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Oskar Schrör

Die Pustelburg-Erzählungen

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Kapitel 1

Diese Geschichte schildert die Höhepunkte aus dem tristen Leben von Benjamin Blassfisch, einem jungen Unternehmer im schönen Städtchen Pustelburg am Grützbach. Sie handelt von Intrigen, Schmerz, Leidenschaft und Käsefüßen. Lasst euch überraschen...

Benjamin Blassfisch würgte. Und das war auch kein Wunder. Sein kleines Arbeitszimmer stank stark nach faulen Eiern. Er hielt sich mit der linken Hand die etwas zu große Nase zu und kramte mit der anderen in den bis zum Bersten gefüllten Schubladen seines klapprigen Schreibtisches. Nach einigen Minuten fand er in der untersten Schublade den Urheber des Gestanks. Es war ein Violetter Gifthäubling. Ein psychoaktiver, stinkender Bauchpilz. Wer ihn aß, durfte nicht nur mit fliegenden Ziegen und hüpfenden Teetassen rechnen, sondern auch mit Golfball-großen Warzen am ganzen Körper. Angewidert warf Benjamin ihn in den überquellenden Papierkorb. Er konnte sich nicht erinnern, diesen Giftpilz in die Schreibtischschublade gelegt zu haben. Pilze dieser Gattung gehörten normalerweise nicht in eine Schublade voller Gerümpel. Wahrscheinlich hatte ihn Herr Kochkohl da hinein gesteckt, nachdem er ihn im Flur gefunden hatte. Herr Kochkohl war der Sekretär von Benjamin und gleichzeitig das Mädchen für alles. Gemeinsam mit einigen anderen arbeiteten sie in einem kleinen Unternehmen, das Pilze aller Art züchtete (Vorzüglich hallozinogene Pilzgattungen mit unappetittlichen Nebenwirkungen). Sie ließen sich für gutes Geld als Rauschmittel auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Die Tür flog auf und Herr Kochkohl schlich in das kleine Arbeitszimmer. Seine dürre Gestalt verlieh ihm das Aussehen einer Vogelscheuche, die in einen schwarzen Frack gekleidet war und seine Nase ähnelte mehr dem Schnabel eines Raubvogels als einer menschlichen Nase.
„Guten Abend, Herr Blassfisch.“ krächzte er und sah Benjamin durchdringend an.
„Was wollen Sie?“ fragte Benjamin genervt.
„Es gibt da einen neuen Kunden. Er hat zehn Pilz-Zigaretten und einen Grünen Schwefelkümmerling bestellt.“ sagte Kochkohl und kratzte sich am Kopf.
„Aha, und wie heißt er?“
„Oh, ich habe vergessen zu erwähnen, dass der Kunde anonym bleiben möchte.“ flüsterte Herr Kochkohl und grinste wie ein Geier, der eine verdurstende Antilope betrachtet.
„Na gut, und wie finde ich ihn?“ wollte Benjamin wissen.
„Er erwartet sie in fünf Minuten vor dem Triefenden Dackel.“
„Und wieso können Sie nicht zu ihm gehen und ihm die Ware überreichen?“
„Nun, ich habe noch einiges an Schreibtischarbeit vor mir und muss wahrscheinlich die ganze Nacht durcharbeiten.“
Benjamin stöhnte. Er hatte manchmal das Gefühl, Herr Kochkohl würde mehr Zeit in seinem muffigen Büro als daheim verbringen.

Den Triefenden Dackel sollte ein Mensch, der wenig Wert auf schlecht gelaunte Barkeeper, wilde Schlägereien und einen langsamen, schmerzvollen Tod legt, besser meiden. Es war das Stammlokal der übelsten Halunken und Säufer von Pustelburg. Benjamin stand vor dem Eingang der Taverne und versuchte den geheimnisvollen Kunden ausfindig zu machen. Wenn er ihm doch nur ein Zeichen geben könnte. Er betrachtete ein paar Männer, die aufgeregt miteinander redeten. Benjamin erkannte, dass es sich um die berüchtigsten Schläger des ganzen Viertels handelte: den Krummen Karl, den Jauler, Narben-Norbert, Gulliver Schirm und den listigen Baltasar Beinbrech. Sie winkten Benjamin grinsend zu und sprachen dann gedämpft weiter. Benjamin Blassfisch war bekannt in der Stadt, weil er oft Botengänge erledigte. Vor allem im Milieu der Unterwelt.

