsfee starrte den Bauern zornig an. Die Spitzen der Heugabel waren nur wenige Zen-timeter von ihrer Brust entfernt. Doomoraga schob die Gabel zur Seite. "Kommt!", knurrte sie, "Wir verschwinden von hier." Die Fuchsfee schnippte mit dem Finger und der Hund löste sich aus der Starre. Der Rüde blinzelte verwirrt und starrte Doomoraga an, während sie und die beiden Mondmädchen den Hof verließen. "Jawohl!", knurrte der Bauer, "So ist's gut, Man o. Haut lieber ab, bevor ich euch Hexenbräute verprügele." Er fuchtelte mit der Heugabel herum, als wolle er seine Worte noch unterstreichen.

"Also dieser Bauer war je echt unverschämt!", fauchte Mo. Sie, Cinna und Doomoraga standen auf einem kleinen Hügel, der an den Hof grenzte. Das Mondmädchen hatte die Arme vor der Brust verschränkt und seine grünen Augen blitzten empört. "Er nennt uns Hexenbräute und jagt uns fort wie Hunde." Doomoraga schnaubte. Auch sie war immer noch empört. Wie kann er mich so behandeln? Weiß er nicht, wer ich bin? Zorn umhüllte sie und schmeckte wie Gift auf ihrer Zunge. Das Feuer in ihren Augen loderte und die beiden Mondmädchen rieben sich die Schläfen, als würde der Anblick ihnen Schmerzen bereiten. Der Zorn ließ die Fuchsfee zittern. Sie musste an ihr erstes Zusammentreffen mit den Elfen denken. Auch die waren nicht sehr nett gewesen, doch dieser Bauer ist ja noch schlimmer.

"Also seid ihr ebenfalls vertrieben worden." Die Fuchsfee zuckte zusammen und wandte sich um. Vor ihr hockte eine kleine Servalin mit blauschwarzem Fell. Hinter ihren Ohren waren Federn und sie trug auch um den Hals eine silberne Kette, die mit Federn geschmückt war. Silberne Flecken bedeckten ihren Leib und ihre Schwanzspitze war silbrig grau und buschig.
Doomoraga kniff die Augen zusammen und trat auf die Gestalt zu. "Du bist eine Grapede, nicht wahr?", fragte die Fuchsfee. Sie wusste, dass Grapeden Groß- oder Kleinkatzen ähnelten, die sich in Menschen verwandeln konnten. Ihr Gegenüber nickte. "Hast du uns beobachtet?", fragte Mo. Die Grapede nickte und gab zurück: "Ja. Ich habe schon öfter mit diesem Bauern zu tun gehabt. Er ist sehr geizig und eitel. Er mag Fremde nicht und sieht in jedem einen Räuber, der seine Pferde stehlen will." Sie fuhr sich mit der Zunge über die pelzigen Lippen. "Auf die ist er nämlich besonders stolz. Es sind sehr edle Pferde, die eine gute Abstammung haben. Er verlangt viel Geld für die Tiere."

"Was soll das heißen, du hast schon mal mit ihm zu tun gehabt?", fragte Doomoraga interessiert. Die Grapede gab zurück: "Ich bin ihm in einem sehr kalten Winter das erste Mal begegnet. Beute war sehr rar und ich hatte seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. Ich habe den Hof gesehen und bin hin gegangen, in der Hoffnung etwas zu essen zu bekommen." Sie schüttelte bedauernd den Kopf. "Mir erging es genauso wie euch. Der Bauer hat mich fort gescheucht, auch als ich mehrmals zu ihm kam. Getrieben von meinem Hunger." Doomoraga wandte sich zu den Pferden um. Sie grasten in ihrer Koppel, die Felle glänzten in der Abendsonne. Aus dieser Entfernung konnte man sie gerade noch erkennen. Sie waren nichts weiter als rote, schwarze, weiße und braune Schemen in der Dunkelheit. Die Pferde sind seine Schwäche. Und die werde ich gegen ihn verwenden. Ein boshaftes Lächeln kräuselte Doomoragas Lippen. Oh, der Bauer würde es so bereuen, dass er sie fortgejagt hatte.

