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Fire

Die andere Wahrheit

Das hier ist eine sehr realistische Geschichte, deren Hintergrund ich kurz erklären möchte: Also, da gabs vor einiger Zeit einen Neonaziaufmarsch in Magdeburg, um der Bombardierung, glaube ich, zu gedenken. Das wollten viele Antifaschisten aus ganz Deutschland druch Blockaden verhindern - dazu kann man nun stehen, wie man will, ich befürworte das. Wie aber auch immer, es kam doch mal wieder zu massiver, unnötiger und in den Nachrichten völlig unbeachteter Polizeigewalt. Ich war nicht dort, aber ich habe mir aus den Livestreams, Videos, Berichten von Freunden und Organsisationen eine Story gebastelt. Ich garantiere, da ist NICHTS übertrieben oder gelogen. Ich habe lediglich zwei Personen erfunden, denen das passiert, was meinen Freunden passiert ist. Das soll keine Propaganda oder Hetze sein gegen Polizei... Ich kritisiere auch nicht, ich schreibe nur auf, was passiert ist, da das ja sonst nirgendwo zu finden ist. Keine Ahnung, ich bin einfach geschockt und hoffe, ich kann vermitteln, warum. Und jetzt viel Spaß beim Lesen, ich hoffe, es ist euch nicht zu lang und regt zum Nachdenken an.

Clara rannte. Ihre Schritte hallten laut auf dem alten Kopfsteinpflaster wieder, und wo vor ein paar Stunden noch Autos gefahren waren, lagen nun zersplitterte Bierflaschen. Ihre Verfolger holten auf. Lauf, Clara, lauf! Das Seitenstechen bohrte ihr tausend Messer zwischen die Rippen, und jeder Atemzug wurde auf halbem Weg in ihre Lunge gestoppt. Flach hechelte sie, wie ein Hund. Wie um alles in der Welt hatte es nur soweit kommen können? Sie bog scharf um die Ecke, gemeinsam mit den anderen Dreien, und versuchte sich zu orientieren. Auf dem Stadtplan hatte doch alles so einfach ausgesehen! Am Horizont flackerten Fackeln, eben jene Fackeln, die zu verhindern sie heute hier war. Nein. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Neben ihr krachte es, sie zuckte zusammen, und Glas splitterte. Das Glas einer Modeboutique. Panisch hielt sie Ausschau nach den Polizisten, doch in ihren rüstungsartigen Panzerungen waren sie nicht sonderlich schnell. Wer immer den Pflasterstein geworfen hatte, würde davonkommen.

- Der Bus war morgens um 5:00 Uhr gefahren. Zwar müde, doch trotzdem offen war die Atmosphäre während der Fahrt gewesen, sie hatte lange nicht mehr so viele coole Menschen kennen gelernt. Jemand hatte Kuchen mit gehabt, und irgendwann waren sie da gewesen. Die Polizei, noch in normalen, blauen Uniformen, hatte sie durchgewinkt. Sie hatten sich versammelt und plötzlich waren da die Wasserwerfer gewesen. Doch noch hatte ihnen niemand eine besondere Beachtung geschenkt. -

Hinter ihr schrie jemand auf. Sie stockte. Sie hatten einen. Der erste schlug ihm mit dem Schlagstock auf den Kopf, die anderen bildeten einen Kreis und schlugen und traten. Wie gelähmt starrte sie auf die Szene, unfähig zu verstehen, was da geschah. Er war höchstens 17 Jahre alt! „Komm!“, schrie Ramon, wenn sie seinen Namen richtig behalten hatte, er war in ihrem Bus gewesen. Er zog sie weiter, ließ den fremden Jungen einfach liegen, und die Polizisten nahmen wieder ihre Verfolgung auf. Schritte. Rufe. Knüppel. Sie kamen näher. Ramon zerrte sie um eine Ecke, die anderen waren ihnen weiter voraus, keiner von ihnen hatte auf sie gewartet. Wo waren ihre Freunde? Schon vor Stunden hatte sie sie verloren in der schwarzen Masse. Ihr Atem ging schwer und etwas drang in ihre Nase, ihren Mund ein. Es war bitter, und es brannte, brannte wie Feuer, nahm ihr den restlichen Atem, verbrannte ihren Rachen, ließ ihre Augen verkleben. Reizgas. Nein. Bitte nicht. Schon wieder krachte es neben ihr, ein Container ging in Flammen auf, sie taumelte zurück, eine Hitzewelle schlug ihr entgegen, grelles Licht drang durch ihre verklebten Augenlieder. „Weiter!“, brüllte ihr Ramon ins Ohr, doch seine Stimme ging fast unter im Geheul der Sirenen und dem Jubeln der Feuerleger. Sie war gelähmt, unfähig, etwas zu tun. Ramon zerrte sie weiter, sie konnte nicht atmen, alles in ihr brannte wie Hölle, sie wollte weinen, doch es ging nicht.

