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ANNA Her

Das unglaubliche Leben des Jack Satchmore

Kapitel 1

Hi Cornelia oder wer auch immer das liest, ich hab 'ne Geschichte und hoffe, sie bei euch veröffentlichen zu können. Falls ihr bis jetzt immer noch nicht weggeklickt habt, dann ist hier die Geschichte. Sie ist nicht so geschrieben, wie die meisten auf eurer Seite, aber ich würde gerne Kritik haben  

„Hi, ich bin Jack Satchmore.” 25 Augenpaare richteten sich interessiert auf den großen, blonden, recht dünnen Jungen mit der schwarzen RayBan-Sonnenbrille und den teuren Markenklamotten. Er trug einen beigen Cardigan und eine schwarze Umhängetasche, auf der ein silbernes Schild drauf war, das auf irgendeine superteure, superstylische Marke hinwies, die keiner aus dieser Klasse kannte und nie kennen wird. Dieser Typ war wie ein Model, das gerade der Vogue entsprungen war, um uns anderen armen Vorstadtkindern dieser Klasse zu zeigen, was wir doch für armselige, unbedeutende Leben hatten. Er stank förmlich nach Reichtum - seine Haare waren perfekt mit Gel nach hinten gestylt, sodass das Blond seiner Haare noch mehr leuchtete. Er hatte einen Nasenpiercing, was ich normalerweise schrecklich fand bei Jungen, aber zu ihm passte es, zu seinen vollen Lippen (ob die wohl mit Botox aufgespritzt wurden? Es sah jedenfalls gut aus) und der geraden kurzen Nase. Er trug ein Hemd, schlicht, aber man sah ihm an, dass es teuer war (es hatte rechts auf der Brust einen kleines, rotes Symbol - vielleicht Ralph Lauren?), dazu hatte er eine schwarze Jeans an, die so gut saß, dass sie nur maßgeschneidert sein konnte.
Seine Schuhe waren nicht von Nike oder Adidas, wie sie der Rest der Jungen in meiner Klasse trug, sondern Halbstiefel aus Leder, die perfekt an seiner Jeans anlagen. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass er total uninteressant und arrogant auf mich wirkte, denn er war nicht der Typ Reicher, der durch übermäßig große Markenzeichen versuchte, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nein, seine Klamotten hatten zwar Markenzeichen, aber die waren klein und schlicht und nur für Leute erkennbar, die sich in der Modewelt auskannten. Es war viel eher sein Erscheinen, was jeden in diesem Raum beeindruckte, die Art wie er sprach, wie er lief, seine Bewegungen - alles was er tat, sah stolz und elegant aus. Und das deutete auf Reichtum hin. Ich spürte, wie alle Mädchen anfingen, ihre Klamotten und Haare zurechtzuzupfen, um seiner Aura würdig zu sein. Aber das waren sie nicht, es spielte keiner von uns in der selben Liga wie dieser Jack, dazu fehlte uns einfach das Geld. Jacks stolze Erscheinung war angeboren - bestimmt war er der Sohn irgendeiner reichen Bänkerfamilie, die schon seit Generationen ihr Geld weitervererbte.

