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Kay Schröder

Die Geschichte vom kleinen Tannenbaum

In einer Tannenschonung, gar nicht so weit von hier, bereiteten sich die Tannen auf das kommende Weihnachtsfest vor. Die Laubbäume des Waldes hatten seit dem letzten Frost längst ihre letzten Blätter verloren. Die Blätter auf dem Waldboden waren jetzt fast braun und hatten die wunderschönen Farben des Herbstes verloren. Die nackten Äste wirkten jetzt grau und unheimlich.

Nur die Tannen in ihrem kräftigen grün zeichneten sich vom tristen grau ab und brachten noch etwas Farbe in den Wald. Die älteren Tannen fegten mit ihren langen unteren Zweigen den Waldboden von abgefallenen Tannenzapfen und Tannennadeln frei. Das machten sie natürlich nicht ohne Grund, denn sie wollten alle Weihnachtsbäume werden und putzten sich daher prächtig heraus. Dann war es soweit: Die Gemeindearbeiter kamen mit einem großen LKW und suchten die schönsten Bäume heraus. Die Tannen waren sehr aufgeregt, denn nicht alle wurden mitgenommen. Als die Leute nach dem Aussortieren die Tannenschonung verließen wurde es wieder ganz still im Wald.

Aber halt! Da war doch was! Eine kleine Tanne weinte ganz bitterlich und ihre Zweige zitterten. „Was ist hier denn los?“, fragte Frieda Fichte. „Wer weint denn da?“. Das war schon sonderbar, denn Fichten reden normaler Weise nicht viel und Frieda Fichte gehörte schon zu den schweigsamsten Fichten. „Wer da weint habe ich gefragt?“, wiederholte Frieda Fichte ernst. „Ich“, erwiderte jetzt eingeschüchtert und leise schluchzend die kleine Tanne. „Und?“, fragte Frieda jetzt etwas freundlicher. „Ich heiße Tina Tanne“, brach es jetzt aus der kleinen Tanne hervor, „und, und, und ich möchte doch so gerne ein Weihnachtsbaum werden. „So, so“, antwortete Frieda, streichelte Tina sanft über ihre zarten Zweige und begab sich wieder in tiefes Schweigen.

Im Frühjahr nistete sich ein Eichhörnchen zwischen Tinas Zweigen ein. Das Eichhörnchen hieß Paul. Tina fand es sehr lustig mit Paul. Sie mochte es, wenn Paul zwischen ihren Zweigen hin und her flitzte: Das kitzelte so schön. Sie hatten sich immer viel zu erzählen und Paul war ein guter Zuhörer. Sie wurden supergute Freunde. Paul war es auch der Tina ermunterte, wenn es wieder einmal mit dem Weihnachtsbaumwerden nicht klappte: „Du musst Dich noch mehr in die Höhe strecken, Deine Zweige immer wieder spreizen, Deine Nadeln stets weiterhin ordnen!“. „Du schaffst es Tina!“. Oh ja, Paul glaubte fest an seine Freundin.

Der nächste Winter war bitterkalt und es gab viel Schnee, der schwer auf Tinas Ästen lastete. Tina hatte alle Zweige voll zu tun. Das gab ihr Kraft und Stärke. Im Frühjahr tauchte Paul wieder auf. Er hatte inzwischen eine Familie gegründet. Es war wieder ein lustiges Treiben, ein Auf und Ab in Tinas Zweigen. Im Sommer genossen sie die Wärme und spielten oft Tannenzapfenweitwurf, den Tina immer gewann. Die Zeit verging wie im Fluge und der Herbst kündigte sich mit ersten Stürmen an. Paul hatte jetzt richtig Stress. Er musste für ausreichend Wintervorrat sorgen, denn er bemerkte, dass er nicht immer alle Nüsse wiederfand, die er versteckte. „Frieda?“, fragte Tina „es sind jetzt so viele Jahre vergangen. Werde ich vielleicht in diesem Jahr ein Weihnachtsbaum? Ich wünsche es mir doch so sehr!“. Frieda Fichte aber schwieg und lächelte nur. Ihr wisst ja: . . . . . . . . . . .