 - Sie hatten die Route der Nazis bekannt gegeben, und beinahe im Minutentakt die Änderungen dieser. Die Uniformen der Polizisten waren von Blau zu Schwarz gewechselt, der einfache Schlagstock durch Panzerung, Helm und Pfefferspray ergänzt worden. Am Rand stand auf einmal eine Pferdestaffel. Die Demonstranten wurden angewiesen, sich in ihren Bezugsgruppen einzufinden und diese niemals zu verlassen. Dann teilten sie sich in Gruppen auf und versuchten, auf die Rute der Nazis zu gelangen und sie an ihrem sogenannten „Gedenken“, dem Fackelschweigemarsch, zu hindern. -
 
Ramon zerrte sie immer weiter. Ihre Beine machten kaum noch mit, und die Polizisten kamen näher. In einem von ihnen erkannte sie den jungen Mann wieder, mit dem sie vorhin noch über Quarzsandfüllung in den Handschuhen diskutiert hatte. Er schien seinen Kopf durch den Helm nicht zu schützen, sondern zu ersetzen, wie ein Tier hetzte er durch die Straße und schlug um sich. Ramon wich einer nach den Polizisten nach hinten geworfenen Flasche aus, stolperte. Er fiel, und sie fiel mit, der Boden kam auf sie zu. Sie kauerte sich zusammen und rollte sich zur Seite, in einen Hauseingang. Der erste Polizist traf Ramon mit seinem Schlagstock direkt im Bauch, er schlug immer weiter, hörte nicht auf, wie ein Wilder. „Lass ihn!“, hörte Clara ihre Stimme durch an den Häuserwänden vorbeihallen, „Lass ihn in Ruhe, er hat dir nichts getan!“. Sie wurde ignoriert, Ramon versuchte sich zu wehren, trat dem Polizisten gegen das Schienbein, der fiel nach vorn, auf ihn drauf, und prügelte einfach weiter, Ramon schlug sich die Hände über den Kopf, doch es half nichts, und er griff nach den Schlagstock, hielt ihn fest, doch der Polizist zog mit aller Kraft, und auf einmal stand Ramon wieder auf den Beinen, und hielt den Stock in der Hand, sein Angreifer war vom Schwung zurück getaumelt, und Ramon stand mit dem Schlagstock in der Hand 5 weiteren Polizisten gegenüber. Das war sein Todesurteil. Sofort ließ er die Waffe fallen, und begann zu rennen wie ein Verrückter. Ehe die anderen den Stock aufgehoben hatten, war er weg. Und Clara war noch da. Wieder krachte es irgendwo. Schreie, Jubeln, schnelle Schritte, und neben ihr landete ein Pflasterstein. Oh nein. Bitte nicht. Zwei Polizisten kamen auf sie zu, der anderen vier verfolgten weiter Ramon, und sie kauerte sich zusammen. Der erste Schlag traf sie am Kopf, sie schlug die Hände schützend vors Gesicht, und sie schlugen ihr auf den Bauch. Sie krümmte sich zusammen, und immer wieder, immer ein neuer Schlag, immer weiter, sie wimmerte, schrie, wimmerte wieder, und einer steckte seinen Schlagstock weg und begann stattdessen zu treten, sie schluchzte, es sollte aufhören, bitte. Ein ohrenbetäubendes Krachen und Zischen übertönte die Sirenen und Rufe, die nächste Mülltonne war in Brand geraten, und ihre Peiniger fuhren herum, und weg waren sie. Einfach so. Rannten weg, und sie blieb liegen mit ihren tausenden schmerzenden Gliedern. Sie schloss die Augen, stöhnte, und fasste sich an die Augenbraue, dort, wo der erste Schlag sie getroffen hatte. Etwas warmes sickerte ihr durch die Finger. Erschrocken hob sie ihre Hand vor die Augen, natürlich, Blut. Auch das noch.