"Könntest du mich zu den Pferden bringen?", fragte sie die Grapede. Ihr Gegenüber neigte nachdenklich den Kopf zur Seite, dann nickte sie. "Ich habe mir diese Herde schon öfter angesehen", maunzte sie, "und kenne alle Schleichwege. Natürlich bringe ich dich zu den Pfer-den, auch wenn ich keine Ahnung habe, was du vorhast." Die Grapede erhob sich und huschte auf das nah gelegene Dickicht zu. Doomoraga tat ein paar Schritte in ihre Richtung, dann streckte sich ihr Körper und Fell stieß aus ihrer Haut, die Ohren wurden länger und das Gesicht verformte sich zu einer Schnauze. Mit einem Zucken ihrer neun Schwänze trat Doomoraga auf die Grapede zu, die sie fassungslos ansah. "Du bist eine Fuchsfee", hauchte sie.

Doomoraga nickte. "Gehen wir", meinte sie nur. Die Grapede nickte und pirschte sich durch das Dickicht. Doomoraga presste die Ohren an den Kopf und schlängelte sich langsam durch das Gewirr aus Blättern und Dornen, die sich an ihr Fell krallten. Sie hörte Mo leise fluchen, als das Mondmädchen sich mit den Haaren in einigen Ästen verfing. Natürlich. Warum sollten sie mir auch nicht folgen? Ihre Führerin schien sehr genau zu wissen, wie sie laufen mussten. Mit federleichten Sätzen folgten sie einem fest getrampelten Pfad, der sich durch das Dickicht wand. Doomoraga kniff die Augen zusammen und versuchte etwas zu erkennen. Doch sie konnte nur ein Gewirr aus Blättern und stachligen Zweigen erahnen. Alles sah seltsam gleich aus.
Endlich schob sich die Grapede ins Freie. Die Füchsin folgte ihr. Doomoraga schnippte mit einem Ohr um das Blatt loszuwerden, das sich dort eingenistet hatte. Sie wandte sich um. Mo und Cinna krochen völlig zerkratzt aus den Büschen. Die beiden Mondmädchen richteten sich schimpfend auf.

Die Koppel war jetzt direkt vor ihnen. Der Zaun, der die Weide umfasste, war aus dunklem, glatt poliertem Holz gemacht, das peinlich genau abgemessen war. Seile aus hellem Flachs verbanden das Tor mit dem restlichen Zaun. Es war zu einem engen Knoten gewunden worden und als Doomoraga daran rüttelte, gab das Seil kein bisschen nach. Die Fuchsfee raunte Mo und Cinna zu: "Passt auf, dass der Bauer nicht kommt." Sie wandte sich der Grapede zu: "Du kommst mit mir." Das Servalmädchen nickte und begann sich zu verwandeln. Wenig später blickte Doomoraga in das schmale Gesicht eines Kindes, das von schwarzblauem Haar umrahmt wurde. Den Schmuck, den sie auch als Serval getragen hatte, war ihr geblieben.

Doomoraga nahm wieder ihre menschliche Gestalt an. Sie trat auf das Tor zu und versuchte den Knoten zu lösen. "Der ist zu fest", sagte die Grapede, "Den kriegt nur der Bauer auf." Tja, ich besitze aber noch andere Wege und Mittel. Die Fuchsfee legte die Hand auf das Seil. Sie schloss die Augen und summte vor sich hin. Geh auf! Ihre Haut juckte wie bei einem Flohbiss, als die Magie durch ihre Hand sickerte und sich auf das Seil übertrug. Der Knoten wurde lockerer und löste sich schließlich wie von Geisteshand.
Die Fuchsfee stieß das Tor auf. Sie und die Grapede traten auf die Koppel. Das Mädchen mit dem schwarzblauen Haar legte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Die Pferde wanden die Köpfe um und trabten auf sie zu. "Du verstehst was von Pferden", stellte Doomoraga fest. Das Mädchen lächelte erfreut über das Lob.

