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PulliKind

Der Krieg von Laschmiraa. Falsche Wahrheiten

Kapitel 1: Die Jagd

Ich renne weiter und weiter durch den Wald. Die vielen Laubhaufen, Äste und Zweige, die den Boden schmücken, zerbrechen geräuschvoll unter meinen dicken Herbststiefeln. Es erinnert mich zu sehr an mein zu Hause im Bauernviertel, als dass ich diese Geräusche als wohltuend empfinden könnte. Trotzdem laufe und laufe ich immer weiter durch den Wald der Feen.
Egal, ob ich noch gut Luft kriege, egal wie weit es noch sein muss. Ich renne immer weiter und weiter.

Ein Ast hängt recht tief, doch ich übersehe ihn und zerkratze mir damit mein Gesicht. Ich kann nicht mehr! Höre ich mich sagen. Ich wische mir die bläulich glänzenden Tränen aus meinen bronzefarbenen Augen und renne einfach weiter. Ich bin jetzt schon eine Ewigkeit am Rennen.
Langsam kriege ich eine Gänsehaut. Mir ist furchtbar kalt! Ich schaue nach oben und Blicke durch die unheimlich miteinander verwachsenen Baumkronen, deren Stämme so dick waren, dass man wahrscheinlich ein Viertel der Dorfleute bräuchte, um ihn zu umrunden. Es ist schon Nacht. Der magische Vollmond steht am Himmel und leuchtet mir den Pfad durch den düsteren Wald zu Marlon. Marlon, der Große, berühmt, berüchtigte Zauberer aus dem Wald der Feen.
Ich bin so erschöpft, habe schon extremes Seitenstechen und meine riesige Wunde am Bein scheint nicht mehr mit bluten aufhören zu wollen. Überall läuft es glitschig an meinem Bein hinunter. Doch zum Glück in meinen Schuh und nicht auf den Waldboden, sonst würde ich ja noch Spuren hinterlassen und sie würden mich kriegen. Doch es tut einfach zu dolle weh,
als dass ich nicht anhalten könnte.

Nachdem mich das Schwert einer Wache auf der Flucht vor dem Tod, erwischte hatte, hat es nur wenig später übel angefangen zu brennen. Es fühlt sich an, als würden sich tausende von Bränden auf meiner Haut befinden und miteinander um die größte Heftigkeit ringen.
Der Schmerz jedoch kroch bis in meinen Oberschenkel. Wie ein Krampf der nicht mehr aufhören wollte kämpfte das Feuer auf meiner Haut mit mir. Mit meinem Durchhaltevermögen, dass so langsam dem Ende geneigt war. Ich glaube meine Verletzung ist durch meine Streifzüge durch das Geäst schon ein wenig entzündet, denn sie fängt schon an zu pochen. Aber ich darf nicht aufgeben, egal, wie anstrengend es ist, egal wie sehr es auch schmerzt mit meinem verwundeten Bein weiter zu laufen. Und doch... Ja, ich bin mächtig verzweifelt.

Und so renne und renne ich immer weiter, durch das Gebüsch. Schlängelnd um die riesig gewachsenen und uralten  Ahornbäume, die mir ein wenig die Sicht auf den Wald versperren. Doch meine Gedanken plagen mich immer weiter, denn ich glaube, ich werde es nicht mehr schaffen, rechtzeitig bei Marlon anzukommen! Ich breche echt jeden Moment zusammen, wenn ich jetzt keine Pause mache! Halte nicht an!, sage ich mir, Lauf, lauf immer und immer weiter! Sonst werden sie dich kriegen! Ja. Da habe ich ausnahmsweise mal Recht. Denn, wenn ich jetzt anhalte, werden sie mich kriegen, die Truppe der Makagen! Eine, der am besten ausgebildeten Kämpfertruppen ganz Laschmiraas. Die Makagen sind die feindliche Truppe des Reiches von Luke. König Luke Meathon Eddwill Ilonarias von Makagien. Der größte Herrscher aller Zeiten.
Ein Tyrann. Denn eines Tages Stürtzte er einfach unseren gutmütigen König und ließ sich zur Wahl des neuen Herrschers von Laschmiraa aufstellen. Doch er war nicht der einzige. König Harry Leopold Athur von Palanien ließ sich ebenfalls aufstellen. Und ein riesiger Krieg entstand. Makagien gegen Palanien. Die zwei Bundesländer Laschmiraas.

