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Christiane Mahler

Ein Augenblick

Gefunden in den Tiefen meiner Fantasie...

Wind weht über das Land. Leises Flüstern der Waldnymphen bringt er mit sich. Seit drei Monaten ging das nun schon so und Sam hoffte, dass es bald ein Ende hat.

Für einen Augenblick fielen ihm die Augen zu. Für einen Augenblick war er nicht da. Schon hatten sie sie mitgenommen.

Als er über die Wiese läuft, flogen kleine Graselfen um seine Beine und beschimpften ihn mit zirpenden Stimmen.

Einen Augenblick hatte er sie aus den Augen verloren.

Sam hat sich die ganze Zeit über Vorwürfe gemacht. Wie konnte er Ellen aus den Augen lassen, wo er sie doch erst gefunden hatte?

Gegen den Wind gebeugt läuft er weiter. Lichter im Wald leuchten auf. Die Waldnymphen begannen mit ihrem Nachttanz. Auf der Suche nach leichter Beute. Sobald sich ein junger Bursche verirrt, verführen sie ihn und behielten ihn bei sich. Wenige schaffen es zurück. Die es schaffen, leben von da an in Trübsal und Begierte und die, die es nicht schaffen sind auf Ewigkeit die der Waldnymphen.

Sam war einer dieser Burschen. Als er sechzehn war. Vor sechs Jahren konnte er an nichts schöneres Denken als für immer bei Nora zu sein. Sie ist die schönste aller Nymphen. Man vergisst die Zeit und alles andere. Bis man herausfindet, wie man entkommen kann und noch die Vernunft zu diesem Entschluss besitzt.

Einen Augenblick geschlafen.

Sam laufen die Tränen über die Wangen. Er musste versuchen Ellen wieder zu finden, bevor der fünfte Mond aufgeht. Sonst ist es zu spät.

Sam überprüfte noch einmal seine Tarnung. Er hat sein Gesicht mit Kohlenstaub bestrichen, als er an einem Köhler vorbei kam. Seinen Mantel tauschte er mit dem des Köhlers, da auch dieser ebenfalls über und über mit Kohlenstaub bedeckt war. Sein Schwert trug er in der Scheide auf seinem Rücken geschnallt. Den Schal zog er sich über die Nase und seine Hände waren voller Erde, da er zuvor noch auf dem Boden die Spuren verfolgte.

Er gab den Graselfen ein paar Kirschblüten, die er von einer Plantage mit gehen ließ. Er wusste, dass er sie gebrauchen wird. Mit entzückenden Seufzern nahmen sie die Blüten und brachten sie in ihr Dorf, welches weit auf der Wiese versteckt lag. Es war faszinierend, wie sie durch den starken Wind flogen. Nun hatte er Ruhe vor ihnen.

Sam zog ein paar Kräuter aus seiner Tasche und zerrieb sie in seinen Handflächen. Danach rieb er sich am ganzen Körper damit ein. So können die Hunde der Wachen ihn nicht riechen und keinen Alarm schlagen.

Er zog seinen Mantel enger um sich und starrte auf die graue Burg, die sich vor ihm emporreckte, als will sie nach den Sternen greifen.

Die Mauer des Außenwalls war kalt und glatt, als wurde der Stein extra poliert, damit Sam nicht hinauf klettern konnte. Er suchte die ganze Seite ab, die sich entlang der Graselfenwiese erstreckte und fand nicht eine einzige Rille die er hochklettern konnte.

Einen Augenblick nur.

Sam, du musst es schaffen.

Er strich sich über dem Rußbedeckten Gesicht. Ihm blieb nur eine Möglichkeit. Sam holte noch eine der Kirschblüten hervor und schnitt sich, mit dem Messer das er am Gürtel trug eine Strähne seines schwarzen Haares ab. Diese legte er zusammen mit der Blüte in das hohe Gras.

Es dauerte nicht lange, als ein einsamer Graself dicht über die dunklen Spitzen der Halme zu Sam geflogen kam. „Gibst du mir etwas von deinem Staub, bekommst du dieses Geschenk von mir.“, flüsterte Sam zu dem Elf und hoffte auf die richtige Antwort. Der Elf beäugte ihn und nickte schließlich. Er flog über Sam und streute eine Art Pulver über Sams Kopf, welches er um seine Hüfte trug. Dann schnappte er sich im Flug die Strähne und die Blüte und verschwand. Graselfenstaub ist das Beste. Sam wusste es schon immer. Man brauchte den Elfen nur eine Strähne seines Haares geben, das sie zum Bauen ihrer Nester benutzen und schon geben sie einem das teure Pulver, dass sie so mühevoll Sammeln.

