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Sarah Merz

Der kleine Mann im Notizbuch

Anmerkungen zur Geschichte: Das besagte Notizbuch existiert sowohl mit den in der Geschichte genannten als auch mit vielen anderen detailreichen Geheimnissen, die der kleine Mann noch entdecken wird. Leider konnte ich ihn selbst bisher noch nicht ausfindig machen, nur einige seiner winzigen Fußspuren. Je länger ich jedoch an der Idee arbeite und die Möglichkeiten überdenke, in die er sich verstricken könnte, desto schneller füllen sich die Seiten mit Wörtern und Bildern, sodass ihm niemals langweilig wird. Er hat jedenfalls ein erstaunliches Talent dafür, sich vor menschlichen Augen zu verbergen, sodass ihn möglicherweise niemals jemand zu Gesicht bekommen wird…

Es war einmal ein kleiner Mann, der war so klein, dass er sogar zwischen die Seiten eines Buches passte. Sein Haar war schwarz und weich wie Katzenfell. Er trug am liebsten einen weiten Umhang aus dunkelgrünem Filz. Das hatte den Vorteil, dass ihm im Winter immer warm war. Er war nämlich sehr dünn und schon der zarteste Windhauch konnte ihn davon reißen und dann wusste man nicht, wohin er ihn befördern würde. Er wohnte zwischen Seite zwanzig und einundzwanzig, doch einmal erwischte ihn ein so furchtbarer Büchersturm, weil jemand darin blätterte, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffte, den Heftfaden zu ergreifen und sich daran festzuhalten. Das Unglück nahm seinen Lauf: Der Sturm zerrte am Haar des kleinen Mannes und an seinem Umhang, fast hätte er ihn verloren. Es schleuderte ihn ein paarmal durch die Luft und plötzlich fand er sich in einem neuen Kapitel wieder. Das kannte er noch nicht. Zwischen diesen Seiten war er noch nie gewesen. Das Papier roch nach schwarzer Erde und ein bisschen Schlamm. Kreischende Rufe ertönten ungefähr aus der Mitte, dort, wo die Buchseiten zusammenliefen.     

Schon jetzt vermisste er Seite zwanzig und einundzwanzig, wo sein Haus stand: Ein alter Fliegenpilz, den er mit bloßen Händen ausgehöhlt hatte. Innen vor den runden Fenstern und der höhlenartigen Eingangstür hatte er winzige weiße Stücke aus einer Gardine angebracht, die er am Anfang des Buches gefunden hatte. Sie hatte sich auf dem Vorderdeckel verfangen. Oder jemand hatte sie dorthin gebracht. Das wusste der kleine Mann nicht, denn er wagte sich nur selten aus seinem Heim. Seiten und Papier konnten gefährlich sein, wenn man nur genug Fantasie besaß.

So befand er sich also, nachdem der Sturm nachgelassen hatte, auf Seite vierundfünfzig.
Und seine Fantasie war nicht zu stoppen:

Schwarze Schatten jagten in seinem Kopf umher, heisere Stimmen wirbelten durch ein Chaos von Geisterschleim und Höhlenmonstern. Und schon hatte er den Salat: Vor seinen Augen begannen seine Ängste, Gestalt anzunehmen. Der Papierboden unter seinen nackten Füßen färbte sich schwarz, wie ein Tintenklecks, der sich unaufhaltsam ausbreitete und über die Seiten zog. Die Seitenränder flatterten im Wind, über ihm brauten sich dunkelgraue Unwetterwolken zusammen, Regen prasselte auf ihn nieder. Von der Mitte der Seiten her erklang ein grauenhaftes, tiefes Stöhnen. Er wollte nicht daran denken, doch er konnte es sich nicht verkneifen. Die Bilder stoben in seinem Kopf zusammen und auseinander wie wirbelndes Herbstlaub. Es war bestimmt ein riesiger Drache, der dort unten in der Spalte hauste. Wenn er jetzt herauskam und ihn entdeckte- Nein! Nicht weiterdenken!, dachte er angestrengt und presste sich die Hände auf die Ohren. Doch das half nichts. Der Drache schnüffelte in seinen Gedanken unruhig, weil dort zwischen seinen Seiten ein neuer Geruch war, den er nicht kannte. Er würde herauskommen müssen, um festzustellen, wer oder was sich zu ihm verirrt hatte und seine Spalte verteidigen.