Nach 37 Jahren bitterem Krieg kam endlich der vom Volk, langersehnte Waffenstillstand.
Die Königsanwerter hatte sich geeinigt: Jeder bekam eine Hälfte des Reiches. König Luke bekam sein Heimatland, Makagien und König Harry Palanien.

Doch da konnte ich ja noch nicht wissen, welche Lügen uns in Makagien aufgetischt worden sind. Das Reich von König Luke. Ja. Dort gehörte ich vor nicht allzu langer Zeit auch mal hin. Doch dann kam der Krieg. Und ich lernte, dass unser König nur böses im Sinn hatte. Uns wurde immer gesagt, das Reich von Palanien hätte unseren Frieden gebrochen und wollte unseren König stürzen. Ja, uns wurde eingeredet, wir müssten gegen ihn kämpfen, gegen den großen,
einzigartigen und barmherzigen König von Palanien, König Harry. Ganz Laschmiraa sollte im Krieg versinken, brutal und unbarmherzig. Einfach so! Doch nun hatte ich die Seite gewechselt. Ich stellte Luke zur Rede. Der jedoch meinte ich würde nur lügen und verbannte mich aus seinem Reich. Trotzdem wiedersprach ich ihm und das vor dem ganzen Volk von Makagien.
Ein riesiger Aufstand entfachte sich und die Rebellen wurden noch zahlreicher. So stellte mich König Luke am letzten Tag vor meiner Abreise noch mal vor das Volk, sodass ich meine letzte Chance bekam meine schreckliche Anklage zurückzunehmen und in Makagien zu bleiben.
Doch das ließ mich nicht beirren die Wahrheit zu sagen. Ich, Alice, wollte ihm, dem großen König von Makagien abermals wiedersprechen. Langsam wurde er richtig zornig. Nach einem langen, beiderseits nicht aufzugebenem Blick Kontakt zwischen uns beschloss er mich hinrichten zu lassen! Ich bekam so eine Panik, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte, wie gelähmt wurde ich von seinen Männern abgeführt.

Erst, als ich in den Kerker geworfen wurde, hatte ich mich wieder soweit gesammelt, dass ich mich wieder bewegen konnte. Ich erwachte aus meiner Schreckstarre und rannte auf die Gitterstäbe zu. Ich rüttelte und schüttelte so dolle ich es konnte, doch meine Kraft reichte nicht und eins wurde mir klar, raus kommen. Nein, das würde nichts werden, also musste ich warten, bis sie mich in drei Tagen zum Henker bringen wollten. Dann war ich dran. Also schaute ich mich ein wenig um. Die dreckigen, bemoosten Kerkerwände schienen nur so vor Alter und vergammeltem Blut zu sprießen. Ich fing an schrecklich zu weinen und war dem Verzweifeln nahe.