Es war ein kühler Abend und die Menschen zogen sich in den Schutz ihrer Häuser zurück. Benjamin fröstelte und mummelte sich enger in seine von Flicken übersäte Jacke ein.
Die Straßenlaternen gingen auf magische Weise an und die schmale Gasse erstrahlte in gelbem Licht. Die Sonne war nun vollständig verschwunden und der Mond warf einen silbernen Schimmer auf die Dächer von Pustelburg. Benjamin kam sich irgendwie blöd vor, wie er so da stand. Warum kam der Fremde nicht, um seine Ware abzuholen? Ein paar Kanalratten flitzten durch die Gasse und Benjamin bekam Hunger. Plötzlich tippte im jemand auf die Schulter und Benjamin drehte sich so schnell um, dass er fast hingefallen wäre. Eine Gestalt in einem dunklen Kapuzenmantel stand vor ihm.

„S-Sind sie d-der neue K-Kunde.“ stammelte Benjamin und sah die Gestalt fragend an.
„Korrekt, haben Sie die Ware, die ich bestellt habe?“ krächzte es aus der Kapuze.
„Oh, natürlich.“ antwortete Benjamin. Er nahm seinen kleinen, schäbigen Rucksack vom Rücken und holte eine kleine, grüne Holzschachtel hervor. Sie enthielt zehn Pilz-Zigaretten.
Dann förderte er ein kleines Marmeladenglas zu Tage, in dem sich das Pilzpulver befand. Er hielt dem Fremden die beiden Dinge zögernd hin. Langsam kam eine Hand mit spindeldürren, blassen Fingern unter dem Umhang hervor und nahm die beiden Gegenstände entgegen.
„Wie viel schulde ich Ihnen?“ fragte die Gestalt missmutig.
„Äh, zwei Goldstücke.“ antwortete Benjamin mit zaghafter Stimme und steckte die Hand aus. Der Fremde holte einen kleinen Lederbeutel aus dem rabenschwarzen Umhang hervor und legte Benjamin drei glänzende Goldmünzen auf die ausgestreckte Hand.
„Die dritte Münze habe ich Ihnen gegeben, damit Sie unser nächtliches Treffen in dieser reizenden Gasse so schnell wie möglich wieder vergessen.“ kam es aus der Kapuze. Und ohne einen Abschied rannte die Gestalt mit flatterndem Umhang davon. Hinter der nächsten Biegung war sie verschwunden. Verschluckt von der Nacht. Benjamin stand nur da und starrte auf die Stelle, wo der Fremde verschwunden war. Die Goldmünzen in seiner Hand fühlten sich kalt und glatt an. Sein Magen begann zu knurren. Er hatte seit dem Frühstück, was aus grauem Haferschleim bestand, nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Er musste nur an gebratene Hühnerschenkel, Pilzauflauf und Pfannkuchen denken, und schon lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er kannte eine kleine Imbissbude im Stadtinneren, die frittierte Fleischgerichte aller Art anbot. Benjamin beschloss, dem kleinen Lokal einen Besuch abzustatten und die dritte Goldmünze sinnvoll auszugeben.