Von der Nähe sahen die Pferde noch beeindruckender aus als von der Ferne. Ihre Körper waren schlank und durchtrainiert. Jeder einzelne Muskel war unter dem dichten Fell zu erkennen. Die Augen glänzten und die Nüstern hatten die Farbe von Korallen. Ihre Mähnen und der Schweif wirkten wie Seide und das Fell schimmerte wie Samt. Wunderschöne Tiere. Der Bauer hat wirklich Grund stolz zu sein. Doomoraga ging zwischen den Pferden umher. Sie streckte ihren hellen Arm aus und berührte jedes der Tiere am Hals. Kaum trafen ihre Finger auf das dichte Fell, spannten die Pferde die Muskeln an und wurden starr. Während die Fuchsfee zwischen ihnen umherwanderte, sang sie. Es waren keine Worte, nur eine Melodie. Dunkel und unheimlich. Geräusche mischten sich in den Gesang der Fuchsfee, Dinge, die die Menschen fürchten. Die Nacht, Blut, Schmerzen, Raubtiere, Eis, Kälte und dann jene Dinge, für die es keine Bezeichnung gibt, die dunkelsten Geheimnisse der menschlichen Seele.

Während Doomoraga sang, begannen sich die Pferde zu verändern. Ihre Leiber zitterten und sie warfen die Köpfe herum gepackt von Krämpfen und furchtbaren Schmerzen. Hin und wieder stampfte eines nervös mit den Hufen auf. Die Luft knisterte von Energie und Doomoragas Haare sträubten sich und ihre Schweife plusterten sich auf. Das schwarze Feuer schien ihre Augen gänzlich auszufüllen. Kalt und böse war ihr Blick geworden. Nach einer Weile ließ Doomoraga die Arme sinken und die Wildheit wich etwas aus ihrem Blick. Ihr Atem keuchte und ihre Beine zitterten. Ihre Hände stützten sich auf die Knie. Die Fuchsfee spuckte auf den Boden. Dann richtete sie sich auf und betrachtete ihr Werk.

Die Pferde waren wie verändert. Sie hatten noch eine entfernte Ähnlichkeit an ihr früheres Äußeres, doch jetzt glichen sie eher Ungeheuern als Pferden. Ihre Leiber waren fleischlos und jeder Knochen zeichnete sich darunter ab. Das schüttere Fell war rauchgrau bis grauschwarz. Ihre Augen waren weiß und ohne jegliche Pupille. Der Kopf glich mehr einem Drachen mit schmaler Schnauze als dem eines Pferdes. Schwarze Nüstern blähten sich und vereinzelte Schuppen schmückten die Gesichter. Ihre geschuppten Vorderbeine endeten in Klauenfüßen wie die eines Adlers. Nur der Hinterleib hatte noch etwas Pferdeähnliches, auch wenn der Schweif dünn und strähnig war. Hinter den knochigen Schultern wuchsen lederne Fledermausflügel, deren Spitzen in bedrohlich aussehende Zacken endeten. Als eines der Tiere den Kopf herumwarf und ein hohes, schrilles Wiehern ausstieß, entblößte es Wolfszähne, die lang und spitz aussahen.

Mo und Cinna starrten die Pferdeungeheuer an. "Was. Sind. Das. Für. Teile?", stammelte Mo, "Wie hast du das gemacht?" Doomoraga fuhr einem der Wesen über den Drachenkopf. "Dies sind Dragonen", antwortete sie, "Und fragt mich nicht, wie ich sie erschaffen habe. Es ist extrem kompliziert. Sagen wir es so: Ich habe sie zu dieser Gestalt verflucht." Die Grapede starrte Doomoraga an. Angst flackerte in ihren Augen. "Du bist wirklich sehr mächtig", stellte sie fest, "Doch was willst du nun mit diesen Dragonen machen?" Die Fuchsfee lächelte listig. "Ich werde sie auf den Bauern hetzen", sagte sie genüsslich, "und dann zusehen, wie sie ihn in Fetzen reißen."