Kapitel 2: Die Hinrichtung

Die drei Tage vergingen wie im Fluge. Ich bekam jeden Morgen und jeden Abend eine Scheibe Brot, was für meine Verhältnisse wirklich viel war. Denn ich kam aus einer armen Bauernfamilie im Westen unseres Landes. Es gab bei uns viele arme Familien, aber auch manche reiche.
Diese jedoch gaben uns nichts von ihrem ungeheuren Reichtum ab. Im Gegenteil, lief man an einem von ihnen vorbei und grüßte sie nicht so fein wie möglich, dann wurden einem auch noch die Steuern erhöht! Wegen dieser unsäglichen Ungerechtigkeiten gab es ein mittlerweile eine sich anwachsend organisierende Gruppe von mutigen Rebellen in Makagien. Sie kämpften für Gleichheit vor dem Gesetzt, Gerechtigkeit und Verständnis. Doch jeder Rebell, der bei seinen Taten ertappt wurde, wurde hingerichtet oder in eine Sumpfkröte oder eine Eintagsfliege, deren so kurze Lebenszeit nur einen einzigen Sonnenuntergang zulässt, verwandelt. Denn jegliche Art von Protest wurde nicht geduldet, als sei es Hexerei.
In Laschmiraa war man sich der großen Unterschiede, zwischen den verschiedenen Richtungen der Magie sehr bewusst. Die Magie der mit diesem Segen oder Fluch von der Natur beschenkten Menschen wurde fein säuberlich unterteilt in „Schwarze-“ und „Reinemagie“. Die Reinemagie wurde in Laschmiraa und auch noch über seine Grenzen hinaus sehr geschätzt und geachtet. Benutzte man jedoch nur einmal die Schwarzemagie, so wurde man ohne Gnade verfolgt und folternd umgebracht.

Ich strich mir gerade meine langen braunen, gewellten Haare aus dem Gesicht, um genüsslich in mein  etwas mehliges Butterbrot zu beißen, als gerade eine Wache, gekleidet wie alle anderen auch, in blau und braun, den Farben unseres Reiches, meine Gittertür öffnete und mir mit giftigem Blick meine zarten  Hände auf dem Rücken hart und viel zu stramm fesselte. Er zog mich an meinen Haaren aus dem Kerker, die - ich hatte mitgezählt - 873 Treppenstufen hinauf, durch den gebäumten und geblümten Schlosspark, vorbei an 12 finster schauenden Skulpturen aus verblasstem, weißem Marmor gewaltsam hinauf auf das hölzerne, karrende Henkerpodest. Ich war vor Fassungslosigkeit erstarrt. Der weise Rat der Alten wollte mich vor den Augen des gesamten Volkes hinrichten lassen. Und mir wurde klar, wieso: Sie wollten den Bürgern eine Lehre erteilen. Niemand sollte jemals unseren König anzweifeln. Niemand.

Auf dem Henkerpodest angekommen, sah ich mich um. Den unmittelbaren Tod vor Augen, versuchte ich noch ein letztes Mal umzusehen und in der Menge meine Familie auszumachen. Unten, in der zweiten Reihe vor der Bühne, standen sie, alle waren da und hielten sich gegenseitig mit Tränen überströmten Gesichtern bei den Händen. Mit angsterfülltem Blick, starrten sie mich an. Sie hatten riesen große Angst um mich. Meine Eltern, mein Großvater, meine Großmutter. Sogar meine kleine Schwester Milu war gekommen. Der einzigen, der mich nicht so verzweifelt ansah, war mein großer Bruder. Und nur ich wusste warum. Vor vielen Jahren, als wir noch 10 und 12 Jahre alt waren, hatten wir abgemacht, dass egal warum und egal wo wir uns befanden und es einen von uns erwischen sollte… Wir uns nicht so leicht unterkriegen lassen würden. Außerdem wusste er, dass ich fast immer einen Ausweg kannte.
Ich war eine sehr schnelle und wendige Läuferin und beherrschte alle möglichen Kampfkünste, was mir jetzt aber auch nicht viel helfen würde, da ich vollständig von aufmerksamen Wachen umzingelt war, die um ihr Leben kämpfen müssten, wenn ich frei käme. Mir blieb also, meinen Mitmenschen zu Liebe nichts anderes übrig, als zu rennen. Meine Stärke.