Die Blüte, die Sam extra dazulegte, sollte des Elfs Entscheidung beschleunigen, da die Bitte so dringend war. Von Blüten ernähren sie sich und Kirschblüten waren eine Seltenheit für sie.

Sam kroch flink die Wand hinauf. Der Elfenstaub machte ihn Schwerelos, sobald er mit beiden Füßen vom Boden abhob. Jedoch wird es nicht lange anhalten.

Nur einen Augenblick, Sam…

Er trieb sich zur Schnelligkeit an. Als er über den ersten Wall hinüber war, schlich er sich im Schatten weiter bis zum inneren Ring. Der Wind peitschte ihm die Haare in die Augen. Grasgrün waren sie.

Es wunderte Sam, dass er bis jetzt nur drei Patrouillen gesehen hat.

Sie rechnen nicht mit dir, Sam. Beeil dich!

Der innere Ring ist mit mehreren Durchgängen unterbrochen. Sam schaffte es zu einem Durchgang zu gelangen ohne, dass die Wachen auf den Türmen auf ihn aufmerksam wurden. Er kramte in einer seiner vielen Taschen und zog einen länglichen Gegenstand hervor. Das Metall fühlte sich leicht in seiner Hand an. Er hauchte es an und hinter seinem Mantel versteckt erglühte es. Sam schob das Metall in das Schlüsselloch des Gitters, welches den Durchgang versperrte.

Das Klicken des Schlosses verriet ihn. Einer der Hunde bellt und die Wachen riefen sich Kommandos zu. Sam musste fliegen. Er zog den Stab des Feuermachers aus dem Schloss, schob das Gitter auf und schlüpfte hindurch. Bevor die Wachen bei ihm waren stieß er die Tür zu und verschmolz mit der Dunkelheit.

Wer einmal drinnen ist, kommt nicht wieder heraus, Sam…

Nicht wenn man einen Stab des Feuermachers hatte. Dachte sich Sam. Mit ihm kommt man überall hinein und wieder heraus. Er passt sich an alles an.

Sam rannte bis zum Eingang der Verließe. Bloß gut, dass er schon einmal in der grauen Burg war und jeden noch so kleinen Winkel kannte. Schnell fand er die richtige Tür. Er roch es, seine Nase täuschte ihn nie. Auch den roten Staub auf dem Gitter der Tür und in jeder Ritze des alten Mauerwerkes konnte er in dieser Dunkelheit sehen.

Es war, als wüsste die Nacht von der bevorstehenden Flucht. Der Wind weht noch kräftiger und es setzt Regen ein. Erst leise schlug er auf dem Boden auf. Es hörte sich an, wie das Picken eines Vogels nach Körnern auf der Erde. Dann immer stärker und fordernder, bis nichts anderes mehr zu hören war, als das heulen des Windes und das knallen des Regens auf dem Boden.

Nicht für Sam. Er hörte außerdem das sanfte Atmen von Ellen.

Den Stab des Feuermachers in der Öffnung der Tür, schaute er sich noch einmal um. Das nasse Haar klebte ihn an der Stirn und der Kohlenstaub brande ihm in den Augen.

Einen Augenblick war es, Sam. Denke daran. Lauf, beeil dich!

Er schob sich durch die Tür, schloss sie und steckte den Stab in seine Tasche. Dann zog er sein Schwert aus der Scheide.

Sie muss im dritten Verließ liegen. Dachte er sich. Also muss er an zwei Wachen vorbei. Sam hatte gehofft, es auch ohne Blutvergießen zu schaffen. Doch er hat sich getäuscht. Die Stufen langsam und leise heruntersteigend versuchte er alles wahrzunehmen. Ellen schlief, das konnte er feststellen. Doch wie ging es ihr?

Als er um eine Biegung kam, sah er Licht am Ende der Stufen. Wachen!

Beeil dich Sam, die Zeit rennt!

Er war schneller als alles was die Wachen je gesehen haben. Behände führte Sam sein Schwert mit leichten Bewegungen. Er traf den ersten mit der breiten Seite am kopf, sodass er mit einer Platzwunde an der Schläfe bewusstlos zu Boden fiel. Der zweite war schneller. Er zog sein Schwert und parierte Sams Angriff, den Schreck noch immer in den Augen.

„Wer bist du und wie bist du unbemerkt reingekommen?“, fragte er nach Atem ringend. Er war es nicht mehr gewohnt, so zu kämpfen. „Mein Name ist Sam White und wenn ich dir verraten würde, wie ich an deinen Leuten vorbei kam, wäre ich es kein Geheimnis mehr!“ Er schlug mit gezielten Bewegungen, doch der Wachmann ist einer der Ausgebildeten und traf Sam oberhalb des rechten Hüftknochens. Sein Hemd zerriss und das Blut färbte es rot. Sam kämpfte verbissen weiter, das Ziel immer vor Augen.