"Nein!", stieß die Grapede hervor, "Das kannst du nicht tun. Du würdest eine Mörderin sein und gejagt werden. Ich glaube, er würde sich schon zu Tode erschrecken, wenn er sie sieht." Wer würde das nicht. "Aber er muss bestraft werden", knurrte die Fuchsfee. Ihr Gegenüber streckte eine Hand aus. Sie war so klein wie die eines achtjährigen Mädchens. Der Dragone schob den Kopf vor und legte ihn sachte auf die hellbraune Haut. "Ist das nicht schon Strafe genug?", fragte die Grapede, "Du hast ihm das genommen, was ihm am wichtigsten war. Du hast ihm seinen Stolz genommen." Doomoraga kniff die Augen zusammen. Ihr fiel auf, wie leicht die Grapede mit den Dragonen kommunizierte. Als wären es zahme Biester. Sie mag sie. Die Fuchsfee lächelte und sagte: "Lass sie uns dem Bauer zeigen. Dann können wir in aller Ruhe verhandeln. Er täte gut daran uns diesmal nicht fortzujagen."

Die Fuchsfee griff in die strähnige Mähne und drückte sich vom Boden ab. Sie schwang das Bein über die Kruppe und landete hart auf dem knochigen Rücken. Der Dragone wieherte empört. Er drehte die spitzen Ohren nach hinten um zu hören, was seine Reiterin machte. Doomoraga sah, wie sich auch die anderen auf die Rücken der Dämonenpferde schwangen. Am leichtesten fiel das der Grapede. Sie lächelte stolz, als sie Platz genommen hatte.
"Wir fliegen", entschied Doomoraga. Kaum hatte sie das gesagt, riss ihr Dragone die Flügel senkrecht nach oben. Die Fuchsfee betrachtete fasziniert die dünnen, gerippten Knochen, zwischen denen sich die Flughaut spannte. Sie sind schön. Auf eine unheimliche Art und Weise. Ein scharfer Luftzug schoss an Doomoragas Gesicht vorbei, als die Flügel nach unten rauschten. Ein Ruck jagte durch den knochigen Pferdeleib, dann schoss der Dragone in die Höhe. Doomoraga hörte die anderen erschreckt aufschreien. Auch sie musste gegen den Schock ankämpfen. Ihr Reittier war mit einer ungeheuren Geschwindigkeit in den Himmel geschossen. Die Fuchsfee schlang die Arme um den dürren Hals um nicht runter zu fallen. Der Dragone verfiel in die Wagerechte und ließ der Fuchsfee die Zeit sich aufzurichten. Mit einigen Flügelschlägen hielt er sich an Ort und Stelle. Dann jedoch wurden die Flügelschläge schneller und er schoss durch den Himmel.

Doomoraga blickte nach unten. Die Koppel war auf Handtuchgröße geschrumpft. Die Bäume glichen winzigen Punkten und der Weg dünnen, braunen Linien. Der Dragone war extrem schnell. Seine Flügel wirbelten in einer schemenhaften Bewegung durch die Luft. Wind riss an den Haaren der Fuchsfee. Sie kniff die Augen zusammen und presste das Gesicht an die fransige Mähne. Endlich erblickte Doomoraga den Hof. Er tauchte schräg unter ihnen auf. Eine dunkle Masse in dem ganzen Gelb des Weizenfeldes. Doomoraga schrie erschreckt auf, denn plötzlich kippte der Dragone die Flügel und schoss senkrecht nach unten. Die Fuchsfee hörte um sich herum erschreckte Schreie. Offenbar waren auch die anderen wegen des plötzlichen Richtungswechsels überrascht.