Vor ebenfalls vielen von Jahren, brachte mir mein Bruder den Nahkampf bei, damit ich mich im Falle eines Angriffes, mit Leichtigkeit, wie er mit Speeren, Schwertern und Pfeil und Bogen umzugehen. Ich machte immer mehr Fortschritte und irgendwann musste ich ihm neue Techniken beibringen. Und nicht mehr er mir.
„Ach, ja. Mein Bruder… Samian  war nie nur mein Bruder gewesen, er war auch immer mein bester Freund.“, erinnerte ich mich, „Mit ihm konnte ich über alles reden. Wir konnten uns immer gegenseitig so genau abschätzen und wussten, was der andere als nächstes vorhatte.
Und so war es dieses Mal auch gekommen. Er wusste was ich vor hatte und grinste mich breit an. Immer dem Gegner einen Schritt voraus, genauso kannte er mich.“

Denn als gerade alle Aufmerksamkeit auf unseren König Luke gerichtet war, der noch mal eine wichtigtuerische Rede darüber hielt, wie wichtig es sei, seine Regeln zu befolgen, witterte ich meine Chance. Ich tritt der Wache hinter mir gegens Schienbein, drehte mich Blitzartig um und schlug ihn mit meinen behandschellten Händen gegen den Kopf.- Das Publikum erschrak.-
Er wurde Ohnmächtig. Die zweite Wache, ein paar Meter vor mir, schien gar nicht bemerkt zu haben, was ich angestellt hatte. Ich schlich mich auf Zehenspitzen leise nach vorne und warf die Hände, rüber, über seinen Kopf in Höhe Hals, zog zurück und… weg war er.

Langsam färbte sich meine schneeweiße Bluse über in ein triefend, dunkles Rot und der metallische Geruch von Blut machte sich breit. Blut. Überall Blut. Ich musste schon würgen. Wenn ich eins nicht sehen und riechen konnte, dann war es Blut. Doch ich musste mich bremsen. Ich durfte einfach nicht schwach werden. Denn sonst hätte ich keine Aussichten mehr auf ein weiteres Leben! Ich wollte schon los rennen, nur leider tropfte sein Blut auch auf den steinernen Boden, sodass ich gleich erst einmal ausrutschte und hinfiel. So färbte sich meine hellbraune Hose um. Aber zum Glück nur in ein dunkles braun.

Luke rannte von der Bühne, aus Angst, ich könnte auch ihn erledigen. Nun war ich alleine hier oben. Das war meine Chance.

Ich warf noch einen letzten Blick zurück, zu meinem immer noch grinsenden Bruder und rannte los. Direkt durch die brüllende Menge. Alle ließen mich vorbei. Wahrscheinlich ebenfalls aus Angst, ich würde mich mit ihnen anlegen wollen. Alle, all meine Freunde, all meine Familie.
Was dachten sie nur von mir? Sie wussten doch, dass ich nicht so eine kaltblütige Mörderin war! Langsam kamen mir die Tränen. Ich rannte nun einfach weiter, achtete nicht auf alll die Menschen, die einst meine Freunde gewesen waren. Ich rannte und rannte einfach weiter.
Doch ungefähr 5 Straßen weit weg blieb ich, an die Mauer eines Museums gelehnt stehen und sank, vor Erschöpfung, auf die Knie. Ich kroch schnell in eine Ecke, saß noch eine kleine Weile lang da rum und dachte darüber nach, was ich gerade getan hatte. Ich hatte jemanden umgebracht! , dröhnte es in meinem Kopf… ich jedoch redete mir ein, dass es ja nur zu meiner Verteidigung war. Ich durfte jetzt nicht einfach so das Handtuch werfen. Ich musste fliehen!
…plötzlich hörte ich rufe. Sie waren schon hinter mir her. So schwach und verzweifelt ich auch war, ich musste unbedingt weiter. Und mir wurde auch schon klar, wohin. Zum allmächtigen Zauberer Marlon. Meine letzte Chance.

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