Glaubst du, du schaffst es wirklich sie zu retten?

Und wie er es schafft.

„Du kämpfst gut, dass muss man dir lassen, mein Freund. Wie heißt du, damit ich mich später erinnern kann, wer mir diese Narbe verpasste.“, fragte er ihn und sah ihn leicht herablassend an. „Ronald. Doch daran wirst du dich nicht mehr erinnern können, wenn ich mit dir fertig bin.“ „Verzeih Ronald, aber das werde ich, denn ich habe noch einiges vor in meinem Leben, als bei dir im Verließ zu schmachten.“ Mit einem Ruck parierte er den letzten Schlag und zog mit einer Umdrehung sein Schwert so, dass es gegen Ronalds Knie traf. Dieser knickte ein und Sam konnte ihm den Bewusstseinsverlierenden Schlag geben. Er schoss mit dem Fuß die Schwerter in die hinterste Ecke und rannte zu Ellens Verließ. Er schloss es auf und trat auf die zierlich, leuchtende Gestalt zu. „Ellen?“, besorgt sah er auf sie herab. Sie seufzt seinen Namen im Schlaf. Die Kälte die hier herrscht lässt sie erzittern. Sanft weckt er sie. „Sam!“, rief sie und fiel ihm um den Hals. Er drückte seinen Kopf in ihr Haar und atmete durch. Den roten Staub am ganzen Körper haftend sah er sie an.

Noch ist sie nicht in Sicherheit, Sam…

„Oh Sam, ich hatte solche Angst! Sam, du bist verletzt!“ Mit schreckgeweiteten Augen sah sie auf seine Wunde, als er seinen Mantel auszog und ihn über ihre unbedeckten Schultern legte. „Es ist nichts. Wir müssen hier raus, bevor die Wachen wieder aufwachen. Meinst du, du kannst laufen, oder bist du zu schwach?“ Er sah ihr in die Augen. Weinrot waren sie. Wie ihr Staub, den sie überall hinterließ. Sam wusste nicht, wo er schon einmal solch eine Augenfarbe gesehen hat. Diese hatte nur sie…

„Mit deiner Hilfe werde ich es schaffen.“, antwortete sie ihm und stand vorsichtig auf. Der dünne Stoff ihres weißen Kleides fiel in Lagen um ihre Beine. Sam legte ihr den linken Arm unter, damit sie sich bei ihm stützen konnte. Er dankte seinem Lehrmeister, dass sie auch den Schwertkampf mit der rechten hand geübt hatten.Beeil dich, Sam! Die Zeit tickt!

Sie liefen die Treppe im Eiltempo rauf und warteten vor der Tür. Sam lauschte den Geräuschen dieser Nacht. Es regnet und stürmt immer noch. Die Wachen waren wie vor auf ihren Posten. Da alle Türen verschlossen sind, gingen sie nicht davon aus, dass jemand eingedrungen ist.

Seine Verletzung schmerzte und die Kälte kroch ihm in die Haut. Er öffnete die Tür. – Wieder einmal behielt der Feuermacher mit seiner Kunst recht. - Sie traten in den Regen. Sam zog Ellen mit sich über den Hof bis hin zu den Durchgang des inneren Ringes. Er musste schnell sein, denn Ellens helles Haar könnte sie beide verraten.

Zu Spät, Sam. Die Hunde riechen sie.

Das Bellen war schon zu vernehmen, ehe er das Gitter öffnete und sie beide hindurch ließ. Er hatte vergessen sie mit den Kräutern einzureiben. Ob sie überhaupt gewirkt hätten?

Noch ehe sie über den äußeren Ring klettern konnten, standen die Wachen auch schon vor ihnen. Sam schob Ellen hinter sich und kämpfte.

Beschütz sie. Einen Augenblick nur, denk dran.

Er nahm nichts mehr wahr, außer seinem Schwert und sein Ziel. Zwei konnte er bewusstlos schlagen, wie die Beiden in den verließen. Bei dem dritten Wachmann schluckte er. Edan. Sein kleiner Bruder. In diesem einen Augenblick der Erkenntnis - in dieser einen Sekunde der Starre - verpasste Edan Sam einen Schnitt auf der linken Wange. Edan. Dieser Name bedeutet „Feuer“. Dieser Schnitt ist Feuer.

