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Sophia

Amsterdam, in jener Nacht

Eine junge Frau schritt durch die dunklen Seitengassen der nebelverhangenen Stadt Amsterdam. Leise hallten ihre Schritte von den Graffiti besprayten Mauern, während in den Regenrinnen - die über Leitungen in den Boden führten - das Regenwasser verschluckt wurde, dass der Himmel zuvor ausgespuckt hatte. Die Straße wurde von Pfützen bevölkert, in dem sich Müll und Unrat sammelte. In der Ferne hörte man eine Katze kreischen, während die Mäuse und Ratten vor der herannahenden Gefahr flüchteten. Ihre kleinen Körper warfen verschwommene Schatten an die Hauswände, von denen der Putz bröckelte. An manchen Stellen sah man nur noch den groben Backstein.

Alles in allem wirkte die Szenerie sehr trostlos. Selbst die Graffitis waren mehr gekrakelt als echte Kunst. Das Einzige, dass das armselige Bild dieses Viertels störte, war die Frau.

Bein genauerem Betrachten konnte man erkennen, dass ihre Züge noch sehr kindlich waren, woraus zu schließen war, dass sie höchstens sechzehn sein konnte. Höchst gefährlich, als Mädchen durch diese Straßen zu gehen, vor allem, wenn man so hübsch ist. Und das war sie in jedem Fall. Sie hatte langes, blondes Haar und klare, blaue Augen, die sich aufmerksam umsahen. Die zierliche Figur betonte die wohlgeformten weiblichen Rundungen nur noch mehr. Auch ihre Kleidung entsprach nicht der Norm, die im Viertel galt. Sie versuchte zwar, arm und verwahrlost auszusehen, aber für jemanden, der aus dieser Gegend stammte war es offensichtlich, dass sie Besseres gewohnt war. Ihre Haare waren zu gepflegt, ihr Gesicht viel zu sauber, die Haltung zu aufrecht und sie selbst viel zu naiv und unvorsichtig. Im Nachhinein wurde viel gemunkelt, was die Beweggründe eines solchen Mädchens gewesen sein könnten. Sie alle hatten sie gesehen: Die Schöne, die durch das Armenviertel Amsterdams lief. Doch genau das war das Problem der Leute. Sie sahen zu, beobachteten jedoch nicht. Während der Sehende einfach ein bildhübsches Mädchen durch eine finstere Gasse laufen sah, bemerkte der Beobachter, dass die Hände zitterten, mit dem es sich immer wieder durch das Haar fuhr. Sie zitterten vor so großer Anspannung und Nervosität, dass es nur einen einzigen Grund geben konnte, der ein solches Mädchen so aus dem Konzept bringen konnte. Die Liebe. Das Mädchen war verliebt über beide Ohren, ihre Wangen glühten vor zwiespältigen Gefühlen, die sie in sich zu verbergen versuchte. Für die niederen Leute in der Gasse jedoch sollte das für immer ein Rätsel bleiben.

Als das Mädchen an den kleinen Fenstern der Häuser vorüberschritt, wurden die Vorhänge eilig zugezogen. Sie würde in große Gefahren geraten, früher oder später. Wenn etwas passieren sollte, wollten die Leute nichts damit zu haben. Sie hatten schon genug Probleme und die Gesetzeshüter wollten sie ohnehin nicht gegen sie hetzen, dafür hatten sie zu viel Illegales getan, das auffliegen konnte. Das Mädchen jedoch lächelte nur. Sie fand es belustigend mit anzusehen, wie sich die Menschen hinter ihren Gardinen versteckten. Wie Marionetten hinter ihren Puppenhäuschen. Wie diese Kasperletheater, die sie sich früher so gern angesehen hatte, jetzt jedoch zu alt dafür war. Sie wusste ja nicht, wie recht sie mit ihrer Anschuldigung hatte. Die Leute waren Marionetten. Marionetten der Gaunerbanden, die sich hier herumtrieben. Marionetten der Reichen, aber auch ihrer selbst. Sie versklavten sich selbst mit ihrem Selbstmitleid und ihrer Hoffnungslosigkeit. Doch das alles wusste das Mädchen nicht.

Mit mehr Glück als Verstand schaffte sie es tatsächlich bis zum Ende der Straße, wo sie stehen blieb. Sie sah den schäbigen Weg hinauf den sie gekommen war und atmete tief durch. Ihre Lider fingen leicht an zu zucken, während sie noch einmal alles durchging, wonach sie sich in den letzten Wochen und Monaten so sehr gesehnt hatte. Sie blickte auf, zu den Dächern und dem Himmel. Trüb und grau. Zeit, ihr Leben zu ändern. Zeit, zu dem zu gehen, den sie wirklich liebte.

Sie WOLLTE das, war schon so weit gekommen. Aber... Nein, jetzt gab es kein Zurück mehr. Entschlossen drehte sie sich um und tat den ersten Schritt in Richtung eines schmutziggrauen Hauses, in dem sich alles erfüllen sollte, das sie sich je gewünscht hatte. Liebe, Familie, Geborgenheit.

Es war der Moment, in dem sich für sie alles ändern sollte, so beschloss sie es. Ihr Wunsch sollte sich erfüllen, wenn auch anders als gedacht. Ganz anders.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, aber in dem Moment war es trotzdem das Schlimmste, was hätte passieren können. Alles ging so schnell, dass ihr überraschter Gesichtsausdruck erst auf dem Gesicht erschien, als sie schon durch die Tür eines der Häuser gezogen worden war. Welches wusste sie nicht. Ihr drehte sich der Kopf, im verzweifeltem Versuch, zu begreifen, was gerade passierte. Sie spürte kalte, schwere Hände, die sich in ihre Schultern bohrten und einen heißen Atem in ihrem Nacken. Diese ekelhafte Mischung bereitete ihr Übelkeit.

Verwirrt wehrte sich das Mädchen, doch ihr Versuch scheiterte kläglich. Sie hatte der Person nicht mal einen kleinen Stoß versetzen können. Der Verwirrung folgte Entsetzen, danach kam Panik auf, als sich ihr ein schrecklicher Gedanke in den Kopf setzte. Es waren nur zehn Meter, die sie von ihrem Glück trennten. Nur 10 Meter. In diesem Moment jedoch, war das eine ganze Welt der Unterschiede.

4 Kommentare

Amalie am 18. Mai 2017

Wow! Total spannend!

Sarah am 19. März 2017

Seeeeeeeeeeeeehr gut geschrieben!!!!!

Bärbel am 26. September 2016

Was für eine spannende Geschichte!!! Wie geht sie weiter? Sie beginnt zunächst harmlos, aber dann steigert sie sich bis zu dem Punkt, wo sie in ein Haus gezogen wird. Was passiert dann? Natürlich habe ich soviel Fantasie, dass ich es mir denken kann... Toll geschrieben!!!

Paula am 8. September 2016

Ich schreibe viele Kommentare, aber das tue ich nur, wenn ich wirklich überwältigt bin und das beweist, wie toll du schreiben kannst!