Der Boden unter den Füßen des kleinen Mannes erbebte und er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Was sollte er jetzt tun? Fantasie, Fantasie!, dachte er panisch und stellte sich vor, wie sich eine dunkle Kralle aus der Spalte schob. Und schon passierte es. Er wich zurück und der schuppige Leib des Untiers schlängelte sich aus dessen Unterschlupf. Der kleine Mann riss entsetzt die Augen auf, während der Drache seine Zähne entblößte, lang wie Schwerter und zahlreich wie die Dornen einer Rose. Er wich vor dem Drachen zurück, als ein dumpfes Klopfen ertönte. Es kam nicht von diesen Seiten. Es musste vom Anfang des Buches stammen, dort befand sich ein goldener Ring. In dem Moment, als das Klopfen ertönte, stellte sich der kleine Mann vor, wie ein riesiger Vogel mit schillerndem Gefieder und buntem Schnabel gegen den Buchdeckel klopfte, die Seiten durchstreifte und über das Dreiunddreißigergebirge flog, durch die Steppe und über den Fluss flatterte und im Windigen Wald zwitscherte. Dann erreichte er Seite vierundfünfzig und entdeckte den kleinen Mann. Mehr Fantasie!, dachte der kleine Mann und stellte sich vor, wie der Vogel ihn mit seinen Krallen griff. Doch weiter kam er nicht, denn hinter ihm ertönte das laute Schlagen kräftiger Flügel und als er sich umdrehte, wehte ihm der Flugwind ins Gesicht.

Erstaunt blickte er den Vogel an, der auf ihn zukam und ihn vorsichtig mit einem Fuß umschloss. Der kleine Mann umklammerte eine der Krallen und hielt sich mit allen Fingern ganz fest, während sich der Vogel höher in die Lüfte erhob. Und das gerade noch rechtzeitig: Der schwarze Drache brüllte ihnen hinterher und schleuderte einen gleißenden Feuerball, der den kleinen Mann nur um wenige Millimeter verfehlte. Leider hatte sein Filzumhang weniger Glück: Ein Zipfel wurde von einem Funken erwischt und färbte sich schwarz von Ruß. Der kleine Mann schrie auf, doch der Vogel zwitscherte beruhigend und glitt langsam mit ihm zurück zum Anfang des Buches. Auf Seite zwanzig wurde er langsamer und hielt schließlich an. Er schwebte nun genau über dem Pilzhaus des kleinen Mannes und setzte ihn auf dem Dach ab. Der kleine Mann wollte sich bedanken, doch als er sich zu dem Vogel umwandte, war dieser bereits verschwunden, genau wie er es sich soeben vorgestellt hatte. Wie schade…, dachte er und kletterte durch eine kleine Dachluke ins Haus. Dort bereitete er sich in der Wohnstube erst einmal einen heißen Kräutertee mit Honig zu. Er zündete den Kamin an und setzte sich an den hölzernen Küchentisch. Woher das Klopfen gekommen war, wusste er zwar nicht, doch es hatte seine Fantasie angeregt und dazu geführt, dass er letztendlich überlebt hatte. Wahrscheinlich war es gar kein Vogel gewesen … doch er stellte sich jetzt lieber nicht vor, was es stattdessen alles hätte sein können …     

5 Kommentare

Elladora Black am 3. Januar 2014

Der Mann im Notizbuch, das erinnert mich an HP: Tom Riddle jr. Seine Erinnerung war ja auch in einem Buch eingeschlossen.

Lollypop am 3. Dezember 2013

Ich muss sagen, das ist eine wunderbare Kurzgeschichte! Die Fantasie auszuarbeiten, so, dass sie so realistisch klingt, als würde man sofort jede Ecke in seinem eigenem Zimmer nach dem Männchen suchen... Super. @Schneewittchen: Ja genau, die Geheimnisse von Spiderwicks. Ich mag den Film voll

Märchensonnenschein am 2. Dezember 2013

Ich stimme Ella bei jedem Wort zu, ihr Kommentar hätte auch meines sein können. Sie ist echt schön und ich finde, wenn du so weiter schreibst, hast du bald ein eigenes Märchenbuch! lg Märchensonnenschein

Schneewittchen am 2. Dezember 2013

Ich glaube, so eine Art Geschichte hat in unserem Gästezimmer noch nie jemand zustande gebracht Ein Anfang wie ein Märchen.. Mir gefällt die Idee sehr gut und erinnert mich ein bisschen an die Spiderwicks oder wie das hieß.. Lg Schneewittchen

Ella am 2. Dezember 2013

Oi, das klingt wie so ein Märchen aus einem alten Märchenbuch... Eine süße Idee und auch sehr schön geschrieben! Die Fantasie ist doch ein wunderbares Ding... Ich mag diese Kurzgeschichte sehr, vorallem weil sie ein gutes Ende hat Lg Ella