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Hannah

Engel

Kapitel 1: In Liebe

Diese Geschichte erzählt von Engeln. Sie müssen keine Flügel haben, müssen nicht heilig sein, niemand muss sie kennen. Ihre Taten waren klein, und wenn sie einem doch so unscheinbar erscheinen, so sind sie doch bedeutend für diese Welt. Denn Engel sind nicht nur dazu da, um zu beschützen. Engel sind Symbole für etwas, das wesentlich bedeutender ist als diese Welt, viel größer als das, was man schon kennt. Viele dieser Engel sind und waren sich nie bewusst, dass sie zu so etwas in der Lage sind, zu so etwas Großem und Mächtigem. Doch genau das macht diese Engel aus. Unser erster Engel heißt „In Liebe“. Der Rest ihres Namens wurde von Feuer verschluckt.

12. August 1939

Lieber Samuel.

Vielen Dank für das Foto, das du uns geschickt hast. Es sieht sehr schön aus. Ist das vor eurem neuen Haus? Hast du schon Ausflüge gemacht? Es ist einfach nur wunderbar, dass du es nach Amerika geschafft hast.

Hier ist es etwas düsterer. Sie haben die Synagoge in der Stadt verbrannt, mein Großvater ist dabei verunglückt. Er hat es nicht mehr hinaus geschafft. Ich habe gehört, er hat versucht, die Tora in Sicherheit zu bringen.

Wir müssen uns verstecken. Mama hat gesagt, ich darf nicht schreiben, wo wir sind, sonst kommen die Soldaten und sperren uns ein. Tobi geht es gut, nur Papa hat sich die Hand gebrochen, als er vor den Soldaten flüchten wollte.

Manchmal lässt Mama mich raus, dann muss ich Essen kaufen gehen. Sie trennt dafür den Judenstern ab, das fällt dann nicht so auf, hat sie gesagt.

Letzte Woche sind ein paar Männer in unsere Straße gekommen. Papa meinte, das wären Männer, die Leute wie uns in Häuser bringen, große Häuser, und da müssen wir dann arbeiten, auch ganz kleine Kinder. Ich habe Angst, dass sie uns finden. Tobi ist ja noch so klein, und er kann noch nicht arbeiten, noch nicht einmal sprechen. Um mich sorge ich mich eigentlich nicht, ich bin so klein, dass sie mich bestimmt übersehen werden. Dann werde ich Mama und Papa hinterhergehen und sie dann zurückholen.

Oft hören wir etwas knallen. Ich glaube, das sind die Leute aus der anderen Stadt, vielleicht feiern sie ja schon Neujahr. Das ist gut möglich. Es gibt ja viele Menschen, die etwas anderes feiern als wir, zum Beispiel auch Herr Wu. Ich hab ihn lange nicht mehr gesehen, vielleicht ist er ja weggezogen. Sein Laden ist ganz dunkel und seine Fenster zersprungen. Wahrscheinlich hat er deswegen die Wohnung gewechselt. Aber die ganzen Sachen, die er verkauft, sind noch da – er wollte doch schon immer etwas anderes machen, oder?

Schnuffel ist weg. Ich habe ihn ganz oft gerufen, aber er kam nicht zurück – er ist weggelaufen! Es ist ganz komisch, fast alle Hunde von den Kindern in unserer Straße müssen weggelaufen sein. Vielleicht haben sie Angst vor den Neujahrsknallern bekommen. Aber ich vermisse Schnuffel ganz doll.

Ich hab nicht so ganz verstanden, warum Mama ganz oft weint. Sie findet es wohl nicht so toll, dass ständig diese Männer kommen und überall gucken, ob sich irgendwo Leute verstecken. Hoffentlich gucken sie nicht in unserem Keller. Aber wir haben ja den Schlüssel.

Papa hat mir erzählt, dass Amerika ganz schön groß ist. Er kann auch englisch sprechen – es hört sich ganz schön witzig an! Du musst ja wahrscheinlich die ganze Zeit lachen.

Ich muss Schluss machen, Mama sagt, mein Brief darf nicht zu ausführlich sein. Keine Ahnung, warum.

In Liebe,

(…)

Kapitel 2: Mutter

Vor Jahren kam ein Beitrag in einer News-Show, den ich mir bis heute gemerkt habe. Es war Krieg, ich weiß nicht mehr wo, aber auf jeden Fall erzählte der Sprecher, wie viele Opfer es schon gegeben hatte, wo die Ballungszentren für die meisten Bomben waren und dass es schon Bürgerorganisationen gab, die illegal an Waffen gekommen waren und sich nun heftige Straßenkämpfe mit den Soldaten lieferten.

Und plötzlich kam da ein Bild. Ein Bild von einem blutigen, verschleierten Kadaver in einem zerfallenen, zerbombten Haus. "Diese Mutter hatte sich beim Einschlag der Bombe in ihrem Haus über ihren einjährigen Sohn gelegt, um ihn zu schützen.
Nur das Kind hat überlebt."

Ich habe zu meiner Mutter geschaut, zu meinem Vater, die wie gebannt auf den Bildschirm starrten. Ich war sechs oder sieben. Niemand fand die Kraft, den Mund zu öffnen und mir zu erklären, warum diese Mutter das getan hatte. Niemand wagte es, diese weihvolle Stille zu zerstören, selbst mit einfachen Lauten wie "Mhm", wie sie es normalerweise taten.

Danach lag ich wach in meinem Bett, während meine Schwester schon längst die Augen zugemacht hatte. Die Mutter ging mir nicht aus dem Kopf. Ich habe sie immer noch nicht vergessen.

Solche Menschen sind Engel. Solche Menschen sind der Grund, warum wir uns Menschen nennen, warum es den Begriff Menschlichkeit überhaupt gibt.

Natürlich kam ich damals nicht auf die Idee, in der Schule darüber zu sprechen. Überhaupt jemandem davon zu erzählen, wie sehr mich diese Mutter berührte.
Ihr Sohn würde später erzählen können, wie seine Mutter sich aus Liebe zu ihm geopfert hatte. Doch ist das etwas Gutes oder Schlechtes? Ich weiß es nicht.

Was ich aber auf jeden Fall weiß, ist, dass diese Mutter ein Engel ist.

4 Kommentare

Fjalra am 21. März 2017

Ich hab den Zusammenhang zwar auch nicht ganz verstanden, aber es ist auf jeden Fall eine gelungene und berührende Geschichte. Wann spielt denn das 2. Kapitel?

Waldelfe am 13. Januar 2017

Och, nur zwei Kapitel???? Ich finde diese Geschichten wirklich toll und bemerkenswert!

Pandora am 26. August 2015

Das ist so schön bloß zwei kapitel und ich bin total begeistert ... noch mehr engel und ich hätte geheult...

fire am 23. November 2013

ach hannah... oh man, was soll ich hier schreiben? ich finde es ja generell toll, wenn jemand vernünftig über das thema schreibt. und deine idee mit dem brief; und dann das mit den engeln, obwohl der zusammenhang noch etwas "nebelig" ist - ich liebe es, und wie immer kann ich den nächsten teil gar nicht erwarten