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Kay Schröder

Die Weihnachtsgans

Es war der 1. Advent. Die ganze Familie saß im Wohnzimmer. Oma strickte an den neuen Wollsocken für Opa, der vergnügt mit Emma und ihrer Schwester Karten spielte. Der Vater blätterte in der Sonntagszeitung und Mutter begann den Kaffeetisch zu decken: „Schluss jetzt Kinder, kommt langsam zum Ende!“, ermahnte sie und klapperte dabei mit dem Geschirr.

Opa rief: „gewonnen!“ und packte sofort seine Karten zusammen. Typisch Opa: Er hatte noch nie gegen seine Enkelkinder bei diesem Spiel gewonnen.

Es roch jetzt herrlich nach frisch gebackenen Plätzchen, die Oma am Tag zuvor mit Emma gebacken hatte. Mutter zündete die erste Kerze des Adventskranzes an und schenkte den Kaffee ein. Für die Kinder gab es heiße Schokolade.

„Nun“, sagte Vater, „Heiligabend werden wir Gans essen.“ Emma blieb augenblicklich das Plätzchen, an dem sie genüsslich knabberte, im Halse stecken. Mutter schaute betroffen. Opa sagte: „Oh fein, Heiligabend gehen wir zum Tanz.“ Oma wetterte: „Heinz, schalt dein Hörgerät ein!“ Mit weinerlicher Stimme fragte Emma ihren Vater: „Du meinst doch nicht etwa meinen Gustav?“ „Aber ja Emma“, erwiderte ihr Vater. „Bis Heiligabend wird er richtig schön fett sein und wir werden ein Festmahl von ganz besonderer Güte haben. So zu sagen erster Klasse, denn nicht jeder kann sich Heiligabend einen Gänsebraten leisten.“

„Das ist so nicht richtig!“, meinte Mutter. „Früher war ein Gänsebraten wahrlich ein fürstliches Essen. Heut` zu Tage ist es jedoch ein Essen für Jedermann. Schau` dich ruhig einmal um, in den Gefriertruhen der Supermärkte: Gänse aus Polen, Holland, Tschechien, Deutschland, und, und, und – Massenware!“ Das war vorerst alles was Mama für Emma tun konnte.

***

Emma ließ nicht locker: „Papa, Gustav ist mein bester Freund, unser Freund! Erinnerst du dich als im Sommer fremde Leute auf unserem Hof waren? War es nicht Gustav, der mit ausgebreiteten Flügeln und lautem Geschnatter die Leute vertrieben hat? Meine Lehrerinnen meinen auch, dass so eine Gans mindestens so gut wie ein Wachhund ist.“ „Papperlapapp, Frau Burmeister versteht es zu segeln und Frau Kühne rechnet schneller als mein Taschenrechner, aber von Gänsen haben die beiden so viel Ahnung wie unsere Bundeskanzlerin - Frau Angela Merkel – vom Stabhochsprung!“ Papa stand auf, blies die Kerze aus und verließ das Wohnzimmer.

Opa schlug sich auf die Oberschenkel: „Ist ja toll. Wir gehen Heiligabend zum Tanz und unsere Bundeskanzlerin wird auch dabei sein.

Für Emma aber brach eine Welt zusammen. Sie lief nach draußen zu Gustav, der ihr schnatternd entgegen kam. Sie erinnerte sich genau daran: Im Frühjahr brachte Opa von einem seiner Spaziergänge die Gans mit. Die Gans hatte einen gebrochenen Flügel, Emma pflegte sie gesund und nannte sie Gustav. Überhaupt verbrachte sie viel Zeit mit Gustav und konnte ihm alle ihre großen und kleinen Sorgen erzählen. Emma und Gustav waren sehr traurig.

Montag, in der Schule, erzählte sie ihrer besten Freundin Milena die Neuigkeit. Gemeinsam suchten sie nach einer Lösung des Problems. „Ich hab`s!“, freute sich Milena. „Wir fragen Jan-Hendrik ob er deinen Gustav bis Weihnachten übernehmen kann. Schließlich will Jan-Hendrik einmal Bauer werden. In der großen Pause sprachen sie Jan-Hendrik an. Er hörte interessiert zu lehnte jedoch eine Hilfeleistung ab: „Wisst ihr, ich werde später einmal mindestens 300 Kühe haben. Mit Gänsen habe ich nichts am Hut! Was sucht ihr Mädchen euch auch für komische Tiere aus?“ „Wieso komisch?“, fragte Milena. „Na ja, Anne-Gesine hat mir erzählt, dass sie einmal Schafe haben möchte. Das kann ich eigentlich noch verstehen, aber sie will nur 4. Ein Mädchen eben!“ Er ließ Milena und Emma stehen und wandte sich wieder seinen Fußballfreunden zu.

***

Heiligabend kam immer näher. Opa erzählte im ganzen Dorf, dass man am Heiligabend zum Tanzen gehen werde und die Bundeskanzlerin Angela Merkel auch dabei ist. Oma stellte im Dorf Opas Geschichte richtig und musste Freunden und Bekannten das mit der Bundeskanzlerin erklären. Mutter hatte alle Hände voll zu tun mit den Weihnachtsvorbereitungen.

Dann war es soweit: Heiligabend. Seit zwei Tagen war Gustav verschwunden. Keiner in der Familie konnte Emmas Fragen beantworten. Sie hatte sogar in die Abfalltonne geguckt, ob vielleicht Federn darin sind: Nichts! Emma rümpfte die Nase. Es roch im ganzen Haus auch nicht nach irgendeinem Braten, sondern nach Tannenzweigen, Zimt und Orangen. Auf dem Flur bemerkte sie, dass auf den bunten Tellern bei zwei Schokoladenweihnachtsmännern die goldenen Glöckchen fehlten.

Stille Nacht, heilige Nacht, erklang es aus dem Wohnzimmer, alles schläft, einsam wacht …… Emma und ihre Schwester betraten das festlich geschmückte Wohnzimmer, .. nur das traute …….. Emma vernahm das leise Klingeln von Glöckchen hochheilige Paar, holder Engel mit lockigem Haar …… kling, kling, klingeling … Vater trat hinter dem wunderschön geschmückten Tannenbaum hervor. Auf dem rechten Arm trug er Gustav, auf dem linken Arm noch eine Gans. Die Gänse trugen die goldenen Glöckchen der Schokoladenweihnachtsmänner.

Ach so: Was meint ihr wie die zweite Gans genannt wurde? Richtig! Frau Merkel

2 Kommentare

Steinelfe am 16. November 2016

Wow, coole Geschichte! Sie ist echt gut gelungen und hat auch ein schönes und lustiges Ende. Die Geschichte war die einzige die ich gans, ähh, ganz gelesen habe.......

outlook am 14. November 2016

Am Anfang war sie traurig weil Gustav gegessen werden sollte aber danach fand die Geschichte ja ein super schönes (und lustiges) Ende.