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ReadingWookie

Desolat

Da liege ich einfach nur. Starre stumm in die Nacht. Die Erde unter mir ist warm und weich, wie einst ihre Haut. Der Wind streicht über meine Arme und mein Gesicht, bis hin zu meinem grauen Haar, wie ihr längst vergangener Atem. Damals.

Die letzten Vögel, die sich auf diesen Friedhof verirrt haben, zwitschern und singen. Es erwärmt mein altes Herz, genau wie es ihre liebliche Stimme vorher schaffte.

Es war so wunderschön. Sie war so wunderschön. Damals.

Stumm und starr. So liege ich hier. Ein Vorbeigehender könnte meinen ich sei tot. Doch ich bin es nicht. Zumindest nicht körperlich. Noch nicht.

Mein Geist ist tot. Seit der Nachricht. Seit gestern. Seit einer gefühlten Ewigkeit.

Ich war unterwegs, als er kam. Der Anruf des Teufelsboten.

Ich fuhr sofort los. Kniete mich an ihr Bett, schloss die Augen, weinte, betete.

Doch vergebens.

Meine Frau starb. Krebs. Seit drei Jahren. In der Lunge. Und den Knochen. Überall. Sie kämpfte nicht gegen die Krankheit. Sie lebte mit ihr, ignorierte sie, hielt sie geheim. Vor ihren Bekannten, ihren Freunden. Und vor mir.

Ich erfuhr es kurz vor dem Ende.

Die Nachricht trieb mich hier her. Meine Frau wird bald kommen. Noch ist sie nicht hier, doch ich werde auf sie warten. Ich will sie empfangen, wenn sie kommt. Sie soll nicht allein sein, wenn die Trauergemeinde ihren gebrechlichen Körper in den Erdboden bettet, stumm und starr. Für immer.

Ich vermisse sie. So sehr.

Ständig war ich an ihrer Seite. Begleitete sie, behütete sie. Munterte sie auf, brachte sie zum Lachen. Ich war immer derjenige, der ihr vorausging. Damit sie sich nicht fürchtete. Vor dem Unbekannten. Sie wollte es so.

Stets war ich da. Immer und überall. Ich traf sie an unserem ersten Schultag vor dem großen Tor, als sie mit ihrer Mutter und der großen grünen Schultüte im Arm auf den Hof stürmte.

Bei unserer ersten Verabredung, als sie 6 war und ich schon 8, kam sie zu mir nach Hause.

Bei unserem ersten richtigen Treffen als Paar in der weiterführenden Schule, bei dem wir uns benahmen wie Kleinkinder, suchte ich einen kleinen Tisch aus und legte die Rosen auf ihren Platz.

Bei unserem Abschluss, als sie für alle gesungen hatte, reichte ich ihr die Hand, um ihr von der Bühne zu helfen, da sie viel zu hohe Schuhe trug.

In unserer ersten gemeinsamen Wohnung, als wir so aufgeregt waren, dass wir den ganzen Abend kichernd auf dem Boden saßen, da wir noch keine Möbel besaßen, überreichte ich ihr freudestrahlend die Schlüssel.

Vor dem Altar, fünf Jahre später, sah ich zu, wie sie mit ihrem Vater durch die große Tür herein-und auf mich zu stolzierte.

Ich ging zuerst in Rente und wartete zuhause auf sie, bis sie es mir zwei Jahre später gleich tat.

Immer war ich da um auf sie zu warten. Sie zu empfangen. Sie zu begrüßen. Sie zu ehren. Sie zu lieben.

Sie wusste das. Und sie war mir dankbar.

Im fortschreitenden Alter wurden wir oftmals als altmodisch betitelt. Klischeehaft, nannten es die jungen Leute. Langweilig. Wir waren immer nur das alte perfekte Paar von nebenan. Doch wir genossen es. Wir waren glücklich.

Sie war so weise. Sie kannte viele Wörter, von denen ich nie gedacht hätte, sie je zu gebrauchen. Doch seit der Nachricht geht mir dieses eine Wort nicht mehr aus meinem sonst so leeren Kopf.

Desolat.

Trostlos, traurig.

Es war eines ihrer Lieblingswörter gewesen.

Sie wurde so sehr geliebt. In ihrem erfüllten 87-jährigen Leben wurde sie von niemandem so sehr geliebt wie von mir. Auch das wusste sie.

Ich ging ihr stets voraus. Immer war ich vor ihr dort. Wartete auf sie, die Arme ausgebreitet, empfing sie.

Nun ist sie diejenige, die vorausgeht.

Sie ist weg. Ich bin hier.

Stumm und starr. So liege ich hier. Ein Vorbeigehender könnte meinen ich sei tot. Damit hätte er Recht. Ich wusste nicht, dass man an einem gebrochenen Herzen sterben kann, doch in diesem Moment tue ich es.

Ich bin auf dem Weg zu meiner Frau. Sie wird mich erwarten.

Das erste und letzte Mal.

5 Kommentare

Feuerelfe am 14. Januar 2017

Du hast es geschafft, mir mit deinen Worten eine Gänsehaut zu machen. Wunderschön!

Leni am 12. Januar 2017

Großes Lob für diese Geschichte!! Sie ist zwar traurig, aber wunderschön. Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut!

Linnea am 11. Januar 2017

Ich finde es, toll, dass du in einer Perspektive eines älteren Menschen schreibst. Ich schreibe eigentlich immer Geschichten mit jugendlichen Hauptfiguren ungefähr in meinem Alter. Die Geschichte ist sehr traurig, aber schön. Ganz liebe Grüße

Alina am 11. Januar 2017

Hey! Deine Worte haben mich sehr berührt, wirklich unglaublich schön geschrieben!

Wandelte am 9. Januar 2017

Wow! Die Geschichte ist echt super geschrieben! Sehr einfühlsam! Bestimmt geht es einigen so!