„Warum Sam?“, fragte der jüngere von beiden. Seine Mine war nicht zu deuten. „Weil es sein muss, Edan.“, mit diesen Worten schickte Sam ihn in die Dunkelheit für unbestimmbare Zeit. Er nahm Ellen auf den Arm und sprang in die Wiese der Graselfen. Sein rechter Fuß kam schräg auf. Verstaucht. Sam nahm es nicht wahr. Er drückte Ellen an sich und humpelte weiter. Er brachte sie zu dem Ort, wo er sie das erste Mal traf. Das Mädchen, was verloren geglaubt war. Was für ein Geschöpf sie wirklich ist, vermag Sam nicht zu sagen.

Er setzte sie auf die Füße und sah sie an.

Der Wind und der Regen verstummten. Die Lichter der Waldnymphen erloschen und die Graselfen wagten nicht aus ihrem Dorf.

Ellen sah in Sams Augen. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast. Sie stand auf ihren Zehenspitzen im feuchten Gras. Sam konnte sie deutlicher riechen als je zuvor.

Sie roch nach Butterblumen und Wald. Nach tau im Morgengrauen, wenn die Sonne drauf scheint. Durch den Regen in ihren langem hellen Haar. Durch die Tropfen, die sich darin verfingen wurde der Geruch noch intensiver. Der Mond trat hinter den Wolken hervor und tauchte alles in ein schattenhaftes Licht.

Nicht Sam, pass auf!

Ellen nahm seinen Kopf in beide Hände und küsste ihn.

Dieser Kuss war sanft, doch voller unberührter Begierde, die nicht zu Enden drohte.

„Damit du mich nicht vergisst.“

Sie ließ den Mantel von ihren nackten Schultern gleiten und trat ein paar Schritte zurück. Sie hob die Arme und ließ sich von de Graselfen in die Luft tragen. Ihr Körper leuchtete hell auf und die Welt verschluckte sie.

Bis zum Schluss sah sie Sam in die unergründlichen Augen. Dann war sie wieder in ihrer Welt und alles, was Sam blieb ist der rote Staub auf seinem Mantel und auf seinem Körper. Doch sie hatte ihm noch ein Geschenk gemacht...

Ein einziger Augenblick, dann war sie wieder zurück. Warte Sam…

Eine lange Zeit stand Sam im nassen Gras. Als die Graselfen wieder mit schimpfen begannen, hob er seinen Mantel auf und ging zurück zum Wald.

Einen Augenblick nur.

Sam war voller Leere.

Einen Augenblick nur und du bis nicht mehr der selbe Mensch, der du einmal warst…

Er trat in den Schatten der Bäume und atmete durch.

„Sam? Hast du den Auftrag erfüllt?“ Enea trat an seine Seite und legte den Kopf auf seine Schulter. Sam ließ den Kopf hängen. „Ja.“, flüsterte er.

Er sah das Mädchen an und schloss sie in die Arme. Sie war so anders als Ellen, doch liebte er sie. Sie war sein Mädchen.

Sie ist ein Mensch. Wie er.

„Ja, er ist erfüllt und ich bin Edan begegnet. Er zeigte auf seine Wange. Enea strich sanft über die feine Narbe. Das Blut verdeckte sie nicht ganz. Dies war also das letzte Geschenk von Ellen an ihm.

„Oh Sam. Er wird den Weg zurück finden. Glaub mir. Quäl dich nicht. Er schafft das. Den Auftrag musstest du erfüllen. Der König wird zufrieden mit dir sein. Sicher wird er dir einen Gefallen tun.“ Sie strich ihm das nasse Haar aus den Augen.

Sie weiß alles, Sam. Glaub ihr.

„Und was soll ich ihn bitten zu tun?“ Die grünen Augen voller Schmerz.

„Frag ihn nach deinem Bruder. Bitte ihn Edan zu dir zuholen. Gräm dich nicht. Er wird es schaffen.“

Noch ist es nicht zu spät. Du weißt, dass du es kannst…

Sam lächelte sie sanft an. „Du hast recht. Ellen war bloß ein Auftrag und Edan schafft es zurück. Lass uns gehen, ich bin müde.“

Sie gingen durch die Schatten der untergehenden Nacht. Elfen, Feen und Kobolde kreuzten ihren Weg. Waldnymphen sangen ihre Lieder und der Wald rief Sams Namen.

Es war, als wäre nichts weiter geschehen. Doch der rote Staub haftete immer noch an ihm und die leise Stimme sprach immer wieder:

Du weißt, dass du es schaffen kannst, Sam.

Einen Augenblick nur, denke daran…

Kommentar

Lollypop am 5. September 2014

Hui, liebe Christiane, du hast ich richtig mitgerissen mit deiner Geschichte! Ich finde sie superschön, aufregend und -wie ich schon sagte- mitreißend! Lesen wir noch mehr Geschichten von dir? LG Lollypop