Während unser Englischlehrer Mr Hill weiterhin vergeblich versuchte, ein kumpelhaftes Gespräch mit Jack anzufangen, damit es für uns alle nicht so peinlich wurde (was irgendwie genau das Gegenteil bewirkte - es war peinlich), fingen die Mädchen an, Jack mit ihren Blicken aufzuessen, sodass die ganze Situation noch unangenehmer wurde. Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen, ohne irgendjemanden anzusehen, weil ich diesen Hallo-und-willkommen-neuer-Mitschüler-wir-sind-hier-alle-deine-besten-Freunde-Prozess hasste,
auch wenn er gemacht werden musste. Mr Hill quälte sich von einer Frage zur anderen, weil Jack nicht viel von sich preisgab (wahrscheinlich wollte er einfach nur in Ruhe gelassen werden) und ich starrte nach wie vor aus dem Fenster auf die naheliegenden Hochhäuser und begann,
die Fenster zu zählen, um mich von dieser ganzen unangenehmen Situation abzulenken.
Ich war gerade bei 35 angekommen, als Mr Hill mich was fragte.
Was genau, das hatte ich nicht mitbekommen, also fragte ich:
„Hm? Was?“ Wahrscheinlich muss ich ziemlich verpeilt ausgesehen haben, denn die ganzen Zicken vorne rechts in der Ecke fingen an zu lachen und mich nachzuahmen. Ich ignorierte sie, so wie immer, und konzentrierte mich ganz auf Mr Hill, der seine Frage extra für mich noch mal langsam wiederholte, so, als ob ich schwerbehindert wäre. Wahrscheinlich dachte er, er wäre lustig und dass die Zicken deswegen lachen würden. Oh Gott, wie armselig.

„Ist- es- okay- wenn- Jack“, er zeigt auf ihn, als ob ich nicht wüsste, wen er meinte, „sich- neben- dich- setzt?“ Er zeigte auf den freien Stuhl neben mir. Ein paar Jungen lachten, die Zicken grinsten ihnen zu.

Ich hab Mr Hill immer gemocht, auch wenn er oft versuchte, lustig zu sein und es einfach nicht war. Vielleicht mochte ich ihn ja deswegen, weil ich es ganz niedlich fand, wie er unbedingt witzig sein wollte. Aber das gerade ging mir gegen den Strich, denn ich wollte nicht, dass er seine Witze auf meine Kosten machte. Das hatte er noch nie bei mir gemacht, denn er mochte mich, weil ich in Englisch die beste des ganzen Jahrgangs war und die Einzige, die Holes von Louis Sachar wirklich gelesen hatte und nicht die übersetzte Zusammenfassung von Wikipedia. Normalerweise hätte ich meinen Mund gehalten und den Moment einfach vorbeigehen lassen, mich danach geärgert, dass ich nicht diese und jene coole Antwort gegeben hatte und mir versprochen, beim nächsten Mal schlagfertiger zu sein, mit dem Wissen, dass ich das Versprechen wieder brechen würde. Aber diesmal fühlte ich eine Energie in mir aufsteigen, vielleicht angestaute Wut, vielleicht auch das Gefühl, vor diesem Jack nicht schwach zu wirken, und die Worte kamen ganz einfach aus meinem Mund heraus:

„Ja, klar, kein Grund gleich so zu reden, als- ob – ich- behindert- wäre.“ Die letzten Worte sprach in genauso langsam aus, wie Mr Hill es gerade bei mir getan hatte und machte dazu noch passende Gesten. Nicht besonders lustig oder originell, doch die meisten lachten, vermutlich der Streber-Club, die ich zu meinen einzigen Freunden zählen konnte und die lachten fast bei allem. Aber das war mir egal, es war eine Ansage gewesen, kein Witz und Mr Hill starrte mich nun verdattert an. Eine gefühlte Ewigkeit verging und es war mucksmäuschenstill, sodass man hörte, dass der Magen von irgendjemanden hinter mir knurrte - vermutlich von Jacob, denn er war ziemlich dick und so ziemlich immer hungrig. Die Zicken kicherten wieder. Aber das taten sie immer.