In der Stadt trafen sich die wichtigen Leute wie der Bürgermeister, Bürgervorsteher und Stadträte, um sich über die Weihnachtsbeleuchtung zu beraten: „Und einen Weihnachtsbaum brauchen wir dieses Jahr. Einen großen, den Stellen wir dann auf dem Rathausplatz auf. Mit Beleuchtung, etwas ganz besonderes“, ergänzte Stadtrat Alexander Kittel.

Es war an einem Mittwoch. Dichter Nebel lag über unserer Tannenschonung. Die Gemeindearbeiter trafen morgens um 08.00 Uhr ein. Tina Tanne war sehr aufgeregt, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie streckte ihren Stamm in die Höhe, spreizte die Zweige bis es weh tat. Sie wagte nicht einmal ihre Tannenspitze zu senken, um die Arbeiter besser sehen zu können. „Wow, Wow!“, rief Joschi seinem Kumpel Matz zu. „Was ist los Joschi, warum bellst Du hier so herum?“, scherzte Matz, der sichtlich guter Laune war. Mit weit aufgerissenen Augen bestaunten sie eine perfekte Tanne: Tina Tanne! Matz fand als erster die Worte wieder. „Das kann ich nicht Joschi. Ich kann unmöglich diese wunderschöne Tanne abschlagen, damit sie nur für ein einziges Weihnachtsfest auf dem Rathausplatz steht“, flüsterte er. Sichtlich ergriffen antwortete Joschi: „Du hast ja so Recht alter Kumpel“. Tina, die alles mit angehört hatte fielen vor Schreck zwei Tannenzapfen ab. Vor Wut und Enttäuschung stapfte Tina heftig mit ihrer größten Wurzel in den Waldboden. „Ich hab`s“, sagte Matz. „Wir graben die Tanne mit allen Wurzeln aus. Das wird ein hartes Stück Arbeit Joschi und heute Abend tun uns die Hände weh, wir werden dicke Blasen an den Händen haben“. „Ich bin dabei Matz! Gib mir fünf!“. Am späten Nachmittag fuhren sie mit Tina in die Stadt. Frieda Fichte sah ihnen lange nach und lächelte wissend.

Tina wurde inzwischen – wie von den wichtigen Leuten bestimmt – auf dem Rathausplatz wieder eingepflanzt. Sie wurde wegen ihrer Schönheit weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Sie wurde mit den neuesten Lichterketten aus Schweden eingekleidet, die ein stimmungsvolles Leuchten zauberten. Die Bürger der Stadt behängten Tinas Zweige mit Äpfeln, kleinen Geschenken, silbernen und goldenen Glöckchen. Sogar ein kleines Schaukelpferd war in ihren Zweigen zu entdecken. Als Krönung erhielt sie einen golden leuchtenden Stern auf ihre Tannenspitze.

Heiligabend schneite es. Sanft wie Federn schwebten die Schneekristalle zu Boden. Tina strahlte über alle Zweige. Es erschienen immer mehr Menschen, um Tina zu bewundern. Es roch auch so herrlich nach Teepunsch, Bratäpfeln, gerösteten Kastanien und Lebkuchen und der Rathausplatz sah aus wie ein großer, weißer, flauschiger Teppich.

Marie zupfte an Mamas Mantelspitze: „Mama, schau mal ein Eichhörnchen!“. In langen Sätzen sprang Paul durch den Schnee: „Tina, Tinaaa“ - „ Pauell!“. Dann verschwand er mit einem weltmeisterlichen Sprung in Tinas Zweigen.

Und wenn auch ihr in eurer Stadt oder eurem Dorf einen Weihnachtsbaum habt, schaut ihn euch ruhig mal etwas genauer an!

3 Kommentare

Fjalra am 6. Januar 2017

Süße Geschichte! So richtig weihnachtlich!

Viva am 22. November 2016

Wow, wunderschöne Geschichte. Toll geschrieben! Top!

outlook am 14. November 2016

Echt schöne Geschichte ich finde deine Idee sehr schön.