 - Gemeinsam waren sie los gelaufen. Doch wo immer sie auch nur für wenige Minuten auf einem Platz standen, kamen Polizisten und kesselten sie ein. Dann begannen sie, einzelne heraus zu suchen und fest zu nehmen. Ihre Bezugsgruppenmitglieder waren erfahren, sie warteten den richtigen Moment ab, bis die Polizei auf einen Kravallpunkt konzentriert war, und flohen. Und dann begann die Flucht. Clara rannte. -

Was genau danach passiert war, wusste sie nicht mehr. Irgendwoher waren Demosanitäter gekommen, und dann auch der Rest ihrer Bezugsgruppe, und dann waren sie noch im Krankenhaus gewesen, man hatte die Platzwunde genäht.
Was sie als nächstes wieder aktiv mitbekommen hatte, war, dass sie im Bus nach Hause saß und die anderen ihrer Bezugsgruppe sich über den Polizisten eschoffierten, der den Angriff auf sie mit dem Wurf eines Pflastersteins, der als Beweis neben ihr gelegen hatte, rechtfertigte.

Sie sollte den verdammten Stein geworfen haben!

Und das war dann auch der Grund für die Anzeige gegen sie, als sie versuchte, den Polizisten anzuklagen.

10 Kommentare

Fjalra am 7. Februar 2017

Soweit ich das verstanden habe, nicht. Diese Geschichte ist wirklich traurig, aber auch sehr gut geschrieben.

Waldelfe am 8. Januar 2017

Echt krass! Schade, dass das so wirklich hätte passieren können!!! Clara und Ramon waren Nazis, oder?

Pandora am 18. Dezember 2014

OMG Das ist echt schlimm aber ich kann eigentlich nur wiederholen was die anderen schon geschrieben haben, du hast echt super geschrieben

Sonnenschein am 24. Mai 2014

Ich kann nur sagen, dass du das echt gut hingekriegt hast! Ich bin echt erstaunt! Es ist einfach nur super geworden und ich finde dass diese Geschichte, wirklich realistisch klingt. Ich finde es gut wenn man sich mit so etwas beschäftigt und dass du das auch noch so gekonnt aufgeschrieben hast... Einfach nur WOW! Du verdienst dir damit echt Respekt LG Sonnenschein

Schneewittchen am 21. Dezember 2013

omg ich weiss gar nicht was ich sagen soll. das ist wahr?! das passiert wirklich?! schon traurig wenn man daran denkt wie menschen andere menschen heutzutage behandeln^^ du hast das wunderschön geschrieben sodass man sich gut hineinversetzen kann auch wenn man am liebsten selber schreiend wegrennen will Lob von Scheewittchen

fire am 6. Dezember 2013

dankeschön euch allen @ melisande: so was ist quasi "alltag", oder zumindest ist das der umgang, mit dem man als antifaschistischer demonstrant_in sehr oft behandelt wird und rechnen muss. traurig, aber wahr...

Melisande am 5. November 2013

Das ist total traurig, dass so was passieren konnte. Ich hoffe, dass es nie so etwas ähnliches geben wird. Aber hast du auch sehr gut geschrieben

Ella am 24. August 2013

Oh ja, mich regt's zum Nachdenken an! Ich bin richtig schockiert, dass das auf einer wahren Geschichte beruht!! = o Lg Ella

Lollypop XD am 24. August 2013

Schluchz schluchz.... das ist so dramatisch! Vor allem, wenn man auch weiß, dass alles wahr ist !

Ella am 23. August 2013

Oh Gott, ich kann garnicht Glauben, dass das auf einer wahren Story beruht : o Du hast das wirklich toll zu "Papier" gebracht Schreib doch bitte noch mehr solche Geschichten (aber vielleicht mit ein bisschen weniger Brutalität ) Lg Ella