Der Dragone entfaltete die Flügel und fiel knapp über dem Boden wieder in die Waagerechte. Die Fuchsfee spürte, wie ihr Reittier sämtliche Muskeln anspannte, um dem Aufprall entgegen zu wirken. Doomoraga presste die Beine an die knochigen Flanken und machte sich be-reit. Ein scharfer Ruck schüttelte sie durch, als der Dragone landete. Das Dämonenpferd tat ein paar Schritte nach vorne um den Schwung abzubremsen. Oh Mann, mir tut alles weh. Doomoraga stöhnte auf, als sie ihre schmerzenden Beine vom Pferderücken schwang. Sie krallte die Finger in die Mähne und ließ sich zu Boden fallen. Ohne den Halt wäre die Fuchsfee wohlmöglich gestürzt. Doomoraga stützte sich an den Pferdehals und wartete bis das Zittern in ihren Beinen nachließ.

Die Fuchsfee wandte sich um. Sie sah, dass auch die anderen abgestiegen waren. Mo half Cinna von dem Pferderücken. Das jüngere Mondmädchen war kreideweiß im Gesicht. Die Grapede lehnte mit entspannt geschlossenen Augen gegen den Dragone, den sie geritten hatte. Offenbar hatte der Flug ihr am wenigsten geschadet. Doomoraga trat auf die Tür zu. Ohne lange zu überlegen schlug sie mit den Fingerknöcheln gegen das Holz. Die Tür ging auf und der Bauer trat heraus. „Ihr schon wieder“, knurrte er, „Was wollt ihr diesmal, Man o? Ich hab doch gesagt, ihr sollt…“ Weiter kam er nicht. Der Bauer starrte an Doomoraga vorbei und erblickte die Dragonen, die ihn aus milchig weißen Augen ansahen.

„Was sind das für Ungeheuer, Man o?“, stammelte er und wich zurück, „Was wollt ihr mit diesen Bestien?“ Doomoraga strich einem der Dragonen über die schuppige Schnauze. „Diese ,Bestien‘ waren früher einmal deine Pferde.“ Der Bauer schüttelte den Kopf und stieß hervor: „Du lügst, Man o! Meine Pferde sind aus edler Zucht. Nicht solche Monster.“ Doomoraga lächelte grimmig. „Ich muss dich leider enttäuschen“, säuselte sie, „Diese Dragonen sind wirklich deine Pferde. In einer Sache hattest du Recht, als du mich Hexenbraut nanntest: Ich bin wirklich in der Lage Magie zu wirken. Du hast mir und meinen Freunden eine Gaststätte verwehrt. Dafür habe ich dich bestraft.“

Der Bauer starrte sie voller Panik an. „Wer seid Ihr, das Ihr so etwas wagen könnt? Und was verlangt Ihr von mir?“ Doomoraga antwortete: „Ich bin eine Fuchsfee und heiße Doomoraga. Ich verlange das, was ich zuvor genannt hatte: Essen und ein Bett für die Nacht. Eure Pferde werden so bleiben wie sie sind.“  Der Bauer weinte und flehte: „Bitte macht den Zauber weg! Oh, bitte macht ihn weg!“ Doch Doomoraga schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie kaltherzig, „Eure Pferde werden Dragonen bleiben. Doch ihr könnt diese junge Grapede als Stallmädchen nehmen. Sie kommt gut mit den Tieren zurecht und ihr wärt nicht mehr so allein.“ Der Bauer starrte die Grapede an, dann sagte er zögernd: „Wenn du hierbleiben willst, hätte ich nichts dagegen.“ Das Mädchen lächelte und nickte.

„Nehmt dies als Entschädigung.“ Der Bauer servierte eine große Platte mit Schweineschnit-zel. Doomoraga und die beiden Mondmädchen saßen in der Küche an einem hölzernen Tisch. Die Fuchsfee saß neben der Grapede, die die Dragonen in den Stall geführt hatte. Das Mädchen flüsterte: „Danke, Doomoraga. Du hast mir ein Zuhause gegeben.“ Doomoraga blinzelte und entgegnete: „Hab ich gerne gemacht. Auch wenn ich es so viel besser gefunden hätte, wenn die Dragonen den Bauern in Fetzen gerissen hätten.“ Wegen dieser Bemerkung versetzte Mo ihr einen Tritt gegen das Schienbein. Doomoraga knurrte leise. Sie zuckte die Schultern und aß das Schnitzel auf. Es war sehr lecker und zart. Die Fuchsfee wartete, bis Mo und Cinna fertig waren, dann stand sie auf. Die beiden Mondmädchen blickten sie fragend an. Doomoraga sagte: „Wir gehen. Wir waren lang genug hier.“ Zögernd erhoben sich Mo und Cinna und folgten der Fuchsfee nach draußen in die sternenklare Nacht.