Schließlich murmelte Mr Hill kleinlaut: „Entschuldigung“, wurde rot und wandte sich zur Tafel ab, sodass es mir sofort wieder leid tat, ihn so angeschnauzt zu haben. Fast hätte ich mich auch entschuldigt, doch da war der Moment vorbei und Jack kam mit großen Schritten auf mich zu.
Er stellte seine Tasche ab, zog seinen Mantel aus, hängte ihn über die Stuhllehne und setzte sich. Ich nahm einen Hauch von teurem Parfüm war und fragte mich nun zum x-ten Mal, was einer wie er auf unserer Schule suchte? Warum ging er nicht auf eine der vielen teuren Privatschulen in Berlin? Jack holte seine Federtasche aus seiner Designertasche - sie war ebenfalls aus schwarzem Leder und beinhaltete vielleicht drei Stifte, von denen jeder einzelne wahrscheinlich mehr Wert war, als die gesamten Wohnungen und Häuser in diesem Viertel - und begann, in einer so ordentlichen Schrift zu schreiben, dass ich anfing daran zu zweifeln, dass er ein Junge war. Er schrieb und ich staunte und Mr Hill staunte und alle anderen auch. Jeder bewunderte ihn, als er sich meldete und anfing, fließend Englisch zu reden und in der nächsten Stunde fließend Französisch. Madame Cassell war hin und weg, sie konnte die Augen nicht von ihm lassen und bückte sich unnötig oft zu unserem Tisch hinunter, um Jack zu loben und ihm zu sagen, wie sehr sie ihn doch vergötterte und uns dabei einen großzügigen Einblick in ihren Ausschnitt bot, auf den ich gerne verzichtet hätte. Bei runzliger Haut half auch der beste Push-up-Spitzen-BH nichts mehr.

Es war erstaunlich, wie Jack allen Mädchen und Frauen den Kopf verdrehte und schon nach einem Tag das ganze Lehrerkollegium um den Finger gewickelt hatte, ohne groß etwas zu tun. Manchmal flirtete er mit der einen oder anderen Lehrerin oder Schülerin, aber meistens nur ganz kurz und nicht übertrieben. Er hielt sich zurück, aber seine Aura machte alle um ihn herum verrückt. Sogar Natalie, die sonst immer nur die Nase in Bücher steckte, fing an, ihre Haare offen zu tragen und ich sah genau, wie sie begann, sich an Kosmetik wie Lippgloss und Rouge heranzutasten, obwohl sie sonst immer strikt gegen Schminke gewesen war. Sie war so was wie das Leittier des Streber-Clubs, zu dessen Mitglied ich gemacht worden war, weil ich weder zu den Goths, noch zu den musikalisch begabten, noch zu den Sportlern, noch zu den Zicken passte. Also eigentlich passte ich auch nicht in den Streber-Club, weil ich mich nur in Englisch anstrengte und sonst fast nie lernte, aber die Zicken hatten mich dieser Gruppe zugeordnet und mir war es egal gewesen. Von dem ganzen Streber-Club, das waren genau 6 Mitglieder, zählte ich nur zwei zu meinen richtigen Freunden: Emily und Ramona. Sie waren die einzigen zwei,
die eigentlich auch nicht in den Streber-Club gehörten, weil sie genauso untalentiert und faul waren wie ich. Das verband uns und langsam hatte ich mich auch an die wechselhafte Stimmung von Emily und die verrückten (und meistens schlecht endenden) Ideen von Ramona gewöhnt. Mit ihnen wurden die Schultage ertragbarer. Eigentlich hätten wir unsere eigene Gruppe gründen können: die Faulen&Untalentierten, aber da Natalie jede Pause mit ihren zwei Freundinnen zu uns kam, weil sie sonst kein Gesprächsthema hatte, wurden wir alle zu einem großen Klumpen vereint: die Streber- mit Ausnahme von drei Faulen&Untalentierten, eine kleine Untergruppe.
So nannte ich uns in meinem Kopf jedenfalls. Offiziell gab es keine Gruppen, aber jeder wusste, dass es sie trotzdem gab. Und natürlich gab es offiziell auch keine Zicken, ich meine, keiner würde sich und seinen Freundeskreis so nennen - das waren alles nur meine Bezeichnungen für die Gruppen unserer Klasse, die sich jede Pause bildeten. Die Zicken dachten von sich bestimmt, dass sie so was wie die Supermodels seien und die Goths dachten, sie seien die Superstylischen und so weiter ... Fakt ist, dass es diese Gruppen gibt und das Emily, Ramona und ich in keine hineinpassen. Und Jack auch nicht, obwohl jede Gruppe ihn mit offenen Armen empfangen würde, da war ich mir sicher.