Die Imbissbude die Benjamin aufsuchen wollte, war eine kleine, schäbige Hütte aus altem Holz und Blech. Ein schiefes Schild über der Tür verkündete den Namen des Lokals: Zum Frittierten Specht. Man sollte die Tavernen und Esslokale in Pustelburg niemals nach dem Aussehen beurteilen. Dass wusste Benjamin besser als jeder andere. Wer in dieser Stadt wählerisch war, überlebte nicht lange.
Benjamin ging mit hochgeklapptem Kragen durch die dunklen, dreckigen Gassen auf das Lokal zu. Als er die Tür öffnete, strömte ihm eine warme, nach gebratenem Fleisch duftende Luft entgegen. Er leckte sich die Lippen und ging geradewegs auf den Koch zu, der am Herd stand und etwas in einer großen, verkrusteten Pfanne briet. Sonst war niemand im Raum. Keine Gäste. Das wunderte Benjamin ein wenig. Sonst war die Imbissbude bis auf den letzten Tisch belegt.
„Äh, hallo?“ fragte er zögernd.
Der Koch drehte sich um und sah Benjamin aus kleinen, schwarzen Augen an. Sein Gesicht ähnelte einem schwitzenden Emmentaler der einige Tage in der prallen Sonne gelegen hatte. Seltsamerweise roch er auch so.
„Ja, wollen sie etwas essen?“ fragte er und deutete mit einem schmierigen Löffel auf Benjamin.
„Was haben sie denn noch so im Angebot?“
„Nun, die meisten Lebensmittel sind uns ausgegangen denn heute war einiges los. Mehrere Stühle sind zu Bruch gegangen und der Küchenjunge hat einen Schneidezahn verloren.“
Benjamin sah sich um. Die Inneneinrichtung des Frittierten Spechts sah tatsächlich etwas mitgenommen aus. Die Tische wiesen Spuren von Äxten und Knüppeln auf. Glasscherben lagen auf dem Holzboden und eine bräunliche Flüssigkeit tropfte von den Wänden.
„Fand hier eine Schlägerei oder so etwas in der Art statt?“wollte Benjamin wissen.
„Ein Ghoul ist heute Mittag hier her gekommen um ein deftiges Fleischgericht zu sich zu nehmen.“ berichtete der Koch, der aus allen Poren zu schwitzen begonnen hatte.
„Er bestellte eine Hammelkeule mit extra viel Bratensoße und beklagte sich über die mangelnde Qualität unserer Fleischgerichte. Der Küchenjunge war darüber sehr entrüstet den er hatte die Hammelkeule eigens zubereitet. Und man muss bedenken, dass sie nur ein wenig angebrannt war."
Benjamin seufzte. Immer diese Probleme mit den Ghoulen. Sie schafften es nie sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn man mal davon absah dass sie fleischfressende Dämonen aus dem Sumpf waren, konnte man normalerweise ganz gemütlich mit ihnen plaudern. Trotzdem waren sie bei den meisten Bewohnern von Pustelburg verhasst. Einmal ein Ghoul, immer ein Ghoul.
„Jedenfalls begann bald eine kleine Schlägerei. Einige Gäste fingen an, das Mobiliar unserer schönen, kleinen Gaststube auseinander zu nehmen. Mit Erfolg, wie du sehen kannst. Ich hab' dann sofort die Ordnungshüter gerufen und die konnten die Schlägerei glücklicherweise schnell beenden. Doch der verfluchte Ghoul konnte entkommen. Wenn ich den erwische...“
Der Koch lief purpurrot an und ähnelte nun nicht mehr einem schwitzendem Emmentaler sondern einem unförmigen Wasserball.
„Nun, um auf meine erste Frage zurück zu kommen, was haben sie den noch so im Angebot?“ fragte Benjamin denn er wollte das Thema wechseln.
„Nur zwei gebratene Hühnerschenkel und ein wenig Bratensoße. Dazu ein Stück Käsekuchen von gestern.“ antwortete der Koch und stocherte mit dem klebrigen Löffel in der Pfanne.
Bald saß Benjamin an einem kleinen Tisch der noch alle vier Tischbeine besaß und nagte an einem Hühnerbein. Er war nicht sicher ob der Käsekuchen überhaupt Käse enthielt, aber das war ihm egal. Wie schon erwähnt, in Pustelburg durfte man nicht wählerisch sein.
Nach einigen Minuten verließ Benjamin das Lokal und machte auf, durch die nebligen Straßen, zu seiner Wohnung.

Kapitel 2

Als Benjamin erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Er musste fast fünfzehn Stunden geschlafen haben. Er gähnte und setzte sich in seinem Bett auf. Sein Magen tat furchtbar weh.

„Verdammt, ich wusste doch dass etwas mit dem Käsekuchen nicht in Ordnung war.“ murmelte er. Nach einem etwas längeren Besuch auf dem Abort saß Benjamin mit einer großen Tasse Tee an dem viel zu kleinen Tisch in seiner viel zu kleinen Küche und dachte über die vergangene Nacht nach. Was war noch gleich geschehen? Ach ja, er hatte einem seltsamen Kunden ein paar Pilz-Zigaretten übergeben und war dann zum Frittierten Specht gegangen um etwas zu essen.
Dies hatte sich am Ende doch nicht als klug erwiesen. Er sah aus dem Fenster. Die Dächer von Pustelburg glänzten in der Mittagssonne und der Qualm der aus den fielen Schornsteinen schwebte träge über der Stadt.

Benjamin Blassfisch bewohnte eine kleine Dachgeschosswohnung in einem großen, alten Backsteinhaus.Die Nachbarschaft war nicht unbedingt dass, was sich Benjamin vor seinem Einzug vor zehn Jahren erhofft hatte. Zwei Stockwerke unter ihm lebte eine zahnlose, alte Frau mit dutzenden von Straßenkatzen zusammen. Immer wenn Benjamin an ihrer Wohnungstür vorbei ging, hörte er wie sie mit ihren Katzen sprach. Sonst lebte niemand in diesem Haus außer man zählte die Ratten mit die im Keller hausten. Trotzdem war Benjamin zufrieden denn die Miete war niedrig und er hatte eine gute Sicht auf die gesamte Stadt.

4 Kommentare

Oskar Schrör am 15. Juni 2014

Danke, bin grad an einem anderen Projekt beschäftigt.

Sonne am 24. Mai 2014

Ich liebe Geschichten und deine Geschichte ist Wuuuuuuuuuuunderschön.

Sonnenschein am 21. Mai 2014

Ich mag deine Beschreibungen sehr, weil sie besonders humorvoll geschrieben sind und deine Geschichte auflockern. Es scheint eine tolle Geschichte zu werden. Ich bin Fan deiner Story

Oskar Schrör am 27. Januar 2014

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass eine Fortsetzung folgt...