Kapitel acht in dem ein vertrauliches Gespräch geführt wird

Sie brauchten fast eine Stunde um einen Pfad zu finden, der von dem Hof wegführte. Es war inzwischen so dunkel geworden, dass Mo glaubte jemand hätte die Sterne gestohlen. Der Höhe der zwei Monde zu urteilen, war es nun Mitternacht. Das Mondmädchen trug Cinna huckepack, damit sie sie nicht behinderte. Das kleine Mädchen schmiegte den Kopf an ihr rabenschwarzes Haar und schlang die Arme um ihren Hals. Sie war ungewöhnlich schwer. „Erwarte aber nicht, dass ich dich den ganzen Weg trage“, knurrte Mo. „Tu ich nicht“, nuschelte Cinna. Na klar! Mo schnaubte wegwerfend durch die Nase.

Das Mondmädchen blickte Doomoraga an. Das Haar und das Kleid der Fuchsfee wirkten merkwürdig dunkel. Doch noch dunkler als das waren ihre Augen. Sie waren noch schwärzer als der Himmel über ihnen. Eine bedrohliche Kühle und Abwesenheit ging von ihnen aus. Mo biss sich auf die Lippen. Sie hatte das Gefühl eine Fremde mit Doomoragas Gesicht anzubli-cken. „Können wir eine Rast einlegen?“, fragte Mo. Sie verlagerte Cinnas Gewicht, sodass sie nicht von ihrem Rücken fiel. Trotzdem zitterten ihre Beine. Lange kann ich nicht mehr laufen. Mo trampelte etwas auf dem morastigen Boden um ihre Muskeln zu entlasten. Fragend sah sie die Fuchsfee an. Doomoraga neigte den Kopf auf die eine Seite, dann auf die andere. Sie zuckte die Schultern. „Wenn du meinst.“ Wie kann sie nur so gleichgültig sein! Ihr Verhalten erschreckte Mo. Die Fuchsfee fand ein paar Felsen, die Schutz vor dem kalten Wind boten. Sie rollte sich auf einer bemoosten Fläche zusammen und schloss die Augen. Mo ließ Cinna auf den Boden gleiten. Sie wirbelte mit den Händen in der Luft herum. Silbernes Mondlicht wand sich zwischen ihren Fingern, als schwämmen Fäden durch Wasser. Es trieb Faser um Faser, die sich miteinander verstrickten und langsam eine silbern schimmernde Decke bildeten. Mo legte diese auf den gertenschlanken Leib ihrer Schwester.

Das Mondmädchen setzte sich im Schneidersitz daneben. Sie versuchte zu Ruhe zu kommen, doch es gelang ihr nicht. Sie war zu aufgewühlt in ihrem Inneren. Immer wieder sah sie, wie Doomoraga die Pferde in Dragonen verwandelte und den bösartigen Ausdruck in ihren Au-gen. Sie war amüsiert gewesen. Voller Schadenfreude. „Mo? Schläfst du?“ Cinnas Gesicht löste sich verschwommen aus der Dunkelheit. Ihre Haut leuchtete schwach und ein Duft wie nach Zimt haftete an ihrem hellbraunen, rötlich schim-mernden Haar. Ihre grünen Augen waren leicht geschlossen. Sie wirkte erschöpft und müde.