Am Ende des Tages war ich fix und fertig. Ich hatte mir alles über Jack angehört, von seinen Haaren über seine Klamotten bis hin zu seinen Fingernägeln, die Ella, eine Freundin von Natalie, so anziehend und sexy fand, dass ich Angst vor ihr bekam, denn welcher normale Mensch findet Fingernägel so attraktiv, dass er die ganzen Pausen nur davon schwärmt? Ich hatte giftige Blicke kassiert, eine Warnung von den Zicken bekommen, ich solle ihn ja nicht anrühren, ich wurde mit Fragen gelöchert: Ob er eine Freundin hätte? Keine Ahnung. Ob er von irgendeinem Mädchen (eine Frage der Schönen Melinda - Anführerin der Zicken) schwärmte oder irgendeine (hier merkte man, wie sie erbärmlicherweise hoffte, sie wäre gemeint) Person öfters anschaute als andere? Keine Ahnung. Ob er in einem Schloss wohnte? Keine Ahnung. Ob er stank? Ähh, nein. Das war eine Frage von Luis gewesen, dem Kerl, der mir seit einer Woche jede Tür aufhielt und ich wusste, dass die Frage mich zum lachen bringen sollte, aber ich war zu müde, sodass ich nur ein Lächeln zustandebrachte.

„Oh mann, ich seh schon, du bist voll kaputt. Gewöhn dich dran, die nächsten Wochen werden sie Schlange stehen bei dir. Du könntest Geld einnehmen, für jede Frage 1 bis 2 € und du wirst reicher als Jack selbst.“

Ich nickte und wollte einfach nur meine Ruhe. Ich konnte schon allein den Namen nicht mehr hören. Doch Luis stand immer noch vor meinem Tisch und starrte mich nachdenklich an.

„Was ist? Willst du wissen, wie seine Unterwäsche aussieht? Ich weiß es nicht, okay? Ich weiß gar nichts von diesem reichen Schnösel, er redet nicht mit mir über sein supertolles reiches Leben. “ Der letzte Satz klang viel zu eingeschnappt, so, als fände ich es schrecklich, dass er nicht mit mir über sein Leben redete. Dabei war es mir egal. Luis hörte natürlich diesen eingeschnappten Ton raus, denn er schoss gleich mit der nächsten Frage zurück.

„Oh Gott, sag bloß, du magst ihn?“ Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an, als würde er anderes von mir erwarten. Ich schaute ihn an und dachte daran, wie Leid ich es war, an diesem Tag mit Fragen durchlöchert zu werden und dass ich niemanden gebrauchen konnte, der mir jetzt auch noch Vorwürfe machte.

„Sag bloß, dir macht es was aus, dass ich ihn mag? Lass mich vorbei, Luis“ Das saß, dachte ich und auch wenn es gelogen war, also das mit dem mögen, so würde Luis mich jetzt wenigstens in Frieden ziehen lassen, denn es war Montagnachmittag und Emily und Ramona warteten schon vor dem Klassenraum. Ich packte meine Tasche und wollte gerade einen theatralischen Abgang machen - mit Haare nach hinten werfen und so - als Luis leise sagte:

„Ja, es macht mir etwas aus. Ich mag dich wirklich sehr, Alice. Ich glaub … ich liebe dich.“
Bei diesen Worten erstarrte zu einer Eissäule und fragte mich, warum zum Teufel nochmal ich das nicht hatte kommen sehen. Und wie hatte Luis es geschafft von einem Moment zum anderen so etwas zu sagen? Total unvorbereitet und verloren fühlte ich mich. Ich stand bestimmt eine halbe Minute regungslos da, starr vor Schreck, weil ich mit solchen Situationen überhaupt nicht umgehen konnte. Es war mal wieder so ein peinlicher Moment, bei dem du dir wünschst, ihn einfach vorspulen und vergessen zu können. Denn egal, was ich sagen würde, es würde unpassend und schlecht klingen, also schwieg ich erstmal, während mir vier Gedanken durch den Kopf schossen:

1) will er mir gerade wirklich sagen, dass er mich liebt? Der Typ redet erst seit einer Woche mit mir.

2) wenn er mich liebt, warum fällt ihm das erst jetzt auf, wo wir doch schon seit 4 Jahren in eine Klasse gehen und

3) hoffentlich denkt er jetzt nicht, dass ich total irre bin, weil ich mich seit anderthalb Minuten weder bewege noch atme

4) ich müsste wirklich mal wieder Sauerstoff in meine Lungen lassen

Also atmete ich ein paar Mal tief durch, ließ die stickige Luft des Klassenzimmers in meine Lungen reinströmen und dachte: wow, das wäre schon mal geschafft. Bleibt nur dieses Ich-glaub-ich-liebe-dich-Problem aus dem Weg zu räumen. Hätte er wenigstens nicht stottern können bei dem Satz? Ich meine, wenn ich jemanden liebe, dann sag ich das mit voller Überzeugung und stolpere nicht über diese drei Worte, als ob sie mir unangenehm sind. Und das Wort glauben macht einen ganz schlechten Eindruck, wenn man es vor Ich liebe dich setzt.
Er hätte da gleich sagen können: Ich liebe dich total - bin mir bloß noch nicht ganz sicher …

Das war ein Widerspruch in sich, dieses Wort glauben … Entweder man liebt von ganzem Herzen, oder man tut nur so, damit man eine Vorzeige-Freundin bekommt. Aber die wollte ich nicht sein. Auch wenn Luis ein gutaussehender, gutgebauter Kerl war von 1,80 Meter Größe, mit braunen Schokoladenaugen, braunen, wuscheligen Haaren und immer mit einem kleinen Grinsen im Gesicht (das man auch als leicht dümmlich bezeichnen könnte, meiner Meinung nach, denn Luis war wirklich nicht gerade der Schlauste, aber laut Emily und Ramona und allen anderen des Streber-Clubs war es das Lächeln eines Engels, das Gott ihm geschenkt hat, damit wir es in Demut bewundern - Natalies Worte). Ich blickte nervös zur Tür und sah, wie Ramona mir den Daumen hob und Emily wissend grinste, wobei ich ihr dieses Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte. Es war dieses Ich-weiß-wie-du-dich-gerade-fühlst-Grinsen, wo du dir nur denkst: Nein, weißt du nicht, mir geht's grad scheiße und von deinem Grinsen wird’s nur schlimmer. Ich drehte mich von ihnen weg und zu Luis, der immer noch auf eine Reaktion wartete. Ich beschloss, etwas zu sagen, machte den Mund auf, wollte etwas passendes sagen.
Ich dachte und dachte und sah wahrscheinlich bescheuert aus, einfach so mit dem Mund offen, als würde ich darauf warten, dass Luis mir etwas zu essen in den Mund schob. Ich schwitze, dachte, immer schneller und sagte das blödeste, was man auf eine Liebeserklärung antworten kann:

„Danke.“ Luis Augenbrauen zogen sich fragend zusammen und ich schlug mir vor den Kopf und versuchte, die missliche Lage zu retten, in dem ich noch mehr wirres Zeug redete:

„Also, ich meinte, danke, dafür dass du mich liebst. Ich meine, wenn du mich liebst, dann heißt das ja, dass du mich hübsch findest, also ein bisschen wenigstens, und dafür danke.“

Luis sah immer noch sehr verwirrt aus und fand die Situation genauso unangenehm wie ich, denn er blickte sich hilfesuchend um, so als würde er auf Rettung hoffen, die nie kommen würde, da wir wirklich alleine waren (Emily und Ramona hatten sich von der Tür verzogen, um uns „allein zu lassen“, wie sie mir mit Zeichen zu verstehen gegeben haben).