„Was ist denn, Cinna?“, fragte Mo. Sie zog das jüngere Mondmädchen auf ihren Schoss und fuhr durch ihr zimtfarbenes Haar. Cinna kuschelte sich an Mos Brust und fragte: „Was ist mit Doomoraga los? Sie ist anders. Sie hat sich verändert, nicht wahr?“ Mo seufzte und murmelte: „Ich weiß. Sie ist zornig. Ihr Zorn bricht in ihr aus wie eine Flamme. Sie empfindet Hass und das macht sie so kalt, so fremd.“ „Weißt du warum?“, fragte Cinna. Mo schüttelte den Kopf. „Ich habe nur eine vage Ahnung“, meinte sie, „Doomoraga hat ihr Zuhause verlassen. Die anderen Fuchsfeen haben sie dafür bestraft und verbannt.“ „Aber warum?“ Cinna starrte sie an. Ihre grünen Augen schimmerten silbern, als hätte man flüssiges Mondlicht hinein gegossen. „Was ist so schlimm daran, dass sie ihr Zuhause verlassen hat?“ Mo gab zurück: „Verdammt, Cinna! Ich weiß es nicht. Ich bin keine Fuchsfee. Ich weiß nicht, warum Doomoragas Schwestern so reagiert haben wie sie reagiert haben.“ Cinna zog die Augenbrauen zusammen. Dann fragte sie: „Was weißt du alles über Fuchsfeen?“ Mo lachte. „Nicht sehr viel.“ Ihre Schwester griff in ihr schwarzes Haar und zupfte ein Blatt heraus. „Erzähl mir, was du weißt“, bat sie. Mo starrte sie an. „Na schön“, meinte sie kopfschüttelnd, „Aber dann schläfst du.“ „Versprochen“, meinte Cinna, „Aber jetzt erzähl.“ Das Mondmädchen verlagerte ihr Gewicht und lehnte ihren Rücken gegen Mos Brust. Ohne die Augen zu öffnen, verlangte sie: „Fang an!“

Das schwarzhaarige Mondmädchen überlegte. Dann beschloss sie zu erzählen. Und weil ihresgleichen eine große Schwäche für Gesang hatten, webte sie die Erzählung in ein Lied. Es war eine sehr einfache Melodie, die Mo im Schlaf beherrschte. Denn das war dieses Lied: ein Wiegenlied, eine einschläfernde, leichte Melodie, die die Mondmädchen schon sehr oft gesungen hatten.
Während Mo die Melodie des Wiegenliedes summte und sich dabei vor und zurück wiegte, begann sie zu erzählen: „Ich weiß wie gesagt nicht gerade viel, aber so viel weiß ich: Die Fuchsfeen sind Geister von Füchsinnen, die Menschengestalt angenommen habe. Dafür brau-chen sie allerdings eine bestimmte Energie und nur sie allein wissen, was das ist. Die Fuchsfeen leben auf einer Insel. Manche behaupten, es wäre das Reich des Todes, doch ich be-zweifle das. Fuchsfeen wissen nichts von Menschentod und Menschenzeit, denn sie sind unsterblich. Es stimmt auch, dass sie kein Herz haben und dass jeder, der eine Fuchsfee liebt, wahnsinnig wird. Man kann die Macht einer Fuchsfee an der Anzahl ihrer Schwänze erkennen.“ Cinna öffnete die Augen. „Das ist eine ganze Menge, was du da weißt“, staunte sie. Ihre Stimme klang bleiern und schwer, Mos Gesang hatte seine Wirkung nicht verfehlt. „Glaubst du, wir könnten Doomoraga heilen?“, fragte Cinna. Doch Mo schüttelte den Kopf. „Eine solche Wunde kann niemand heilen“, antwortete sie, „Das kann nur die Zeit.“

4 Kommentare

Joanna am 5. März 2017

Die Wilddruden errinern mich an einen Buch, ich glaube das es Ronja Räuberstochter heißt oder so was ähnliches. Außerdem fand ich deine Geschichte sehr schön, schreib bitte eine Fortsetzung!

Franziska am 26. September 2013

Tolle Geschichte!

Jemand am 13. September 2013

Es ist wirklich eine sehr schöne Geschichte. Eine sehr schöne Darstellung.

Dorothee Sophie Grave am 21. August 2013

Ui! Ich muss das unbedingt zu Ende lesen Kompliment.