„Oh Gott, ich bin so schlecht in so was“ murmelte ich verzweifelt. Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich Luis mochte, wie sollte ich da an Liebe denken? Im Fernsehen hatte ich mal gesehen, wie Sträuße einfach den Kopf in den Sand steckten, um sich zu verstecken oder so. Ich wünschte, ich wäre ein Strauß und könnte mich vor Luis verkriechen, denn der starrte mich mit einem intensiven Blick an, der mir wahrscheinlich sagen sollte, dass es jetzt angebracht wäre, die drei Worte herauszupressen und dann überglücklich mit ihm über den Schulhof zu gehen, zum Schultor hinaus und dann händchenhaltend nach Hause. Dann würden wir den Facebook-Beziehungsstatus ändern und den Segen unserer Mitschüler durch Likes erhalten und in den Kommentaren würde stehen:
„Viel Glück euch Zweien“ und „Ihr seid sooo süß zusammen“ und wir würden die Kommentare liken und noch viermal „I ? you 4ever babyy“ unter den Beziehungsstatus schreiben, damit auch alle verstehen, wie stark doch unsere Liebe ist. Vielleicht würden wir Dinge schreiben wie
„Nur mit dir will ich alt werden“ und „Niemand kann uns trennen, baby, wir werden uns bis zum Ende aller Tage lieben und darüber hinaus“, wohl wissend, dass es alles eine einzige große Lüge war. Aber die anderen würden kommentieren: „Oooh, wie supersupersüß, ihr seid echt ein Traumpaar“ und wir würden zu Hause hocken und hoffen, dass die Beziehung wenigstens einen Monat hielt, damit es vor unseren Freunden nicht so peinlich war, wenn das „Traumpaar“ doch nicht „4ever together“ war und wir den Beziehungsstatus wieder änderten.

War das wirklich so einfach? Konnte Liebe so schnell gehen? Wenn ja, dann war sie echt enttäuschend. Denn ich hatte mir sie anders vorgestellt, mit mehr prickeln im Magen.
Das einzige Prickeln das gerade in meinem Magen ablief kam wahrscheinlich von der Kohlensäure von dem Sprudelwasser, das ich vor kurzem getrunken hatte.

„Jetzt sag doch was“ meckerte Luis rum und ich konnte es ihm kaum verübeln, denn ich stand zwar vor ihm, konnte ihn aber weder angucken noch einen vernünftigen Satz herausbringen.

„Sorry, Luis, aber ich glaube ich muss erstmal an die frische Luft, hier ist es so stickig.“

Super, Alice, bravo, zöger den Moment noch mehr hinaus. Ich ging also aus dem Klassenraum, gab Emily und Ramona Bescheid, dass sie gehen konnten und lief die Treppen runter auf den Schulhof, mit Luis im Schlepptau. Ich spürte ihre Blicke förmlich auf meiner Haut, Emilys und Ramonas Neugier, Luis Verständinslosigkeit. Ich spürte ihre stummen, unausgesprochenen Fragen, sie erdrückten mich, wenn das irgendeinen Sinn macht. Es war insgesamt der bedrückendste Moment in meinem Leben, als ich dann da draußen stand, mit Luis neben mir und dem Wind zwischen uns. Es musste gesagt werden.

„Luis, ich kenn dich noch nicht mal richtig. Was erwartest du? Dass ich dir um den Hals falle und dich küsse? Dass ich dich heirate und eine Burka trage, mich dir unterwerfe?“

„Was für 'ne Burka?“ Er sah mich mit einem ziemlich dümmlichen Blick an und ich fragte mich, ob er überhaupt wusste, was eine Burka war und aus welcher Religion sie kam. Hatte er so was wie ein Allgemeinwissen? Oder würde er mir jetzt auf diese Frage antworten, dass die Burka ein Hochzeitskleid war?

„Egal, was ich meine, ist: wir kennen uns erst seit einer Woche näher.“

„Ja, und? Reicht doch, oder?“ Er sah mich verschmitzt an, so als ob er gerade etwas richtig süßes gesagt hätte. Ja, warum nicht gleich heiraten? Ich meine, eine Woche reicht doch, oder?

Irgendwas faszinierte mich an diesem Kerl, vielleicht weil er so naiv war, so einfach. Er sagte, eine Woche reichte, um sich kennenzulernen und alleine dass er davon so fest überzeugt war, fand ich irgendwie lustig und es erstaunte mich, wie schnell ich doch meine Meinung änderte.

Ich sah in seine Schoko-Augen, dachte daran, wie hübsch er doch war und wie toll es wäre, mit ihm zusammen zu sein. Wir könnten richtig verliebt tun, wir könnten mit unserer Liebe angeben, uns in den Pausen küssen, vor den Lehrern und so tun, als wären wir überglücklich. Ich könnte die ganzen Zicken neidisch machen, ihnen das vorspielen, was sie mir am wenigsten wünschten und was sie auch nicht von mir erwarteten. Allein der Gedanke ließ Glücksgefühle in mir hochsteigen und ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, ein sehr großes sogar. Vielleicht ein bisschen zu groß und übertrieben, denn Luis beugte sich besorgt zu mir:

„Alles in Ordnung?“

„Ja, es ist alles super. Du hast Recht, eine Woche reicht völlig, ich bin so verliebt in dich“ trällerte ich viel zu übertrieben, in einem viel zu hohem Ton. Luis sah mich immer noch an, als ob ich nicht richtig ticken würde. Und er hatte hatte Recht, ich war albern und komisch, ich meine vor ein paar Minuten stand ich noch regungslos und schockiert da und jetzt war ich putzmunter und Hals über Kopf verliebt. Um Luis zu beruhigen und meine Liebe zu bestätigen, lehnte ich mich näher an ihn heran, stellte mich auf Zehenspitzen, schloss die Augen und küsste ihn sanft. Ich versuchte, so wie in den Hollywood-Filmen zu küssen. Es war mein erster Kuss, 10. Klasse, 16 Jahre alt - dokumentierte ich in meinem Kopf. Dann fügte ich hinzu: Kuss an sich angenehm, keine Sabber, bloß raue Lippen stören etwas. Ich würde Luis wohl einen Labello schenken müssen. Aber er war ein guter Küsser, auch wenn er bis jetzt der einzige war, den ich je geküsst hatte. Er legte eine Hand in meinen Nacken und zog mich noch näher zu sich heran, vertiefte seinen Kuss. Und ich hielt mich an seiner Lederjacke fest, als wäre er mein ein und alles und dachte mir: wow, so einfach geht Liebe. Aber es war keine. Keine echte. Es war nicht die Liebe. Das wusste ich, weil der Kuss zwar schön war, aber nichts in meinem Inneren passierte und ich auch nicht traurig war, als er gehen musste und auch nicht eifersüchtig, als er mir erzählte, dass er noch seine beste Freundin Ella vom Bahnhof abholen musste. Ich war noch nicht mal enttäuscht, dass er abends nicht noch mal anrief oder eine Gute-Nacht-Schatz-SMS schrieb und auch nicht wütend, dass er seinen Beziehungsstatus „Single“ bei Facebook nicht änderte. Ich fühlte gar nichts, aber schob den Gedanken beiseite, dass Luis vielleicht echte Gefühle für mich hatte. Denn wenn das so war, dann hieße ja das, das ich ihn ausnutzte.
Aber andererseits kannte er mich erst seit einer Woche richtig, wie konnte man da schon so starke Gefühle haben? Achso, ja, wie konnte ich's vergessen: Eine Woche reicht doch, oder?

3 Kommentare

Waldelfe am 17. Januar 2017

Superwitzig, die Geschichte!!! Echt gut geschrieben!!!

Carlotta am 3. Juni 2014

Ich die Geschichte super! Die ist wirklich unterhaltsam und auch lustig geschrieben und auch schön beschrieben. Lässt sich super lesen.

Mary am 1. Mai 2014

Ich find es supercoll!!! Und vor allem witzig geschrieben! Gibt es eine Fortsetzung? Ich hoffe es